Alles Amateure, die Profis

Marko ist unser Ansprechpartner für die Bootsüberwinterung. Man muss etwas wortklauberisch sein, dabei – man kann ihn wirklich ansprechen. Wieder und wieder. Manchmal antwortet er. Seltener, als man ihn anspricht. Vor dem Beginn der Saison hatten wir folgenden … Dialog: (? – Gibt’s dafür einen speziellen Begriff, zwischen Monolog und Dialog? So 1,5-a-log?). Wir wollten wissen, wie denn die Planungen wären, wann das Boot ins Wasser kommt, usw. Irgendwann hörten wir auf zu fragen; forderten: „Wir wollen am 18.5. vor Kärdla aus losfahren – please make it happen“. Die Antwort darauf: ein gelber Daumen hoch. Wunsch registriert, oder ‚Verlass Dich drauf‘ – wer will das schon so genau wissen? Irgendwann kam noch eine Nachricht „We will probably launch the boat on 15.05 {Mittwoch} and the masts the next day“. Der ursprüngliche Plan war es, am Donnerstag nach Estland zu fliegen, aber ich bin ja flexibel. Flug nach Tallinn am Montag, am Dienstag noch Zeit mit Unwägbarkeiten nach Kärdla zu kommen, am Mittwoch früh noch das Unterwasserschiff inspizieren und eine Opferanode anzubringen, und dann kann’s losgehen. (Opferanode – das gibt’s wirklich. Ein Klumpen preiswertes und elektrochemisch unedles Material ‚opfert‘ sich, dass es selber wegrostet und nicht der teure Messing-Propeller). Geplant, gebucht, mit dem Bus sollte ich sogar am Montag um 21:00 da sein – wenn alles klappt.

Montag früh mit Air Baltic nach Riga, weiter nach Tallinn. Alles pünktlich (is man ja nimmer gewohnt, von der Bahn). Am Flughafen in Tallinn schaue ich noch nach dem ’sagenumwobenen‘ Flug, der direkt nach Kärdla gehen soll. Google findet ihn nicht als regulärer Flug, und wenn man googelt, kommen ein paar Pressemeldungen, und eine Meldung, dass der Flug von Air Jamaica angeboten wird. Diese Pressemeldung spricht von 25€ für den Flug. Punkt. Ich versuche es am Ticketschalter im Flughafen: „But of course, sir. Yes, 25€. Yes, it leaves in 2 hours. Yes, there’s space for you.“ Ich lasse die 13€ Busfahrt verfallen und buche den Flug. Der Ticketagent meint noch, dass es nur 15kg Freigepäck hat, und meine zusätzlichen Kilos (Gepäck, nicht ich!) je 3€ kosten, aber davon weiß die Frau am Schalter nichts, oder es ist ihr wurscht. Wir fahren mit dem Bus an die hinterste Ecke des Flughafens, wo eine zweimotorige Turboprop Saab 340 auf uns wartet. Dem grundsätzlichen Hang zur Geheimniskrämerei folgend ist die Maschine weiß lackiert, und trägt kein Airline-Logo. Auf den ersten Blick sieht die Maschine etwas mitgenommen aus, auf den zweiten sogar ziemlich mitgenommen. Aber mei, eine Flugbegleitende und ein Pilotierender trauen der Maschine auch. Wir rollen zur Startbahn, die Motoren dröhnen, meine Uhr meint „Gefährliche Lautstärke erkannt – zu lange in dieser Umgebung kann Ihren Ohren schaden“. Aber 25 Minuten später landen meine 8 Mitpassagiere und ich auf dem Kärdla Metropolitan Airport. Als erfahrener Flugreisender halte ich Ausschau nach dem Baggage Claim, bis ich bemerke dass meine Tasche – und nur meine Tasche – auf kleinem Leiterwagen von der Ground-Handling Crew hinter mir zum gleichen Gebäude gefahren wird. Als ich anbiete, die Tasche selber zu nehmen, werde ich auf das Terminal-Gebäude verwiesen. Ordnung muss sein. Am Parkplatz steht ein Bus, der mich als einzigen Passagier für 2€ zum Hafen fährt. Unterwegs habe ich noch eine Unterkunft gebucht – als wir im September das Schiff hier abgaben, gab es ein paar schicke Bungalow-Container direkt am Hafen.

Im Hafen sieht’s dann anders aus. Die Bungalows sind offensichtlich für den Winter weiter nach Süden gezogen, und noch nicht wiedergekommen. Dafür sehe ich ein mir bekanntes Schiff im Hafen dümpeln. WTF? Noch während der Reise hatte mich ein Mail von Marko erreicht, ‚probably on Tuesday‘, und jetzt ist Montagabend, und die Seestern schwimmt. Damit hat sich der erste Grund für meine verfrühte Anreise erledigt.

Aber egal, erstmal Unterkunft finden. Im Hafengebäude gibt es ein Ferienwohnung, Zugang per Schlüsselkasten. Hm, 6290 hilft nicht. Vielleicht wo anders? Ich irre ein wenig um das Gelände, rufe schließlich beim Wirt (=Hafenmeister) an. Der PIN für den Schlüsselkasten? Ja klar, 2023. Ich Dummerchen, das hätte ich ahnen müssen, dass die PIN in der Mail nur zur Tarnung diente. Noch schnell etwas arbeiten (habe die frühere Abreise mit dem Versprechen erlangt, auch von Estland aus zu arbeiten), und dann ab in die Stadt. Auf dem Weg zu einem mir bekannten Lokal erkenne ich ein griechisches Lokal. Sieht zwar geschlossen aus, aber nein – die Türe lässt sich öffnen; „Kali Spera!“ Haben sogar griechisches Bier, passend zu unserem Schiff, bzw. dessen Kaufort. Weil der Wirt etwas bei meiner Bestellung verbaselt, bekomme ich noch ein Bier mit auf den Weg.

Am Dienstagmorgen schnappe ich mir die in Deutschland noch gekaufte Opferanode und gehe zur Werft. Dort drücke ich mein Überraschen über das schwimmende Schiff aus, und halte zur Untermauerung die Anode anklagend hoch. „Oh, don’t worry, the old was finished, so Boris installed a new one“. Den Wahrheitsgehalt zu überprüfen bräuchte jetzt einen Tauchgang in der eiskalten Ostsee – wird schon stimmen, doppelschwör. Ich frage auch nach dem fehlenden Niedergangschott (für Landratten: Haustür vom Schiff), und bekomme ein frisch geschliffenes Schott vorgelegt. Es ist unlackiert, weil ‚wir nicht Bescheid gesagt hätten, ob wir es lackiert, geölt, oder Natur haben wollen‘. Das ist halb richtig. Eigentlich hatten wir nur um ein ANGEBOT gebeten, was es denn kosten WÜRDE, unseren Cockpittisch und Niedergang etwas hübscher zu machen. Das Angebot kam nie, die Arbeiten sind jetzt halt ausgeführt. Welches mich zum Titel bringt. Die Arbeiter auf der Werft sind durchaus schnell, freundlich und wirken kompetent. Aber das ganze Management… Ein paar Beispiele:

  • Wir hatten letzten Sommer eine Grundberührung. Nichts tragisches, laut Werft „a few scratches“. Foto davon? Wie, traut Ihr uns nicht? Don’t worry.
  • Sollte man das gekratzte Antifouling dort ausbessern? Die Werft bietet ein völlig anderes Produkt, als unser teuer in Griechenland aufgebrachtes Coppercoat. Gibt’s in Estland kein Coppercoat? Keine Ahnung, was nun passiert ist.
  • Bitte Angebot für Motor-Service, Getriebeölwechsel. Ach, das haben wir schon gemacht.
  • Verhandlungen über ein neues Süllbord (Holzleiste unter der Reling) ziehen sich so lange hin, bis unsere Anfrage mit ‚dieses Jahr klappt es eh nicht mehr‘ beschieden wird.

Whatever, wenn wirklich alles getan wurde, was so für ein Boot getan werden muss (Opferanode, Ölwechsel), dann ist’s ja wohl auch OK. Bin gespannt auf die Rechnung. Ich frage Boris, wie es jetzt weiter geht. Er meint, um 15:00 kommt der Kran, der die Masten auf’s Schiff bringt, bis dahin könnte ich das Schiff von der Nordseite des Hafens bis zur Südpier bringen. Gut meine ich, gehe in meine FeWo, und arbeite noch etwas. Eine halbe Stunde später geht Boris zu unserem Schiff, Brumm, und parkt um. Ach, wisst Ihr was, macht doch einfach.

Mir kommt wieder in Sinn, was Frank (der evtl. von einem Freund zitiert) immer sagt: „Man hat das Gefühl, das viele der Leute, die im Umfeld der Hobby-Schifffahrt ihr Geld verdienen, es trotzdem eher als Hobby betreiben“. Da gibt es Gästehäfen, bei denen unsere Anfrage unbeachtet im SPAM verschwindet. Angebote scheinen eher was für Spießer zu sein. „Auf Lager“ bedeutet nicht, dass es bald versendet wird. Noch immer warten wir auf eine Rückmeldung von der Firma, die uns mit digitalen Karten versorgen will. Ein Trauerspiel.

