Vor Borkum, mit der Pest an Bord

Am nächsten Morgen folgen wir deshalb noch weiter dem Emsfahrwasser nach Nordwesten, bevor wir nach ca. zwei Stunden auf die offene Nordsee treffen, und uns langsam auf Kurs Nordost begeben. Es hat eine hässliche See (also Wellen, die es in ihrer Größe und Richtung genau schaffen, nicht angenehm zu sein), Wind direkt genau aus der Richtung in die wir wollen, und ist ungemütlich kalt. So fahren wir mit Motor, lieber etwas früher einen Grog auf Norderney. Ich bin noch müde, und es geht mir nicht richtig gut. Seekrank – ICH?!? Das kann doch nicht sein, habe ich doch Ruf und Anspruch, dass ich der am unempfindlichsten bin, der, der auch bei richtig Welle noch problemlos unter Deck herumwurschteln kann. Also, seekrank kann ich also nicht sein, der Abend zuvor war auch nicht ausschweifend, also zweifelsfrei eine Lebensmittelvergiftung. Jedenfalls lege ich mich im Salon hin, und ein Eimer leistet mir Gesellschaft. Bei dem monotonen Motorengebrumme kann ich normalerweise wunderbar schlafen.
Damit das mit dem Schlaf klappt, muss das Motorengebrumme aber wirklich monoton sein. Leider fängt der Motor irgendwann an, ungefragt die Drehzahl zu ändern. Sie fällt kurz ab, pendelt sich wieder bei normal ein, fällt wieder ab, steigt wieder, und dann stirbt der Motor ab. Unnötigerweise brüllt jemand aus dem Cockpit mir diese Tatsache hinunter. Ohne Motorsind wir manövrierunfähig, und das ist bei dem Wellengang schlecht. Ich stürze nach oben, und wir setzen so schnell wie möglich das Vorsegel (das kann man einfach – unabhängig vom Kurs – rausziehen, und bietet etwas Vortrieb, und damit sind wir wieder manövrierfähig). Jetzt also nachdenken. Wir probieren mehrmals den Motor zu starten, aber er beharrt bei seiner Arbeitsverweigerung. Ich male mir aus, wie wir hier – mitten auf der Nordsee – einen Abschleppdienst organisieren könnten. Immerhin zieht das Vorsegel erstaunlich gut, wir machen hart am Wind durchaus Fahrt. Aber nur mit Vorsegel weiter nach Norderney kreuzen? Die Idee scheint nicht verlockend, aber zurückzufahren auch nicht, da wir zwar einen Teil der Strecke den richtigen Wind hätten, aber dann zurück im Emsfahrwasser nicht mehr. Ein Blick auf unseren Kartenplotter offenbart, dass wir durchaus bei der jetzigen Geschwindigkeit noch bei Tageslicht in Norderney ankommen könnten. Nah an der Insel würden wir zwar Hilfe brauchen, aber sicherlich hat’s auch dort einen DGzRS Seenotkreuzer.
Vielleicht allgemein mal eine gute Idee, mit denen zu reden; die auf Borkum waren ja auch sehr zugänglich, und die kennen das Revier viel besser als wir. Also ran an die Funke. Das Los fällt auf mich. Als Deutscher braucht man ja eine spezielle Ausbildung, um einen Wurm an einem Angelhaken ins Wasser zu halten, so gibt es auch einen Schein, den man braucht, um ein Funkgerät zu betreiben. In der Ausbildung hat man gelernt, den Notfall-Kanal (Channel 16) nicht mit Trivialitäten zu blockieren, also sammle ich meine Gedanken, drücke auf die „Sprechen“-Taste und rufe: „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, this is „Peer Gynt“, come in please“. Das Gerät bleibt stumm. Ich probiere es nochmal. Stille. Und nochmal. Da meldet sich eine Stimme: „This is Bremen Rescue for Peer Gynt, what is the problem?“ Bremen Rescue. Oh weia. Das MRCC (Maritime Rescue Coordination Center) Bremen ist die bundesweite Zentralstelle für die Koordination von Seenotrettungen. Wirkt etwas übertrieben. Könnte ich vielleicht bitte mit „Bremen kleines Problem“ reden? Wir sind ja nicht in Seenot. Noch nicht. Ich nehme mich zusammen, und erzähle unser Problem. „Engine won’t start, attempting to sail towards Norderney under Sail, will require assistance in getting into the harbour“. Der Bremen Rescue Kollege scheint nicht empört zu sein, wegen eines Motorschadens behelligt zu werden. Er fragt höchst professionell nach unseren jetzigen Position, und „the number of souls on board“ (für die Planung der Leichensäcke). Dann rät er uns „proceed to position off Norderney and contact us again“. Irgendwie fühlen wir uns wohler.
