Out of context

Eigentlich versuche ich ja immer, meine Eindrücke in einem Zusammenhang mit einer Erzählung zu schildern. Aber teilweise wird das schwierig, weil es nicht so richtig in den Fluss passt. Vielleicht andere Geschichten drum herum? Ich hatte ein paar Ideen:

[…] Ich sprinte über die Straße, das schwarze Auto mit den Gangster ist mir auf den Fersen. Aus dem Fenster auf der Beifahrerseite lehnt sich ein fieser Typ mit einer Pistole raus. Er schießt, doch ich kann ausweichen und die Kugeln schlage in die bunte japanische Werbung ein, bunter Glitzer staubt umher. Noch ein Schuss – das war der Sechste; die Pistole muss leer sein. Mit quietschenden Reifen versucht er mich zu überfahren. Ich schlage einen Haken in eine kleine Gasse. Ich bin gerettet: auch diese Gasse ist ganz typisch japanisch markiert, mit Markierungen in der Mitte für Autos, und fein säuberlich an den Seiten abgetrennt der Bereich für Fußgänger. Hier bin ich sicher, denn da kann das Auto nicht hin. Ich grinse die Gangster an, wie ein Kater der gerade außer Reichweite des angeketteten Hundes ist […]

Oder:

[…] fast magisch fühlten sie sich zueinander hingezogen, er spürte ihr Verlangen förmlich, ihre beiden Körper bebten vor Erwartung. Er hielt sie fest in seinen Armen, sie nie wieder loslassen wollend, fast so wie der freundliche Japan Rail Angestellte forderte, dass man auf der Rolltreppe seinen Koffer festhält, indem er extra mit einem Schild neben der Rolltreppe stand, obwohl schon mehrere Aufkleber dazu ermahnten […]

Ich weiß ja nicht – ein Versuch war’s wert. Ich schreibe übrigens gänzlich ohne künstliche Intelligenz, alles mit natürlicher Einfältigkeit. Deshalb vielleicht doch ein paar Eindrücke die eher so im Raum stehen.

Die Gasse: hier würden keine zwei Autos aneinander vorbeipassen, in Europa würde man erwarten, dass sich hier die Verkehrsteilnehmen irgendwie sortieren; in Japan mit ihrer Höflichkeit sollte das noch besser funktionieren. Aber nein, akribisch genau sind Bereiche markiert, mit bepfeilten Richtungsspuren für Fahrräder und Fußgänger neben der Autospur. Auch die T-Einmündung ist extra markiert.

Diese Widersprüchlichkeit (einfache Arbeiten): für alles gibt es Automaten: Getränke, Essen, Fahrkarten, zum Einchecken ins Hotel. In Deutschland wäre das der Versuch, möglichst komplett auf Personal zu verzichten. In Japan scheint das nicht so zu sein, für viele Aufgaben scheint es Personal im Überfluss zu geben. In Kanazawa steht wirklich ein uniformierter Herr neben der Rolltreppe, der ein tischtennis-paddel-großes Schild in der Hand hält, welches einen ermahnt seinen Koffer auf der Rolltreppe fest zu halten. Das, on top of den ganzen Aufklebern und Ansagen vom Band die ständig laufen.
Neben vielen der Automaten steht dann ein freundlicher Japaner, der einem hilft, ihn zu bedienen. Bei einem Shuttle-Bus auf der Expo sind an der Haltestelle drei Menschen damit beschäftigt, Flatterbänder zwischen dem Bus und dem einem Meter entfernten Tor zu halten, vor einer Tiefgaragen-Ausfahrt ist ein uniformierter alter Mann, der ausfahrende Autos daran hindert, Fußgänger zu überfahren, dafür aber den Autofahrern auch bedeutet, wann es sicher ist, zu fahren (keine unübersichtliche Stelle).

Diese Widersprüchlichkeit (Stadtbild): In vielen Bereichen machen die Japaner ein großes Aufheben wegen der Ästhetik. Gärten, mit der Nagelschere gepflegt. Menschliche Geräusche auf der Toilette von einem Rauschendem-Bach-Tonband übertönt. Dann geht man durch die Straßen und sieht ein hässliches, zusammengewürfeltes Stadtbild mit primitiver, offenliegener Installation. Elektrische Freileitungen für die Stromversorgung, wild an die Fassaden gedübelte Klimageräte, Gasinstallation und -zähler offen, oder gleich einzelne Gasflaschen neben der Tür, und alles offenverlegt. Als Ingenieur – ich würd‘ mich schämen.

Verschwenderischer Luxus: Diese Toiletten: ständig beheizte Klobrille, und die aufwändige Waschfunktionen: wash rear / wasch front (women) mit einstellbarem Druck, einstellbarer Temperatur, Oszillation-Massage-Funktion. Der Spiegel im Bad ist in der Mitte beheizt; so bleibt selbst mit viel Duschdampf die Mitte beschlag-frei. Klar – er ist beheizt. Gerade in den Hotels wo ich war (ok, nicht die billigsten) gibt es jeglichen erdenklichen Schnickschnack, alles einzeln in Plastik verpackt – oder danach halt wieder gewaschen. Pantoffeln, Zahnbürste, usw…

Shinkansen: Japan ist berühmt für seine Shinkansen-Züge. Schnell, modern, immer pünktlich. Ja schnell und pünktlich sind sie. Modern wirken sie gerade innen nicht mehr, sehr altbacken, mit eher kleinen Fenstern. Allerdings: offensichtlich sind alle Sitz(bänke) drehbar, so dass sie immer in Fahrtrichtung stehen. „Shinkansen“ bedeutet ‚Neue Hauptlinie‘ und ist eigentlich der Name für das ab 1964 neu aufgebaute Schienennetz in internationaler Normalspur statt der sonst in Japan üblichen Schmalspur. Um eine Relativierung zur deutschen Bahn vorzunehmen: Shinkansen sind auf ihren Schienen alleine, da kommt kein Vorortzug in die Quere. Die Pünktlichkeitsstatistik rechnet übrigens ‚force majeure‘-Ereignisse wie Starkregen und Schnee raus. Die Fensterplätze haben übrigens eine Nachteil: An jedem Fenster ist ein völlig nutzloses ca. 5cm breites Fensterbrett, was einem genau in den Oberarm drückt, wenn man kein schmales japanisches Krisperl ist.

Höflichkeit: gefühlt sind die Japaner nicht mehr so höflich, wie ihnen nachgesagt wird. Ja, der Schaffner dreht sich beim Verlassen des Wagens um und verbeugt sich, aber es wirkt nicht mehr ernst – kurz gedreht, genickt, wahrscheinlich denkt er sich: „Ihr Kack-Touristen, Ihr könnt das ja eh nicht schätzen“. Freundliches Zunicken fasst es gut zusammen.

