Nach Sardinien

Es ist acht Uhr morgens, der Beginn meiner Wache – es war die ganze Nacht ruhig. Der seefahrerische Höhepunkt: Die Maersk Arun ist laut AIS in unsere Richtung unterwegs. Der Plotter beruhigt – sie wird weit vor uns vorbeifahren. Aber sonst gibt’s nix zu sehen. Als der Abstand noch 10,79nm beträgt – rund 20km – sehe ich am Horizont einen kleinen weißen Block – das wird wohl die Brücke sein. Über die nächsten drei Stunden wächst der weiße Punkt zu einem mittelgroßem Containerfrachter an, bevor er an Backbord wieder zu einem weißen Block zusammenschrumpft. Der Wind ist mittlerweile komplett aus, und die Wellen haben sie sehr beruhigt. Nur selten gibt es eine Resonanz mit den 20cm Wellchen, und dann schaukelt sich die Seestern unverhältnismäßig auf. Frühstück: eine Dose Cola und eine halbe Packung Butterkekse. An Backbord erkennt man langsam die Berge Sardiniens.

Am Dienstag haben wir die Marina in Marsala verlassen – unseren negativen Covid-19 Test hatten wir dort nun genügend ausgekostet. Wir fahren auf die Sizilien vorgelagerten Isole Egadi, so 10 bis 20 Meilen in die richtige Richtung. Dort wollen wir zwei Nächte warten, bis der Wind auf dem Weg nach Sardinien wieder etwas gnädiger ist – wir haben aus unserer Erfahrung gelernt – über 20 Knoten Wind mit entsprechender Welle machen hart am Wind kein Spaß. Außerdem wollen wir auf Favignana tanken – zur Sicherheit. In Marsala ist die Tanke nicht gut zugänglich, und Sybille und Burkhardt hatten gemeint, der Hafen von Favignana wäre super geschützt, mit einfach zugänglichem Treibstoffhändler. Wir haben uns Zeit gelassen, waren noch einkaufen und haben gemütlich Mittag gegessen – wenn wir jetzt kreuzend nach Favi wollten, kommen wir im Dunklen an. Nach studieren der Windprognose stellen wir fest, dass eine Festmacherboje im Süden der gleichen Insel auch guten Schutz bieten müsste. Die Bojen der Area Marina Protetta (AMP) Isole Egadi verhindern, dass hunderte von Ausflugsbooten mit ihren Ankern ständig das geschützte Seegras durchpflügen und sind online zu buchen. Wir fahren erstmal hin, da man keine spezielle Boje reserviert, und einige Masten sieht man schon in unserer auserwählten Bucht. Wir hätten uns keine Gedanken machen müssen. Von ca. 20 Bojen ist eine besetzt. Ich fahre noch ein paar Kringel, Frank bucht (es heißt, online gibt es einen Preisvorteil). Dann machen wir an der Boje fest, und tatsächlich, 10 Minuten später kommt ein übermotorisiertes Gummiboot des Nationalparks mit drei Mitarbeitern. Wir geben ihnen Bescheid, dass wir vor zwölf Minuten online gezahlt haben. Sie freuen sich, können es offensichtlich nicht bei sich auf irgendeinem Gerät sehen. Allerdings erklären Sie uns: bei unserem Bootsalter – mit Schwarzwassertank – gibt es einen Discount: nur 31,50 statt 38,00 Euro. OK, va bene, domani. Frank und ich bleiben kopfschüttelnd zurück – schöne neue Welt, aber von einem Discount war online nix zu lesen.

Wie erwähnt, der Wind wäre jetzt auf offener See nicht schön, auch hier in der Bucht pfeift es ordentlich (beobachtetes Maximum: 30 Knoten, so 55km/h), und trotz dem, dass die Bucht eigentlich gegen den Wind und die Welle geschützt ist, kommt etwas Schwell in die Bucht (Wellen, die quasi zurückkommen, weil weiter draußen auf See das Meer sehr bewegt ist). Es werden zwei unruhige Nächte, denn teilweise schaukelt sich die Seestern ziemlich auf. Und auch wenn das irgendwie mit ‚in den Schlaf wiegen‘ bezeichnet werden könnte – so einfach ist es nicht. Ich schlafe meist auf der Seite. Probiere ich das – ganz entspannt, beutelt es mich hin und her, nicht so, dass ich wegrolle, aber automatisch erhöht man in allen Muskeln die Körperspannung, versucht sich mit einem miserablen Hebel stabil zu halten. Schnell stellt man fest, dass die beste Schlafhaltung diese wäre:

Schematische Darstellung der optimalen Schlafhaltung

Am Ende wird’s ein Kompromiss: stabile Seitenlage, wie im Erste Hilfe Kurs gelernt, möglichst breit. Dennoch – richtig ruhig ist anders, und dann pfeift es wieder im Rigg, dass man erschrickt, dann klappert hier was, dann dort. Öfters in der Nacht treffen wir uns, wie wir gerade an Deck gehen, um nach etwas zu gucken. Der starke Wind – extrem böig übrigens, in einer Minute über 25 Knoten, in der nächsten wieder 5 – federt auch die Boje. Starker Wind – die Seestern zieht, die Boje (groß wie ein 30Liter Bierfass), wird auf gerader Linie zwischen ihrer Befestigung am Boden (meist ein fetter Betonklotz) und der Seestern unter Wasser gezogen; lässt der Wind nach, taucht die Boje wieder auf, und zieht die Seestern wieder zwei Meter nach vorne, wo sie dann ungebremst in die Boje rumpelt. Das hört man deutlich im Schiff, und wir haben jetzt auch einige Souvenir-Kratzer am Bug.

Am Freitagmorgen brechen wir so auf, dass wir in Favignana-Hafen noch tanken können. Wir fahren ab sieben um die Insel, fahren zum Hafen, und drehen ein paar Kreise, ob denn sich jemand der verlassenen Tanke erbarmt (aperto tutto giorni, 8:30-13:00). Niemand kommt. Außerdem steht ordentlich Welle an dem Kai, auf dem die Zapfsäulen sind – wäre eine echte Herausforderung, da schadensfrei anzulegen, und danach wäre noch das Risiko, durch die Schaukelei weitere Kratzer ins Schiff zu machen. Am Ende überschlagen wir das Risiko, und lassen es mit dem Tanken sein – immerhin sind wir ein Segelboot, und sonst tuckern wir halt sparsam.

