Auf zu den kleinen Preisen – Rabat

Unsere Gruppe konnte sich schnell auf Anreisetag und ungefähre Route einigen. Das mit der Rückreise hat etwas länger gedauert. Erst wirkte es, als wäre Frank der erste, der uns verlassen müsste, am 6. Januar, um am 7. wieder arbeiten zu können. Ich wäre mit den Mädels noch nach Casablanca und evtl. Rabat gefahren, und wir dann zu dritt mit der Fähre zurück nach Spanein. Dann bekamen die Mädels einen Flug von Fes nach Malaga am 5. Januar mit Ryanair. Und Frank hat einen Flug am 6. von Casablanca aus bekommen (es war nimmer viel frei, insgesamt). Er wäre dann von Fes aus mit dem Zug nach Casa gefahren, oder mit Zwischenstopp in Rabat. Was wollte ich? Ich stellte fest, dass ich auch nicht noch mehrere Tage in einer der Städte verbringen wollte, und auch nicht an den Strand. Also entschlossen sich Frank und ich, am 5. die Mädels in Fes zurückzulassen, und noch über Rabat nach Casablanca zu fahren. Von dort aus fliegt Frank heim, und ich fahre am nächsten Tag mit Zug nach Tanger zur Fähre. Also brechen wir am 5. früh morgens auf, und fahren zügig auf der Autobahn nach Rabat, teilweise im strömenden Regen. Rabat ist die Hauptstadt, bekannt für den Hassan-Turm, ein Mausoleum, eine verwinkelte Medina, Königspalast und die Kasbah des Oudayas. Das würden wir wohl an einem Tag schaffen, dann Abends noch nach Casablanca huschen und in Rick’s Café etwas Tourismus-Nepp über uns ergehen zu lassen.

So kommt es auch im wesentlichen. Wir besichtigen den Hassan-Turm und das Mausoleum (praktischerweise direkt nebeneinander) in einer Regenpause, Essen zu mittag, und fahren dann zu der Kasbah (hier ist es eine von Mauern umgebene Siedlung auf einem Hügel an der Flußmündung, mit weiß gekalkten Häusern und interessanten Türen). Der Regen droht ständig. Die Medina schenken wir uns, wird schon nicht sooooo anders sein als die anderen, und der Palastgarten schreckt uns mit einem Zwangsführer ab. Wir haben übrigens die Preise für Souvenirs verglichen: Kein Rabatt in Rabat.

Über einen Umweg an den Plage de Sable d’Or (Betrug: Der Sand ist gar nicht aus Gold) fahren wir nach Casablanca. Die Strecke bis zum Hotel ist noch weitesgehend entspannt. Am Abend noch etwas Spannung mit dem Mietwagen, einen abendlichen Besuch an der drittgrößten Moschee der Welt, und Abendessen bei Rick’s – alles in anderen Beiträgen.

Gerbereien und Einkaufsfieber in Fes

Das Wetter für unsere Reise in Marokko ist ungewöhnlich: es regnet viel. Der ganze heutige Tag in Fes soll verregnet sein. Schon vor dem Aufstehen trommelt es auf das Dach neben dem Zimmer. Wir beschließen also einen etwas reduzierten Tag, so dass man evtl. auch einfach wieder ins Hotel geht und dort etwas schläft… ähhh, natürlich Blog schreibt. In den Souks von Marrakesch haben wir einige Läden gesehen, die Leuchten aus durchbrochenem und teilweise ziseliertem Messing Blech anbieten. Frank braucht noch etwas für seine Wohnung, ich habe nichts Besseres vor. Also machen wir uns auf den Weg zu „Fez Lamps“, eine ChatGPT Empfehlung. Wir lassen uns in zwei Läden vollquatschen, werfen ein paar Ideen hin und her, und verlassen dann erstmal den Laden. Gerade regnet es nicht, und sehr bekannt an Fes sind die Gerbereien – wenn ich’s richtig verstanden habe, sogar Weltkulturerbe. Nach einiger Analyse läuft es wie folgt ab: In der Mitte eines Blocks sind die eigentlichen Gerbe-Becken. Drum herum sind höhere Häuser, von deren Dachterrasse aus man das Gerbe-Treiben beobachten kann. Auf die Terrassen kommt man durch die zufällig in den Häusern befindlichen Lederwaren Shops. Man wird meist auf der Straße abgefangen, und ein freundlicher Mensch erklärt einem, dass man hier – und nur hier – kostenlos zur Besichtigung käme. Er führt einen dann persönlich nach oben, und ignoriert den Ladenbetrieb dabei. Kurz vor der Terrasse wird einem dann ein kleines Büschel Minze in die Hand gedrückt: „organic gas mask“. So gerüstet kommen wir auf die erste Terrasse. Mohammed erklärt in holprigem Deutsch (Meine Zusammenfassung dann weiter unten). Danach sind wir hier fertig, er führt uns durch die Läden herunter. Mich würde vielleicht ein solider Ledergürtel aus Dromedar interessieren, aber 35€ Anfangsgebot finde ich etwas zu heftig. Wir gehen wieder, und Mohammed verlangt ein Trinkgeld. Von der ersten Dachterrasse aus war die Perspektive auf die Becken nicht sehr gut, es sind noch ein paar kleinere Häuschen teilweise im Weg. Aber gegenüber, vor dort aus würde es die Sichteinschränkung wahrscheinlich nicht geben, und auch dort stehen Touristen und beobachten das Treiben. Wir schätzen die Lage in Google Maps ab, und machen uns auf den Weg. Und tatsächlich, in einer kleinen Gasse fängt uns Aziz mit einer schicken Lederjacke ab, same procedure as last time. Wir sind genau auf der gewünschten Terrasse gelandet. Der Blick ist tatsächlich viel besser. Leider sind die Becken nicht so farbenfroh wie auf vielen Bildern. Wir versuchen das zu ergründen, und hier sind ein paar mögliche Erklärungen: Mode – die knalligen Farben werden nicht mehr so verlangt. Jahreszeit – im Winter regnet es mehr, und verwässert die Becken, bzw. sie laufen ineinander über, deshalb eher ähnliche (bräunliche) Farben. UNESCO – das Kulturerbe verpflichtet dazu, dass keine modernen chemischen Farben eingesetzt werden. Dennoch, im Laden beteuern sie, dass auch knall-gelb, -rot und -blau rein natürlich sind. Ich bleibe skeptisch. In diesem Laden soll der Gürtel 50 € kosten, ich lehne dankend ab, aber Aziz nimmt kein Trinkgeld.

Technische Zusammenfassung: Die Häute kommen vom Schlachthof – kein Tier wird für das Leder geschlachtet. Verarbeitet werden Dromedare, Schafe, Ziegen und Kühe. Als erstes kommen die Häute in ein Bad aus Wasser, Kalk (Limestone), und Taubenkacke (liefert Ammoniak). Dort wird das Leder weich, und das Fell lässt sich leicht abschaben (wird dann als Sofa-Füllung verwendet). Danach werden die Häute in anderen Becken gefärbt, nur mit rein natürlichen Farbstoffen wie Henna, Mohn, Indigo, Kohle, Safran – kein Gift bei uns! Dann muss das Leder komplett trocknen. Nach dieser Behandlung ist das Leder perfekt, weich, geruchsarm. Je nach Tier hat das Leder andere Eigenschaften und ist für andere Produkte geeignet, Ziege wäre besonders leicht und auch wasserfest.

Frank und ich trinken noch einen Kaffee, schön entspannt mit Blick auf ein hübsches Tor, einen interessanten Brunnen, und lauter Touristen die davor Selfies machen. Wir erörtern noch den möglichen Einsatz der Leuchten, die uns am besten gefallen haben, und such wieder Sqalli von Fez Lamps auf. Wir werden uns einig, auch ich kaufe eine Leuchte. Während diese verpackt werden, kommen mir noch ein paar Ideen, kleine Leuchte mit arabischer Inschrift – Ich kann mir den Text aussuchen, er lässt die Leuchte in seiner Factory fertigen, und schickt sie nach Europa. Das Ganze wollen wir per WhatsApp abwickeln. Ich bin dann mal gespannt.