Platzmangel: Für großen Platz ist Japan eh nicht bekannt, und der wenige Platz ist dann noch voll mit allen möglichen Krempel – das gilt für Badezimmer in Hotels, die offene Küche im Restaurant, der Thekenplatz im Restaurant…

Mode: mir ist die ‚extravagante‘ Mode aufgefallen, vieles wirkt altmodisch, puppenhaft, so ganz anders. Aber nach etwas Überlegung: vielleicht ist es einfach nur, weil man es nicht gewohnt ist, und Europa ist genauso modisch unterwegs; es ist halt einfach nur gewohnter.

Falsches Englisch: Englisch ist ja modern, international. In Japan wird es auch gerne mal eingesetzt, aber da hat kein native Speaker oder Kenner der Grammatik drübergeschaut. Dann kommt so etwas träumerisches raus wie ein T-Shirt mit „Never stop to dream“

Warnung: Warnschilder gibt es in Japan überall. Hier ein paar Exemplare

Zusammenhanglose Fotos:

Abschiedsessen

Auf Empfehlung von Bine und Ebi habe ich an meinem letzten Abend in Japan im Kuzushi Kotowari reserviert. Kaiseki-Style, also eine feine Menüfolge von erlesenen Speisen. Der Koch hat auch jeweils erklärt, was es war; ich konnte es mir nicht merken. Anfangs saß ich neben einem Paar aus Dänemark, die aber schon länger da waren als ich. Danach hat sich Mitsuki neben mir um meine Aufmerksamkeit bemüht. Scheinbar ein ‚Freund des Hauses‘, und es gesellten sich noch weitere dazu, einschließlich eines kleinen Jungen der auf der Theke angefangen hat, seine Lego zu bauen. Irgendwann war ich die letzte Langnase, und der Rest hat mit dem Koch Geburtstag gefeiert. Das wurde dann noch richtig lustig.

Totaler Tourismus

„Wollt Ihr den totalen Tourismus?“ brüllt die Industrie. „Nein, Nein, Nein!“ brüllen Millionen von Touristen (jedenfalls ich). „Was wollt Ihr dann?“ „Sehenswürdigkeiten von Weltrang, in einer ganz individuellen Erfahrung nur für mich!“ brülle ich, und Millionen andere Touristen. Merkste selber, gell?

Nach dem Kochkurs gestern wäre eigentlich genug Zeit gewesen, noch den Kiyomizu-dera Tempel anzusehen, er wäre auch gar nicht so weit weg von der Küche gewesen. Stattdessen bin ich etwas durch die Stadt gelaufen, hab mir ’ne Jeans gekauft, und ein paar Souvenirs, bevor ich dann ins Hotel gegangen bin. So wird das nix. Also habe ich noch die „Perfect Kyoto Tour“ gebucht, mit allen (?) Weltkulturerbestätten Kyotos an einem Tag (es ist ja mein letzter in Japan). Genauso wie es klingt, so ist es auch gekommen.

Treffpunkt ist 7:50 am Bahnhof, an Tully’s Coffee. Ein Japaner läuft mit einer „Japan Panoramic Tours“ Fahne umher und betreut ca. 200 Touristen. Er verweist sie an mindestens sechs Tourguides ohne Fahne (noch), die dann den Namen auf einer Liste suchen, mir einen rosafarbenen Aufkleber geben, und mich in eine Schlange mit anderen Leuten stellen, die auch einen rosafarbenen Aufkleber haben. Um 8:00 ruft Den Ihre Schäfchen zu sich. Den heißt eigentlich länger, kommt aus Myanmar, kann eigentlich ganz gut Englisch, aber trotzdem ist sie über den Lautsprecher im Bus nicht besonders gut zu verstehen. Ab und zu wird noch eine sonore Frauenstimme vom Band eingespielt, die hätte ich auch als Audioguide auf Deutsch haben können. Den kündigt die nächste Sehenswürdigkeit jeweils an, erzählt etwas zur Geschichte, zeigt einen Lageplan mit Route, Treffpunkt, und Fallback-Szenario, legt dann eine späteste Uhrzeit für’s Treffen am Bus fest (auf einer Klapptafel angezeigt, dass man es nicht akustisch verstehen muss), und dann geht’s los. Die Sehenswürdigkeiten dann unten im Einzelnen, mit professioneller Erklärung für Interessierte und meinen Bildern für (daran) Interessierte. Wenn Euch beides Wurscht ist, well…

Das Programm ist straff, hätte ich niemals alleine geschafft, nicht nur wegen Disziplinlosigkeit. Die Zeit pro Tempel erlaubt einen Spaziergang jeweils durch, aber es wäre keine Zeit alle Info-Tafeln zu lesen, sich auch ein paar der Nebengebäude anzusehen, oder viele nette Detailsfotos zu machen.

Zwischen Parkplatz und Tempel jeweils die üblichen Läden: Essen, Souvenirs und nutzloser Tand (aber sehr kunstvoll gearbeitet). Es schieben sich MASSEN an Touristen durch die Anlagen, alle sind von den anderen Touristen genervt, und alle wissen, dass sie gerade ein Teil des Problems sind, und nicht ein Teil der Lösung. „Alle“ wurde auf der Basis einer Stichprobe von drei Mitfahrern ermittelt.

Kiyomizu-dera Tempel https://de.wikipedia.org/wiki/Kiyomizu-dera

*Hingabe
1. Oktober 2025
Wunsch: den ganzen Tag jeden Tag. Bleiben Sie gesund und leben Sie lange. Ich hoffe, dass du es kannst.
Antragsteller Ryosho Yamada

Sanja-san-gen-do Tempel https://de.wikipedia.org/wiki/Sanj%C5%ABsangen-d%C5%8D Hier durfte Wikipedia an Stellen fotografieren, wo wir es nicht durften.

Lunch Time

Sagano Bamboo Forest und Tenryu-ji Tempel https://de.wikipedia.org/wiki/Tenry%C5%AB-ji

Kinkaku-ji (Goldener) Tempel https://de.wikipedia.org/wiki/Kinkaku-ji

Vorteil hier: Der eigentlich Tempel ist eher unzugänglich auf einer Insel in einem künstlichen See, solange man es an die Seekante schafft, bekommt man touristenfreie Fotos.

Fushimi Inari Shrine. https://de.wikipedia.org/wiki/Fushimi_Inari-Taisha

Am Ende noch zum Hauptbahnhof, der einen Skywalk mit Aussichtsplatform hat

Fazit

Ja, genau die Art Tourismus die ich nicht mag. Aber die ganzen Dinger auszulassen wäre ja auch keine Option gewesen, und selbst wenn ich sie alle auf eigene Faust erkundet hätte, die ganzen anderen Touristen wären trotzdem da gewesen. Und irgendwie ist es auch ein kleiner innerer Ablass dafür, dass ich mich in Japan schon zu oft hab treiben lassen, und eher durch die Straßen gestromert bin statt kulturell wertvolles zu besichtigen.