Exkurs, unsere Tankerei: Wir wissen leider nicht genau, wie voll unsere Tanks sind. Wir haben zwei: einer unter dem Motor, ca. 250 Liter, mit neuem Geber und Tankanzeige, hier holt sich der Motor seinen Treibstoff. Leider funktioniert die Anzeige noch nicht richtig, zeigt immer zwischen 7/8 und 9/8 voll. Dann noch einen zweiten, unterm Sofa, ca. 150 Liter, ohne Anzeige, aber mit einem Ventil vom unteren getrennt. Die allgemeine Weisheit sagt, dass so ein Schiffsdiesel ca 5 Liter in der Stunde verbraucht, also können wir mit 400 Litern wohl 80 Stunden fahren. 40 sind’s seit dem letzten Tanken, ca. 36 Stunden nach Sardinien, dass müsste reichen, außerdem wollen wir ja Segeln. Allerdings habe ich auch eine Tabelle im Internet gefunden, die den Treibstoffverbrauch nach Drehzahl aufschlüsselt, diese gibt 5 Liter an, wenn man mit ca. 2000 Umdrehungen fährt, aber nur noch 2,7 Liter bei 1600 Umdrehungen. Auf der Fahrt von Griechenland nach Sizilien haben wir’s mit 1800 /min probiert, und die Tabelle hat mit 3,7l recht gut gepasst. Nebenbei: Sybille und Burkhardt mit dem neueren Schwesterschiff fahren auch nur nach Motorstunden, offensichtlich haben das Problem einige Hallberg Rassy.

Jedenfalls segeln wir von Favignana los, auf nach Sardinien. Wind aus Nord, wir segeln am Wind nach Nordwest. Auch wenn’s noch ordentlich Welle hat – unsere Ketch segelt stabil ohne lenken. Wenn man Wache hat, sitzt man windgeschützt unter der Sprayhood, und schaut alle 10 Minuten, ob da irgendwas ist, was nicht schon seit langem auf dem AIS zu sehen ist. Vielleicht kommt man noch etwas härter an den Wind (segelt also mehr nach Norden, was gut wäre), wenn man selber lenkt, aber macht man das nicht konzentriert, macht man wahrscheinlich mehr kaputt, weil man ab und zu daneben lenkt. Von 10:00 bis 19:00 rauschen wir also mit ca. 6 Knoten nach Sardinien, dann dreht der Wind komisch, und geht kurz darauf aus. Also Motor an, Sparmodus mit 1400 Umdrehungen (2,1 Liter), wir schaffen noch ca. 3,5 – 4 Knoten gegen die Welle.

Man glaubt gar nicht, wie sehr so Wellen bremsen. Als sie langsam nachlassen, wird die Seestern immer schneller. Am Ende fahren wir mit 5,1 Knoten bei 1400. Blöd – wir hatten eigentlich so geplant, dass wir eben nicht in der Nacht in einem fremden Hafen anlegen müssen. Noch langsamer? Das ist dann schon Leerlauf. Oder schneller – haben wir noch genug Diesel? Und was ist, wenn dann plötzlich etwas Wind kommt, wir segeln können, aber eben nicht sooo schnell? Wir finden einen Kompromiss – kurz vor Arbatax gibt es eine Bucht, bei fast Windstille sicherlich auch kein Problem, und im Dunkeln den Anker ins Wasser werfen – das werden wir schon hinbekommen. Dann schlafen wir bis zum Morgengrauen, und laufen in Arbatax ein. Um 18:00 kochen wir auf See, um 22:00 sind wir in der Bucht – Welcome to Sardegna!

Caruso & Minini & Wir

Patrone Caruso kommt an die Sofa-Ecke, mit einem Glas dünnflüssiger roter Grütze in der Hand. Er heißt uns in tragbaren Englisch willkommen, freut sich, dass wir den Weg in sein Weingut gefunden haben, und erzählt ein wenig. Die rote Grütze in seiner Hand ist ein super-junger Wein, noch nicht ausgereift, nicht geklärt. Would you like to try? Klar, wir sind bei allem dabei. Er kommt mit einer Flasche, entschuldigt sich nochmals, dass es noch ganz frisch ist, und auch dass das Etikett nicht richtig ist. Ich fände es mal cool, sowas in der Weinhandlung zu sehen – ein Stück Klebeband mit „3“. Irgendwas mit einer Universität machen sie mit dem Wein. Interessant, auch mal so eine Zwischenstufe zu probieren.

Eigentlich wollten wir eine Tour beim Platzhirschen machen – die Cantina Florio, die auch schon Letizia für gut befunden hatte. Mein To-do nach dem Abend zuvor war eine Tour-Reservierung für uns sechs. Sechs, fragt ihr? Wir sind die deutsche Gruppe in der Cantiere Nautico Polaris – die Crews der Ithaka, Arte und Seestern. Das sind dann Sybille und Burkhard, Patricia und Gerhard, und eben wir beide. Die beiden anderen Boote kennen sich schon länger, haben in Spanien den Lockdown gemeinsam im Hafen von Almerimar erlebt. Aber wir verstehen uns gut, zu den Nudel des Vorabends kamen etliche Flaschen Wein, immer wieder andere, weil der Wirt offensichtlich nur noch Reste hatte. Leider erklärt mir die Dame bei Florio, dass die nächste freie Tour auf Englisch erst fünf Tage später wäre. Ich will schon frustriert die Niederlage eingestehen, als Frank darauf hinweist, dass es doch wohl noch ein paar andere Weingüter gibt. Stimmt. Ich frage Google, und entscheide mich für Caruso & Minini. Auch noch zur Auswahl stand Donna Fugata, aber bei denen war ich vor Jahren mal in München auf einer Weinprobe, und war nicht begeistert. Ich wähle die teure Tour – 15€ mit fünf Probierweinen und sizilianischen Snacks. Snacks sind vielleicht ganz sinnvoll, wenn man um 11:30 mit Weintrinken anfängt. Luca zeigt uns das Gut (das Gut mit Pressen, Lagertanks, Keller, und Abfüllanlage ist in der Stadt, die Weinberge wären außerhalb), welches erst vor ca. 20 Jahren den Betrieb aufgenommen hat. Wie bei jeder Weingut-Führung lernt man ein paar neue Sachen, und bei anderen Erklärungen kann man wissend nicken. Wegen Corona findet die Probe auf einer sehr gemütlichen Sofagarnitur im Hof statt, neben einem sehr historischen Fiat Topolino. Lecker Wein und einfaches, aber gutes Essen (Brot mit Olivenöl, und ein paar anderen Beläge – zB Lardo mit Honig). Am Ende geht’s in den Verkaufsraum, wo Gerhard noch eine Flasche von dem Riserva springen lässt, den wir probieren – auch sehr lecker, aber auch entsprechend teuer. Am Ende kauft jedes Schiff zwei Kartons Wein, und als Luca kein Taxi organisieren kann, fährt er uns mit unserer Beute einfach in seinem Auto zum Hafen.