Um 15:00 kommt tatsächlich der Kran, in 40 Minuten stehen beide Masten auf dem Schiff – noch nicht ausgerichtet und unter Spannung, aber drauf auf der Seestern. Noch während ich mein Handy einsammle, welches ein Zeitraffer-Video machen sollte, legt Boris mit der Seestern ab und fährt an einen anderen Steg. Ich komme mir richtig nützlich vor. Offensichtlich bekommt noch ein anderes Schiff seinen Mast, und der Kran scheint pro Stunde richtig teuer zu sein. Boris braucht immerhin zwei Anläufe, um die Seestern an den Steg zu bringen (Mit Backbord anlegen ist auch nicht die Schokoseite), und ich nehme ihm eine Leine ab. Sobald das Schiff so halbwegs am Steg liegt (ich habe die Leine noch in der Hand), meint er: „I’ll leave you to take care of the lines“, und eilt zum anderen Schiff. Puh, der Kran muss wirklich teuer sein. Morgen früh kommen die Segel, die richtige Spannung auf die Wanten, usw…

Frank konnte nicht vor Donnerstag fliegen; ich habe also drei Tage Vorsprung. Ich überlege, hier auf Hiiumaa ein Auto zu mieten, oder zumindest ein Fahrrad. Das Fahrrad kostet 20 € am Tag. Noch während ich überlege, fällt mir ein, dass wir ja ein Bordfahrrad haben, welches ich auch nach einem ersten Schreck in der Backskiste finde. Stimmt, da hatten wir ja ein Platz dafür gefunden, zuvor lag es immer am Fußende meiner Koje. Mit dem Rad fahre ich am Abend in die Stadt. Ja, Stadt. Kärdla (dt: Kertel) ist die größte und auch einzige Stadt auf der Insel Hiiumaa. Es gibt sogar ZWEI Supermärkte, in einem kaufen ich mir ein paar Getränke. Es werden auf Google auch immer wieder Restaurants angezeigt. Man geht dann dahin, und denkt sich: „Oh, heute geschlossen“. Stimmt aber nicht unbedingt. Hier müsste eine Kneipe sein. Sieht zu aus. Vielleicht da oben, im ersten Stock, von der Außentreppe aus? Ich glaub’s ja nicht, gehe mal hoch, wenn ich schon da bin. Tatsächlich. Hier ist ’ne Kneipe. Die hat auf. Gut, ist nur ein Gast drin, und der geht auch bald. Danach gibt es hier ein Personal zu Gast Verhältnis von 2:1. Vielleicht liegt es an meinem Nicht-Beherrschen der estnischen Sprache. Vielleicht bedeutet „SISSEPÄÄS II KORRUS“ ja: ‚Kommt rein, sieht zwar geschlossen aus, aber nein, hier steppt der Bär’*. To be fair, während ich sitze, werden noch zwei weitere Tische besetzt, wahrscheinlich von Leuten, die SISSEPÄÄS II KORRUS verstehen.

Ich radle heim, und schreibe diesen Blog auf meiner Terrasse mit Blick auf den Sonnenuntergang, ein Bild welches ich aber vor habe, als ‚Remote Office Working‘ zu verkaufen.

*Ich hab’s geprüft, das wäre „Tuleb sisse, tundub suletud, aga ei, karu tantsib siin“

Fazit Estland und Helsinki

394,1 Seemeilen

Der Euro hat auch Nachteile. Eine Halbe Bier: 12,50€. Ein Teller Spaghetti Carbonara: 19,90€. Wir schlucken ganz schön – am Flughafen in Helsinki. Wäre das alles in einer Fremdwährung könnte man sich einreden, dass man den Wechselkurs nicht richtig gelesen hat, oder es halt einfach ignorieren. In Vietnam hat es mich ja auch nicht gestört, fünfzigtausend für ein Bier zu zahlen. Knappe drei Stunden Aufenthalt bevor der Anschlussflug nach München geht. Das Bier werde ich jetzt mal gaaaanz langsam trinken. Heute ist Samstag, und offizieller Heimreisetag. Flug von Tallinn nach München über Helsinki. Witzig der Flug mit dem kleinen Hupfer von Tallinn nach Helsinki. „Dear Passengers, this is Tomas, your pilot speaking. Welcome on board of our ATR 72-500 aircraft. We have just departed from Talinn airport in a northerly direction and are currently climbing to… oh no, sorry, we’re descending again. Cabin crew, prepare for arrival.“

Gestern hat es eigentlich sehr gut angefangen. Früh aufgestanden, fix die ganzen Klamotten eingepackt, um 9:15 kommt Boris, und fängt an, die Leinen an unserem Schiff zurechtzulegen. Am Ende der Rampe wartet der Radlader mit dem „Roodberg“, ein massiver, gelber, hydraulikbetriebener Slipwagen, mit dem sie die Seestern aus dem Wasser ziehen werden. Das ist neu für uns – bislang war es immer ein Kran mit Schlaufen, der uns aus dem Wasser gehoben hat. Wir bitten noch um drei Minuten, um unser Gepäck zu entladen (das geht leichter auf den Steg, als dann von dem aufgebockten Schiff). Hiller brüllt etwas vom Radlader, und Boris geht mit ihm konferieren: „you have some minutes, still“ meint er. Die Konferenz dauert etwas länger. Dann kommt er wieder. „The bad news: we can’t take your ship out of the water right now, there is a problem with the hydraulic pressure. The good news: the problem didn’t develop while we were taking your ship out.“ Immer diese Ausreden, denke ich mir, und mache mich auf den Weg zu den Hafen-Waschmaschinen. Dabei komme ich an dem gelben Radlader vorbei. Darunter ist ein riesengroße Ölpfütze. Doch keine Ausrede. Ich bin mir nicht sicher, ob die Bremsen bei dem Ding am gleichen Hydraulik-Kreis hängen, aber das wäre tatsächlich ein Spaß gewesen, wenn die versagt hätten, während die Seestern auf der Slip-Rampe gewesen wäre. Doch keine Ausrede. Aber der Plan für den Tag hat ein Loch. Keine Inspektion des Schadens am Kiel von dem kleinen Aufsetzer, kein detailliertes Besprechen der notwendigen Arbeiten. Damit bleibt nicht mehr so viel zu tun, bevor unser Bus um 16:45 ab Kärdla geht. Genaueres aussortieren der Lebensmittel auf dem Schiff (ungeöffnet mit Verfallsdatum ab Frühjahr ’24 darf bleiben, den Rest nehmen wir mit), ich muss mich immer wieder Franks Versuchen, jetzt noch diese oder jene Ecke aufzuräumen, erwehren. Boris hat sich zwischendrin gemeldet. Der Schade ist erkannt, eine kaputte Dichtung, leicht reparabel – mit einem Ersatzteil aus Tallinn. Dann doch noch ein kleines Nickerchen.

Mit viel Puffer laufen wir zum Bus, der fährt zu der und auf die Fähre nach Heltermaa, eine gute Stunde Überfahrt nach Rucola. Die Fähre ist nach „Leiger“ benannt, der Riese von Hiiumaa, und Bruder von Tõll, der die gleiche Funktion auf Saareema wahrnahm. Die Schwesterfähre heißt „Tiu“, das wäre die Frau von Leiger. Der Bus fährt weiter nach Tallinn. Am Abend gehen wir wieder ins „Manna la Roosa“, aber die süße Bedienung hat leider frei.

Jetzt sitze ich also am Flughafen in Helsinki, und schreibe diese Zeilen, damit wird es mal wieder Zeit für das „Fazit“ zu Estland.

Wie schon Estland bin ich absolut positiv von Estland beeindruckt, diesmal halt weniger überrascht. Nix Ex-Soviet, das hier ist eine Kopie von Skandinavien. Die Leute sind freundlich, und die meisten können ganz gut Englisch. Eine andere Deutsche beschrieb mal den „unbedingten Willen, dass aus dem Land was wird“, und ich glaube, da hat sie Recht. Gerade in Tallinn könnte ich es länger aushalten. Der Rest des Landes ist schön, sehr gepflegt; aber auch etwas wenig los. Die Häfen als Ende einer Straße im Wald sind etwas irritierend. Auch die Busfahrt ein bisserl ähnlich wie in Lettland. Viel Wald. Interessant ist die estnische „no fucks given“ Haltung bei ihrer Sprache. War in Lettland noch viel Information sowohl auf Lettisch als auch in Englisch (und oft mehr) vorhanden, sind die Esten da selbstbewusster. Hinweisschild auf eine Touristenattraktion: Das reicht doch auf Estnisch: „Haapsalun piiskopilinna“, das Linna Burg oder Schloss heißt, hat man doch schnell raus, und das Piiskop was mit einem Bischof zu tun hat – jetzt stellt Euch nicht an. Dennoch – ein cooles Land – ich empfehle es weiter.

Season’s end

Eigentlich hatte ich gedacht, dass nach dem letzten Eintrag nimmer viel kommt. „bla bla, … sind zum Hafen für das Winterlager gefahren, dort haben dann die Typen von der Marina, bla bla, dann zum Bus, nach Tallinn, und Flug nach Hause, bla bla“.

Na ja, all das oben war, oder wird sein. Aber tatsächlich kam mir in den letzten 24 Stunden so oft der Gedanke ‚der Blog schreibt sind von alleine‘, dass es jetzt vielleicht doch länger wird. Das mit dem ‚alleine schreiben‘ ist eh nicht. Jeder Buchstabe, bzw. Blogstabe ist von mir handgetippt. Aber darum geht’s nicht.

Am Dienstag sind wir – wie angekündigt – nach Hiiuumaa gefahren, die Insel auf der unser Winterlager in Kärdla liegt. Wir sind im Fährhafen Heltermaa geblieben, wir nennen es Helter-Skelter obwohl man es eigentlich aussprechen kann. Für JUB ist es so einfacher, weil er am Mittwochmorgen die Fähre und den Bus nach Tallinn nehmen kann, um seine Heimreise zu gestalten. Es pisst. Frank und ich warten bis kurz nach 14:00, bevor wir weiterfahren. Kärdla liegt auf der gleichen Insel, ist aber ca. 4h entfernt. Die Kommunikation mit unserer Winterwerft lief bislang etwas unverbindlich, deshalb sind wir eh nicht ganz sicher, was uns erwartet.