Food Stories 3 – jetzt mit echtem Kobe Rind!

In Kyoto habe ich endlich einen Kochkurs gebucht – das hat sich auf meiner langen Asienreise bewährt. Es werden viele Kurse mit Sushi-Rollen angeboten, aber das ‚kann‘ ich schon, und wollte mal ein paar andere Sachen probieren. Der in Kyoto bietet Ramen, Gyoza und Onigiri an. Wir sind zehn Teilnehmer, jeder an einer extra Station, es kümmern sich drei Leute um uns. Alles ist akribisch geplant, angeordnet und getaktet. So ist das Wasser für die Ramen-Brühe separat in kleinen Messbechern auf dem Tisch, schon mit präzise 170ml Wasser gefüllt, und etwas Klarsichtfolie abgedeckt. Die Anleitung richtet sich an eher unerfahrene Köche, dafür: no cook left behind. Die größte Herausforderung bleibt das Gyoza falten. Witzig: man bekommt einen Plastikhandschuh, um die Hackfleischmischung für die Gyoza zu kneten, aber nimmt sie fünf Minuten später mit nackten Finger aus der Schüssel, um sie in die Teigblätter zu geben. Etwas viel wurde auch schon vor-vorbereitet. So hätte ich es spannend gefunden, wie genau sie den klebrigen Reis für die Onigiri machen, und auch der gesamte Inhalt der Ramen Schüssel ist fertig vorbereitet (gut, Nudeln nach Anleitung weich machen, hartgekochtes Ei, Mais, Sprossen, Frühlingszwiebeln und ein paar Scheiben Huhn (im Rezept: „Toppings of your choice“) bekommt man auch so hin). Also anyway, ein vergnüglicher Mittag, und gut gegessen danach auch.

Mein Zwischenfazit und gleichzeitig das Gewinnspiel – Japanisch überzeugend nachzukochen ist schwieriger als das restliche asiatische Essen von meiner Reise vor 12 Jahren ( Zum Beispiel https://torfprogramm.de/2014/04/26/ein-kulinarischer-abschied-von-indonesien/ ). Viel davon erfordert besondere Geräte (wie die heiße Teppan Stahlplatte oder der kleine Tischgrill), und viel der Exotik kommt einfach aus besonderen Zutaten. Wenn man nach Rezepte googelt, ist dort zB „Okonomiyaki Mayonnaise“ gefordert, also kauft man eigentlich die ganze Exotik in den Zutaten. Dennoch: ich probiere ein paar einfache japanische Speisen, wenn Du probieren willst, schicke einfach ein Mail an gewinnspiel@torfprogramm.de, und ich mache eine Verlosung. Einsendeschluss ist der 27.10, 23:59 deutscher Zeit. (Regeln siehe unten)  

Am Abend dann…

Das mit dem Kobe Rind hat mir keine Ruhe gelassen, auch wollte ich es einmal als Steak probieren, nicht als diese DIY-Scheibchen. Google spuckt Hibachi Kobe Beef Teppanyaki – Kyoto Station aus. Also gut, YOLO, probieren wir das einmal. Als ich noch etwas zögernd vor der Karte stehe, kommt eine freundliche Japanerin heraus – gerade sind sie voll, aber in 20 Minuten könnte ich gerne kommen. Es gibt standardmäßig ein Menu: Appetizer, Omelett mit Kobe Rind, Seafood Teppanyaki, Kobe Steak mit Gemüse, und dazu noch etwas Reis, danach ein Dessert. Preis steht keiner dabei. Der kommt dann auf der nächsten Seite, gestaffelt nach welchem Stück des Rindes und wie viel Gramm. Man kann auch x Gramm von einem Stück nehmen, und y Gramm von einem anderen. Über die Preise insgesamt breiten wir mal eine Deckmäntelchen des Schweigens, aber ich habe noch nie alleine für so viel Geld gegessen. Ich habe einen Platz an der Theke, direkt vor dem Teppanyaki-Koch. Das ganze Essen ist vorzüglich, und besonders das Fleisch. Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Preis-Sprung von den Qualitäten des Vorabends auf ‚echtes‘ Kobe-Rind nicht wirklich verhältnismäßig finde, da zahlt man wohl auch für den Namen, wie bei Crémant Methode Champenoise auf echten Champagner.

Witzig ist meine Bedienung, es ist ihr erster Tag. Sie liest die vorher sicher mühsam einstudierten Sätze von einem Smartphone ab. Witzig wird das bei den Vorspeisen, einem Teller mit einem verbogenen Löffel mit Melone-Schinken-Käse, einen mit goldfarbenem Zahnstocher aufgespießten Turm und etwas Thunfisch zwischen zwei Stück Gebäck. Sie erklärt die Speisen, und deutet dann auf den Löffel, und warnt mich mehrmals eindringlich „be careful with the skewer“. Ich hätte die Warnung, den Zahnstocher nicht mitzuessen eventuell gar nicht gebraucht, deshalb vergewissere ich mich. Aber sie lässt sich nicht beirren, deutet wieder auf den Löffel, und wiederholt careful – do not eat. Ich esse den Inhalt des Löffels besonders vorsichtig, aber da versteckt sich nichts hartes drin. Ich verschone sie mit den bei mir üblichen Wortwitzen.

Ich bin einer der letzten Gäste, so unterhalte ich mich noch mit dem Personal, die alle noch ein wenig mit dem Englisch hadern. Es gibt vier Sake-Marken, eine davon heißt Subaru, mein Witz warum sie kein Toyota oder Honda haben, verpufft. Offensichtlich gibt es das Restaurant erst seit einem Monat – so kann ich noch ein paar Tipps loswerden: Einige der Zutaten, die der sehr sichtbare Teppanyaki-Koch verwendet, sind in billigen Plastikflaschen – ich empfehle Glas, Keramik oder Edelstahl. Außerdem versuche ich ihnen zu vermitteln, wie enttäuscht ich gewesen wäre, wenn ich ein Glas Rotwein bestellt hätte, und es wäre ein eiskalter Tropfen gekommen (ich hab’s geahnt, und bin bei Bier geblieben).

Fazit: Gut, dass ich’s probiert habe, es hätte mir sonst eh keine Ruhe gelassen, aber gutes, ’normales‘ Wagyu tut’s für mich auch – und auch ein gutes argentinisches Rindersteak, auch wenn das nicht mehr direkt vergleichbar ist.