Urlaub, das ist ja, wenn man ohne Reue schon mittags mit Wein trinken anfangen kann. Machen wir jetzt noch was Vernünftiges? Wahrscheinlich nicht – wir holen uns ein paar Bier von den Schiffen, setzen uns in den Loungebereich der Marina (Frank und ich nun mit gutem Gewissen, da wir ja Corona-negativ-gestestet sind) und diskutieren & fachsimpeln. Die beiden anderen Schiffe haben jeweils ihr Leben in Deutschland aufgegeben, und sind jetzt nur noch Segeln. Gerhard hat ein wunderschönes Zitat auf seiner Homepage: „Wenn ich in Rente bin“, soll Eisenhower gesagt haben,“ wenn ich in Rente bin, kaufe ich mir einen Schaukelstuhl und setz mich auf die Veranda. Und nach vier Wochen fang ich gaaanz langsam an zu Schaukeln“. Um fünf sind wir dann alle erledigt, und machen noch ein kurzes Nickerchen – das gemeinsame Abendessen fällt aus, da alle ein wenig am Ende sind. Dennoch schauen wir am Abend noch auf einen Absacker auf der Ithaka vorbei – der neueren Hallberg-Rassy, und tauschen Tipps und Erfahrungen aus.

https://www.sy-ithaka.de/

https://www.gerhard-augstein.de/

Noch ein witziger Nachtrag zum Corona-Test: am Montagmorgen schickt uns die Heimatschutzbehörde noch ein Mail, dass wir negativ getestet sind, am Dienstagmorgen kommt der Eigentümer der Marina, und erzählt uns das auch noch. Etwas unausgegoren, der Kommunikationsprozess hier.

Was positives: wir sind negativ.

Sonntagmittag geht uns die Geduld aus – wir gehen zwar nicht davon aus, dass irgendjemand bei den Behörden da ist, aber das Labor? Leider wissen wir nicht 100%, wer unseren Test gemacht hat. Frank versucht’s bei dem einzigen Labor, von dem wir wissen. Schon diverse Phrasen von DeepL übersetzt, bereit für das Gespräch, aber es geht jemand ans Telefon, der Englisch kann. Ja, die Ergebnisse sind fertig, beide negativ. Aha – und wie wäre es, uns das auch mal mitzuteilen?!? Hm, ja, hm… Frank buchstabiert nochmal unsere Mailadresse: mail@seestern.net Gar nicht so schwierig herzuleiten, bei einem Schiff namens Seestern… Es dauert, und ich gehe schnell duschen. Als ich wiederkomme, wundere ich mich, warum so viele Leute um unser Schiff herumstehen. Beim Näherkommen fallen mir ein paar Unterschiede auf – wer hat unseren Besanmast geklaut? Tatsächlich legt neben uns ein Fast-Schwesterschiff an – eine Hallberg-Rassy 42F, neun Jahre jünger. Sybille und Burkhard auf der Ithaka legen an, und Freunde von Ihnen – Patricia und Gerhard von der Arte stehen an der Hafenmauer. Bis auf so einige Details (wie den fehlenden Mast) sehen sich die Schiffe echt ähnlich. Ich frage schnell, ob wir das Testresultat nun per Mail bekommen haben? Nein, aber per WhatsApp. Offensichtlich mögen die Italiener unsere Mailadresse nicht. Das Resultat ist vom Freitag, meine Telefonnummer falsch übertragen – wir hätten früher anrufen sollen.

Wir kommen ins Gespräch mit den Nachbarn, und werden an deren Anlegeschluck beteiligt. Eine nette Runde, wir überlegen morgen gemeinsam zu einem Marsala-Weingut zu gehen.

Sonstiges?

Lucretio, unser temporärer Kater, wird mutiger, zutraulicher und richtig frech. Gestern Abend hat es etwas länger mit der Pizza gedauert, danach noch eine Runde spielen, und schließlich kuschelt sich Lucretio an mein Bein und schläft ein. Und ich jetzt? Es wird an Deck langsam etwas kalt. Am Ende lasse ich ihn im Cockpit schlafen und gehe ins Bett. In der Nacht höre ich, wie Frank mit der Gardena Wasserspritze Lucretio davon überzeugt, dass es nicht nett ist, nachts in fremden Schiffen stromern zu gehen, und macht unsere Zugbrücke hoch.

Frank bleibt unermüdlich im Kampf mit unserer Bordelektronik. Dem AIS, und dessen Ableger Marinetraffic.com, was bislang ja eher underperformed hat, gehen wir mal genauer auf den Grund. Der AIS Sender und unsere UKW-Funke teilen sich eine Antenne – dafür gibt es einen Splitter, der bedarfsweise entweder das AIS System oder die Funke auf Senden schaltet. Als wir dabei mal sehen, welche der Verbindungen wichtig sind, fällt uns irgendwann auf, dass der zweite Eingang des Splitters an folgendem hängt: NIX. Theoretisch zwar an der Funke, aber praktisch hängt die an einer zweiten Antenne auf dem Besanmast (oder umgekehrt). Wir bauen den Splitter aus, vielleicht ist jetzt unser Signal zuverlässiger. Verfolgt das mal: MMSI 211805190 als Suchkriterium.