Die Mädels haben ein tolles Restaurant in einem restaurierten Haus gefunden. Das Essen ist lecker, und das Gebäude beeindruckend. Wir sind die letzten Gäste der Mittagsschicht, und die Wirtin erzählt noch einiges – auch dass sie noch ein Gäste-Riad haben. Das besichtigen wir auch noch – für Euch gibt es deshalb eine Sammlung von entsprechenden Bildern, mit vielen kunstvollen Zimmerdecken.

Danach noch ein paar Runden durch den Souk, wo sich die Stimmung um 17:00 plötzlich ändert. Die Händler preisen auf einmal nichts mehr an, kein freundliches „Hello, where are you from?“ Statt dessen klingen aus allen Läden Fußballkommentatoren, und alle kleben an Ihre Handys oder Fernsehern.

Dabei ist diese Kombination aus Medina und Souk eigentlich das Beste an Marokko. Medina ist wörtlich für Stadt, meint aber meist die Altstadt, und Souk (auch Suq) ist Markt, könnte also auch einen EDEKA bezeichnen. Fes ist auf Hügeln gebaut, die Stadtplaner (wenn es überhaupt welche gab) mochten keine klaren Straßenblocks, und so ist es ein echtes Erlebnis. Da die meisten Häuser ’nach innen‘ gebaut sind, sind die Gassen winzig. Das Riad wo wir aßen ist typisch, man läuft durch enge, schmucklose Gassen, denkt sich a bisserl „Pfui“, dann geht eine Tür auf und „Hui“. Google Maps hilft nicht 100% weiter – es kennt nicht alle Wege, halluziniert manche dazu, und GPS funktioniert in den engen, teils gegen Sonne überdachten Gassen auch nicht ganz. Wenn man es anmacht, wabert der blaue Punkt des eigenen Standortes erst einmal auf dem Bildschirm umher, schon wieder 300 Schritte geloggt. Eigentlich ist es erstaunlich teil-sauber; d.h. dass sich die Stadt Mühe gibt, dass es nicht ekelig wird. Klar liegt mal etwas Müll herum, oft aber schon in Tüten, und es ist ein fast schon romantisches Bild des teilweisen Verfalls.

Die Souks sind meist nur kleine Ladengeschäfte, oder sehen zumindest so aus, und bieten alles mögliche feil. Klar, das klassische Tourismus und Souvenirgeschäft, Schmuck, echte marokkanische Kleidung, Lederwaren, Gewürze, Parfüms, Nougat, Nüsse, Öle, Teppiche und Leuchten. Einige der kleinen Geschäfte überraschen aber auch. Wenn man in den ca. 4 Meter breiten Verkaufsraum für Leuchten eintritt, wird man weiter nach hinten geführt. Der Laden hat noch einen großen Raum dahinter, der große Raum ist hinter zwei anderen kleinen Läden für andere Produkte, und dann ist er noch der Hinterraum für ein anderes Leuchtengeschäft, welches man von der Gasse aus als gänzlich anderes gesehen hätte. Und dann geht’s noch in den zweiten Stock. Aber auch Waren des täglichen Gebrauchs sind erhältlich, die dann in ihrem Chaos etwas organisierter auftreten. Vom Hotel zum Leuchtenladen kommen wir erst durch die Gemüsegasse, und dann durch die Fleischgasse. Das Gemüse lässt einen vermuten, dass Gemüse in Europa vor dem Supermarktverkauf fast immer gewaschen wird, und es offensichtlich noch viel niedrigere Handelsklassen gibt, als die die man aus Deutschland kennt. Die Leute sind auch hemdsärmeliger. Ein kleiner Gemüsehändler hat eigentlich nur eine kleine Verkaufsnische, in der er sitzt, sein gesamtes Warenangebot liegt vor ihm und sperrt ihn sozusagen ein. Als er dann mal raus muss, steigt er mit seinen Sandalen ganz pragmatisch durch die Kiste mit den Rettichen – die halten halt mehr aus als Tomaten. Die Fleischgasse ist jetzt – im Januar bei 10°C gut auszuhalten. Dennoch kenne ich Leute mit einem schon psychosomatisch empfindlichen Magen, die würden bei dem Anblick Durchfall bekommen. Wie das Ganze im Sommer bei 40° ist, das möchte ich mir eigentlich gar nicht genau ausmalen. Neben den Händlern, Käufern und Touristen gibt es noch eine erhebliche Gruppe an Katzen. Die werden freundlich toleriert und kümmern sich um wenig.

Auf nach Fes

Von Merzouga nach Fes sind es fast 500km und damit fast acht Stunden Fahrt. Vielleicht halten wir irgendwo in der Mitte an? Da gibt es einen Ort, passenderweise „Midelt“ genannt, da reservieren wir ein Hotel. Ich schreibe Blog und lade Fotos hoch, die anderen gucken sich die Stadt an, und kundschaften das Restaurant aus. Kurz vor acht geht es dann los, das Restaurant heißt witzigerweise Merzouga. Leckere Fleischspießchen satt. Die Mädels haben noch einen freundlichen, spanischsprechenden Berber gefunden, der uns nach dem Essen einlädt, dass wir uns Teppiche ansehen. Er breitet eine riesige Auswahl aus, erklärt Materialien und Symboliken, der Arbeitsaufwand für jeden Teppich. Preise sind ihm nicht zu entlocken. Wir sollen danach sagen, welche uns gefallen, und welche gar nicht in Frage kämen. Danach würde man sich – Insh’Allah – sicher auf einen Preis einigen. Ich habe im Iran einige Teppiche gekauft, eigentlich brauche ich nix. Ein paar wären hübsche Souvenirs, aber… Adriana und Diana verhandeln ernsthafter. So langsam kristallisiert sich auch eine Preisvorstellung heraus, aber es sprengt definitiv das, was ich für einen Impulskauf bereit bin zu zahlen. Am Ende wird es ein kleiner Kelim für die Mädels für 90€.

Am nächsten Morgen wollen wir früh aufstehen, vor Fes noch die Stadt Meknes besuchen, mit einem sehenswerten Stadttor. Das Frühstück im Hotel ist gigantisch: Suppe, frisch gepresster Orangensaft, Omelett, ganz dünnes gebratenes Brot und Kaffee aus einer großen Espresso-Maschine. Dann geht’s los über die Berge. Google weist eine Straßensperrung auf der N13 aus, aber ich (ver)fahre etwas nach Gefühl, und als wir den Fehler bemerken, sind wir schon an dem für die Sperrung notwendigen Schlagbaum vorbei. Er war offen. Die Landschaft hier ist extrem, und ändert sich jetzt schnell. Tatsächlich liegt Schnee neben der Straße, vom Pflug auf ca. 1m Höhe aufgeschoben, und auch auf dem Gelände daneben. Aber die Straße ist trocken, auch bis hin zu den Schneehaufenrändern. Hoch geht es durch einen leichten Mischwald, dann sind wir auf einer Ebene. An einigen Stellen wird wild geparkt, findige Marokkaner verleihen selbstgebaute Schlitten auf ausrangierten Ski. Etwas weiter ein echter Parkplatz, der ganze Berg ist voller Menschen. Dann noch etwas weiter ein Parkplatz am „Parc des Macaques de Barbarie“, im „Reserve naturelle de cèdres“. Hier wird nicht nur am Rande des Waldes Schlitten gefahren, auf den Bäumen und darum sitzen Affen – Makakken. Adriana und Diana haben ein paar Apfelbutzen, Cashewnüsse zum Verfüttern, und sind kurz darauf bei den Affen sehr beliebt. Es werden immer mehr, sie fangen an Hosen zu zupfen, und greifen nach den Händen, aus denen für andere Affen Nüsse kamen. Es wir den Mädels langsam ungeheuer; mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Ein paar Parkplätze weiter ist wieder ein Töpferei Großhandel. Ich habe mich im Wüstencamp mit dem Koch nach dem fairen Preis für eine Tajine erkundigt, deshalb lache ich den Verkäufer aus, als er mir 15€ als Preis nennt. Ich fange mit 4 € an, Ziel ist 5,50 €. Am Ende einigen wir uns auf 7€. Wir fahren wieder von den Bergen hinab in die Ebene, die sich nördlich des Atlas-Gebirges hinzieht. Zwischendrin ist neben der Straße tatsächlich Wiese, saftige grüne Wiese. Auch Obst und Bäume dazu gibt es in Hülle und Fülle. Dann sind wir in Meknes, und fahren zum Stadttor. Ein freundlicher Berber zeigt uns einen Parkplatz, erzählt etwas, und ist durch unser Sprachwirrwarr irritiert. Es stellt sich heraus, dass er für uns den Stadtführer machen, und wir wollten eigentlich nur das Stadttor fotografieren und etwas essen. Das Essen ist lecker und reichhaltig, alle außer mir essen eine Pastilla: ein Gebäck gefüllt mit Hühnchen, Gemüse und exotischen Gewürzen. Besonders daran ist, dass sich das Gericht unschlüssig ist, ob es jetzt süß oder herzhaft ist. Die Füllung ist in etwas ähnlichem wie Yufka-Teig gehüllt, und mit Puderzucker und Zimt bestreut. Ich nehme eine Tajine mit Pflaumen und Aprikosen, muss mich für meine neue Tajine inspirieren lassen. Danach verlaufen wir uns noch ein wenig durch die Medina bevor wir zum Auto zurückkehren.