Noch während der Einfahrt bemühe ich Google, wo man den in Kärdla was zwischen die Kauleisten bekommt. Eile nach dem Anlegen scheint geboten, fix das Anleger-Bier, und dann auf. Briis‘ Grill direkt am Hafen hat laut Google bis 21:00 auf, ist aber ganz offensichtlich: ZU. Die Nachsaison hat zugeschlagen, und Google hat’s noch nicht gecheckt. Hmm, am Strand gibt es ein weiteres Restaurant. Sicherheitshalber rufe ich an. „Ja, wir haben auf, aber beeilen Sie sich, die Küche macht in 30 Minuten zu. Ja, eine Reservierung sei trotzdem zu empfehlen“. Wir eilen. Es handelt sich um das Grillrestaurant Rannapaargu, echt chillige Lage direkt am Meer. Es macht uns misstrauisch, dass nur ein Auto davor steht, und als wir eintreten, werden wir als einzige Gäste begrüßt. Reservieren, haha. Da die Bedienung nicht viel zu tun hat, ist sie auskunftfreudig: ja, die Saison ist vorbei, eigentlich verdient das Restaurant seinen Jahresumsatz von Juni bis Mitte August. Den Rest des Jahres hat es auch auf, aber viel ist nicht los, manchmal ein Geburtstag. An drei Tagen der Woche hat der Chefkoch frei, da ist dann Suppentag. Nach Küchenschluss kommen noch zwei weitere Tische, auch die bekommen noch was zu Essen. Man ist wohl flexibel.

Danach gehen wir zum Hafen zurück, wo wir auch bei der Ankunft keinen Hafenmeister gefunden hatten. Kein Hafenmeister, kein Code für die Toiletten. Hmmm. Es gibt noch die Šampanjabaar „Kork“, und die bunten Terassenlichter lassen vermuten, dass sie noch auf haben. Also mal dahin, ggf. halt deren Toilette benutzen. Durch’s Fenster sehen wir eine gemütliche Gruppe, die gemütlich vor einer Leinwand sitzt. Als wir allerdings den Gastraum betreten – nichts. Unser „Hallo“ hallt unbeantwortet von den Wänden wider. Hmmm. Wir überlegen noch, was zu tun ist, da kommt eine Bedienung aus dem Raum nebenan (der mit der Leinwand) – ja, wir haben schon auf, aber am Mittwoch ist Kinotag, da treffen sich ein paar Kärdlaner zum Kino gucken. Es wäre ein dänischer Film mit estnischen Untertiteln – keine Lust? Egal. Sie verkauft uns zwei Gläser Wein und lässt uns in dem Gastraum alleine. Wir könnten jetzt auch die ganzen Whisky-Vorräte der Bar plündern, würde niemand merken. „Der Blog schreibt sich eigentlich von selbst“, stelle ich fest. Die Bedienung kennt auch den Code für die Hafen Toiletten: „1458#“, solltet Ihr mal in die Verlegenheit kommen. Wir trinken zwei Gläser Wein, und erkunden danach noch den Hafen. Uns interessiert besonders der Kran in der Ecke, der aktuell von zwei Polizeibooten blockiert wird. Wirkt a bisserl klein für unser Schiff. Tatsächlich ist er mit 3500kg gekennzeichnet, ungefähr ein Viertel der Seestern. Wir resignieren etwas – wahrscheinlich wird es nix damit, dass wir bis Freitagnachmittag das Schiff aus dem Wasser bekommen. Oh well. Wir gehen auf’s Schiff, überlegen noch, dass wir vielleicht mal im Winter kommen sollten; nicht nur wegen der Seestern, sondern auch um Estland mal Null-Saison zu sehen.

Am nächsten Morgen bereiten wir uns dennoch vor – die beiden Markos der Winterwerft meinten, ein Boris käme und nähme sich unserer an. Tatsächlich treffe ich ihn um neun im Hafenbüro, zusammen mit Kaja, die uns auf der Boot in Düsseldorf von Kärdla überzeugt hat. Boris meint, dass sie heute die Masten ziehen würden; wenn wir bis Mittag die Segel abgenommen hätten und uns dort, vor die Polizeiboote legen würden, wäre das herzallerliebst. Wir schöpfen Hoffnung. Langsam sind wir etwas geübt, in weniger als zwei Stunden schlagen wir die Segel ab, die Lazy Bags und lösen die elektrischen Verbindungen vom Mast. Wir tuckern an die zugewiesene Pier. Beim Segeln als Hobby ist es Tradition, einen Anlegeschluck zu feiern. Auch wenn wir nur 200m gefahren sind, und es erst elf Uhr morgens ist – wir haben angelegt. Es hilft ja nix – es gibt ein Bier.

Wie angekündigt kommt Boris um 13:00 mit zwei Helfern. Sie bereiten allerlei vor, ignorieren geflissentlich diverse Sicherheitsregeln (Boris steigt ungesichert mit Gummistiefeln auf unseren 8m hohen Besanmast), aber was unser immer noch fehlt: der Kran. Boris klärt uns auf: Die Masten werden nicht mit dem fest montierten Kran gezogen – der wäre unpraktisch. Statt dessen käme ein Multilift, das wäre besser. Nach einer Stunde sind die drei fertig. Boris meint, „now we have to wait – warten“. Sie würden einen Kaffee trinken gehen- ob wir auch mit wollen? Why not. Wir laufen aus dem Hafen in Richtung Stadt, kommen an einer kleinen Kaserne vorbei. Vorbei? Nein, nicht vorbei. Boris‘ Helfer hat eine Key-Card für das Kasernentor, sie führen uns in das Wachgebäude, grüßen den Wachhabenden, und gehen in die kleine Mannschaftsküche… der Blog schreibt sich von selbst. Wir erfahren dann, dass das nicht reguläre Armee sei, eher so etwas wie Zivilschutz oder Nationalgarde, aber auf dem Tisch steht ein Verpflegungspäckchen der „Estonian Defense Forces“. Egal, der Dallmayr-Kaffee kommt aus einem Jura-Vollautomat, und wir sitzen ein wenig und unterhalten uns. Der Kran würde kommen, und morgen „Slippen“ sie uns aus dem Wasser. Slippen kenne ich so von kleinen Motorbooten, die auf ihrem Anhänger mit einer Rampe ins Wasser gelassen werden. Es gibt viele lustige Youtube Videos, was dabei schief gehen kann. Offensichtlich haben sie hier Equipment, wo das auch mit einer 13 Tonnen schweren Segelyacht geht. Wenn der Blog veröffentlicht wird, wird es wohl Fotos geben, aber noch bin ich gespannt.

Der Multi-Lift soll um 15:30 kommen.

Mit etwas Verspätung kommt ein Multi-Funktions-Muldenkipper, der zwischen Ladefläche und Fahrerhaus einen klassischen kleinen Palfinger-Kran hat. Nach einer dreiviertel Stunde ist aus unserem Segelboot eine Motor-yacht geworden, die beiden Masten liegen auf der Pier. Jetzt sollen wir auf die andere Seite des Hafens fahren, dort holen sie uns Freitag morgen raus. Wir tuckern über den Hafen, legen dort an, wieder ein Anlege-Bier – es hilft ja nix, und freuen uns. Es könnte tatsächlich klappen bis morgen.

Durch die verschiedenen Aktivitäten des Tages bin ich nie zum Frühstücken gekommen (bis auf das Bier um elf), deshalb habe ich Kohldampf, und wir machen uns auf Richtung Downtown (bitte nicht lachen). Auch in Estland gibt es Dosenpfand, und natürlich sind wir norm-konform und bringen es zum Supermarkt. Wir erlösen 4,10€, die man allerdings nicht bar ausgezahlt bekommt, sondern ausgeben muss. Eine Flasche Spüli, eine Viererpackung Snickers und vier Cent Zuzahlung: Success.

Dann suchen wir uns ein Restaurant aus, das „Hiiumaa Pruulikoja Resto“. Als wir es finden, sind wir enttäuscht – es wirkt komplett verlassen. Ein einziges Auto auf dem Parkplatz, die Terrasse komplett leer (gut, bei dem Wetter kein Wunder), aber auch sonst kein Lebenszeichen. Eher aus Trotz laufen wir noch um das Gebäude herum. Es wirkt fast, als ob im ersten Stock Licht brennt. Echt jetzt? Kein einziges Hinweisschild? Nichts? Wir gehen über die Außentreppe hoch, und treten in den freundlichen Gastraum ein. Die Esten sind komisch, und das Marketing scheint hauptsächlich über Mundpropaganda zu funktionieren. An allen Wänden hängen Fernseher, es läuft „Suur Pauga Teoria“ (also Big Bang Theory), ohne Ton mit estnischen Untertiteln. Eine der ersten Episonde, wo Sheldon Amy kennen lernt. Die Musik ist dabei eine geniale Mischung aus Spät-Sechziger und Früh-Siebziger Classic Rock. Danach kommen noch die Simpsons, noch eine Folge von Big Bang Theory, und dann Beverly Hills Cop. Der Blog schreibt sich von selbst.

Danach gehen wir zum Schiff zurück, Frank packt noch der Endzeit-Rappel, und er installiert eine Motorraum-Beleuchtung, während ich diese Zeilen schreibe. Und nun – bin ich aktuell. Es muss jetzt erst einmal wieder was passieren, bevor ich weiter darüber berichten kann. Ich warte. Ich warte….

Ach, wisst Ihr was? Ich veröffentliche das jetzt, und dann kommt halt morgen oder die Tage noch ein „Wie sind wir heimgekommen, und was ist mein Fazit zu Estland“ Beitrag.