Teilnahmebedingungen:

– Teilnahmeschluss ist der 27.10. 23:59
– Ausgelost werden drei Teilnehmer, die jeweils mit Begleitung zum Essen eingeladen sind.
– Erfüllungsort und -zeit: München, Herbst/Winter 2025.
– Nur eine Mail pro Teilnehmer kommt zur Auslosung. Falls zwei Personen gewinnen, die sich gegenseitig als Begleitung wählen würden, gibt es Nachrücker.
– Auslosung unter unabhängiger Aufsicht
– Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Food Porn (2)

So much to eat, so little time. Ich schwör’s, ich könnte einen Japanurlaub nur aus Restaurantbesuchen machen. Schade, dass sich Essen, anders als zB Erinnerungen und nette Fotos auf den Körper auswirken.

Von Bine und Ebi habe ich für Kyoto eine Restaurant-Empfehlung bekommen – scheinbar wirklich exzellent. Ob es mit Kobe-Steak wäre? Nein, Kaiseki Style. Das sind dann ungefähr 20 Teller wo man bei jedem denkt – das kann doch nicht alles gewesen sein; und am Ende doch aus dem Restaurant rollt. Gut, das ist jetzt für die letzte Nacht gebucht, also muss ich sehen, dass ich noch einmal so ein Kobe-Steak bekomme. Meine Erwartungshaltung dafür: Mindestens 100€, nur für ein Steak, und das auch homöopathisch von der Größe. Als ich in Osaka ankommen, sehe ich mir die Restaurants in Nähe an. Einige bieten so etwas (ähnliches) offensichtlich an. Meine Wahl fällt auf das 焼肉・ホルモン 家蔵一平 – gute Bewertungen, vertrauenserweckende Fotos von fein marmoriertem Fleisch an der Tafel vor der Tür, und ein stilisierter Stierkopf über der Tür. Nur Mut, denke ich mir. Jeder Gast hat seinen kleinen Tischgrill; ich habe mich doch gegen Do-it-Yourself Essen ausgesprochen. „It’s easy, meint die freundlich lächelnde Bedienung“; Konsequenz ist Glücksache. Die Preise sind gar nicht so schockierend. 4.500 ¥ für die teuerste Platte „assorted 3 kinds of special selection“, das sind grob 27€. YOLO denke ich mir (für die älteren: You only live once). Her damit. Schuhe hat man an Tür gelassen, es hat ca. 30cm hohe Tische über den Tatami-Matten. Damit das auch ältere Leute mit Knieproblemen schaffen, ist unter dem Tisch aber ein Loch, deshalb sitzt man nicht im Schneidersitz, sondern einfach auf der Kante der Tatamimatte am Loch. Die Platte kommt. Was da an Rind drauf liegt, hat NICHTS mit einem Steak von der Theke bei Vinzenz Murr zu tun. Superdünne Scheiben, vielleicht 5mm dick. Das Fleisch liegt auf einem kleinen Reisig-Bündel. Der Bedienerich meint: „one minute, one minute, finished“. Mir fällt auf, dass ich NUR Fleisch habe, keine Pommes dazu. Ich bestelle noch ein paar „Sides“: Gesalzenes Kraut, Zwiebel, und etwas „Chorizo (spicy sausage)“. Als die kommt, muss ich laut lachen, der Bedienerich schaut mich verwirrt an – wenn Ihr das Foto seht, lacht Ihr auch. Wenn es einen Hüter der Produktmarke „Chorizo“ gab, der dreht sich jetzt mit 5000 Umdrehungen im Grab. Der Bedienerich erklärt zu dem Fleisch „Kobe“, aber ich bin a bisserl skeptisch.* Aber Kobe-Rind ist auch nur die Rasse Wagyu aus dem Gebiet D.O.C. Zu dem Fleisch gibt es zwei Tunke-Saucen, eine davon etwas schärfer.

Doch nun der Versuch einer einordnenden Schilderung. Man hatte mich gewarnt: „Wenn Du ein Kobe-Steak isst, bist Du für normales Steak komplett versaut“. Jein. Es ist unglaublich lecker, keine Frage. Aber es ist kein Steak. Es sind klitzekleine Scheiben, die man auch gut auf einem Raclette-Grill machen könnte. Sie bestehen gefühlt so zu 60% aus Fett, also lauter Geschmacksträger (Ich muss dabei immer dran denken, was ich für ein krasser Geschmacksträger bin), was ein wenig zu kurz kommt ist das Hämoglobin, also letzten Endes Blut. (Ich habe mal in einer Sendung über veganes Fleisch gehört, dass es tatsächlich der Hämoglobin-Geschmack ist, was darüber entscheidet, ob eine Wurst aus Erbsen und Chemie als Fleischersatz akzeptiert wird). Am Ende wird mich der Abend ca. 45€ kosten, eigentlich sehr akzeptabel. Und ich musste es selbst grillen – vielleicht habe ich alles versaut, und es hätte ganz anders zubereitet gehört. Anyway, das probiere ich nochmal…

…nämlich am nächsten Abend in Kyoto, im Restaurant Yamadaruma, direkt neben dem Hotel. Hier kostet der „most popular plate“ ¥ 2.980, also ca. 18€. Dass in der Karte auch „about for 2 Persons“ steht, ignoriere ich geflissentlich. Auch hier bestelle ich Kraut und etwas Zwiebel dazu, und ein Glas Rotwein. Rotwein in Japan: don’t do it. Er kommt eiskalt. Dass ich ihn ein wenig neben dem Tischgrill auftauen lasse, tut ihm aber auch nicht unbedingt gut. Kein Rotwein mehr in Japan. Hier empfiehlt der Maître, das bessere Fleisch von den fünf verschiedenen Cuts ähnlich wie Sushi, mit Soja und Wasabi, zu genießen. Da ich hier einen Thekenplatz habe, kann ich mich gegen Ende mit dem Chefkoch etwas unterhalten. (Mehr etwas als unterhalten). „Kobe?“ frage ich. Nein, wehrt er ab, mit einem Blick der zu dem Gedanken passen würde ‚Bist Du behämmert, das würde sonst doppelt so viel kosten‘, das ist Miyazaki. Was denn das Gesamtfleischgewicht des Ensembles wäre? Er zückt den Taschenrechner, 210 Gramm (gedacht für zwei, ein Schelm wer meine Mengen daheim kennt). Ich hab‘ dann mal Miyazaki gegoogelt, hauptsächlich um die Schreibweise zu bestätigen. Von einem Händler in Deutschland 400-540€ pro kg im Versand für eine Qualität A5+. Also entweder ist das Fleisch in Japan im Vergleich wirklich spottbillig, oder die servieren hier in den Spelunken nur das billige Zeug, was sich nicht für den Export eignet. Und um ehrlich zu sein: das Yamadaruma ist wirklich spelunkig, mit seinen laminierten Karten und… seht die Fotos. Am Ende meinte ein Australier neben mir noch, dass ich unbedingt diesen einen Sake probieren müsste – hilft ja nix.