Die Pest – Neuigkeiten

Leider hat das Dokument von Dottore Rigoletto nicht gereicht. Nach den alten Regeln wäre das wohl eine Entscheidung gewesen, aber mit der neuen Regelung ist alles anders. Wenn wir’s richtig sehen, möchte die Regierung von Sizilien nicht nur Reisende aus Risikogebieten (Malta zählt aus Sicht von Italien dazu, aber nicht aus deutscher), nicht nur Reisende allgemein, sondern die gesamte Bevölkerung von Sizilien testen. Die haben aktuell wahrscheinlich auch Spaß in der dafür zuständigen Präventionsbehörde, und die muss nun auch noch entscheiden, ob wir getestet werden sollen. Nach diversem Austausch mit der deutschen Botschaft wird auch klar, dass die mit Dr. Rigoletto gesprochen haben. Wahrscheinlich verursachen wir einen mittelschweren diplomatischen Zwischenfall.

Frank schreibt heute nochmals die Präventionsbehörde an, Botschaft in BCC:. Am Vormittag kommt eine Dame und meint in gebrochenem Englisch „for you – message“. Sie winkt von der Kaimauer mit einem Zettel. „I want to warn you: Today someone will come for the swab test…“ Es ist ein Bildschirmausdruck von Google-Translate, und im italienischen ist das ‚warnen‘ „avvissare“. Das hört sich eher nach ‚mitteilen‘ an. Witzig. Auf unsere Emails wird nicht reagiert, stattdessen rufen die italienischen Behörden im Büro unserer Marina an, und die sollen uns bitte ausrichten. Dabei schreiben wir unsere Mails brav auf Italienisch, maschinell übersetzt und zurückübersetzt zur Prüfung. Aus Sicht des Empfängers können wir also italienisch. Wir sind gespannt. Wir haben mittlerweile beschlossen, dass wir das jetzt durchziehen. Zwischenzeitlich hatten wir überlegt, einfach weiterzufahren, dann eben keine Einreise nach Sizilien. Aber wo jetzt schon so viele Leute beschäftigt waren…

Um vier ist wieder Aktivität an der Hafenmauer. Im Gegensatz zu den falschen Alarmen bisher läuft nun ein in Krankenhaus-Grün gekleideter Mensch umher. Er reagiert nicht auf Franks winken, sondern geht erst zum Marinabüro. Dann kommt er zu uns. Er stellt Identitäten fest. Am ausgetrecktem Arm halten wir ihm unsere Personalausweise hin. Beim Buchstabieren der email-Adresse hapert es dann. Ich biete an, es ihm aufzuschreiben. Oh, danke. Den Stift darf er nicht mehr anfassen, der muss jetzt desinfiziert werden. Der Zettel ist OK. Er geht zum Auto zurück. Dort verkleidet sich mittlerweile Paolo in seinen Reinraumanzug. Dass es Paolo ist, erkenne ich, da sein Gesichtsschutz entsprechend markiert ist. Mit dabei der Kollege in grün und eine Frau mit Tüten. Ich frage, ob ich die Szene fotografieren darf, aber nein. Der Stift wird desinfiziert. Wer darf ihn jetzt halten? Dann nimmt Paolo sein Proberöhrchen und macht bei Frank den Rachen und Nasenabstrich. Dann komme ich „Christian Norbert?“ Ja, ich. Der Rachenabstrich kommt dem Nahe, sich den Fingern in Rachen zu stecken. Ich huste heftig. Andere Seite. Wieder Husten. Oh nein, husten ist doch ein Covid Symptom. Aber Paolo beruhigt mich – don’t worry, it’s normal. Der Nasenabstrich ist nochmal unangenehm, aber ich ertrage ihn als Ausgleich für mein Husten. Die Frau mit den Tüten hält jeweils die Beutelchen auf, in denen die Proberöhrchen verschwinden, und eine Mülltüte bereit, in dem dann Paolos Handschuhe verschwinden. Sie meinen, dass es ein Ergebnis in 24-48 Stunden gibt, und marschieren wieder zu ihrem Fiat Panda. Erst mal ein Bier.

Und das Resultat des Test ist:

Pizza irgendwas

Wir sind doch hier im Heimatland der Pizza, oder? Gut, das wäre Neapel, aber das ist von hier aus nicht sehr weit. Gestern hatten wir ja versucht, zwei Diavola zu bestellen. War dann Sardellen mit Zwiebeln. In der Annahme, dass ‚Diavola‘ eben nicht genormt ist, probieren wir’s heute mit Capriciosa – das waren doch Schinken, Pilze, Oliven und Artischocken, oder? Und dann noch ein weiterer Anlauf zu dem Wunsch von gestern: „per favore, una pizza con Salami Piccante i Pepperoni“. Der Marinero schaut mich verwirrt an, und fragt „Diavolo, si?“ Alles klar, sehr fein. Die Pizza kommt. Wieder gut, aber das was wir als Capriciosa vermuten hat keine Artischocken, dafür ein halber Wiener Würstchen; die Diavola ist irgendwie scharf, aber Salamischeiben sind nicht zu erkennen.

Lucretio – der gestern Nacht noch die Tüte mit den Leckerli geklaut hat – kommt wieder vorbei. Offensichtlich will er hauptsächlich spielen, bettelt nicht mal besonders nach Pizza. Wir bereiten ihm ein Schälchen mit verdünnter Milch zu, aber er springt zielstrebig auf unsere Sprayhood und verfolgt die krabbelnden Finger von unten. Es dauert lang, bis wir ihn für die Milch begeistern können. Interessanterweise ist das Gegrabbel nur interessant, solange es unter dem Stoff ist; er verfolgt den Schatten bis zur Kante, aber sobald erkennbar ein Finger dort auftaucht, wendet er sich ab. Nicht Angst, komplettes Desinteresse.
Eben hat sich ein Fischer an der Hafenmauer neben den Boot niedergelassen. Bäh – wenn man das Hafenwasser sieht, was macht man dann mit einem Fisch den man darin fängt? Ihn zur Sondermülldeponie bringen? Egal. Der Fischer ist interessanter als wir, Lu geht gucken. Wahrscheinlich kommt er heute Nacht wieder, ich glaube auf unserer Sprayhood schläft sich’s gut.

