Social Distancing

Social Distancing ist das Gebot der Stunde. Mindestabstände schützen, das wird einem ja immer eingebleut. Wenn das so, ist – machen wir. Der nächste Haushalt ist aktuell ca. 50 Seemeilen entfernt, und heißt Symphony Spirit. Die Symphony Spirit ist ein 130 Meter langer Frachter, und das aufregendste an meiner Wache. Um Mitternacht hat mich Frank geweckt, jetzt bin ich dran. Unser Kartenplotter zeigt ja andere Schiffe mit AIS an, und dieser ist direkt auf unserer gesteckten Route. Route ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Wir fahren einfach nach Westen, auf Sizilien zu. Wir sind endlich unterwegs! Zwar doch mit einem Tag Verspätung, und dann nochmal mit sechs Stunden. Aus der Marina Kalamata, die uns nun doch fast zwei Jahre eine Art zweite Heimat war, mit Kurs nach Süden, um den westlichsten Finger des Peleponnes herum, dann gerade nach Syracuse. Ca 72 Stunden, das meiste über’s offene Meer. Bibber. Leider spielt der Wind nicht wirklich mit. Die Seestern bewegt sich erst richtig ab 10 Knoten Wind, und aktuell haben wir ungefähr sieben. Und die noch aus der völlig falschen Richtung. Gut dass wir vollgetankt haben. Fast 400 Liter Diesel müssten für 100 Stunden reichen, wir kämen also auch ganz ohne Wind aus, um nach Sizilien zu kommen. Natürlich würden wir lieber Segeln, aber unter Motor fahren hat auch Vorteile – Die Lichtmaschine erzeugt konstant Strom, und so schaltet man einfach den Autopilot an, und lässt das Schiffe alleine 275 Grad steuern. So beschränkt sich die Wache darauf, in regelmäßigen Abständen nach neuen AIS Kontakten zu gucken, und eine Rundumblick zu machen, falls da draußen Schiffe unterwegs sind, die kein AIS haben. Immerhin kam uns heute eines entgegen, eine andere Segelyacht unter Motor auf dem Weg nach Griechenland. Also wahrscheinlich eine Segelyacht. Wie im Lehrbuch sah ich nur ein grünes Licht, und darüber das weiße ‚Dampferlicht‘. Die Symphony Spirit ist mittlerweile so nah gekommen, wie sie uns kommen wird. Es waren am Ende doch vier Seemeilen Abstand. Also keine Maskenpflicht.
Auf der Nachtwache, mitten auf dem Meer, ist der Sternenhimmel ein Erlebnis. So klar habe ich die Milchstraße selten gesehen. Dann ist allerdings der Mond aufgegangen, ein irrwitziges Stück Apfelsine direkt überm Horizont. Auf seiner Reise nach oben verliert sich die orangene Farbe, jetzt einfach einer halber Mond hinter dem Schiff. Leider hat sich’s damit mit der Milchstraße erledigt.
So – zweite Nachwache, am Samstagmorgen. Es ist vier Uhr morgens, jedenfalls wäre es das noch in Griechenland. Mittlerweile sind wir näher an Italien, also eigentlich drei. Ich muss leider zugeben: wir sind gar nicht Segeln. Der Wind hat noch weiter abgenommen, besteht eigentlich nur noch aus Motor-Fahrtwind. Dass er auf den Instrumenten ab und zu in die Höhe schnellt, liegt eher an den Wellen – das Windrädchen ist an der Mastspitze montiert, wenn eine Welle (Dünung, also Wellen von vergangenem Wind) das Schiff zur Seite legt, wandert die Mastspitze aus, und so zeigt es kurz mehr Wind an. Allerdings hat die Dünung auch deutlich nachgelassen; kein Wunder bei dem (kein) Wind. Gestern musste ich den Laptop noch festhalten, auf dem Tisch, und habe ihn vor meinem Rundumblick quasi ‚aufgeräumt‘, heute nacht kann er auf sich selber aufpassen. Auch der Schiffsverkehr ist weniger geworden. Frank hat mir bei der Wachübergabe ein Phantomschiff auf der Backbordseite übergeben, Phantom weil dessen AIS Signal immer wieder an und aus geht. Gut, vielleich geht’s mit unserem genauso – mit zerknirschten Zähnen haben wir festgestellt, dass es wohl irgendwo an der Antenne einen Wackelkontakt gab, und mein viel beworbenes Marinetraffic.com uns weiter im Hafen von Kalamata gezeigt hat, obwohl wir schon an der Südespitze des Peleponnes waren. My apologies. Auch der Rundumblick auf der Suche nach Schiffen ohne AIS ergibt nichts. Das war auch schon den ganzen Tag so. Man sieht nichts, außer dem Meer. Da hilft auch kein gutes Fernglas. Immerhin, so habe ich schon 20 Minuten nach Beginn meiner Schicht den Laptop rausgeholt, und kann mal ein paar Zeilen schreiben.