Fazit: Lust auf Steak á la Chris ist nicht vergangen; das ist einfach was ganz anderes. Aber hier in Japan sollte man auf alle Fälle mehrmals davon probieren. So much to eat so little time.

*Anmerkung 2 Tage später: no fucking way war das echtes Kobe Rind. a) nur ca. 0,3% der geschlachteten Wagyu Rinder sind „Kobe“ Rinder, und b) aus einem echten Kobe-Rinder-Restaurant geht man nicht nur mit 45€ weniger raus – für Dich getestet.

Die Schlange im Regen

Ich habe es doch noch auf die Expo geschafft. Eine ‚Tour‘ mit Get-your-guide, hier ist Ihre Eintrittskarte, wir treffen uns dann im Innenraum – nicht. Danke Doro für den Tipp. Die Expo 2025 ist ein Moloch. Und wenn bei dem Titel an eine kleine Natter im Regenwald gedacht hat – nein. Regen und Ansteh-Schlangen werden meine Erinnerung der Expo beherrschen. Die Wettervorhersage war eher unstet, und kurz vor der Expo war der Bericht nur von weniger als ein Millimeter; ich entschied also keinen Schirm zu kaufen. Fehler. Man kommt mit der U-Bahn an der Station Yumeshima an. Daneben ist die World Expo East Gate. Auf meiner Karte steht aber West Gate. Es gibt einen Bus, statt 2 km läuft man dann nur noch 800m, im fröhlichen Schlangenlinien um die Crowd-Control-Wellenbrecher zu dem Pferch für „Reservation 11:00“. Es nieselt ein wenig. Insgesamt brauche ich vom Ausgang der U-Bahn bis auf das Gelände 45 Minuten, aber tatsächlich, um 11:00 bin ich drin. Menschenmassen. Der Zutritt zu den einzelnen Pavillons erfolgt entweder durch eine Verlosung (über die Kennung mit der ich KEIN Ticket bekommen habe), oder durch lange Schlangen bei den beliebteren Pavillons. Ziemlich am Anfang sehe ich einen „The Baltics – Latvia and Lithuania“, mit vertretbarer Schlange davor. Da es mir dort gut gefallen hat, und ich wissen möchte, warum in der Gruppe Estland fehlt, stelle ich mich 10 Minuten an, und betrete dann den Pavillon.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich erwartet habe. Wichtigste Ausstellungsstücke sind getrocknete Pflanzen in großen hinterleuchteten Kacheln. Kernaussage: Wir kennen die Heilkräfte der Natur. Es gibt eine große, grüne, kalte Wand, auf der man eine Nachricht mit dem Finger schreiben kann. Wie so vieles – ach, auf dieser Welt – ist das, was man dort schreibt, vergänglich, und ist das nicht ein schönes Bild für unsere Welt? (Das nächste Mal, denke ich mir, hätte ich einen Wachsmalstift mitgenommen, wollen wir doch mal sehen wir vergänglich meine Botschaft dann ist!) Am Ende ist da noch ein Bereich mit mehreren Touch-Screens, baltische Produkte stellen sich vor, am Ende gibt es einen QR-Code, wo man sich näher informieren kann. Ich hab’s ausprobiert, mal sehen, ob mir jetzt ein Massivholz-Hocker der Firma Nordi angeboten wird, im „weareone.shop“. Nebenbei noch die üblichen Aussagen zu Nachhaltigkeit, informier‘ Dich hier, informier‘ Dich dort. Viele Besucher haben einen „Expo-Pass“, und drücken sich den Stempel der baltischen Staaten (ohne Estland), in diesen Pass. Ich frage eine der durchaus baltisch aussehenden Damen nach Estland – Nee, die wollten nicht. Ich schicke mich an zu gehen, aber draußen schüttet es mittlerweile. Ich informiere mich noch ein wenig über Hocker aus Massivholz, auch wenn dann die anderen länger im Regen warten müssen.

Nach 10 Minuten probiere ich es aus – vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, sondern sieht nur so aus? Nach 40 Meter flüchte ich unter einen Schirm, ergattere einen Platz auf einer trockenen Holzbank. Hier warte ich die nächste Stunde. Als der Regen etwas nachlässt, nehme ich die Rolltreppen auf den „Grand Ring“, ein beeindruckendes, ringförmiges Bauwerk aus Massivholz um das Gelände, ca. 20 Meter hoch. Von da oben hat es bestimmt einen tollen Blick auf die Expo, und auch auf die Umgebung. Von den 360° schaffe ich ca. 15°, dann beginnt es wieder zu regnen. Der nächste Abgang ist in weiteren 15°. Blöd. Bis ich dort ankomme, bin ich ziemlich pitsch-nass, und verbringe die nächsten 45 Minuten unter dem Ring. Sowohl für einen Foodtruck als auch den nächsten Pavillon müsste man sich anstellen – im Regen. Meine Begeisterung schwindet so langsam – maybe I should have taken „no“ for an answer, damals am 4. Oktober. Als der Regen dann aufhört, ist es 14:30. Ich wandere noch ein wenig über das Geländer. Es hat hier mehr Schlangen als in einem durchschnittlichen Reptilienhaus. Man steht an, um in Pavillons zu kommen, man steht an, um Essen zu bekommen, man steht an, um ein Selfie vor dem Maskottchen zu machen, man steht an, um Flüssigkeit zu bekommen, und auch um sie loszuwerden. Teilweise steht man an, um ich irgendwoanders anstellen zu können. Nach einer halben Stunde anstehen bekomme ich etwas zu Essen, und ich beschließe, bald einen würdigen Abgang zu machen.