Wir lagen vor… stop me if you’ve heard this one before

Heute also ein altes Lied und ein neues als Titel – Heino und The Smiths. Wir sind wieder in Sizilien eingelaufen. Dachten diesmal, alles schlauer gemacht zu haben. Da wir eigentlich überzeugt sind, dass in Siracusa die ‚Genehmigung‘ eigentlich eher ein Aufgeben der Behörden war, oder das Versehen eines nicht ganz Eingeweihten, haben wir diesmal die Unterlagen mit Protokollierung der täglichen Fiebermessung mit dem Hinweis verschickt ‚wir gehen davon aus, dass wir nichts weiter unternehmen müssen, und an Land gehen können‘. Hat auch keiner widersprochen. Jaaa, der Marinero hatte auf italienisch was von Quarantäne erzählt, und ’stay on board‘, aber mein italienisch ist nicht so gut, und der wirkte jetzt auch eher wie der Leinenhelfer und nicht wie der Chef.
Umso überraschter sind wir, als am nächsten Mittag zwei junge Admirale der italienischen Marine an unser Schiff kommen. Obwohl, ein Admiral hat wahrscheinlich mehr Lametta, aber blitzweiße Uniform, inklusive weißer Schuhe, sehr fancy. „Parli italiano?“ No, aber wir einigen uns auf BSE – bad simple english. Er erklärt uns „you cannot go to the city, sorry“. Wir erklären, dass wir alle Dokumenti geschickt haben, es damit auch in Siracusa ging, why problem now? Er zuckt mit Schultern, sorry, no Medico, aber hinterlässt eine Telefonnummer.
In Marsala wollen wir Letizia treffen, eine Arbeitskollegin, die extra einen teuren Flug nach Sizilien gebucht hat, um kostenlos nach Sardinien mitzufahren. Eine Schweizerin aus dem Tessin, so kann sie Hoch-Italienisch. Wenn sich Leute hier untereinander unterhalten ist der Effekt für sie wahrscheinlich wie für einen ostfriesischer Fischer, der sich an einem schwäbischen Stammtisch niederlässt. Sie schafft es, jemand bei der Gesundheitsbehörde zu erreichen – Dottore Antonio Rigoletto (oder so ähnlich, aber das kann ich mir nicht merken). Offensichtlich gibt es ein neuen sizilianisches Gesetz, ab 30.9. gültig (angekommen sind wir am 28.9., diese Unterhaltung fand am 29. statt), das wieder etwas andere Formulare vorsieht. Er schickt ein paar davon per e-mail. Wirkt jetzt nicht so, als ob das Formular auf Sportboote zugeschnitten ist. Ein paar Schmankerl:
– Hatten Sie bei der Reise überdurchschnittlich viele Krankheitsfälle?
– Gab es bei Todesfällen (außer durch Unfall) Anzeichen von ungewöhnlichen Infektionen? Bitte Aufstellung beifügen.
– Haben sie kranke Haustiere an Bord?
– Was für Maßnahmen wurden gegen H1N1 Viren ergriffen?
Am Ende füllen wir das Dokument aus, scheint einfacher als über die rechtliche Einordnung von etwas rückwirkend erlassenen Gesetzen zu diskutieren. Parallel reden wir mit der deutschen Botschaft – lassen wir unser Steuergeld mal für uns arbeiten.
Update: Dottore Rigoletto hat ein Dokument geschickt mit ‚allowed free pratique‘. Nicht ganz sicher, ob das jetzt das endgültige ist, aber wir sehen schon mal zu, dass wir’s ausgedruckt bekommen. Wir tragen es dann ggf. wie eine Monstranz vor uns her, wenn wir in die Stadt gehen. Immerhin ist ein Wappen oben, und mehrere Stempel unten drauf. Zur Sicherheit fragen wir nochmal bei der Botschaft nach. Sie teilen uns fix per e-mail mit, dass sie mit Dr. Rigoletto gesprochen hatten, aber…