Nach Fes ist es danach nur noch 1 ½ Stunden, ich werde zu einem öffentlichen Parkplatz gelotst. Nach einem kurzen WhatsApp Chat kommt ein freundlicher Marokkaner mit einer Art Schubkarre. Er wird uns das Hotel zeigen, und lädt unser Gepäck auf seine Karre.

Unser Hotel ist wieder ein Riad – das ist ein Marokkanischer Häusertyp, eher quadratisch im Grundriss, meist mit 2-3 Vollgeschossen und einer Dachterasse. In der Mitte ist das Haus offen, der erste Stock ist also ein nach innen gerichteter Balkon / Laubengang, von dem aus die Zimmer weggehen. Im Erdgeschoss ist in der Mitte zumindest Platz für einen Brunnen, und meistens ist auch einer. Es gehen kaum Fenster nach außen, sondern alle in den Innenhof, Fenster nach außen wären auch problematisch, weil die Riads alle dicht an dicht stehen. Um halb acht machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Ich könnte gut ein paar Fleischspießchen verdrücken, aber der Rest behauptet, keinen Hunger zu haben. Adriana vermisst Bier, und fragt Google. Google führt uns zu einem Hotel mit dem Britisch Saloon und der Churchill Lounge. Hier gibt es Casablanca Bier, für 5 € die 0,33 l Flasche. Mei, zwo Halbe san aa a Schnitzel.

Durch die Wüste

Ahhhh, die Sahara: unendliche Weiten, hohe Dünen, Einsamkeit, beklemmende Stille. Unser Ziel: ein abgelegenes, exklusives Wüstencamp. Soweit die Theorie/Erwartung. Der Sound der Wüste hier: Knattern.

Am 1. Januar brechen wir auf, um in meine Stadt zu fahren: MERZouga. Vielleicht sollte ich auch beleidigt sein, dass sie nur so ein Kaff nach mir benannt haben. Gute 200km, durch weites, weites Land. Es ist hier schon Wüste, aber halt kein Sand. Die Straße führt teilweise schnurgerade zum Horizont.

In Merzouga finden wir dann das Start-Riad für unser Wüstenerlebnis in Erg Chebbi – so heißt die Sandwüste in diesem Teil Marokkos. Unser Auto ist nicht für die Dünen geeignet, deshalb haben wir den Transfer per Kamel gebucht. Boah, sind die Dinger ungemütlich, mir tut zwei Tage danach immer noch der Hintern weh. Nach einiger Zeit gewöhnt man sich an die Bewegung, muss sich nur noch bei Stellen bergab festhalten. Frank und ich waren 2012 im Oman, und haben da auch eine Nacht in einem Wüstencamp gemacht. Dort war die Wüste aber etwas … weiter. Tatsächlich durchqueren wir die (Sand-)wüste hier in unter 90 Minuten mit dem Kamel (und die Viecher sind nicht schnell, unser Touareg-Führer läuft vorneweg), auch wenn Google Maps zeigt, dass es nicht der breiteste Punkt ist. Somit konzentriert sich das Wüstenerlebnis Marokkos auf diese Dünen. Alles, was sich touristisch mit (Sand-)wüste machen lässt, gibt es hier. Quad-fahren, Buggy fahren, mit der Geländemaschine auf die Dünen pesen, mit dem Kamel durchreiten, auf einem Snowboard die Düne runter surfen, mit dem Geländewagen durchfahren. Der Sound der Wüste also: Knattern. Brumm, Brumm. Die Kamele sind es wohl gewohnt, auch von einer Gruppe Quads überholt zu werden bringt sie nicht aus der Ruhe.

Neben der großen Düne stehen ein paar Zelte zwischen ein paar Bäumen – ob das unser Camp ist? Nein. Ich hatte das mit der doch eher geringen Ausdehnung der Wüste hier nicht auf dem Schirm, und bin etwas irritiert, dass man nach ca. 40 Minuten wieder Palmen und Steinwüste sieht. Und ein paar Zelte. Das Wort „paar“ trägt im Deutschen die Bedeutung ‚wenige‘, es passt hier vielleicht nicht. Tatsächlich sind es mehrere Zeltsiedlungen. Die Zelte sind nicht nomadisch romantisch, sondern eher von dem Typ, der in Flüchtlings-Camps verwendet werden. Von außen; ich befürchte, dass es den Flüchtlingen im Zelt nicht so gut geht. Wir haben Teppiche, ein großes Doppelbett und ein kleineres Bett, ein WC, Waschbecken und Dusche mit reichlich warmen Wasser in einem abgetrennten Bereich. OK, es nannte sich ‚Luxury Camp‘. Es ist eigentlich fast schon too much. Das Restaurant-Zelt ist kommod geheizt, das Essen das internationalste, welches wir bislang hier gegessen haben. Nach dem Essen gibt es noch eine Folklore-Darbietung: Lagerfeuer mit Trommeln. Wir trinken dazu – nun in voller Besetzung – den Champagner vom Duty-Free in Köln

Am nächsten Morgen Sonnenaufgang gucken, Frühstück, und dann mit dem Jeep zurück nach Merzouga und unserem Auto. Wir machen uns auf den Weg nach Norden, in Richtung Fes. In der ersten Stadt sehe ich einen Laden, der scheinbar Touareg-Tücher verkauft. Ein großes Schild bewirbt sie mit 20 Dirham, ca. 2 €. Wir halten an, erfahren, dass das die billigen Polyester-Tücher sind, aber wie wäre es mit denen hier? Baumwolle bester Qualität, fünf Meter zum Wickeln, nur 100 Dirham. Am Ende werden wir alle fündig, nur sind wir zu blöd zum verhandeln. Aber das ist OK, Mohammed ist eine ehrliche Haut, er verdient bei seinen Preisen sowieso kaum was, würde sich auch wirklich schlecht fühlen, wenn er Touristen über den Tisch ziehen würde.