Ich komme noch in den Pavillon „Common A“ – ein Sammelsurium an verschiedenen Ländern, die sich keinen eigenen Pavillon leisten wollten. Ohne mir erkennbare Ordnung finden sich hier zB Yemen, Uganda, „The Kingdom of Eswatini“ (hättet Ihr’s gekannt?), Ghana, North Macedonia, Guinea Bissau, Kyrgyzstan, Grenada, Kenya, Comoros, Samoa, Suriname, Sri Lanka, Seychelles, Saint Kitts & Nevis, Bolivia, und…. Vielleicht stellen hier auch die Pinguine aus, auf deren Produkte Trump auch einen Zoll erhoben hat? Die Stände hier sind ähnlich. Ein paar kunsthandwerkliche Produkte, ein paar Bildschirme die wohl dazu animieren sollen, dort Urlaub zu machen, ein bissel Info über Nachhaltigkeit. Die Sinnfrage kommt mir wieder – Was ist das Zielpublikum, was ist der Zweck? Werden hier in Hinterzimmer Millionendeals zum Investment in Eswatini angebahnt? Soll mich das freundliche Bild des Königs von Eswatini dazu animieren, dort mal in Urlaub hinzufahren? (NB: Ich hatte noch nie von Eswatini gehört – hätte es als kleine Enklave in Südafrika geschätzt, wie zB Swasiland. Eben auf Wikipedia geschaut, bis 2018 WAR es Swasiland – vielleicht bleibt es mir genug in Erinnerung, dass ich da tatsächlich mal hinfahre) Die Pass-Stempler kommen in der Halle jedenfalls voll auf ihre Kosten.

Ich schaue noch kurz an andere Pavillons, überall lange Schlangen, die Japaner haben sich wie Profis darauf eingestellt. Es gibt hier so Falthocker, zusammengelegt groß wie eine Tellermine, damit wird der Amateur-Schlangen-Steher zum Profi-Schlangen-Hocker. Leider habe ich im Innenraum weder Regenschirme noch Hocker zum Kauf gesehen. Gegen 16:30 gebe ich auf – ich war da, das war gut, ich bin froh zu wissen, dass ich nix verpasst hätte, wäre ich nicht dort gewesen. Auf nach Kyoto.

Nur zur Vollständigkeit – am Vorabend habe ich nach kurzer Fahrt aus Hiroshima auch das Aquarium besucht, welches sich mir am 4.10. den Eintritt mir langem Warten vergällt hat. Ähnliches Fazit, aber auch ein paar nette Bilder…

Japanese Food Porn

Nach dem Ausflug nach Miyajima bin ich erstmal platt. Ein kurzes Nickerchen, und dann mache ich mich auf den Weg, etwas zum Abendessen zu erlegen. Ich finde auf Google Maps das „Kushifune“, ein Yakitori Restaurant. Yakitori ist mein neues Go-To Essen, besonders wenn es keine andere Empfehlung gibt. Gegrillte Fleischspießchen, what’s not to like? Der Weg vom Hotel lässt sich besser in Sekunden messen als Minuten. Es riecht lecker. Ich trete ein, und frage „Konishiwa, do you have an english menu?“ Ich bin mir nicht sicher, ob sie „No“ sagten, oder es anders zu verstehen geben. Ich überlege kurz. Nee, nee, die können mich mal. Damit halten sie mich nicht ab. Die Speisekarte hängt an der Wand. Ich widerstehe der Versuchung, einfach wild auf einige der Kacheln zu deuten (in Kanazawa gab es auch alles mögliche exotische an Innereien, das muss nicht sein), und füttere Zwei Fotos in Google-Translate. Natürlich hilft das der Bedienung nicht. Ich merke mir also: die vier Kacheln hinter der leeren (Rind, Rind, Schweinebauch, Hühnerflügel), und die vorletzte (Bier). Ich deute der Bedienung: „one, one, one, one, one“. Irgendwas passt aber nicht; mit Händen und Füßen lässt es sich nicht klären. Aber sie spricht geduldig in Google-Translate, und da steht dann: „price is for one stick, but we always make two“. OK, also „two, two, two, two, one (Das Bier wird einzeln verkauft)“. Alle sind glücklich, und ich erhalte nacheinander zwei Teller mit je vier Spießlein, auf etwas geschnittenem Weißkohl serviert. Ein paar der anderen Gäste prosten mir zu. Offensichtlich sorge ich für Entertainment. Irgendwann kommt ein neuer Gast, und bestellt souverän einige Spieße; setzt sich dann neben mich. Er kann Englisch, die ganzen anderen Japaner haben sich nicht getraut. Allerdings ist er kein Japaner, sondern Koreaner. Seo-jun erklärt, dass er genug japanisch kann, um ein paar Standards zu bestellen, aber nichts lesen kann. Wir probieren dann noch gemeinsam einen japanischen Whisky Highball und etwas Sake. Ich verlasse den Laden 30€ ärmer, aber glücklich – langsam komme ich in den Groove.

Am Abend darauf werde ich nicht kreativer, ich gehe wieder ins Kushifune. Der Besitzer und seine Frau begrüßen mich mit breitem Grinsen. Mein Bestellvorgang wird flexibler. Auf ein paar Kacheln gedeutet, ein paar der Fotos in Google-Maps, ein Foto einer Frühlingszwiebel und als die Nachbarn was leckeres bekomme deute ich an: das will ich auch. Es läuft. Die direkten Nachbarn prosten. Irgendwann kommen drei Japaner, die eigentlich am Tresen gegenüber saßen, und wollen sich unterhalten. Schwierig. Immerhin – glaube ich – tauschen wir Namen aus, ich komme aus Deutschland, Miyajima is beautiful, Ganpei! Als ich ein Foto von ihnen machen, besteht eine Gruppe von Mädels darauf, auch fotografiert zu werden. I like.

Mittags habe ich übrigens ein Okonomiyaki-Restaurant ausprobiert – ohne Do-it-yourself. Hiroshima-Style, das hätte auch nicht geklappt. Aber jeder wird direkt vor einem auf dem heißen Blech zubereitet. Etwas Teig wird zu einem Crepe geformt, ca. 15cm Durchmesser. Danach kommt gefühlt ein Kilo Weißkohl drauf, ein paar Sprossen, Kräuter, etwas was wie grüne Spinnenweben aussieht, etwas Tintenfisch und Fleisch. Das ganze wird gewendet und immer wieder platt gedrückt. Dann noch ein paar Nudeln daneben mit ca.15cm Durchmesser beidseitig angebraten. Dann das Kohl-Crepe auf die Nudeln gelegt. Daneben ein Ei zu einem 15 cm Omelett (ja das ist sehr dünn) gemacht, die vorherigen Zutaten drauf, nochmal gewendet, Soßen und Gewürze drauf, und dann ist es fertig. Man bekommt einen kleinen Spachtel zum Teilen des Okonomiyaki, und isst es direkt von dem Spachtel. Ein Erlebnis. Ich sitze mit vier Japanern am Tresen, danach gesellen sich noch zwei Deutsche dazu. Insgesamt wohne ich der Herstellung von 10 Okonomiyaki bei, und filme fröhlich. Für den Blog sind’s jeweils hauptsächlich Screenshots, entschuldigt die Qualität.