Pizza bestellt, Katze bekommen

Bestellt waren zwei Pizza Diavola, von einem unbekannten Restaurant direkt ans Boot. Als der Pizzabote kam, gesellte sich auch sofort eine Katze dazu. Die Pizza riecht lecker. Findet auch die Katze. Als der Bote sie kurz auf die Hafenmauer stellt, um Wechselgeld herauszukramen sieht die rotbraune Katze ihre Chance, greift die Kartons an. Der Bote, der Marinero und ich zischen und scheuchen um die Wette, aber sie bleibt beharrlich. Ich rette die Pizzen auf unsere Solarpanele, welches mit beleidigtem Maunzen quittiert wird.
Frank und ich setzen uns an unseren Cockpittisch und essen. Von der Hafenmauer miaut es wieder. Ob sie sich traut? Nach einigen Hemmungen erst ein Pfote auf die Gangway, dann zwei, dann ein langer Satz und sie steht auf unserem Deck. Miaut heftig. Ich hole uns Wein, und suche dabei ein paar Leckerlies für die Katze (ich hatte mal in Kalamata eine Tüte gekauft). Kurz unterbricht die Katze das Miauen, um ein paar Bröckerl runterzuschlingen. Frank und ich machen uns derweil an unsere Pizza. Diavola – ist das eigentlich genormt? Nun, entweder haben wir zwei falsche Pizzen bekommen, oder in Marsala ist die Pizza Diavola mit Zwiebeln und Sardellen. Trotzdem OK. Die Katze bekommt noch ein paar Leckerli. Wir versuchen dann, unsere Autorität dadurch zu behaupten, dass die Katze nicht ins Cockpit darf. Obwohl da Kissen sind, und weniger Wind. Leckerlies.
Irgendwann setzt sich Frank an den PC, um den Kampf gegen die sizilianische Corona-Bürokratie weiterzuführen, und Lucretia (so haben wir sie genannt) erkundet das Schiff. Irgendwann springt sie auf unser Sprayhood (ein halbes Cabrioverdeck, welches das Cockpit vor Gischt von vorne schützt), und ich brauche für den Abend kein weiteres Entertainment. Wenn man im Cockpit steht, kann man locker über die Sprayhood gucken; ich raschel mit den Fingern von unten an dem Stoff. Lucretias Jagdinstinkt ist sofort geweckt. Adrenalingeladen verfolgt sie die Beule im Stoff. Dann kitzel ich sie durch den Stoff am Hinterlauf. Wie von der Tarantel gestochen fährt sie auf, wendet im Flug, und springt mit den Vorderpfoten auf die vermeintliche Beute. Die Beute macht sich aber wieder am Fuß hinten zu schaffen. Uns beiden wird nicht langweilig, ich probiere noch ein paar Varianten, ein Leuchtpunkt mit der Taschenlampe, mit zwei Händen gleichzeitig, Lucretia jagt Phantome – tollt wild umher, auch als ich gar nicht mehr kitzel. Dabei stelle ich auf fest, dass es wohl eher Lucretius ist. Zwischendrin ein bisserl raufen, und dann wieder kraulen und schnurren.
Nach einer knappen Stunde reichts, Lucretius trollt sich wieder an Land. Frank ist mittlerweile mit seiner bösen Mail fertig, kommt noch auf ein Glas Wein oder zwei rauf. Als Lucretius wieder am Schiff vorbeiläuft, krabbel ich wieder an der Plane – diesmal lässt er sich nicht lange bitten. Nochmal das gleiche Spiel. Dabei entdeckt Lucretius auch noch die Plane, die wir als Sonnenschutz über das ganze Deck gespannt haben. Hier reichen schon Schatten und etwas Windgeruckel, und Lu tobt. Irgendwann sind wir müde, ich gebe ihm noch ein paar Leckerli, er beginnt schon zu gehen – aber nein, there’s unfinished business up there. Nach zehn wilden Hin- und Her-Attacken auf der Sonnenplane ist er erschöpft, atmet heftig. Er rollt sich auf der Plane zusammen, und ratzt weg. Irgendwann denken wir uns „ach mei“. Jetzt schläft Lu auf unseren Plane, und wir sind im Bett, ich schreibe Blog. Ich guck nochmal – ja, immer noch eine verdächtige Beule in der Plane.