Silvester in der Wüste*

Am nächsten Morgen geht’s einem von uns nicht so gut, deshalb fangen wir nicht sofort mit der angedrohten Wanderung an. Vielleicht geht es in zwei Stunden besser? Ich nutze die Gelegenheit, um nochmal zwei Stunden im warmen Bett zu verbringen. Gegen Mittag ist das schlimmste vorbei, aber eine Wanderung scheint dennoch nicht opportun. Der Hüttenwirt empfiehlt, ca. 5 km weiter ins Tal zu fahren, da würde es die ‚Zig-Zag-Road‘ geben, das wäre recht sehenswert. Wir fahren, sehen das Werte, und fahren noch etwas weiter. Irgendwann wird aus dem Dadestal wirklich die Dadeschlucht, die Felsen ragen über die Straße hinaus. An einem Schild an einem Parkplatz werden weitere Sehenswürdigkeiten auf einer Karte angepriesen, die aber noch weitere 20km entfernt sind. Die Schlucht weicht wieder einem Tal, das Tal eher ein Hochebene, und dann geht es noch ein wenig weiter die Berge hinauf. Die Landschaft ist begeisternd: rot, weit, karg und immer wieder schneebedeckt. Der Wunsch nach einer Toilette lässt uns in einer Bergmetropole an einem Café anhalten. Der Wirt kann auch Spanisch und unterhält sich mit den Mädels. Eine der gesuchten Sehenswürdigkeiten, sah nach einem versteinerten Wasserfall aus, wäre wegen des Schnees nicht erreichbar, aber nach drei Kilometern rechts, da würde es gehen; nicht zu viel Schnee.

Wir tun wie uns geheißen wird, konsultieren dann Google Maps, und stellen fest, dass wir auf einer winzigen Straße sind, die das Dadestal vom Toudra-Tal trennt. Das ist doch eine Idee – statt dreißig Kilometer zurück machen wir eine 170km lange Rundtour und besichtigen dabei noch das Nachbartal, auch dieses touristisch hochgelobt. Die Straße ist super ausgebaut, dafür dass man in Google sehr weit hineinzoomen muss, um sie überhaupt zu finden. Oft ist ein Drittel der Straßenbreite Schneebedeckt, aber es gibt nur ca. 20 Stellen, wo wir Reifenspuren zwischen dem Schnee folgen müssen, und insgesamt 15 Meter fahren wir mit unseren Sommerreifen auf Schnee. Alles easy. Aber einsam, einsam ist es wirklich. Dort wo vorher das karg noch manchmal von einem Strauch oder einem Zeichen menschlicher Anwesenheit akzentuiert ist, ist es jetzt nur noch karg, und weiter rot mit Schnee. Es ist hier niemand unterwegs. Sollten wir eine Reifenpanne haben – ob sie uns im Frühling finden? Tatsächlich kommen uns auf den ca. 30 km drei Autos entgegen, jedesmal grüßt man sich begeistert. Selten sehen wir ein geparktes Mofa, und seltsame Kugeln, mit Plastikplanen chaotisch bedeckt. Wohnt hier jemand? Also eher, nomadiert hier jemand? Die Straße führt uns auf 2550m Höhe, das ist mehr als der Tizi Tichka am Tag zuvor. Dann breitet sich vor uns eine von Bergen gesäumte Hochebene aus, in der Ferne ist eine Siedlung zu sehen. Dort muss die große Straße sein, die durch das Toudratal wieder zum südlichen Rand des Atlasgebirges führt.

Als wie sie erreichen, sind wir enttäuscht (vom Zustand der Straße); schmaler, kurviger, viel mehr Schlaglöcher. Immerhin wieder mehr Gegner auf der Straße. Wir fahren, kommen auch hier durch die Toudra-Schlucht, und danach ein Tal voller Palmen. Ich befürchte, die Fotos werden es nicht adequat wiedergeben, deshalb versuche ich hier zu schwärmen. Langsam ist es später Nachmittag, das Licht wird für manche Motive gigantisch. Wir erreichen Tinghir, fahren weitere xx km auf der Nationalstraße bis wieder nach Boumaine kommen, das südliche Ende ‚unseres‘ Tals. Dreißig Kilometer in der Dunkelheit später sind wir wieder in unserer Unterkunft: Silvester ist da!

Vielleicht sollte ich nebenbei noch kurz erklären, warum ich in Marokko bin, und unsere Gruppe vorstellen. In 2021 sind wir ja nach dem Covid-Winter recht zügig nach Málaga gefahren (also das Schiff nach Marbella), und haben dort Adriana und Diana kennengelernt (Frank kannte Diana schon länger). Über die Jahre haben wir locker Kontakt gehalten, und schon vor einiger Zeit kam die Idee auf, ob wir nicht Lust hätten mit Ihnen nach Marokko zu fahren – als zwei Mädels alleine war ihnen das nicht ganz so geheuer. Und nun haben wir es umgesetzt.

Mimoun, unser Wirt tischt wieder lecker auf. Auberginen-Rouladen mit Kartoffelbrei gefüllt, danach eine große Hühner-Tahine. Dinner 1.0 aus den Fotos hat’s nochmal überlebt. Wir trinken etwas von unserem Duty-Free Rum (den mitgebrachten Bubbly heben wir uns für die Wüste auf – ihn am 1. Januar zu trinken gilt auch noch, oder?) Wir sind heute alleine in der Unterkunft (2 von 3 Zimmer belegt), und die Zeit zwischen Abendessen und kurz vor Mitternacht nutze ich zum Blog schreiben. Zum neuen Jahr bringt Mimoun dem Jahr einen Geburtstagkuchen, mit vier Kerzen, jeder von uns soll eine davon ausblasen. Ich schaue nochmal kurz vor die Tür – Im Tal bleibt es ruhig, kein Feuerwerk hier.

Anyway, Happy New Year 2026!

*der Titel – wie so oft – führt in die Irre. Das Dadestal ist zwar aus deutscher Sicht auch wüst, aber ohne Sanddünen. Eigentlich wollten wir wirklich in der Wüste feiern, aber die Übernachtungen in den dortigen Camps haben für die Silvesternacht vierstellige Preise (in Euro) aufgerufen, und am nächsten Abend dann wieder ein Zehntel. Da sind wir vernünftig geblieben.

ⴰⵏⵙⵓⴼ ⴼⴻⵍⵍⴰⵡⴻⵏ ⴳ ⵍⵎⴻⵔⵔⵓⴽ

Darstellungsprobleme? Ihr müsstet dort oben „ansuf fellawen g lmerruk“ lesen können, im Tifinagh Alphabet*. Immer noch verwirrt? Weiter unten wird es sich aufklären.

Mein erster Ansatz für diesen Beitrag war eine Schimpftirade auf Ryanair. Aber nun, vier Tage später, hat sich mein Rücken von den Folterstühlen erholt, und ich bleibe bei einem einfachen ‚Ich wäre lieber mit jeder anderen Airline geflogen‘. Wir kommen mit einer Stunde Verspätung im regennassen Marrakesch an, die Mädels aus Malaga wegen eines Gewitters mit vier Stunden Verspätung, und somit ca. drei Stunden nach uns. Aber der Taxi-Transfer klappt einwandfrei, der Taxifahrer verspricht auch um 04:30 die Mädels abzuholen. Es ist nicht viel los auf der Straße, das letzte Mal, dass wir die Stadt so sehen. Am Ende stehen wir in einer Sackgasse in der Medina vor einer komplett unbezeichneten Tür. Frank sucht hektisch in Google, ob wir hier wirklich richtig sind, aber der Taxifahrer ist sich sicher, klingelt am Ende Sturm. Nach fünf Minuten kommt ein altes Mütterchen und öffnet die Tür. Sie hat uns erwartet, führt uns in das vorbereitete Zimmer im ersten Stock. Formalitäten am nächsten Morgen. Um 5:45 bestätigt Diana, dass wir uns um zehn zum Frühstück treffen; offensichtlich sind sie auch gut angekommen.