F*!#In‘ up & Folge dem Regenschirm nach Hiroshima

Durch das Klingeln des (Hotel-)Telefons werde ich aus dem Schlaf gerissen. WTF? Wer hat meine Nummer? Beim Aufstehen streift mein Blick die Uhrzeit an meinem Handy. 11:13. Ich ahne etwas. Die Uhrzeit bedeutet zwei Sachen: Ich habe das erste Mal auf der Reise von 02:00 wirklich gut durchgeschlafen, UND ich habe nicht nur das Frühstück, sondern auch die Check-out Zeit um 13 Minuten verschlafen. Nach kurzer Verhandlung einigen wir uns auf 1.000 Yen, dass ich bis 12:00 bleiben darf (6€). Ich habe aber wirklich gut geschlafen, das war’s wert. Als ich danach mein Handy ansehe, fallen mir auch verzweifelte Nachrichten der Tour-Guide aus Hiroshima auf: „Where are you? We must leave in 2 minutes“. Das habe ich also auch verkackt. Falsches Datum für die Tour gebucht. Gut, dass ich den Zug noch nicht gebucht hatte, den hätte ich wahrscheinlich auch verschlafen. 42 Minuten später checke ich aus, lasse meinen Koffer noch kurz da, um im Markt nebenan etwas zu Essen zu erlegen. Leider hat der Markt heute Urlaub/Ruhetag – es hat nur wenig offen. Ich finde trotzdem etwas Sushi, und dann geht’s auf zum Bahnhof. Insgesamt bin ich vier Stunden unterwegs, die Fahrt geht wieder über Osaka. Im Zug beginne ich übrigens, den Blog wieder zu schreiben.

In Hiroshima bin ich im Oriental Hotel untergebracht – ein 20 Stockwerk hoher Klotz der seine besten Zeiten gesehen hat. Und die Erkenntnis: In Japan gibt es noch Raucherzimmer, und ich habe wohl eines erwischt. Leider ausgebucht, kein anderes Zimmer, aber sie stellen einen ‚Deodorant‘ in das Zimmer, scheinbar eine Ozon(?) Maschine. Als ich nach einer Stunde vom Abendessen wieder komme, riecht das Zimmer auch frischer, nach Großwäscherei.

Die am Vortag verpasste Tour habe ich wieder gebucht, diesmal bin ich pünktlich am Treffpunkt am Bahnhof. Meine Mitreisende sind Japaner. Hmmm. Mal hoffen, dass ich da noch genug mitbekomme. Ich hätte mich nicht sorgen müssen, Laurie (Mutter), Kendrick (Vater), Kevin (Sohn) und Julie (Freundin (vom Sohn)) können nicht viel mehr Japanisch als ich, sind 3. und 4. Generation US-Amerikaner. Hana, unser Guide nimmt uns in einen Vorort-Zug mit zum Hafen vor Miyajima, von dort aus mit der Fähre auf die Insel. Im Gegenzug zu Emi in Kanazawa zieht Hana das Programm mit erhobenem Regenschirm durch. Schnell noch ein Foto? Das muss man mit der Gruppe hinterherjoggen büßen.

Details zu dem Tourismus Hotspot könnt Ihr hier lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Miyajima , mein Eindruck: touristisch wirklich wertvoll, entsprechender Andrang; man ist nicht allein. Die wilden Rehe sind nicht so wirklich ‚wild‘, außer sie zupfen japanische Mädchen am T-Shirt, weil diese erst mit ihrem Eis gelockt haben, aber dann doch einen Rückzieher machen. Meine Vorschläge für Rehbraten werden freundlich ignoriert.

Danach geht es mit der Straßenbahn zurück in die Stadt, zum „A-bomb dome“ und dem peace memorial mit Museum. Klar, daran denkt man als erstes, wenn Hiroshima hört. Vor dem 6. August war die bekannte Ruine die Hiroshima Prefectural Industrial Promotion Hall, um 8:15 an diesem Tag war es 600 Meter unter und 260 Meter neben dem Explosionspunkt, heute ist es das dramatischste Symbol für den ersten kriegerischen Einsatz einer Kernwaffe, mit ca. 140.000 Todesopfern.

Das ganze Museum ist ein beeindruckendes Mahnmal, auch wenn mir dabei ein wenig zu kurz kommt, dass Krieg allgemein das wirklich furchtbare ist, und es den anderen Toten des Krieges reichlich wurscht sein dürfte, dass sie ’nur‘ konventionell gestorben sind.

Am Abend entdecke ich dann direkt hinter dem Hotel einen sehr leckeren Yakitori-Schuppen, aber das Essen hier bekommt einen eigenen Eintrag.

Am nächsten Tag sehe ich mir in Hiroshima noch das ‚Hiroshima Castle‘ an, welches nur noch ein Schatten seiner selbst ist. In einer Ecke hat man einen Turm wieder aufgebaut, aber ansonsten viele Hinweisschilder wie „Fundament des Hauptquartiers der 5. Armee-Division“ oder „Ruine des Luftabwehrkommandos“. Danach noch der Shukkei-en, ein sehr schöner japanischer Garten.

Shukkei-en

Kanazawa und der Mangel an Disziplin

„Uiiii, das Sushi sieht lecker aus, können wir kurz welches Essen, geht ganz schnell?“ Eigentlich hätte ich da Einschreiten müssen. Klar sieht das Sushi lecker aus, Kanazawa liegt auch am Meer, und die Reiseführerin hat eben erklärt, dass es hier am allerfrischesten ist, im Omicho Market. Aber echt, müssen wir unsere dreistündige Walking Tour damit verbringen, der englischen Familie beim Essen zuzusehen? Emi erklärt in der Zwischenzeit etwas mehr über Kanazawa.

Es ist meine Disziplinlosigkeit, die mich auf diese Tour von ‚get your guide‘ gebracht hat, und ein Tipp von Doro (dazu mehr später). Fester Zeitpunkt, sich etwas erzählen lassen, und ein paar Tipps für den morgigen Tag abgreifen, den ich ‚zur freien Verfügung habe‘. Witzig, die Formulierung, ich hab Urlaub; alles ist freie Verfügung. Ich habe meinen Jetlag noch nicht überwunden, miserabel geschlafen, bzw. eben nicht, und so die Zeit zwischen Frühstück und der Tour um 14:30 im Hotel mit dösen verbracht, entgegen meines Vorsatzes, mir vor der Tour das Samurai-Viertel anzusehen.