puh! – rev1

Ich hatte ja überlegt, ob ich einfach den Text zu dem anderen „puh!“ Eintrag nachliefere. Aber so wird’s eigentlich klarer, und vielleicht wird der andere Beitrag mal von einem Kritiker entdeckt und wegen seiner „prägnante Emotion“ gelobt. „puh!“ habe ich auf dem Handy geschrieben, als der harte Teil der Nacht endlich vorbei war. Der Wind hatte nachgelassen (weil näher an der Küste, aber auch einfach weil ca. 3:00, und der heftigste Teil damit vorbei war), wir waren vom sizilianischen Mobilfunknetz abgedeckt, hatten die aktuelle Windprognose geprüft, und beschlossen, dass nun unter Motor weiter zu fahren eine sinnvolle Lösung war, und nicht einfach die feige. Was war ich dann beruhigt. Nicht dass die Nacht wirklich gefährlich gewesen wäre, oder wir Angst hatten, aber … immer der Reihe nach.
Es ist Sonntag, der 27.9.2020, Frank hat heute Geburtstag, aber ist eh nicht so das Party-Animal. Ich glaube es taugt ihm, größere Teile des Tages außerhalb der Abdeckung des Mobilfunknetzes zu verbringen. Wir müssen Malta verlassen, und uns wieder nach Sizilien aufmachen, da wir am Dienstag dort eine Mitfahrerin aufsammeln. Der Samstag war von den Windprognosen so, dass es wirklich dämlich gewesen wäre, über die Straße von Malta zu Segeln, aber am Sonntag sagen die Prognosen ein Abflauen des Windes vorher, aber so, dass noch genug zum Segeln da ist. Wir stehen um halb sieben auf, organisieren noch ein paar Sachen, und laufen um 9:00 aus dem Hafen Mgarr auf Gozo aus. Wie vorhergesagt kommt der Wind anfangs aus Süd, und wir fahren parallel zur sizilianischen Küste, aber auf der maltesischen Seite. So wollen wir möglichst viel Höhe gewinnen, um dann – wenn der Wind auf West dreht – gut nach Norden Richtung Marsala zu segeln. Nach ca. drei Stunden verschwindet die Abdeckung von Gozo vor den Wellen aus Süd, und es beginnt ordentlich zu schaukeln. Mittagessen besteht aus einem abgerissenen Stück Brot und etwas Salami, am Steuer reingemampft. Da die Nacht etwas kurz war (a bisserl rein’gefeiert‘, also Rum getrunken), fangen wir recht schnell mit dem Schichtsystem an. Einer hat Wache, der andere schläft. Der Wachhabende hat seinen AIS MOB Notsender in der Tasche (war für mich ein Geburtstagsgeschenk); würde man ins Wasser fallen funkt der ein Notsignal an unser Schiff, inklusive Position.
Die Südwindphase ist easy – es ist Tag, die Wellen noch nicht schlimm, hauptsächlich noch lange Dünung der Tag zuvor. Am späten Nachmittag verabschiedet sich der Wind mit einem plötzlichen Flautenloch (das Auge des Sturms, oder zumindest des starken Windes); es fängt an aus Kübeln zu schütten. Frank, der am Steuer steht, wird patschnass bevor ich ihm sein Ölzeug bringen kann. Wir fahren weiter unter Motor, es wird dunkel. Da es weiter schaukelt, wird von Hand gesteuert, und langsam kommt der angesagte Westwind auf. Irgendwann zupft mich Frank wach (unsere bewährte Lösung – der Schlafende hat eine Schnur um’s Handgelenk, und kann damit von dem hintern Steuer wachgezupft werden), ob ich mal auf dem Plotter unten die AIS Kontakte checken kann, ob uns da was zu nahe kommt. Steuern ist inwischen so anspruchsvoll, dass man nicht mehr nebenher das Navi am Steuerstand bedienen kann. Der AIS Kontakt ist kein Problem, aber ich könnte noch schnell bei einer Wende helfen. Im Schlafgewand mit Rettungsweste und Lifebelt komme ich ins Cockpit. In den letzten paar Minuten hat der Wind ordentlich zugenommen, wir sind jetzt bei zwischen 25 und 30 Knoten, das ist schon „steifer Wind“ mit 7 Beaufort. Es pfeift, wir brüllen uns aus 1,5 Meter Entfernung im Cockpit an. Wir haben noch das ganze Vorsegel draußen, die Kräfte, die jetzt an den Schoten ziehen, sind enorm. Wenn man jetzt seine Finger falsch in die Schot (Seil, welches das Segel nach hinten zieht) bekommt, sind sie ab, oder zumindest dunkelblau. Wir verbocken die Wende, beschließen derweil zu reffen, reduzieren also die Segelfläche. Alles geht jetzt nur noch mit Winsch und Kurbel, von Hand lässt sich da nix mehr ziehen. Nach intensiven Minuten ist unser Vorsegel nur noch bettlakengroß, die Seestern schiebt aber dennoch ordentlich Lage (vom Wind zur Seite gekippt), und es scheppert und rumpelt. Das bittere dabei: Auch wenn alles pfeift und windet – man würde denken jetzt wird man immerhin mit ordentlich Speed belohnt – durch die Wellen wird man nur langsamer. Frank bleibt noch zwei Stunden, bis Mitternacht, am Steuer und bekommt somit das heftigste des Wetters ab. Ein denkwürdiges Geburtstagsende; Festmahl des Tages: zwei Kanten Brot, ein Rad Salami und ein Stück Schokolade.
Ich versuche derweil unten etwas zu schlafen. Bei unseren Wendeversuchen hat sich das Schiff ordentlich auf die Seite gelegt; obwohl wir versucht hatten, alles ordentlich zu verstauen, hat sich ein beträchtlicher Teil des Hausrats auf dem Boden verteilt. Wir lassen alles liegen, was nicht zerbrechen kann. In der Spüle gurgelt ab und zu etwas Wasser hoch, man sollte das Seeventil schließen, aber das ist so schlecht erreichbar; ich beobachte das schwappende Wasser und beschließe, dass es keine Gefahr darstellt. Die Geräuschkulisse unter Deck ist intensiv. Man hört das Wasser am Schiff vorbeirauschen. Wegen der Krängung und den Wellen sind auch öfters die Bullaugen im Rumpf unter Wasser, hier fließt das Wasser nicht schön vorbei, sondern gurgelt hörbar. Ab und zu flattert das Vorsegel, wenn in einem Wellental die Anströmung plötzlich verschwindet oder abgelenkt wird. Am Steuern hört sich das halt wie laut flatternder Stoff im Wind an. Unter Deck hört man hauptsächlich das Ruckeln am Rig. Harte, dumpfe, metallische Schläge, nicht zu überhören. Zu anderen Zeiten kollidiert man mit einer Welle, oder Wellen entziehen dem Schiff das Wasser in dem es schwimmt, und man kracht laut eine Etage tiefer auf’s Wasser. Alle paar Minuten trifft man so in eine Welle, dass es am luvseitigen (also dem Wind zugewandten) Bug kräftig nach oben spritzt, das Wasser verteilt sich dann wie ein Wolkenbruch laut prasselnd über das ganze Schiff. Bei der Gelegenheit müssen wir feststellen – die Hallberg-Rassy ist ein sehr solides Schiff – es ist zwar laut, aber Sorgen hat man keine. Allerdings – die SEESTERN ist nicht ganz dicht. An vielen Ecken tropft es rein, unsere neuen Polster bekommen ihre wahre Belastungsprobe, und sind wohl mittlerweile als eingeweiht zu bezeichnen. Ein paar der Tropfen sind selbsverschuldet. So ist die Luke über meinem Salonbett (unserem – bei dem Wind ist es der einzige Ort am Schiff wo man sich hinlegen kann, durch die Lage in ein „V“ zwischen Liegefläche und Rücklehne gebettet) zwar zu, aber nicht komplett verriegelt. Bei jedem Prasseln verteilt sich ungefähr ein Stamperl Seewasser über meinen Bauch und die Rückenlehne. Das lässt sich abstellen, aber auch an anderen Ecken finden sich Tropfspuren. Allerdings – sich im Schiff zu bewegen ist gerade sehr anstrengend, und ich kann mich jetzt nicht motivieren, mit einer Taschenlampe die Ursachen zu ergründen. To do: in einer Marina, wo das Wasser im Preis inkludiert ist, alle Verdachtspunkte mal ordentlich anspritzen. Obwohl die Geräuschkulisse und das Restadrenalin dem Schlaf nicht zuträglich sind, nicke ich wohl irgendwann ein.