Den 28.12. beginnen wir etwas planlos. Vielleicht erst einmal etwas ziellos durch die Stadt laufen, ein Gefühl für die Gegend bekommen. Nach fünf Minuten sind wir im Souk. Wuselig, Touristen und Händler, ein rechtes Gedränge Ich dachte, es ist Nebensaison…. Ab und zu fährt ein Motorrad durch die engen Gassen, ein Packesel oder als besonderer Spaß ein motorisiertes Lasten-Dreirad. Ich glaube, ich will die Hochsaison gar nicht erleben. Irgendwann packt uns der Hunger, wir gehen ins Dar el Walidine und probieren unsere erste Tajine. Danach schnell ein paar zusätzliche Kleidungsstücke aus dem Hotel holen, und dann wieder durch den ganzen Souk zur Djeema el-fna, ein großer offener Platz mit ein paar Gauklern und Schlangenbeschwörern. Eigentlich über mehrere Stände verteilt ein ganzer Zoo. Ein Pfau, Meerschweinchen, ein paar Igel, eine zahme Taube, Berberäffchen und alle möglichen Schlangen. Auch Hunde und Katzen, aber für Fotos von denen will niemand Geld. Wir schaffen es über den Platz, ohne dass uns jemand eine Kobra um den Hals legt, und dann Geld verlangt, sie wieder wegzunehmen. An der Südwestseite des Platzes ist die Koutubia Moschee. Als Ungläubiger darf man sie leider nicht betreten. Da waren sogar die Iraner liberaler.

Zwischenzeitlich regnet es immer mal wieder. O-ton: „Es ist schon Jahre her, dass es über so lange Zeit so viel geregnet hat.“ Statt durch den Souk gehen wir an der belebten Straße Fatima Zahra zurück zum Hotel. Ein kurzer Power-nap, und dann um die Ecke zum Restaurant Simple, auf der Dachterrasse. Nach einer Stunde Abendessen sind wir restlos durchgefroren. Komisch eigentlich – Auch wenn man vorher den Wetterbericht gesehen hat, dass uns Temperaturen von 3°-15° erwarten ist man doch emotional überrascht, dass es so weit südlich von München doch noch so kalt wird. Unsere Wirtin macht uns noch einen heißen Tee. Die Kommunikation mit ihr ist nicht ganz einfach, nur mäßiges Französisch, kein Englisch, und wenn man Google Translate bemüht, muss man die Sprachausgabe nutzen. Wahrscheinlich sind ihre Augen nimmer so gut…  

Bei der Planung am Abend stellen wir fest, dass man für eine der größten Attraktionen, den Jardin Majorelle mit mYSLm (Musée Yves Saint Laurent Marrakech) Tage im Vorraus online Karten bestellen hätten müssen, und verlegen uns auf ‚Le Jardin secret‘, dessen Geheimnis von einer Website herausposaunt wird. Wir sind kurz nach Eröffnung da, so sind wir anfangs nicht mit Massen unterwegs. Auch der Weg dorthin durch den erst langsam erwachenden Souk war nicht besonders stressig. So ist die Ruhe im Garten eine (noch nicht) dringend benötigte Erholung. Frank und ich zahlen nochmal extra für einen Turm. Besonderer Wert wird darauf gelegt, nicht zu den Nachbarn zu gucken. Immerhin lernen wir, dass man „sich erst seine Nachbarn aussuchen sollte, und dann sein Haus“, was wohl arabisch für „Lage, Lage, Lage“ ist.

Als wir den Garten verlassen, ist es vorbei mit der Ruhe im Souk. Wir quälen uns bis zum Bahia Palast durch. Der ist restlos überlaufen von Touristen. Das einzige Gute ist, dass die Decken das schönste am Palast sind, und da können sich die anderen Touristen nicht davor stellen. Vielleicht sollte man sich zum Photo-bombing mehrere bunte Luftballons mitnehmen, und die immer gen Decke steigen lassen. Als wir es endlich aus dem Palast schaffen wäre ein ruhiger Garten ’ne tolle Sache. Ein schnelles Schawarma, und dann hat Frank die Idee, in den neueren Teil von Marrakesch zu fahren, mit einem Taxi. Wir versuchen einige Verhandlungsstrategien, und kommen nach vielen Angeboten von 10-20€ die Fahrt immerhin für 6€ (Ein Euro sind fast genau 10 marrokanische Dirham, und werden zu dem Umrechnungskurs auch gerne genommen).

Die Idee war Gold wert, denn nach 15 Minuten chaotischer Fahrt (ich beginne zu zweifeln, ob das mit dem Mietauto ’ne gute Idee war) sind wir in einer anderen Welt. Moderne fünf-stöckige Gebäude, Glasfassaden, schicke Cafés. In unserem ausgewählten Café hören wir nur noch Französisch, an allen Tischen. Am Ende frage ich den Tisch mit vier älteren Damen neben uns – es sind zwei wirkliche Französinnen, und zwei Marokkanerinnen. Wir vertiefen das – warum sprechen denn alle hier Französisch? Die Dame holt weit aus, Marokko war ja mal ein französisches Protektorat… jaja, schon klar, aber in der Medina wird doch Arabisch… An ihrer Reaktion erkenne ich, dass für sie nur der ungebildete Pöbel arabisch spricht, die ‚haut-culture‘ eben nicht. Wir sind um die Ecke von einem größeren Carrefour, und wollen mal sehen, was die so haben. Ganz einfach: alles. Es hat eine große Abteilung mit Alkohol, ca. 30-50% teurer als in Deutschland. Es gibt auch eine große offene Gewürztheke, aber alles ist nur noch in Französisch ausgezeichnet. Der gemeine Araber kauft hier wohl nicht ein. Da es nur um die Ecke ist, vergewissere ich mich bei Europcar, dass mit der Reservierung alles geklappt hat (das mit den emails klappt bei Rentalcars.com manchmal nicht), und dann organisieren wir uns ein Taxi zum Hotel. Das Verhandeln geht diesmal leichter, aber ich muss dem Fahrer auf meinem Handy zeigen, dass es ca. 16 Minuten sind, und ca. 4 km. Als ich dann vorne sitze, braucht er weiter Google Maps. Ihm das Handy hinzuhalten reicht allerdings nicht. Er wird nicht so ganz schlau aus dem Display, und ich bedeute ihm für den Rest der Fahrt mit meinem Bröckerl-Französisch „la-bas á la gauche“, „ici tout droîte“. Gemeinsam finden wir zum Hotel. Am Abend kocht unsere Hotelwirtin für uns – Lammtahine. Dazu dürfen wir den bei Carrefour erstandenen Wein trinken, und nebenbei besiegt Marokko Zambia im CAF Afrika Championship.

Am 30. Dezember haben wir wieder das teure Mercedes-Vito Taxi bestellt, welches uns schon vom Flughafen abgeholt hat. Die 7€ Fahrt von gestern kostet heute 20€. Wir bekommen eine KIA Seltos, ein SUV, aber noch immer mit Zwei-Rad-Antrieb. Mir bleiben nur 15 Minuten, marokkanisches Stadtfahren zu üben (man darf ständig hupen), und dann dünnt sicher der Verkehr deutlich aus. Es werden breite Landstraßen, Route Nationale 9. Wir fahren nach Süden, auf das Diercke Gebirge, ähh, den hohen Atlas zu. Es geht über den Tizi Tichka (Tizi ist ‚Pass‘), Schnee neben der Straße, aber auch die Niederschläge der letzten Tage haben nicht zu Chaos geführt.

Dann sind wir in Ouarzazate, und fahren unserem Tagesziel in einem Tal zwischen dem Hohen Atlas und einer unbenannten Gebirgskette etwas weiter südlich entgegen. Hier fährt es sich ruhig und entspannt, die Landschaft ist weit und beeindruckend. Wir nehmen uns etwas Zeit für eine Sehenswürdigkeit, die Kasbah Amridil. Es reicht uns ein Blick von außen, und dann noch im Nebengebäude ein Tee. Immerhin sieht man von da aus gut die Struktur der Kasbah (kein Kasbah-le Theater, es bedeutet Burg oder befestigtes Haus). Das Baumaterial ist offensichtlich wirklich Lehm mit etwas Stroh darin. Wahrscheinlich könnte man so eine Festung mit einer Wasserpistole und sehr viel Geduld schleifen.