Obwohl die Peer Gynt nur unter Vorsegel erstaunlich gut vorankommt – mit zusätzlich Großsegel wäre es sicherlich besser. Segelschulmäßig setzt man das Großsegel, indem man unter Motor gerade gegen den Wind fährt, nur dann kann man das flatternde Segel am Mast hochziehen. Aber da war es ja wieder, unser Problem. Es gibt noch eine ‚Rodeo‘ Alternative (mit Rodeo bezeichnen wir alle Manöver, die so nicht im Buch stehen, aber unter bestimmten Bedingungen doch klappen können, so wie den Hafenpoller mit einem Lasso einfangen): Das Boot mit Vorsegel ganz hart am Wind, die Großschot ganz weit auf, damit der Baum frei ist, und dann kann es auch klappen, besonders bei ruhiger See und weniger Wind (finde den Fehler). Also Schwimmweste festgezogen, Lifebelt klar, und ab nach vorne. Mit dem Lifebelt hängen wir uns an dem Schiff fest, so dass wir nicht über Bord gehen können, und dann probieren wir, das Großsegel zu setzen. Doof, dass wir es noch nie probiert haben. Doof auch, dass die Wellen weiter auf sich aufmerksam machen. Aber nun ja, ein Versuch ist es wert. Leider hängt das Segel in den Lazy-Jacks fest, und lässt sich nicht ganz hochziehen. Ein reges Gebrülle setzt ein, laut – damit man über den Wind und Meeresgeräusche noch etwas hören kann, und etwas schrill –weil die Nerven blank liegen. Trotz weiterem Hin- und Her-geziehe bekommen wir das Segel nicht gesetzt. Die Großschot – bei der Najad 343 hinter dem Steuermann befestigt, schlägt heftig hin- und her, und legt sich einmal auch um Frans Hals. Christian brüllt, dass wir bald im Verkehrstrennungsgebiet sind, und da haben wir wahrlich nichts verloren. Und dann erfasst noch eine ruppige Welle das Schiff, ich rutsche auf dem nassen Deck aus, und die Schwerkraft zieht mich in die Nordsee. Ich fühle das kalte Wasser der Nordsee von unten in meine Segelhose laufen, die Knie werden nass, ich greife verzweifelt nach irgendwas an Deck, was mir Halt geben kann. Auch wenn ich nichts erwische, die Reling hält mich auf. Mit einer Flinkheit, die mir sonst keiner zutraut, krabbele ich wieder an Deck. Meine Meinung hat sich geändert – es muss auch ohne Großsegel gehen. Also räumen wir es noch schnell auf, und dann nix wie zurück ins sichere Cockpit. Wir wenden, und fahren den nächsten Schlag Richtung Norderney. Ich bin reichlich adrenalingesättigt, mir ist kalt, und eigentlich ist mir immer noch schlecht. Ich entschuldige mich, und verzieh mich unter Deck – raus aus den nassen Hosen.
Die Zeit vergeht, und wir kommen überraschend anständig voran. Irgendwann schätzen wir optimistisch, dass wir eine halbe Stunde vor der Ansteuerungstonne „Dove Tief“ sind, die das Fahrwasser von der Nordsee nach Norderney markiert. Ich – halbwegs ausgetrocknet und wieder besserer Laune – rufe wieder Bremen Rescue, sag mein Sprüchlein auf, und beschreibe, wo wir nun sind: „about one half hour away from … ähm, öhm, … Ansteuerungstonne Dove Tief“. Bremen Rescue fragt, ob wir vielleicht Deutsche seinen? „ähm, yes“. „Nun, dann können wir auch Deutsch reden“. Mein Fehler – ich dachte solche Kommunikation läuft immer auf Englisch, er heißt ja auch Bremen Rescue und nicht ‚Rettung Bremen‘. Aber innerlich muss ich immer an den Werbespot von Berlitz denken: „what are you sinking about?“. Jedenfalls übergibt uns Bremen Rescue an den Seenotrettungskreuzer „Bernhard Gruben“ auf Norderney, zu rufen über Kanal 17. Hier probieren wir’s gleich auf Deutsch, und die Retter empfehlen, noch unter Segeln zum Weststrand zu fahren, dort würden sie uns an die Leine nehmen. Sobald wir dann das Fahrwasser Dove Tief erreichen, haben wir viel angenehmeren Wind von der Seite, an Norderney entlang sogar von hinten. Zwischenzeitlich sehen wir auch einen Seenotrettungskreuzer, der uns um die Insel entgegenfährt, aber der wendet wieder und fährt zurück. Wir sind zwar bedröppelt, aber bleiben dabei – per Funk wieder am Weststrand melden, und da sind wir noch nicht.