The long road back

Ein langer Hupton erklingt über den Hafen von Dirhami. Wir sind etwas irritiert. Es ist nicht viel los, und wir haben während des Anlegerbiers niemanden gesehen, der Grund hätte zu hupen (Seemännisch: „Pfeifen“). Der Ton erklingt noch einmal, und JUB ortet die Quelle: Eine Saxophonistin läuft auf dem Steg gegenüber im Tross einer betrunkenen, feiernden Meute auf ein Boot zu, und sie hat wahrscheinlich den niedrigsten Ton gespielt, den ihr Sax hergibt. Wir können nicht widerstehen, und drücken auch auf unsere Pfeife. Die soll nur warnen, und hat ein schiefes Vibrato. Andere liegende Boote in dem Hafen folgen unserem Beispiel. Die Keira, ein estnisches Fischerboot gegenüber, hat seine Pfeife wohl schon länger nicht benutzt. „Pffftbbbbbrrr“. Man sieht Bröckerl aus der Pfeife kommen, vielleicht war das ein Vogelnest. Doch dann sind die Fremdkörper entfernt, und ein wirklich lautes Typhon erklingt mit durchdringendem „Tuuut“. Jetzt stimmt die Saxophonistin den „Rosa Panther“ an, da können wir nicht mithalten. Sie klettert auf ein Segelboot, welches ablegt und in die Abenddämmerung ausläuft.

Wir sind bei leichtem Wind von Lohusalu nach Dirhami gesegelt; da waren wir zwar schonmal, aber so eng gesät sind die Häfen auch nicht – der nächste wäre vier Stunden weiter, und das fast ohne Wind. Außerdem – das Restaurant war nicht schlecht, da könnte man auch was anderes von der Karte probieren. Tatsächlich ist heute das „Crayfish Festival 2023“, es gibt eine live spielende Solo-Künstlerin (Die Saxophonistin hat auch ein Keyboard und kann singen), und der Laden ist proppevoll. Crayfish ist irgend so ein Viech wie Hummer, Languste oder Shrimp, genau wissen wir’s nicht, aber es gibt die Probier-Vorspeise „1 Crayfish with one glass of Aquavit“. Na dann, her damit. Es kommen drei Mini-Hummer, und Frank bemüht Google-Translator zu „Flusskrebs“. Mühsam bekommt man aus der Delikatesse ungefähr so viel Fleisch wie meinen kleinen Finger, aber wir mutmaßen, dass es auch eine „gesehen werden“ Speise ist. Der laute Tisch in der Mitte – die Gruppe, die am Nachmittag mit Segelboot und Saxophonistin auslief – bekommt eine große Platte. Am Strand vor dem Lokal ist ein großer Scheiterhaufen aufgebaut, einen ähnlichen hatten wir am Vorabend in Lohusalu gesehen. Wir fragen die Bedienung danach. Wie beim letzten Mal glänzt diese mit komplettem Unwissen, ist aber sehr freundlich. Es kommt die Chefin, und erklärt, dass er heute um 20:30 angezündet wird, um das Ende der Sommersaison und der Ferien zu feiern. Also ein SonnEndfeuer. Ob da überall an der Küste eines steht? Pünktlich um halb neun wird der Haufen angesteckt, wir nehmen noch einen Nachtisch.

Danach noch etwas in das runterbrennende Feuer schauen, das mir irgendwie symbolisch für das Ende unseres Urlaubs und der diesjährigen Segelsaison ist. Oli ist schon abgereist, wir haben uns endgültig für das Winterlager entschieden, und die Rückreise geplant, und JUB hat seine Rückreise ohne Flugzeug klar gemacht (Bus nach Tallinn, Fähre nach Stockholm, Nachtzug nach Hamburg, Zug nach Fellbach). Auch unsere Hafenplanung ist weniger nach dem Prinzip „Wo können wir zu aufregenden neuen Ufern aufbrechen?“ sondern mehr „Wie wählen wir die nächsten Häfen, so dass uns nicht der Wind irgendwo festsetzt, wo wir danach nicht mehr nach Kärdla kommenl?“

Tatsächlich sind auch an anderen Stellen der Bucht Feuer zu sehen, und an einer Stelle ein richtige Lichterkette. Bei genauerer Beobachtung bewegt sich die Lichterkette. Als wir am Ende der Hafenmauer stehen, weht der Wind Fetzen von Stimmen oder Gesang zu uns rüber. Wir beginnen, unsere Phantasie freien Lauf zu lassen. Wahrscheinlich lauter Gestalten in schwarzen Kutten, die auf Estnisch „Tod den Touristen“ in makabren Sprechgesang beschwören – und sie bewegen sich auf unseren Hafen zu. Bibber. Wir riskieren einen Blick – keine Kutten, dafür Familien und andere Grüppchen die an einer Nachtwanderung teilnehmen. Das Chorale kommt von dem Anführer der Gruppe, der in ein Funkgerät wissenswertes zur Geschichte erzählt. Blechern klingt es aus den Walkie-Talkies, die die anderen Teilnehmer tragen. Dennoch – die Gruppe läuft hinter dem Restaurant auf eine Wiese ein, die auch von hunderten Kerzen gesäumt ist. Sehr romantisch, das alles.

Am nächsten Morgen, als ich von der Dusche komme, treffe ich die Saxophonistin auf der Treppe des Restaurants sitzen und spreche sie an. Sie wäre „Komponistin“ und Musikerin und hat gestern zu dem Geburtstag des Eigentümers der Restaurants und einiger angeschlossenen Betriebe gespielt. Jetzt wartet sie, dass die Partygänger aufwachen, damit sie ihr Saxophon aus einem Auto holen kann, und mit dem Bus wieder zurück nach Saareema fahren. Aber immerhin – sie bekommt im Restaurant frische Pfannkuchen und Kaffee für umsonst, und wurde auch gestern mit der ganzen Gruppe verköstigt. Das Leben der Künstlerin: „Heute Kaviar und Champagner, morgen Spaghetti mit Salz“.

Am Tag drauf ist scheußliches Wetter und Sturm angesagt, da wollen wir lieber einen Hafen an einer Stadt haben als unsere vorher geplante Alternative. Also wieder nach Haapsalu, obwohl wir da auch schon waren. Die Alternative wäre Sviby auf Vormsi, gewesen, krasseste Beispiel eines End-of-the-road-Hafens, welches unser Hafenhandbuch beschreibt. Eigentlich nur der Fähranleger mit ein paar Stegen daneben, 7km zur nächsten Ortschaft. Wir warten dennoch den Vormittag in Dirhami ab, am Nachmittag soll der Wind günstiger für unseren weiteren Weg werden. Es wird ein schöner Segeltag, nur die letzten 45 Minuten müssen wir unseren Diesel bemühen, um die enge Zufahrt zum Hafen zu meistern.

Richtige Entscheidung – am Montag regnet es von morgens um sieben bis nachmittags um fünf abwechselnd stark, mäßig, reichhaltig, und ergiebig; dazu peitscht der Wind bis zu Sturmstärke. Immerhin – die perfekte Zeit, um etwas Workcation zu machen. Dienstag geht’s weiter auf die Insel Hiiuma, wo wir die Seestern für den Winter lassen.

Tallinn

„There are many bears in the forest of Estonia, they are quite abundant“, erklärt die Bedienung. Das ist jetzt keine Warnung an uns, sondern erklärt, warum auf der Speisekarte tatsächlich Bärenfleisch angeboten wird. Wir informieren uns – ähnlich wie Rindfleisch, etwas würziger, etwas wilder.

Das „Olde Hansa“ ist ein mehrfach empfohlenes Restaurant inmitten von Tallinn. Auf Mittelalter getrimmt, hat es auch etwas von Touristenfalle, aber Diana (siehe Blog zu Malaga) hat es empfohlen. Wir sind anfangs von den Preisen auf der ausgehängten Karte schockiert, da mehrere der Hauptgerichte dort für über 60 Euro daherkommen. Hmmmm. Ach mei, was kostet schon die Welt. Es ist Olis letzter Urlaubstag, morgen früh um kurz vor fünf muss er sich zum Flughafen aufmachen. Frank, JUB und ich setzen uns schonmal auf ein Bier hin, und Oli läuft noch 30 Minuten durch die Abenddämmerung in Tallinn – wir werden das morgen machen. Wir kämpfen uns derweil durch die Speisekarte, die etwas unüblich aber nicht ungeschickt gegliedert ist. Es gibt Speisen für wohlhabende Reisende, Speisen für den Adel, und Speisen für König:Innen. Hinter jedem Gericht steht noch die Getränkeempfehlung, kein blöder Schachzug, wenn man zu diesem Gericht noch den genau passenden Schnaps empfiehlt, obwohl man eigentlich gar keinen Schnaps wollte. Wir überlegen: wirklich Bär? Paddington Bear, Pu der Bär, Steiff-Teddies – kann man die wirklich essen? Na ja, mit einer guten Sauce wahrscheinlich schon. Der Bär steht in dem Kartenbereich für die Monarchie, und wird für 68 Euro aufgerufen. Wir machen einen Kompromiss – bestellen vier verschiedene Gerichte und lassen den Teller nach jeweils einem Viertel weiter rund gehen. So kommt zum Bären noch „A generous Share of the finest Game fillet“ für Könige, Iberico Rippchen für den Adel, und Lamm nach Livländischer Art – mit Himalaya Gewürzen (Häh?!?). Dazu noch der Reval Fleisch-Probierteller, dunkles Bier mit Kräutern, und am Ende ein gewürzter Claret. Alles serviert von einer Maid in typischem Mittelaltergewand, die uns ehrfürchtig als „erlauchte Herrschaften“ anspricht. Das Essen lecker, der Bär – mei, irgendwie wie geschmorte Rinderbäckchen. Am Ende noch die Entscheidung nach der Zahlweise: „Gold Coin or Magic Coin?“