In aufkommender Dunkelheit fahren wir ins Dadestal, bis wir irgendwann die ‚Moschee mit einem Fernseher daneben‘ finden, wo uns unser Wirt für die Nacht abholt. Mimoun hat uns auch ein leckeres Essen gekocht, nicht nur die obligatorische Tahine, sondern auch Krautwickerl gefüllt mit Reis und Erbsen. Er spricht Englisch, Französisch und Spanisch. Adriana und Diana freuen sich. Als ich mich aber am Ende mit Shukran (شكرًا) bedanke, korrigiert er sanft. „Tanemmirt“ wäre das in der Sprache der Berber, er sei doch kein Araber. Und hier löst sich auch das Rätsel des Titels auf: „Willkommen in Marokko“, in Tamaschek, der Sprache der Berber, in dem erst vor kurzem revitalisierten Alphabet Tamazight (Witzig: unser Wirt spricht Tamaschek, aber kann das Alphabet nicht lesen und schreiben. Als er auf der Schule war, wurde die Kultur der Berber unterdrückt, mittlerweile wird es für alle als zweite Sprache gelehrt. ( ⵜⴰⵏⴻⵎⵎⵉⵔⵜ= tanemmirt)

Hier in den Bergen ist es wirklich lausekalt. Unser Unterkunft hat nur drei Zimmer, alle belegt, doch der Speiseraum sieht eher so aus, als könne man hier auch Hochzeiten feiern. In der Ecke kämpt ein kleines Feuer im Kamin tapfer gegen die Kälte, aber es hilft nicht. Trotz drei Lagen Klamotten treibt es mich um 22:00 unter drei Decken ins Bett.

*Ich hatte vor dem 28. Dezember noch nie davon gehört, dass es so ein Alphabet gibt. Es ist witzig darüber nachzulesen. Heute wird das Neo-Tifinagh Alphabet genutzt und gelehrt – es basiert auf der traditionellen Berber-Schrift, die aber zB in Ihrer Schreibrichtung nicht festgelegt war. Von rechts nach links, links nach rechts, unten nach oben, oder vielleicht im Kreis? Deswegen wurde auch nie längere Literatur darin verfasst. Und wir scheißen rum mit ‚Satzzeichen retten Leben‘ bei „Komm, wir essen Opa“. https://de.wikipedia.org/wiki/Tifinagh-Schrift .

Der Blog-Plan

Mein Blog zu schreiben ist ’ne komische Sache – es braucht dabei eine nicht festgelegte Mischung aus Abwesenheit, Alleinsein, genug Erleben, aber auch nicht so viel, dass ich keine Zeit mehr hab. Dann habe ich so ein wenig den Anspruch auf etwas Vollständigkeit, und ich habe seit Februar nichts mehr gepostet. Mein Plan, in ruhigeren Zeiten den Blog zu vervollständigen war auch nicht erfolgreich. Nebenbei befriedigt WhatsApp Status ein wenig mein Mitteilungsbedürfnis, und auch daraus ergibt sich teilweise ein Dialog.

Der Plan also jetzt: Ein paar Artikel jetzt aus Japan. Abdeckung des Restes von 2025 irgendwann zumindest mit Bildern. Wie üblich bleibt der Artikel oben, und informiert die Nicht-Immer-Leser was neu ist, isb. wenn es zeitlich so eingeordnet ist, dass es nicht oben erscheint.

Neu:

  • mittlerweile viele Artikel über meine Japan- / Taiwanreise, gleich hier…
  • Wer das am 20.10. morgens liest: Fotos für die letzten drei Artikel kommen noch.

Übrigens: Bitte fleißig kommentieren, sonst sehe ich nicht, ob das hier überhaupt jemand liest! Deshalb ist in den Artikeln mal wieder ein Gewinnspiel versteckt.

Goodbye Taipeh

Claudia hat mich mit einigen Tipps über Taipeh versorgt. Sie sind kreuz und quer über die ganze Stadt verstreut, und bislang habe ich wenig genutzt. Aus deshalb will ich heute ins COW bei Izakaya gehen, auch wenn es eine 50-minütige Fahrt vom Hotel aus wäre. Das gute – die Fahrt ist auch vom Taipeh 101 nur 50 Minuten, also mache ich mich gleich nach der Tour auf den Weg, obwohl duschen schon echt was feines gewesen wäre. Mit dem Bus 652 geht es nach Neu-Taipeh, also der Stadtteil auf der westlichen Seite des Tamsui Flusses. Durch meine letzten Restaurantbesuche gewarnt, frage ich erst an der Theke ob sie Kreditkarte nehmen, ich habe kaum noch Bargeld. Der junge Kollege ist mit meiner Frage sprachlich überfordert, die Chefin meint barsch: No English. Ich zeige die auf dem Handy gespeicherte Karte, und der Kollege meint OK. Puh. Ich bekomme einen Platz an der Theke, neben dem Häuschen des schwarzen Hauskaters, der mich den Rest des Abends ignoriert. Die Karte ist ein DIN A4 Blatt auf chinesisch, wo man seine Wünsche ankreuzen kann. Zu manchem fehlt mir das Verständnis oder der Mut (G-Boy Mashup (Herz und Furz), Sitzsack, Wilde Schnecke, Dickdarm), aber ich bekomme genug zusammen. Taiwanesisch ist das hier auch nicht, sondern ein japanisches Izakaya/Yakitori Restaurant. Nach einigen Tellerchen bin ich fast satt, und will die Vernunft walten lassen. Ich will zahlen. Die Chefin ist nicht erfreut, bellt etwas in Google Translate: „How fast?“ „Is Holiday, you should stay“ „Beer, I invite you“. Sie zapft mir ein Bier, und damit ist mein Schicksal besiegelt. Ich trolle mich wieder an meinen Platz, bestelle noch ein paar Spießchen und schaue dem Treiben zu, bzw. gehöre dazu. Es dauert etwas länger, es wird noch ein Bier, aber irgendwann muss ich wirklich gehen. Als ich mein Handy mit Kreditkarte hinhalte, ist es dann aber doch nicht OK. „No problem, you come back tomorrow“. Nach kurzer Diskussion gehe ich aber doch zum 7-11 gegenüber, immerhin weiß ich jetzt schon, was der heutige Abend kostet. Ich nehme mir ein Taxi ins Hotel, weil der Bus erst in 20 Minuten gekommen wäre, war aber auch nicht sehr teuer.

Am nächsten Morgen schüttet es wie auf Kübeln. Meine Unternehmungslust sinkt geringfügig – es gibt ja auch keine Must-See Punkte mehr, denn so nannte sich ja schon die Tour vom Vortag. Aber um 11:00 muss ich das Zimmer räumen, und mein Flug geht erst um 19:00, also lasse ich mein Gepäck im Hotel und beschließe, noch ein wenig in eine Mall zu gehen. Die Taipei City Mall ist nicht weit, und es sind auch keine Kübel mehr, aus denen es schüttet. Die Mall ist leider nur ein beidseitig von Geschäften gesäumter Verbindungstunnel zwischen zwei Metrostationen und die Läden sind nicht meines: billiges Handyzubehör und viel Werbung für Playstations. Alles blinkt und ist bunt – gar nicht meines. Nach 10 Minuten komme ich wieder ans Tageslicht. Der Regen hat gerade aufgehört, und ich sehe Claudias Tipp nach dem Museum of Contemporary Art, gar nicht weit. Sehr moderne Installationen, bei vielen denke ich mir „was will mir der Künstler damit sagen“, aber einiges berührt mich ästhetisch. Vielleicht ließe sich was davon nachbauen (und ich meine jetzt nicht der abgehängte Müll, den ein Freund mit meinem Arbeitszimmer verglich)? Danach gehe ich noch in ein Café auf einem Markt (Café von Claudia empfohlen, Markt mit Tour kurz besucht), und trinke meinen Hopfenkaffee. Dann wieder ins Hotel, Gepäck geholt, zur Schnellmetro zum Flughafen, dort Metrokarte mit ca. 1€ Guthaben an deutsche Rucksacktouristin verschenkt, Check-In; es scheint ja alles gut zu gehen. In Bangkok 2 Stunden Aufenthalt, aber die von Doro gewünschten Matcha-KitKat gibt es nicht. Gute 10 Stunden mit Austrian Airlines nach Wien, wo ich planmäßig 35 Minuten zum Umsteigen habe (mit Passkontrolle und nochmal Security). Klappt nicht, wer hätte es geahnt? Noch bevor ich am Gate ankomme, hat mich Austrian umgebucht. Jetzt schreibe ich am Flughafen diesen Blog fertig. Ich veröffentliche den jetzt auch gleich; meine Erfahrung lehrt mich, dass ich daheim dann immer anderes zu tun habe als den Blog fertig zu schreiben.