Wieder werde ich durch ein Zupfen geweckt. Frank brüllt mich an, ich soll mich mal um ein AIS Kontakt kümmern. Ich schaue auf unseres Gerät unten am Navitisch, ja da ist was, fünf Meilen entfernt, würde uns bedenklich nahe kommen. Frank brüllt mein schlaftrunkenes ich an, ich soll ihn anfunken. Tatsächlich sind die Regeln ja so, dass ein Motorschiff unserem Segelschiff ausweichen muss. Das gilt auch für 400m lange Containerschiffe. Ich habe mir den Namen nicht wirklich gemerkt, irgendwas arabisches, was ich sicherlich verhuntze, sagen wir mal „Al-Jumerai“. Ich funke auf dem Not- und Anrufkanal 16 „Al-Jumerai, Al-Jumerai, Al-Jumerai, this is Seestern, come in please“. Ganz falsch habe ich es wohl nicht ausgesprochen, denn er meldet sich zurück. Wir wechseln auf Kanal 6, ich erkläre ihm, dass wir ein Segelboot unter Segeln sind, fünf Meilen vor seinem Steuerbordbug, und wir uns gefährlich nahe kommen würden. Er antwortet freundlich, ja, jetzt sieht er uns, don’t worry, they will take care. Über hunderttausend Tonnen Stahl ändern den Kurs, die Al-Jumerai fährt weit vor unserem Bug vorbei. Frank, der schon mehrere Angebote der Ablösung abgelehnt hat, meint nun, dass die Ablösung jetzt gut tun würde. Wir haben zwar kein festes Schichtsystem, aber um 0:00 sind auch vier Stunden Wache vorbei. Ich verpacke mich in mein komplettes Ölzeug, schiebe mir noch eine Handvoll Brot in den Rachen, und gehe hinters Steuer. Jetzt also das Spektakel von der Perspektive auf Deck. Ich sehe noch die Al-Jumerai vor uns vorbeiziehen. Frank meint noch, dass der Wind OK wäre, schon viel, aber wir fahren dafür die richtige Segelfläche, allerdings wären die Wellen echt ‚zum Fürchten‘. Dass kann ich bestätigen, auch wenn das Heftigste schon vorbei ist.
Man fährt in der Nacht nach der Windanzeige, wir würden gerne ‚Hart am Wind‘ fahren, also so weit gegen den Wind wie es nur geht, denn wir wollen ja nicht nur nach Norden Richtung Sizilen, sondern nach Nordwesten auf Marsala zu. Übertreibt man es dabei, fährt man zu weit in den Wind, das Vorsegel fängt an zu ‚killen‘ (flattern), und Frank hört das Rigging hämmern statt zu schlafen. Fällt man hingegen ab (Wind von der Seite statt von schräg vorne), segelt es sich ruhig. In die falsche Richtung. Also ein ständiger Kompromiss. Ich versuche den Zeiger der Windanzeige auf 45° zu halten. Hört sich ja nicht so schwer an, oder? Aber da waren ja noch die Wellen. Wellenhöhen sind schwer zu schätzen, nachts um so mehr. Und natürlich ist da die Gefahr, seine Erlebnisse mit noch ein paar Metern mehr etwas dramatischer klingen zu lassen. Am Anfang meiner Wache hätte ich mal vier Meter geschätzt (im Wellental hat man überhaupt keine Küste mehr gesehen), Frank meinte das ein, zwei Wellen von der Seite einfach über das Schiff gebrochen wären, vielleicht 4-6 Meter inklusiver der Schaumkrone, so etwas hätte er noch nicht erlebt. Ich weiß es nicht. Aber am Vortag sprach ein Malteser von Wellen, „two stories high“, und das wären dann auch so die Größenordnung. Die Wellen, jedenfalls, kommen schräg auf das Schiff zu, und sind durch die verschiedenen Windrichtungen der letzten Zeit auch nicht schön aus einer Richtung. Man sieht also aus dem linken Augenwinkel, dass da was großes schwarzes neben dem Schiff ist. Schildkrötengleich versucht man sich in sein Ölzeug zu ducken, aber diese Welle ist harmlos. Sie macht für den SEESTERN den Aufzug, auf dem Kamm kann der Wind so richtig zupacken, gleichzeitig will die SEESTERN nach links, um die Welle runterzusurfen. Gegenruder, da bleibst! Dann flattert das Vorsegel halt, auch weil im Tal das Segel nicht mehr gut gefüllt wird. Wenn man dann im Wellental angekommen ist – was war das für ein Tal? Ein lieblich, sanftes – alles gut. Ein eher tiefer Einschnitt – der Bug des Schiffes kollidiert mit der Welle, Gischt spritzt auf, von den roten und grünen Positionslampen am Bug beleuchtet. Häufig erkennt man am Geräsuch, dass es jetzt gleich richtig über Deck kommt. Also Kopf runter, von der Welle abgewendt, es prasselt von hinten auf die Kapuze. Manchmal merkt man’s nicht, dann prasselt die Welle auf die Brille. Die Wellen zupfen auch direkt am Ruder, wollen es einem entreißen, und meistens steuert man irgendwie nach Gefühl. Nebenbei bekommt man im Dunkeln etwas von der ‚Wellenlandschaft‘ mit. So irritieren mich irgendwelche Wellenberge, die – schwarzen Autos gleich – vor der erleuchteten Küste vorbeifahren. Gerade aus dem Augenwinkel ist der erste Gedanke, dass da ein unbeleuchtetes Fischerboot an einem vorbeigefahren ist. Dann kommt wieder eine Abfolge von Wellen, die passen perfekt zum Schiff. Für ein paar Sekunden fühlt man sich wieder als Chef, schaut auf die Windex. Hört sich übrigens auch einfacher an, als getan. Die Anzeige ist ungefähr zweieinhalb Meter vor der Steuerstand über dem Niedergang montiert, düster beleuchtet, und kurzsichtig mit Brille voller Tropfen…
Immerhin – man sieht die Küste schon ganz gut, irgendwo auf der Höhe von Agrigento, und es scheinen auch keine Schiffe mehr unseren Weg zu kreuzen. Das jedenfalls sagte das Navi eben, doch plötzlich geht es aus. Kein Navi, kein AIS, doof. Allerdings – der Wind scheint etwas weniger zu werden. Ich fahre noch etwas weiter – die Sicht ist gar nicht so schlecht, wenn man nicht im Tal ist, aber dann zupfe ich Frank wach. Wir schaffen es nicht, den Fehler in der Nacht zu beheben. Wir einigen uns, dass ich noch etwas nach Sicht auf die Küste zufahre, und wir dann weiter überlegen. Frank legt sich nochmal kurz hin. Der Wind lässt weiter nach, deshalb durchaus erträglicher, aber so langsam wirken sich Schlaf- und Essensmangel aus. Außerdem ist mir kalt. Ich gebe zu – ich denke voller Sehnsucht an mein warmes, trockenes, kuscheliges Bett zu Hause – was mache ich hier? Geht das jetzt ein Jahr so weiter? Frank wurschtelt unter Deck umher, berichtet dann, dass es noch immer keine gefährlichen Schiffe gibt, der Wind jetzt und hier eher nachlässt, aber es auch an der Küste keine großen geschützen Buchten gibt, wo man sich mal kurz ablegen könnte. Nach einigen Überlegungen kommen wir zu dem Schluss, das Vorsegel wegzurollen, den Motor anzumachen, Mr. Autopilot das Schiff Richtung Marsala fahren zu lassen, und dabei kann ich auch entspannter sein – mal selber runterschauen auf das noch funktionierende Navi, und im Windschutz der Sprayhood die Umgebung zu beobachten. Anyway – da kam der letzte Eintrag, „puh!“ einfach von Herzen.