Nach Tallinn sind wir von Dirhami gesegelt, ein laues Lüftchen von hinten, mit unserem Blister (Leichtwindsegel). Es klingt vielleicht komisch, aber Wind von hinten ist gar nicht so ideal wie man denken könnte. Eigentlich müsste man dazu aufwendig einen Spinnacker setzen, aber mit anderen Segeln ist ‚vor dem Wind‘ nervenaufreibend. Kommt der Wind zu sehr von hinten, hält den Blister nichts mehr draußen. Mit erheblichem Getöse verwandelt sich das bis eben prall gefüllte Segel in ein flatterndes Ungetüm, und man muss fix korrigieren damit des sich wieder füllt. Außerdem ist vor Tallinn ein sogenanntes „Verkehrstrennungsgebiet“, eine in der Seekarte ausgewiesene Autobahn, auf der wir Freizeitkapitäne nix verloren haben. Es ist zwar den ganzen Tag hier noch kein Schiff gefahren, aber das wäre auch keine Ausrede, auf der Autobahn Fahrrad zu fahren. In der Bucht vor Tallinn tauchen an dem schönen Nachmittag noch viele Segler auf; kurz nachdem wir vor dem Hafen die Segel geborgen haben, kommen wir fast einer Regatta in die Quere. Auf dem AIS – wo die voraussichtliche Route der Boote angezeigt wird – sieht es zum Fürchten aus. Die Stadt-Marina von Tallinn liegt direkt hinter den Fähranlegern in einem Viertel, das wohl mal Speicherstadt und Industriegebiet war. Direkt am Hafen weicht das Industriegebiet gerade einem modernen Viertel wie südlich der Arnulfstraße in München. Zu Fuß sind es 15 Minuten in die Altstadt.

Früher hieß die Stadt Reval, doch um dem EU-Verbot von Zigarettenwerbung zuvor zu kommen wurde sie umbenannt. Entspannt ziellos schlendern wir am nächsten Mittag in die Stadt, essen in einer mittelalterlichen Gasse eine Pizza, lassen uns danach von der Tourist Information noch ein paar Beauty Spots zeigen (Besonders die Aussichtspunkte von der Oberstadt auf die restliche Altstadt), und trinken noch ein Kaffee an einem Platz, wo gerade für ein Ukraine-Benefiz-Konzert geprobt wird. JUB und ich gehen nochmal zum Schiff und laufen dabei durch die ehemalige Speicherstadt, die mit aufregender Architektur wohl vor wenigen Jahren wieder zum Leben erweckt wurde. Aus alten Gemäuern wachsen verspiegelte Glaswürfel in den Himmel, an jeder Ecke ein Restaurant. Sehr hip, gefällt mir gut. Allerdings schafft es keines der Restaurants, uns zu überzeugen, und so landen wir am Abend in einem weiteren Tipp von Diana: dem „Manna la Roosa“, welches mit aufregenden Cocktails, einer attraktiven Bedienung und außergewöhnlichem Ambiente auf uns wartet.

Die Windprognose für die nächsten Tage tritt unseren Plan, nach Helsinki zu fahren, in die Ronne, möglicherweise würde uns ein starker Westwind eher im Golf von Finland festhalten, deswegen fahren wir an der estnischen Küste zurück. Am nächsten Tag ist Flaute angesagt, deshalb vertrödeln wir auch diesen Vormittag mit Chillen und etwas Arbeiten, bevor wir weiter nach Lohusalu fahren. Auch dieser Hafen eher ein Ende der Welt, aber tatsächlich hat das Restaurant gute Kritiken und ansprechende Bilder der dargebotenen Speisen. Beim Anlegen fällt mir am Steg ein dickes braunes Nagetier auf, welches aber zügig flüchtet. Nach dem Anlegen, beim obligatorischen Bier, sehen wir weitere ähnliche Tiere, die irgendwie Marder, Frettchen, Nerze oder Otter sein können. Was ist eigentlich der Unterschied? Wir fragen Chat GPT, und es entwickelt sich eine interessante Unterhaltung, wo wir immer wieder versuchen mit neuen Fragen das Tier einzugrenzen („es kann schwimmen“), und uns Chat GPT rät, auf Gesichtsform und Körperbau zu achten, so penetrant, dass ich beim Vorlesen der Ergebnisse etwas kreativ mit der Wiedergabe werde. Chat GPT: “ Du bist jetzt einfach zu faul, auch die Geschichtsform zu achten, oder?“ Als ich zum Hafenmeister gehe, der nicht besonders gut Englisch spricht, frage ich nach dem Tier. Bevor ich den Satz fertig habe sagt er: „Mink. American Mink.“ Vielleicht bin ich nicht der erste der fragt. Also ein Hauch von Nerz, hier eine invasive Spezies. Das Restaurant hat leider zu, deshalb bemühen wir unsere Vorräte für den Abend.

Curacao, Rucola, Louisiana – estnischer Hafenkunde.

„Lööu-na-rannaa“. Olaf sagt es mir nochmal vor, aber ich bin einfach zu blöd es mir zu merken. Estnisch erschließt sich mir nicht intuitiv. Es ist eine eng mit dem Finnischen verwandte Sprache, damit auch ein wenig mit dem Ungarischen. Zu allen fehlt mir der Zugang. Ich zitiere ein wenig Wikipedia: „Estnisch ist eine flektierend-agglutinierende Sprache, und besitzt 9 Monophthonge, die in drei Quantitätsstufen (kurz vs. lang vs. überlang) auftreten können. Die Quantität gilt hierbei als distinktives, also bedeutungsunterscheidendes Merkmal.“ Den Rest des Artikels habe ich erst recht nicht mehr verstanden. Jedenfalls gibt es einen Buchstaben „Õ“, der dem deutschen „Ö“ ähnlich ist, aber halt nur ähnlich. Ein estnisches „Ö“ gibt es auch. Dazu lauter Buchstabendoppelungen, die offensichtlich die Bedeutung ändern. Na super. Wir geben auf, wenn wir unter uns von den Häfen reden. Kuressaare wird zu Curaçao, Rohuküla zu Rucola, und Lõunaranna wird zu Louisiana. Aber die Esten sind geduldig, und freuen sich wie ein Schnitzel, wenn man sich landessprachlich bedankt. Ich hab‘ mir „Aida“ gemerkt, aber Google meint „Aitäh“; wenn man genug nuschelt kommt es trotzdem an.

Olaf ist der Hafenmeister von Louisiana, ich treffe ihn, als er gerade eine schwedische Fahne von der Ansammlung von Fahnenmasten im Hafen einholt. Offensichtlich ist es in vielen Häfen die Gewohnheit, die Flaggen der aktuell dort liegenden Schiffe zu zeigen. Ob er gleich wegen uns eine deutsche holen wird, frage ich ihn, und er erwidert voll des Ernstes, dass er das natürlich vorhat, jetzt wo er weiß, dass wir hier sind. Ich versuche ihn zu beruhigen, wir wären sicher nicht beleidigt, würde er es unterlassen. „Aber nein“ meint er, und warum wir Deutschen immer so verschämt wären, mit unserem Patriotismus? Ich mutmaße, dass es an zwei angefangenen und verlorenen Weltkriegen liegt, aber er relativiert sofort, dass die Soviets ja viel schlimmer waren.

Wie öfters hier, ist der Hafen ein Kombi-Paket mit Zeltplatz, und an der Rezeption hängt außen eine Bierwerbung. Innen läuft unbeachtet ein Fernseher, es gibt einen Kühlschrank mit Bier und einen großen gemütlichen Tisch. Ich sehe die Chance, hier mal etwas mit einem echten Esten zu sprechen, und frage ihn, ob ich ihn auf ein Bier einladen kann. Ach ja, warum nicht meint er, und wir setzen uns mit jeweils einer Flasche an den Tisch. Ich schreibe fix den anderen, warum ich nicht von der Toilette wiederkomme, und ob sie auch Lust haben, aber erstmal trinken wir jeder zwei Flaschen alleine. Olaf war vor dem Ruhestand Bauunternehmer, heute betreibt er den Campingplatz und Hafen als Hobby, weil er dann viel Zeit hat, sich um seine Enkel zu kümmern. Nach einer guten Stunde, im Fernsehen kommt eine Aufzeichnung eines Konzertes mit traditionellem Liedgut zum heutigen Nationalfeiertag, gesellen sich die anderen zu uns. Ein paar Fragen werden nochmals durchgekaut, und im Fernsehen kommt eine Art Kammerspiel zwischen zwei Kabarettisten, die irgendwie die alte und neue Zeit verkörpern. Was haben wir erfahren? Eine Auswahl:

  • Die Saison in Estland ist Mitte August vorbei.
  • Das Segeln, oder überhaupt Bootfahren als Hobby hat in Estland keine Tradition (mehr), da in Sovietzeiten das private Bootfahren natürlich nur Fluchtvorbereitung war.
  • Die estnischen Gewässer sind sehr mit Vorsicht zu genießen, wegen der vielen Steine. Einschub: Auf dem Weg hierher bin ich mit dem Kiel auf Steine gerumpelt, in einem Bereich, wo die Seekarte eindeutig mehr Wassertiefe angezeigt hat. Mal sehen, was uns das kostet, wenn wir das Schiff aus dem Wasser holen.
  • Das Meer könne in dieser Gegend in manchen Jahren bis zu einem Meter zufrieren, das würde dann viele Steine verschieben. Einschub: ich bezweifele dass es daran liegt.
  • Der Westen wäre viel zu naiv, wenn es um die Bedrohung durch Russland geht. Hier, ca. 120 km von der russischen Grenze, wäre die Gefahr viel offensichtlicher.
  • Hauptwirtschaftszweige: Holz und IT-Dienstleistungen.
  • An die Mücken gewöhnt man sich. Einfach ignorieren.
  • Estland und Lettland wären sich kulturell sehr ähnlich, Litauen allerdings eher anders.
  • Deutsche Kultur hat die beiden Staaten sehr geprägt, und wird (zumindest von Olaf) als sehr positiv angesehen. Auch wenn es schon lange nicht mehr zu deutschem Staatsgebiet gehören wurde, war das Land stark von deutschem Adel geprägt, und Deutsch war bis mindestens 1918 die Kultur- und Hochsprache, ebenso wie Französisch in anderen Teilen Europas.
  • Der Re-Boot des Landes nach der Unabhängigkeit 1991 war eine aufregende Zeit.