Three Taiwan Turbo Tourism Total Tours

Mein Zeit in Taipeh ist kurz, und das ist nicht wirklich mein Wetter hier. 29°C, gefühlte 90% Luftfeuchtigkeit. Ein kurzer Ausflug vor die Hoteltür, und ich sehne mich nach meinem klimatisierten Zimmer zurück. Ich kenne mich gut genug, so sehe ich wenig von der Stadt. Also schauen wir mal, was GetYourGuide so zu bieten hat. Ah, eine Tour ins Umland, dass man nicht nur die Stadt sieht, eine Tour in der Stadt selber, und nach dem mittelmäßigen Ergebnis meiner selbstständigen Essenssuche am ersten Abend buchte ich auch die ‚Favorite Street Food Tour‘ aus dem vorherigen Beitrag. Deshalb hier die anderen beiden Touren, mit vielen Bildern.

Die Tour ins Umland verspricht einen Wasserfall, zwei ‚old-towns‘ und ein Gebiet mit außerordentlichen geologischen Formationen; sie beginnt um 9:00 morgens, für mich also fast vor dem Aufstehen. Unsere Führerin ist eine nette, freundliche Taiwanesin mittleren Alters, die mir am Ende der Tour so auf den Sack gehen wird. Pauline hat gleich eine WhatsApp Gruppe erstellt, in der die wichtigsten Informationen teilt, die sie schon achtmal im Bus erklärt hat, besonders wichtig sind ihr die Treffpunkte und die Zeiten, sich dort einzufinden. Die Zeiten wiederholt sie im Bus oft, schreibt sie dann auf ein Täfelchen, welches sie allen Teilnehmern vor die Nase hält, danach schreibt sie die Zeit noch in die Gruppe und postet ein Bild davon. Vielleicht ist das Erfahrung, eine Teilnehmerin namens Sharon Ng stellt in der Gruppe auch immer wieder Fragen, die eigentlich erklärt wurden.

Auf dem Land wird noch deutlicher, dass wir hier in den Tropen sind. Bergig, mit einer wuchernden Vegetation die einen undurchdringlichen Dschungel bildet. Was der Mensch aufgebaut hat, die Natur versucht es sich wiederzuholen; das erste Zeichen ist meiste eine schwarze Schimmelsicht. Was mir sehr schnell auf die Nerven geht, ist unser Bus. Ungefähr die Hälfte der Zeit ertönt ein lautes Piepen, so wie manche Nutzfahrzeuge ihre Absicht signalisieren, jetzt rückwärtszufahren. Aber wirklich die Hälfte der Zeit, die ganz Fahrt lang.

Erster Stopp ist der Wasserfall in Shifen. Der Wasserfall ist etwas unterwältigend. Vielleicht habe ich auch einfach schon zu viele große gesehen, und dass aktuell nicht Regenzeit ist, hilft auch nicht. Ich verwende absichtlich nicht den Begriff Trockenzeit, so sieht’s nämlich nicht aus. Danach geht’s weiter nach Shifen Old Town, wo Teilnehmer eine Himmelslaterne vorbestellen konnten. Man kennt die Dinger; an einem der letzten Silvester hat damit eine Frau in Krefeld das Affengehege abgefackelt. Hier in Shifen haben sie keine solchen Sorgen; Waldbrandgefahr: SEHR gering. Pauline hat auch ein wenig erklärt, warum es unproblematisch ist, wenn jeden Tag hunderte von den Dingern in den umliegenden Wäldern landen, aber mich überzeugt das nicht. In Shifen esse ich ein paar gebratenen Teigtaschen, erst später erfahre ich aus dem Gruppenchat, dass wir besonders lange in dem nächsten Dorf bleiben, damit alle dort Zeit haben zu essen.

Jiufen, der nächste Stopp mit knapp zwei Stunden Aufenthalt ist eigentlich ein riesengroßer Souvenir- und Fressshop, der als altes Bergdorf getarnt ist. Auch wenn man mit der geschickten Wahl des Ausschnitts beim Fotografieren auch in paar schöne Motive findet – jedes Haus ist entweder ein Essenstand oder ein Shop. Die Gasse dazwischen ist überdacht, so dass auch Regen die Touristen nicht an ihrer Konsum-Mission hindert. Pikant auch hier: es gibt mindestens drei Stinky-Tofu Läden, und die verseuchen olfaktorisch jeweils so ca. 60 Meter Ladengasse. Das kann die Nachbarn nicht erfreuen. Und die Menschenmassen schieben sich weiter durch die Gasse. Vierzig Minuten vor der Zeit beende ich meinen Jiufen Ausflug und finde einen Laden der mir ein IPA verkauft. Gute Entscheidung.

Letzter Programmpunkt der Tagestour ist Yeliu. Hier ist die eine obere Schicht Steine deutlich härter als der weiche Sandstein darunter, und so bilden sich witzige Pilzförmige Strukturen. Auch ein Publikumsmagnet, wir sind nicht allein.

Der geneigte Leser hat es schon gemerkt – die Tour bekommt im persönlichen Tagebuch keine fünf Sterne. Immerhin, etwas Landschaft außerhalb Taipehs gesehen, und nicht mit schlechtem Gewissen zu wenig unternommen.

Zu einem ähnlichen Fazit werde ich bei der nächsten Tour kommen. Hier führt uns James, der damit offensichtlich seine Rente aufbessert. Auch er hat eine einschläfernde Sprachmelodie, und die Verständlichkeit wird ein wenig durch die Maske beeinträchtigt, die James die ganze Tour lang trägt. Programm hier: National Palace Museum (wo die Taiwanesen bei der Flucht ein paar der wichtigsten Kulturschätze ganz Chinas gerettet haben. Die Mainland-Chinesen sagen geklaut, aber ganz ehrlich – die hätten das meiste während der Kulturrevolution zerdeppert). Danach der Chiang Kai Shek Memorial Park, mit einem riesigen Monument und etwas Museum. Es ist übrigens kein Mausoleum, der Kollege ist woanders begraben.

Danach knappe zwei Stunden im XiMen-Viertel, recht nah an meinem Hotel, Essenfassen in Eigenregie. Danach der LongShan Tempel mit etwas Erklärung, noch ein Markt, und dann zum Taipei 101. Das war eine Zeit lang das höchste Gebäude der Welt, und macht schon was her. Im 89 Stock gibt es eine Aussichtsplattform; und in Erdnähe eine Shopping Mall. Was ich offensichtlich nicht richtig gelesen habe bei der Tourbeschreibung: Die Aussichtsplattform ist nicht in der Tour inbegriffen. Wir bekommen eine Stunde für die Mall, und dann wäre wieder Treffen, damit uns James hilft mit U-Bahn heimzukommen. Ich verzichte auf die Hilfe, auf die Mall, und kaufe mir selber eine Karte für den Ausblick. Nachteil: der 101 ist im Osten der Altstadt, und so ist das meiste Interessante um 16:30 im deutlichen Gegenlicht.

Aber auch hier das Fazit: Auch wenn die Tour nicht begeisterte, immerhin glaube ich jetzt, nicht allzu viel verpasst zu haben. Danach mache ich mich auf nach Neu-Taipeh, um einem Restaurant-Tipp von Claudia zu folgen.