Dort angekommen, funken wir die Bernhard Gruben wieder an. Ja, ja, meinen sie, sie hätten uns schon gesehen, aber wir sahen so aus, als hätten wir die Situation im Griff, und hier – hinter der Insel – wäre kaum noch Seegang. Vorsichtshalber weisen sie uns darauf hin, dass sie für Kratzer im Schiff beim Abschleppen nicht haften. In Sichtweite des Hafens holen wir das Segel ein, der (aus unserer Perspektive) imposante Seenotrettungskreuzer kommt längsseits, wirft ein paar Leinen über, und fährt uns in den Hafen. Wir beschreiben den Schaden, und die Diagnose ist schnell und eindeutig – Dieselpest*. Sie würden auf Norderney jemanden kennen, der uns bei der Behebung helfen könne, ob sie ihn anrufen sollen? Wir nehmen dankbar an, machen ein paar Selfies mit schleppendem Schiff und sind fünfzehn Minuten später am Steg im Hafen von Norderney. Man hilft uns fest zu machen, der Reparateur kommt, fummelt ein bisserl an den Dieselleitungen, macht ein paar Filter auf und zu, nimmt den Schlauch in den Mund und saugt oder pustet, baut alles wieder zusammen, entlüftet die Dieselpumpe – „probiert’s jetzt mal“. Der Diesel springt wieder an. Der etwas kauzige Mechaniker will seine Sachen packen und gehen. Halt – und was sagt uns, dass das nicht bald wieder passiert? Tja, meint er, das ist etwas aufwändiger – da müsste man das System leeren, die Pest bekämpfen, dann wieder füllen. Ramsi meint, dass ihm das schon lieber wäre, wenn wir das Problem nachhaltig beheben. Na gut, meint der Mechaniker, er kommt morgen wieder, und dann machen wir das.
Nun gut, dann beenden wir den Tag. Es ist auch dringend Zeit, etwas warmes zu Essen und zu trinken. Wir ziehen in unseren Schwerwetter-Segelzeugs in die nächste Kneipe. NeysPlace ist im Gebäude des Hafenmeisters und sieht auch aus wie das Klubhaus des hochwohlgeborenen Yachtclubs von und zu Norderney. Gedeckte Tische mit Stoff-Tischtüchern, feine Weingläser. Im Goldknopf Blazer hätte ich mich wohler gefühlt. Wir fragen die Bedienung, ob sie einen Tisch für uns hat, vielleicht etwas abseits, damit wir die edlen Gäste nicht verschrecken. Sie lacht, und gibt uns einen Tisch am Rand. Erstmal ein Grog.

*Dieselpest: Dass die Geschmäcker verschieden sind, ist hinlänglich bekannt. Deshalb gibt es auch Bakterien, die Diesel mögen, besonders Biodiesel (Herkömmlichem Diesel ist seit mehreren Jahren ein geringer Prozentsatz Biodiesel beigemischt). Wenn dann noch etwas Wasser dazu kommt, freuen sich die Bakterien und ernähren sich von dem Diesel, und hinterlassen zum Dank einen schwarzen Schleim. Und genau dieser schwarze Schleim (aufgewühlt durch das Geschaukel auf der Nordsee) hat bei der Peer Gynt die Dieselansaugleitung verstopft. Dieser Prozess findet eigentlich in allen Dieseltanks statt, aber beim Auto ist es weniger tragisch, weil hier das Diesel meist zügiger verbraucht wird, und dann durch frisches sauberes ersetzt wird. Bei Segelschiffen ist das anders. Hier sind zwar auch mehrere hundert Liter Diesel an Bord, aber eigentlich will man ja segeln. Dennoch hält man den Tank meist voll, sowohl aus seemännischer Vorsicht, aber auch weil sich in (halb-)leeren Tanks mehr feuchte Luft befindet, und sich dann Kondenswasser bildet, was man auch nicht will. Gegenmittel sind Biozide oder das Tanken von speziellen CARE-Diesel, welches kein Biodiesel enthält, aber auch eher selten zu bekommen ist. Problematisch ist die Dieselpest übrigens auch zB bei Notstromaggregaten. Auch hier wird genügend Diesel gelagert, um das Krankenhaus für mehrere Stunden mit Strom zu versorgen, aber gebraucht wird es eigentlich nie.

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