Obwohl wir eigentlich schon genug haben, trinken wir danach auf dem Schiff noch ein klitzekleines Gläschen Rum. Wieder ein gelungener Abend.

Noch ein Thema zu den Häfen hier. Es ist tatsächlich eher seltener, dass der Hafen der Mittelpunkt eines netten Fischerstädtchens ist. Die meisten Häfen sind vom Meer aus als zwei bis drei Häuser zu erkennen, die dort gebaut wurden, wo die Straße aus dem Wald kommt (Bislang in dieser Kategorie: Mõntu, Kõiguste, Lõunaranna). Wenn man an Land geht, erkennt man noch drei bis vier weitere Häuser, aber dann ist meist Schluss. Immerhin scheinen manche dieser End-of-the-Road Häfen auch Ausflugsziele zu sein, deshalb ist manchmal ein Restaurant dabei.

Ziel des nächsten Tages ist Haapsalu, mit einem kurzen Tank-Stopp in Kuivastu. Wir kommen eher am Abend an, das Restaurant hat eine geschlossene Gesellschaft, aber so machen wir Hähnchen-Curry. Haapsalu, früher Hapsal ist nett, bekannt für sein Schlammbäder zu Kurzwecken. Bischofskastell, Kurhaus, nette Altstadt, Tschaikovsky-Gedächtnis-Bank, theoretisch auch einige Museen. Wir schlendern durch Haapsalu, danach an der Promenade zurück. Das Städtchen wurde ordentlich rausgeputzt. Was wir am Ende aber wirklich neu finden: Neben der Reha-Klinik ist ein Behinderten Spielplatz/Trimm-Dich-Pfad/Parcours. Schaukeln sind auf Rollstühle angepasst, es gibt einen Parcours mit diversen Hindernissen, die ein Rollstuhlfahrer umgehen muss (10 cm hohe Schwelle, Kopfsteinplaster), und verschiedene Sportgeräte, die man anfahren kann. Am Nachmittag frischt der Wind endlich auf, und wir fahren weiter nach Norden. Wir haben beschlossen, nach Tallinn zu fahren, und danach nach Helsinki – so bringen wir Oli zum Flughafen, und machen immerhin einen Abstecher in eine Stadt, die den meisten Leuten vom Namen her geläufig ist. Als Zwischenstation dorthin halten wir in Dirhami an, wo es ein tolles Fischrestaurant geben soll. Tatsächlich eine eher ambitionierte Küche in einem weiteren End-of-the-Road Hafen, der offensichtlich auch von EU-Fördergeldern zur Herstellung der Infrastruktur profitiert hat.

Kõiguste 2023

Anetts neues Album kommt im September in den Handel, aber heute spielt sie schon einmal ein Lied davon für uns – sie hofft, dass es uns gefällt. Die Menge klatscht frenetisch; Anett stimmt „Little by little“ an. Den Titel, den habe ich immerhin selber verstanden, den Rest hat mir Niklas simultanübersetzt ins Ohr gebrüllt. Niklas hat einen Becher Bier in der Hand, amüsiert sich prächtig, umarmt seine Frau Külli und zieht weiter durch die Menge. Anett spricht wieder Estnisch vor ihrem nächsten Lied, ich verstehe gar nix. Dafür ist die Musik wirklich gut, ich bin positiv überrascht. Ich gebe meinen Platz in der dritten Reihe vor der Bühne auf, und geselle mich zu den anderen, die fast 20 Meter von der Hauptbühne des Kõiguste Festival 2023 stehen, und wir gratulieren uns zu dieser spontanen Entscheidung.

Auf das Festival sind wir durch ein Plakat in Kuressaare aufmerksam geworden. Es findet am 18. und 19. August statt, und als wir es lesen, ist es der 18. Witzige Idee, vielleicht. Blöde Idee, ist auch möglich. Wahrscheinlich ist der Hafen ausgebucht, es gibt keine Tickets mehr, und die Musik ist nicht unser Geschmack. Was nun? Der Hafen von Kõiguste liegt günstig für unseren weiteren Plan, super Alternativen gibt es nicht. Ein Anruf beim Hafenmeister klärt, dass es schon noch Platz im Hafen gibt, Tickets auch. Wenn wir an dem Tag kämen, müssten wir sogar Karten kaufen, aber vom Hafen aus würde man auch beide Bühnen hören und sehen. Niklas – der Hafenmeister – redet Deutsch und verabschiedet sich mit einem „bis später.“ Na gut, wir versuchen es. Als wir um 19:00 ankommen, ist der Hafen maximal zur Hälfte gefüllt, wir legen gaaaaanz entspannt längsseits an. Auf der Hauptbühne spielt gerade Maian, klingt ganz gut. Am Telefon hatte Niklas einen Preis von 49€ für das Ein-Tagesticket genannt, aber jetzt wo wir angekommen sind, ist er nicht mehr so sicher. Er sei nur der Hafenmeister, aber er fragt mal bei den Organisatoren. Kurz darauf, wir genießen im Cockpit unser Anleger Bier, kommt er zurück mit vier blauen Bändern – er will 80€, allerdings für alle vier.

Der Hafen von Kõiguste liegt hinter einer ca. 100 Meter breiten Landzunge, ein natürlicher Wellenbrecher für eine große Bucht, und besteht aus zwei modernen Schwimmstegen. Auf der Landzunge steht ein modernes Restaurantgebäude, die Duschen und Toiletten sind edel. Die Website der Marina https://www.koigustemarina.com ist familiär gehalten, Külli und Niklas und ihre beiden Kinder betreiben Hafen und Campingplatz. Ein Schild informiert uns, dass sich die EU mit 9,3 Millionen Euro aus dem Regional Development Fund an einer Verbesserung der Infrastruktur für Segler in Estland und Lettland* beteiligt – Eure Steuergelder arbeiten hier für meinen Urlaub, Danke!

Das Kõiguste Festival 2023 wird von Freunden von Niklas organisiert und hat alles was man von einem Festival gewöhnt ist: Mehrere Bühnen, mehrere Bars, andere Aktivitäten, Food Trucks, eine informative Website in estnischer Sprache. https://koigustefest.ee/ Am Samstag sind mehr als 21 Acts auf dem Plakat aufgeführt; ich habe von keiner einzigen Band jemals gehört. Gut, einige der Acts sind DJs, und auch „Beer Pong“ entpuppt sich einfach als das Trinkspiel in einem kleinen Zelt, und keine estnische Band. Aber das ganze so entspannt. Ich bin nicht gut in Menschenmengen schätzen, aber vielleicht 500 Besucher insgesamt? Wahrscheinlich ist es wie bei Demos: die Organisatoren sprechen von zehntausenden Fans, die Ordnungshüter von 100 Teilnehmern. Wir holen uns als Grundlage einen Pulled-Pork-Burger, und genießen gleich mal vier Becher Bier auf der Terrasse des Restaurantgebäudes. Von der kleinen Bühne klingen die Silky Steps und machen gute Stimmung. Was es für uns noch entspannter macht, ist das wir keine Erwartungen an die Musik haben. Man hört halt mal zu, wenn’s nicht so taugt, gehen wir auf’s Schiff und hören es aus dem Cockpit. Also auch kein aufgeregtes Drängeln um einen guten Stehplatz für die Lieblingsband. So lassen wir um 21:30 Anett einfach mal anfangen, und gehen erst dann zur Bühne. Hört sich gar nicht so schlecht an. „Contemporary Soul Singer-Songwriter“, meint ihre Website. Wir stehen am hinteren Rand der Fans auf der Wiese, fühlen uns nicht bedrängt. Aus Spaß will ich mal sehen, wie nah man an die Bühne kommt, denn Anett hört sich wirklich gut an. Ohne irgendjemanden anzurempeln komme ich direkt an die Bühnenkante, wo ich dann Niklas treffe. Wir sind uns einig: Spontan auf diese Festival zu fahren war eine richtig gute Idee.

Um Mitternacht kommen dann die „Bedwetters“ (wie kann man sich nur einen so bescheuerten Bandnamen ausdenken? Die werden wahrscheinlich unterdurchschnittlich Merchandise verkaufen, wer will schon ein T-Shirt mit ‚Bettnässer‘ drauf?). Von den Bedwetters haben wir immerhin in Kuressaare schon ein YouTube Video geschaut – klingt nach recht hartem punkigen Sound. Auf der Bühne beweisen sie dann aber ein recht vielseitiges Repertoire, auch etwas Heavy Metal dabei. Am Ende haben wir die Option ‚wir hören einfach vom Schiff aus zu, weil es eh nicht so wichtig ist‘ kein einziges Mal gezogen, sondern brav vor der Bühne gestanden und am Ende laut Zugabe geschrien. Die letzte Band sind um 2:00 morgens die Jozels. Interessant, aber nicht so meines – so finden wir um drei Uhr morgens den Weg auf das Schiff zurück.