In der Tour sind wir drei Fraktionen, Cindy & Bill aus Kanada, eine fünfköpfige Familie aus England mit israelischen Wurzeln, und ich. Emi, die Guide, hatte, während wir auf die Engländer warteten, das Programm für die nächsten drei Stunden erläutert, am Ende werden wir nur zweieinhalb der vier geschafft haben. Aber mei, you gotta go with the flow. Wir besuchen zwei Geisha-Viertel, wobei ich diesen Beruf noch immer nicht so richtig verstanden. Emi beteuert, dass Geishas ein sehr respektierter Beruf ist, nix schlüpfriges. Doppelschwör! Zehn Minuten später erklärt sie, dass die Treppe dort auf japanisch ‚der dunkle Pfad‘ heißt, weil dort die Geschäftsleute nicht gesehen wurden, wenn Sie zu den Geishas gingen. Hmmmm. Im zweiten Geisha-Teehaus-Viertel gibt es ein Eis, mit Blattgold. Für die Blattgold-Herstellung (oder Herstellung von Produkten mit Blattgold) ist Kanazawa berühmt, weil dazu hier schon immer die richtige Luftfeuchtigkeit herrschte. Ich kann’s mir trotzdem verkneifen und – spoiler alert – habe auch nicht lauter blattgoldbelegte Mitbringsel für Euch gekauft. Am Ende des Tages sehen wir noch kurz die Burg von Kanazawa, bekommen ein paar Tipps, es ist jetzt 17:30, Emi muss gehen – tschüss! Immerhin habe ich mit Cindy und Bill Gesellschaft für’s Abendessen gefunden.

Am Abend im Hotel mache ich noch den Rest der Reise klar. Doro hatte mir den Tipp gegeben, dass es auf Get your Guide noch Karten für die Expo gibt, als Tour verpackt. Ich bin zwar noch etwas skeptisch, nach der ganzen Personalisierungsorgie auf der Website, aber ich habe jetzt eine Tour für den 12.10. gebucht, ein Sonntag. Erkenntnisgewinn: die überraschend hohen Hotelpreise sind nicht geographisch begründet, sondern liegen hauptsächlich am Wochenende. Nach Kanazawa habe ich Hiroshima gebucht, drei Übernachtungen in besserem Hotel für unter 300€. Hätte ich noch den Samstag drangehängt, dann wären es vier Übernachtungen für ca. 700€  geworden. Dann lieber nicht morgens um sechs von Hiroshima zur Expo fahren, sondern ein billiges Hotel in Osaka suchen. Am 15. Oktober wechsele ich übrigens das Land. Meinen Rückflug habe ich von  Taipeh/Taiwan aus gebucht; da war ich noch nie, und auch dieses Land steht bekanntlich vor geopolitischen Herausforderungen. Die restliche Zeit verbringe ich in Kyoto.

Der nächste Tag bestätigt mein Konzept, mehr gebuchte Activities zu machen – ich komme nach beschissener Nacht erst am Nachmittag raus, um mir Kanazawa Castle und den Kenroku-En Garten anzusehen. Der Garten ist wirklich schön.

Abends dann ein Yakitori-Restaurant gefunden, sechs kleine Spieße für 3 €, eher hemdsärmelig serviert. Danach werde ich gut schlafen.

Erste Eindrücke

Ich war schon einmal in Japan, 2012, als ich Familie Reischl in Korea besucht hatte und auf dem Rückweg in Kyoto und Tokyo war. Schon damals war alles gut organisiert, man kam auch ohne Japanischkenntisse vernünftig durch. Mittlerweile ist mehr Internationalität hinzugekommen. Viele Hinweise gibt es in vier Sprachen (JP, Chinesich, Koreanisch und Englisch). Und es gibt viele Hinweise. Gefühlt wird jeder Quadratmeter Wand und Boden mit Hinweisen vollgepflastert. Hinweise, Warnungen, Werbung, Warnungen, relevante Hinweise, Warnungen, Werbung, Hinweise. Irgendwo ist da auch der richtige für mich dabei. Und wenn man ihn dann mal gefunden hat – cool, echt gut organisiert. Dann merkt man auch, dass das orange Schild, ‚Thunderbird Züge in Richtung Osaka, Bahnsteig 33, Wagen 1-6‘ eine farblich entsprechende Spur auf dem Boden hat, der man nur folgen muss, um genau vor seinem Wagen anzukommen. Zu den ganzen Schildern kommen noch Durchsagen und Jingles. Wichtige in vier Sprachen, unaufdringlich leise, und dann noch diverse sprechende Maschinen. Die Rolltreppe warnt unerfahrene Nutzer vor deren Gefahr, und der Fahrkartenautomat begleitet den Hinweis, jetzt seine Kreditkarte einzustecken, mit einer Animation von einer in einen Automaten gesteckten Kreditkarte und einem akustischen Hinweis „Please insert your credit card“. Aber während ich noch überlege, was ich nun evtl. tun müsste, kommt ein freundlicher uniformierter Bahnmitarbeiter und zeigt mir, wo ich die Karte einstecken muss. (to be fair: ich war überrascht, dass das Gerät eine physikalische Karte braucht, und hatte noch die kontaktlose Möglichkeit gesucht).

Die Reizüberflutung setzt sich weiter fort. Bunte Leuchtreklame im Gummibären-design, viel Bling, süße Stofftieranhänger für den Rucksack, verspielte Mode, überall läuft ein Fernseher (auch in der Sauna, mit Ton). Keine Ahnung, um was es geht, aber nicht nur gibt es einen Newsticker an der Unterseite, sondern auch Laufschriften an der Seite, und zwei eingeblendete Fenster wo sich die Moderatoren scheinbar über das unterhalten, was in dem Rest an Bildschirm zu sehen ist. Und die ganzen Schriften sind so grell und bunt, bäh. Dagegen ist home-shopping TV schon fast dezent. Die Fußgängerampel verwenden einen Vogelgezwitscher-ähnlichen Ton um Grün anzuzeigen, ich wunderte mich den ganze morgen in meinem Hotelbett über diesen sehr lauten, monotonen Vogel.

NB: Die drei Aufzüge vor meinem Hotelzimmer quittieren eigentlich alles mit einem freundlichen Ding-Dong, welches sich auch aus den anderen Stockwerken gut hören lässt. Ich überlegte, ob es auch Notwehr gegen Sachen gibt, falls ich dem Aufzug die Gurgel umdrehe.

Und etwas anderes hat sich seit meinem letzten Aufenthalt geändert: ewig viele Langnasen. Jaja, es gab ja Zeiten, kurz nach dem Krieg, da war man als Langnase in Asien noch etwas exotisches. Mittlerweile: gar nicht mehr. Damit entfällt leider auch das leichte Kennenlernen anderer Reisende. Auf meinen vorherigen Reisen bildeten europäisch aussehende Menschen am Bahnhof schnell kleine Grüppchen, verglichen ihre Einschätzung, ob sie denn jetzt am richtigen Bahnsteig standen, das alles fällt weg. Fast habe ich das Gefühl, als ignoriert man sich gegenseitig mit etwas Beleidigung, weil die ganzen Anderen einem das Gefühl der Exotik rauben.