Famoses Formosa

Mittwochmorgen verlasse ich mein Hotel in Kyoto und mache mich auf den Weg zum Kansai International Airport, der die gut zu merkende Kennung KIX hat. Mittlerweile habe ich eine gewisse Routine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, Vorortzug nach Osaka und dann einen Airport-Bus vom Bahnhof Umeda. Durch den Erwerb einer Wagyu-Krokette gebe ich mein letztes japanisches Bargeld aus, den kläglichen Rest auf meiner Suica-Karte setze ich an einem Automaten für einen Sprudel ein. Der Flug dauert gute drei Stunden, dann bin ich in Taipeh. Hier ist es nochmal ein Stück wärmer und feuchter; Puh. Ich habe mich ins CitizenM Hotel eingebucht, eine Viertelstunde Laufentfernung zum Hauptbahnhof. Dort bekomme ich ein kleines Zimmer im 20 Stock, und hätte einen direkten Blick auf das Taipeh 101 Gebäude – wenn da nicht auf halber Strecke das Ich-Bin-Im-Weg 60 Gebäude stehen würde. Trotzdem ein cooler Ausblick. Bei CitizenM denke ich sofort an „M – eine Stadt jagt einen Mörder“, aber meine Zeit im Hotel bleibt ruhig. Da Hotel versucht möglichst modern zu sein, wir sind ja alle so coole travelling citizens. Das Zimmer lässt sich mittels des zur Verfügung gestellten iPads steuern, ich probiere am nächsten Morgen die Stimmung „Fokus“ aus, aber hab nach kurzer Zeit eher die Stimmung ‚genervt‘. Auf dem Bildschirm laufen psychedelische Muster, die Decke des Bades (mit einer lichtdurchlässigen Scheibe vom Rest vom Zimmer abgetrennt) zeigt welche Farbkombinationen sich mit modernen RGB LEDs erzeugen lassen.

Ich bekomme Hunger. Eigentlich gibt es viel in der Umgebung, aber die meisten Restaurants sind dann japanisch, koreanisch, amerikanisch oder sonstwas. Taiwanesisch und gut bewertet sind nicht so viele. Ich suche und finde Dong Yi Pork Chop Main Store, etwas versteckt im 2. Stock. Nix auf der Speisenkarte macht mich so richtig an, am Ende nehme ich etwas Chicken. Es kommen ein paar Stücke Huhn in einer Brühe, in der noch zwei Würfel schwimmen, die evtl. Blutwurst sein könnten. Es ist wahrlich chinesisch, die Hühnerteile mit Knochen, eher zu gewichtig um sie von den Stäbchen zu essen, aber halt auch suppennass. Immerhin habe ich noch ein paar frittierte Shrimps bestellt, die sind uneingeschränkt lecker. Ca. 60 Sekunden nachdem das Essen auf dem Tisch steht, kommt die Überraschung. Der Kellner fordert sofortige Barzahlung. Ooops. Ich mache ihm klar, dass ich kein Bargeld habe, und dass ich jetzt erst esse, und wir das dann klären. Nach dem Essen hinterlasse ich meinen Personalausweis als Pfand und hole im 7-11 gegenüber am Geldautomaten genügend Bargeld für die nächsten drei Tage (Spoiler: ich bleibe vier). Das Hotel liegt im HiFi/Audio-Viertel. Fast jeder zweite Laden verkauft teure Kopfhörer, teure Verstärker und noch teurere Lautsprecher. Ich schwitze mich zum Hotel zurück, und nutze die Happy Hour für zwei Cocktails. Dann verziehe ich mich in mein kühles Zimmer – eine Wohltat – und plane ein wenig. Für den nächsten Abend buche ich eine Food-Tour, damit ich an den restlichen Abenden weiß, was mir schmeckt. Da ich auch andere Touren gebucht habe, lasse ich den Donnerstag gechillt angehen. Also Ausschlafen, ein bisserl am Laptop machen, mittags einen kleinen Ausflug in das XiMen Viertel zum Essen (nicht begeistert, aber ok).

Treffpunkt für die Food-Tour ist 19:30 am Longshan Tempel, statt der avisierten Cyndi empfängt mich ein Vincent, und unsere Gruppe besteht nur aus vier Gästen. Los geht’s. War ’ne sinnvolle Idee. Alleine hätte ich nicht wirklich verstanden, was es genau ist, dass die ganzen Streetfood Stalls zu bieten haben. Als erstes gibt es einen Oyster-Pancake, eher eierlastig. Interessant, aber wird nicht mein Favorite. Zwischenzeitlich erzählt Vincent ein wenig, er ist in den USA geboren, sein chinesischer Vater kam zurück nach Taiwan, als man dort zum Aufbau der Halbleiterindustrie Fachkräfte suchte. Der Markt hier ist zwischen der alten Innenstadt und dem Fluss, und früher waren hier viele einfacher Arbeiter unterwegs. Die durften ihre Familien nicht mitbringen, aus Angst vor zu viel Aufmüpfigkeit, deshalb war das auch lange Zeit ein Rotlichtviertel. Roter Lichter gibt’s auch noch, aber sie blinken im Takt abwechselnd mit blauen und grünen. Was es aber noch gibt sind einige Massagesalons (ohne happy end), und ein paar DVD-Läden der eindeutigeren Art. Es geht weiter, zu einer dickflüssigen Suppe, gut gestärkt mit Tinten- und normalem Fisch. Auch die Suppe kommt nicht in die Top 10. Offensichtlich hat der Tourenveranstalter mit einigen Läden hier special Deals, vor einem Laden für Suppen-Dumplings bekommen wir fast im Vorbeilaufen ein Tablett mit vier Teigtaschen kredenzt. Da zwei unserer Gäste kein Schweinefleisch essen (Schade, eigentlich), bekommen Emily und ich jeweils zwei. Die Teigtaschen enthalten auch Brühe, und der Guide verrät den Trick: die erkaltete Brühe ist fest genug, dass man etwas davon mit in die Taschen packen kann, welche sich dann beim Garen wieder verflüssigt. Danach mal wieder ein Laden zum Hinsetzen. Es gibt Reis mit geschmortem Schweinefleisch, Kraut, Bambus-Sprossen, gebratener Tofu und ein hartgekochtes Entenei. Eher so meines, aber langsam stellt sich auch ein Sättigungsgefühl ein. Danach noch die Mutprobe: Stinky Tofu. Seinen Namen hat der fermentierte Bohnenkuchen redlich verdient. Er stinkt nicht nur am Tisch hinter dem Verkäufer, sondern strahlt auch auf die Stände daneben aus. Dennoch, probiert muss er werden, denke ich mir. Interessant, deutliche Ammoniak-Noten. Wir haben die gebratene Variante bekommen, da verfliegt schon ein Teil der etherischen Öle, und das finde ich nicht schlecht. Auch das werde ich mir nicht selber bestellen, aber gut es mal probiert zu haben. Noch ein kurzer Ausflug in die auch in Taiwan allgegenwärtigen Convenience Stores. Hier ist mir eine Packung Erdnussflips in Erinnerung geblieben, deren Namen übersetzt so viel wie ‚benimm Dich‘ bedeutet. Die manchmal etwas abergläubischen Chinesen essen sie nicht nur, sondern verwenden auch die vollen Packungen um die ‚Maschinengötter‘ zu besänftigen. Offensichtlich liegt gerne auch auf High-Tech-Maschinen eine Packung davon, damit sich die Maschine benimmt. Tatsächlich liegt in unserem Tourbus am nächsten Tag eine offensichtlich nicht zum Verzehr gedachte Packung ‚Benimm Dich‘ in der Gepäckablage. Es hat wohl schon öfters unter Gepäck gelitten, das Gebäck. Mein Abschluss ist dann noch ein frittierter Fischteig am Stiel, die anderen bekommen noch einen Ice-Cream Burrito, auf den ich verzichte. Fazit: Interessant, aber taiwanesisches Essen wird nicht meine Lieblingsküche. Wobei – wegen der bewegten Geschichte gibt es in Taiwan Flüchtlinge aus ganz China, die jeweils ihre eigenen Gerichte mitgebracht haben. Wahrscheinlich muss man nur die Ecke mit den Geflüchteten aus der Provinz Sichuan finden, und alles ist wieder gut.