Was für ein toller Abend…

* Ich hab mal kurz recherchiert, solche EU Tafeln haben wir schon öfters gesehen, und ich wollte auch wissen, ob jetzt dieser eine Hafen 9,3 Millionen Euro abgegriffen hat, oder ob das die Summe des gesamten Projektes ist: zweiteres trifft zu. Und die Recherche ergibt auch, dass bislang fünf der ersten sieben Häfen auf dieser Reise Projektpartner sind. Sie haben auch die Reise von Girts auf die Bootsmesse finanziert. http://www.evak.ee/est-lat-harbours.html

Mõntu

„Do you speak English?“ „No“
„Sprechen Sie Deutsch?“ „No“
„Hablan Usted Español?“ „No“
„Parlez-vous francais?“ „No“

„…“ „Gawarit pa Russky?“ Gequält gebe ich zu: „Tschut-tschut“, was meiner Erinnerung nach ein ganz kleines Bisschen bedeutet. Na gut. Besonders konstruktiv wird das Gespräch nicht, weil ich halt gerade weder 200g Vodka noch Pelmeni mit saurer Sahne bestellen möchte. Am Ende kommunizieren wir mit ein paar Brocken Russisch, Händen und Füßen, und mit Fingern angedeuteten Zahlen, dass wir zu dritt an Bord sind, wo die Duschen sind, und der Aufenthalt im Hafen von Mõntu uns 25€ kosten wird. Darüber hinaus kann ich in Erfahrung bringen, dass das große Gebäude eine Fischfabrik ist „Zawod Ribi“, aber erst ab Oktober Saison dafür ist.

Mõntu ist unsere erste Station in Estland; ein kleiner Hafen am südlichen Zipfel von Saareema. Bei der Ansteuerung – es ist schon etwas später – spähen wir nach Masten anderer Schiffe; hoffentlich haben die für uns Platz. Die Sorge war unberechtigt. Wir sind der einzige Gast. Nach dem Anlegen suchen wir Dusche & WC, und ob es irgendwo Wasser gibt. Alles wirkt verlassen. Neben dem Hafen – so ist es öfters hier im Norden – ist ein Camping Platz, der noch großes vorhat. Auf einer Wiese wachsen massenweise Stromkabel aus dem Boden, um später für Wohnmobile 230V zur Verfügung zu stellen. An einem Haus ohne Beschriftung bellt uns ein Hund an, der eine Halskrause trägt. Der Hund freut sich nicht uns zu sehen. Ein älterer Mann mit Rauschebart und kurzer Hose tritt aus dem Haus, bringt den Hund ins Haus. Ich bleibe alleine 20m vor der Tür stehen. Offensichtlich bringt er den Hund in einem verwinkelten Haus weit weg, denn es dauert eine halbe Ewigkeit, bis er wiederkommt. Das obige Gespräch spielt sich ab.

Mõntu ist wirklich am Arsch der Welt, aber irgendwie lauschig. Es ist der südlichste Hafen Estlands auf unserer Route, und der Wind war tagsüber nicht so prickelnd – auf ca. der Hälfte der Strecke immerhin genug für das Leichtwindsegel. Das aufregendste war eine Funkunterhaltung zwischen der lettischen Küstenwache und einer Segelyacht „Anthos“, offensichtlich aus Deutschland. Nach einiger Verwirrung beantwortet eine Frau Routinefragen: „woher, wohin, wie viele Menschen and Bord, irgendwelche Tiere oder Gefahrgut?“ Offensichtlich ist die Küstenwache glücklich und lässt die Anthos weiterfahren. Sie kommt ca. 90 Minuten nach uns an, und wir klären die Ursache der Verwirrung. Der Skipper Willie ist des Englischen nicht so mächtig, und seine Frau Gudrun musste erst vom Klo geholt werden.

Im Vorratschrank der Seestern finden sich noch Nudeln und Pesto, und natürlich der Wein aus Lübeck. Typisch Estnisch, halt.

In der Nacht frischt der Wind ziemlich auf, und wir schaukeln an unserem Anlegeplatz. Am nächsten Morgen dann Aufkreuzen nach Kuressaare. Ich stehe die letzte halbe Stunde die ziemlich enge Einfahrt in den Hafen am Steuer, als das Gewitter auch über uns losbricht. Zur Regenjacke hat es noch gereicht, aber Hose und Schuhe sind total durchweicht, als wir endlich im Stadthafen anlegen. Dort wartet Frank auf uns, er hatte einen günstigen Flug nach Tallinn geschossen, und dann den Bus nach Kuressaare genommen. Abtrocknen, etwas aufwärmen, und wir machen uns auf den Weg durch das abendliche Arensburg zu einem Restaurant.

Eigentlich ist Frank schon am Vorabend angekommen, und hat ein Auto gemietet, um den größten Meteoritenkrater Estlands, ca. 20km außerhalb der Stadt anzusehen. Er muss es erst um 13:00 zurückgeben, und so besuchen auch Oli und ich noch den Krater. Na ja. Ein willkommener Farbtupfer ist die orange Katze, die durch die Sehenswürdigkeit streicht. Dann noch aufproviantieren, zügigen Schrittes durch Kurpark und Bischofsburg, kurz eine Chorprobe anhören, und um 14:00 sind wir abfahrbereit.

Anreise

Die Stimme der Zugbegleiterin klingt etwas gequält, als der Zug vor Hamburg zum Stehen kommt. „Werte Passagiere, Sie merken, dass wir stehen. Es warten vor uns noch drei weitere Züge darauf, in den Hamburger Hauptbahnhof einfahren zu können. Somit ist die eben genannte Ankunftszeit von 16:00 leider auch hinfällig.“ Bis Berlin war es ganz gut gelaufen – nur 10 Minuten Verspätung. Südkreuz, Hauptbahnhof, Spandau – nun der Endspurt nach Hamburg, ohne Halt. Tatsächlich hält der ICE doch, nur nicht planmäßig. Anfangs achtete ich nicht groß darauf, aber langsam wird’s auffällig. Aus dem Fenster sehe ich das Ende eines Bahnsteiges, ein Haltepunkt. Der Zugbegleiter erklärt, dass es eine Weichenstörung auf der Strecke gibt, aber bestimmt erholt sich die Weiche bald wieder. Nach 10 Minuten erklärt er, dass die Weiche noch immer gestört sei, aber sie nun immerhin die Türen in dem Bereich öffnen würden, wo der ICE am Bahnsteig steht. Es beginnt ein Exodus von Rauchern aus dem hinteren Zugteil zu der ersten Tür am Bahnsteig. Wir stehen im lauschigen Paulinenau, auf der Wiese neben dem Haltepunkt steht ein Storch. Nach weiteren 15 Minuten kommt die Durchsage, dass die Verkehrsleitzentrale wohl eingesehen hat, dass es keinen Sinn gemacht hat, den Zug auf diese Strecke zu schicken. Wir würden nun nach Spandau zurückfahren, und dann würde er auf einer anderen Strecke nach Hamburg fahren. Nach 10 weiteren Minuten setzt sicher der Zug wieder in Bewegung, ich habe endlich einen Platz in Fahrtrichtung. Leider die falsche Richtung. Kurz vor Spandau eine weitere Hiobsbotschaft: Da auch keine Züge aus Hamburg kommen, fehlen der Bahn ICEs in Berlin, um damit zB nach Süden zu fahren. Deshalb würde unser Zug dort ‚ausgesetzt‘; alle bitte aussteigen, es kommt dann kurz darauf ein weitere ICE, mit dem wir dann nach Hamburg fahren könnten. Immerhin – ich kann noch einen Sitzplatz ergattern, und mit mittlerweile schon über zwei Stunden Verspätung geht es weiter, bis eben kurz vor Hamburg.

Eine halbe Stunde später fahren wir tatsächlich in den Bahnhof ein, der nächste Regionalexpress nach Lübeck fällt aus, und ich komme mit insgesamt drei Stunden Verspätung in Lübeck an. Da habe ich aber Glück gehabt, dass ich spät gebucht habe, deshalb ein eher teures Ticket habe, davon erstattet mir die Bahn auch ohne Probleme 50%.

In Lübeck treffe ich Petra und Dierck, Petra kenne ich von meiner Zeit in Hamburg. Unseren Treffpunkt haben wir schon mehrfach verschoben, wollten uns erst in Hamburg, dann Travemünde, dann Timmendorfer Strand treffen. Mit zunehmender Verspätung verlegen wir den Treffpunkt nach Lübeck. Ein gemütliches Abendessen an der Trave, ein paar Bier, und dann bin ich reif für’s Bett. Wie üblich habe ich in der Nacht vor der Abreise zu wenig geschlafen, das gilt’s jetzt nachzuholen.

Am nächsten Morgen kommt JUB nach Lübeck, er war mit dem Nachtzug von Stuttgart nach Hamburg unterwegs, und wir nehmen am Nachmittag die Fähre nach Liepaja in Lettland. Gemeinsam ein Frühstück (schon wieder an der Trave), und dann noch kurz etwas Wein einkaufen. Einer der deutschen Pensionäre, die wir in Pavilosta das letzte Mal trafen meinte, dass Wein in Lettland so teuer wäre, dass er immer sein Auto voll laden würde, bevor er nach Lettland fährt. JUBs suffisantes Grinsen überzeugt mich, dass mein Extra-Seesack wirklich übertrieben wäre, und so schicke ich ihn fix per DHL nach München zurück. Für sechs Flaschen Wein vom Edeka ist auch so noch Platz, und für zwei kleine Barren Marzipan. Wir nehmen den Zug nach Travemünde-Skandinavien Kai, wo wir dann einen Linienbus zum Fährterminal brauchen. Meiner Schlepperei zum Hohn gibt es hier noch einen Weinkontor, und dann geht’s auf die Stena Flavia.

Dass ich den Weg nach Pavilosta ohne Flugzeug unternehme, war JUBs Idee, aber ich freue mich auf die Fährfahrt, 23 Stunden lang. Unter den Fähren ist die Stena Flavia eher eine der kleineren, aber wir haben eine geräumige Zweier-Kabine – tatsächlich die behindertengerechte, es gibt eine Bar, der nacheinander fast alle Biersorten ausgehen, und ein echt miserables Abendbuffet. Egal – ein Erlebnis. In Liepaja teilen wir uns mit einem russischsprechenden Passagier ein Taxi zum Busbahnhof, zwanzig Minuten später geht der Bus mit einem sehr schläfrigen Fahrer, und um fünf sind wir in Pavilosta. Oli kommt um 19:00, er ist nach Riga geflogen und hat dort noch einen Tag verbracht. Wir essen gemütlich zu Abend, und auch am nächsten Tag ist kein Stress angesagt. Wir fahren Mittags nach Ventspils (ehem. Windau), und müssen vorher für Oli noch die Sicherheitseinweisung machen. In Ventspils verkacken wir den Anleger mehrmals, aber immerhin hat es kein Wind und wir machen nicht viel kaputt. Dann noch ein Pizza im Hafenrestaurant; dankbarerweise werden wir dabei nicht auf den Anleger angesprochen. Morgen geht’s nach Estland.

Polen – Warschau und Krakau

Warschau wurde im zweiten Weltkrieg zu 90% zerstört. Die Deutschen haben hier auf unrühmlichste Weise ganze Arbeit geleistet. Am 1.8.1944 stand die Sowjetarmee vor den östlichen Toren der Stadt, und die polnische Untergrundarmee Armia Krajowa (AK) beschloss, das jetzt die Zeit gekommen war, sich gegen die Nazis zu erheben und das Ende des Krieges zu beschleunigen. So begann der Warschauer Aufstand. Aber den Polen wurde böse mitgespielt. Die Sowjetarmee hatte kein gesteigertes Interesse, den Polen zu helfen, denn sie teilten nicht deren Ideologie, und eine Stärkung des polnischen Selbstbewusstseins hätten deren Pläne für eine Nachkriegsordnung eher durchkreuzt. So hielten sie die AK hin, ließen sie quasi am ausgestreckten Arm verhungern. Die Deutschen waren natürlich erbost, dass sich jemand gegen sie erhebt, und sahen eine gute Begründung, die Reste der Polen auf dem Weg zum Endsieg endgültig zu vernichten. Nach Anfangserfolgen der AK wurde Stadtviertel nach Stadtviertel niedergekämpft und danach dem Erdboden gleich gemacht. Nach knappen zwei Monaten mussten die Polen kapitulieren, die Deutschen deportierten tausende in den Tod, und brannten dann noch weitere Teile der polnischen Kultur nieder, wie Kirchen und Büchereien.

So gesehen ist die Warschauer Altstadt nicht alt. Die Stare Miasto wurde in den fünfziger Jahren wieder aufgebaut, und zwar so authentisch, dass die Unesco die ‚Kopie‘ dennoch zum Weltkulturerbe deklarierte. Es wundert mich zwar ein wenig, dass die sozialistische Regierung während des kalten Krieges bei so etwas mitgespielt hat, schließlich gibt es ja genügend Beispiele, wo der Weg in die neue Gesellschaftsordnung auch gleich von entsprechender Architektur begleitet wurde. Selbst das Königsschloss wurde wieder aufgebaut, und viel reaktionärer geht ja eigentlich kaum. Alles wurde originalgetreu wieder aufgebaut, nach alten Fotos und sogar Gemälden von Canaletto, der 1764-1780 einige Stadtansichten gemalt hatte (wenn Ihr das jetzt nachschaut: es gibt zwei Canalettos, dieser hier ist Bernardo Bellotto, nicht sein Onkel Giovanni Antonio Canal). Das Ergebnis überzeugt, sowohl mich als Laien, als offensichtlich auch tausende andere Touristen. Ich treffe auf meiner Erkundung gefühlt hundert Schulklassen, alles wuselt. Besonders die Touristenspots sind auch aktuell saniert, nicht so wie das Gebäude meiner Ferienwohnung – das wurde auch nach dem Krieg wieder neu aufgebaut, hat aber seitdem einiges an Patina sammeln können. Von Doro habe ich einen Reiseführer geliehen bekommen, und somit habe ich keine Ausrede – ich weiß was ich zu sehen habe, und muss deshalb auch viele Kirchen ansehen. In einer wird das Herz von Chopin aufbewahrt, in die Fassade einer anderen ist eine deutsche Panzerkette eingelassen, hier eine Kirche in dessen Krypta während des Aufstandes ein Lazarett war – von den Deutschen gesprengt fanden hier 500-1000 Menschen den Tod, und in einer anderen wird an das Massaker von Katyn gedacht (das waren nicht die Deutschen, sondern die Sowjets) und an den Flugzeugabsturz von Smolensk, wo 2010 Lech Kaczyński starb (der polnische Patriot wittert hier eine Verschwörung, da Kacyński auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung zu Katyn war).

Etwas was Europa verbindet – in Warschau hat es auch ein kleine Mehrjungfrau zu Ruhm und Ehre gebracht. Der Legende nach ist sie die Schwester der ungleich bekannteren Fischfrau in Kopenhafen, aber die hier ist halt woanders abgebogen, und die Weichsel hochgeschwommen. Ein böser Kaufmann hielt sie gefangen, wollte sie auf Jahrmärkten ausstellen, doch dann wurde sie von Fischern befreit. Aus Dankbarkeit beschützt sie nun die Fischer und alle Bürger Warschaus mit Schild und Speer, aber ohne Bikinioberteil, vor Unheil.

Per Uber fahre ich noch in ein Museum über den Warschauer Aufstand (didaktisch eher verwirrend). Der Warschauer Aufstand ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto, aber der findet in dem Museum nur als kleine Fußnote statt. Danach probiere ich noch die Metro aus, und fahre zum Kulturplast. Im 30. Stock gibt es seine Aussichtsplattform. Bei typisch polnischer Küche schmiede ich meine Pläne bis nach München fertig. Ich wollte mal Auschwitz selber sehen, welches zwischen Krakau und Katowice liegt – welche Stadt ist wohl die bessere Ausgangsbasis? Könnte mich das Internet auslachen, so hätte es das wohl bei der Klärung dieser Frage getan – Krakau ist wohl neben Prag und Budapest das beliebteste Tourismusziel im östlichen Europa.

Am nächsten Morgen in Wa-wa noch kurz eine Runde an der Weichsel spazieren, ein Kaffee am Marktplatz, noch ein paar Calls für die Arbeit, und dann breche ich zum Hauptbahnhof auf, kaufe eine Fahrkarte nach Krakau, und von Krakau eine zwei Tage später nach Berlin. Der Zug nach Krakau ist ICE-artig, und fährt in guten zwei Stunden ohne Zwischenhalt nach Süden.

Für Krakau habe ich keinen Reiseführer, sondern behelfe mich mit Wikivoyage. Die Stadt wurde im Krieg ausnahmsweise nicht zerstört, so hat sie eine authentisch erhaltene Altstadt, viel Kultur, und durch die ansässige Universität auch viel quirliges Leben. Mein Hotel ist verkehrsgünstig neben den Fernbahngleisen zum Hauptbahnhof gelegen, und auch an der dorthin führenden Straßenbahnlinie. Durch mein Eckzimmer habe ich einen guten Blick auf beide Verkehrsmittel. Ich streune ein wenig durch die Altstadt, über den großen Marktplatz mit den Tuchhallen in der Mitte, und in der innen sehr beeindruckenden Marienkirche. Am Freitag habe ich eine Tour nach Auschwitz und Birkenau gebucht.

Ich verliere darüber nicht zu viele Worte, aber sowohl das Gelände selber als auch die Ausstellungen sind recht steril, und vermitteln wenig Beklemmung. Man vergegenwärtigt sich zwar immer wieder, dass hier ca. eineinhalb Millionen Menschen ermordet worden sind, aber die Dokumentationen auf Phönix sind bedrückender. Es ist kompliziert. Da sprechen wir lieber mal drüber.

Auf der Rückfahrt fällt mir auf, dass ich den Insider Tipp der Wavel-Burg nicht mitbekommen habe, und nun geht mir die Zeit aus. Vielleicht mal wieder nach Krakau – war eine sehr schöne Stadt.

Am Samstag geht es weiter nach Berlin. Sieben Stunden im EC sind angesagt. Ein etwas älterer Zug, noch mit Abteilwagen, und proppevoll. Immer wieder hält der Zug an Städten an, die mir nichts sagen. Es scheint auch, dass da alle weg wollen, und niemand hin. Jedenfalls steigen immer mehr Leute ein, und fast niemand aus. Erst in Wroclaw ändert sich das. Fast zwei Drittel der Passagiere steigen aus, und ab da wird’s gemütlich. Man merkt dabei übrigens, wie groß Europa ist – der Zug macht vernünftig Tempo, fährt häufig 160 km/h, aber es sind halt doch 700 km. Samstag Abend noch ein gemütlicher Abend mit Freunden in Berlin, und jetzt sitze ich im ICE, kurz vor München. So geht der Urlaub zu Ende –  endlich mal etwas mehr von Osteuropa kennengelernt.