Wie sieht die Nachtwache aus: Wir haben einen Schichtplan aufgestellt, für drei Schichten. Dabei hat jeder von uns entweder Freiwache, Bereitschaft, oder Wache. Im wesentlichen immer Vier-Stunden-Schichten, mit zwei verkürzten Schichten am Nachmittag, damit nicht immer die gleiche Person die gleiche Schicht hat. Nach den Erfahrungen bisher (totale Übermüdung) lag der Fokus darauf, dass die Freiwache mindestens sechs zusammenhängende Stunden hat, also Zeit wirklich schlafen zu gehen. Gut, das kann auch mal von 12 Uhr mittags bis 18:00 sein, aber so ist es halt. Aktuell ist allerdings auch die Bereitschaftswache mit tiefen Schlaf verbunden; es ist unwahrscheinlich dass ich Hilfe brauchen werde, dem Schiff beim geradeaus fahren zuzugucken. Nur etwas spooky bleibt es, wie alleine man hier ist. Würde man jetzt über Bord gehen, würde das keiner merken, und damit würde es wohl den sicheren Tod bedeuten, die 100 Seemeilen nach Syracuse wird keiner von uns schwimmen. Wir haben uns deshalb auf Sicherheitsmaßnamen festgelegt: Nachts wird ab Niedergang (die Haustür des Schiffes) Rettungsweste getragen. Damit ist das zu suchende Ziel nicht nur ein Kopf, sondern ein grell oranger Kragen mit reflektierenden Streifen, und das Opfer schwimmt länger. An den Automatikwesten (blasen sich erst nach Kontakt mit Wasser auf, und sind somt nicht ganz so nervig zu tragen) tragen wir meist einen Lifebelt (einen Gurt mit Karabinern) mit dem man sich am Schiff einpicken kann, der ist auch eingehängt weil er nun schonmal da ist. Auch an meiner Weste hängt mein Geburtstagsgeshenk vom letzten Jahr, ein Mann-über-Bord Peilsender der bei Kontakt mit Wasser meine Position funkt. Wobei mir gerade bei den jetzigen Bedingungen wirklich die Phantasie fehlt, wie man aus unserem Mittelcockpit rausfallen könnte – so als hätte man nicht nur Angst, nachts aus dem Bett zu fallen, sondern auch noch aus dem Schlafzimmer. Aber so wird’s zur Routine, und bei schwererem Wetter macht das schon Sinn. Wir haben auch festgelegt, dass man das Cockpit nicht verlässt, ohne dass jemand Bescheid weiß – auf dem Deck wird nicht unbeobachtet rumgekrabbelt. Wie Ihr seht – wir verfolgen die beliebte Enge Hose & Gürtel & Hosenträger-Strategie.
Wie geht’s dem Schiff?
⦁ Der Motor schnurrt, läuft jetzt seit 43 Stunden ununterbrochen. Die Tankanzeige bewegt sich kaum. Leider liegt das wohl nicht an der Sparsamkeit des Motors, sondern eher an einer falschen Kalibrierung. Immerhin wissen wir nach diesem Trip, wieviel der Motor wirklich in der Stunde verbraucht. Als Faustwert nehmen wir fünf Liter, im Internet habe ich mal 3,7 Liter bei den aktuell anliegenden 1800 Umdrehungen gefunden, aber das müsste auch vom Schiff abhängen.
⦁ Unser AIS meldet ab und zu einen Fehler im Steh-Wellen-Verhältnis bei der Antenne. Wahrscheinlich durch ein Wackelkontakt in einem der Stecker ist die Antenne nicht mehr auf den Sender abgestimmt. Frank freut sich schon, dem Fehler nachzugehen.
⦁ Die erste Gasflasche ist leer. Leider ist uns das gestern erst aufgefallen, als wir kochen wollten, da war wir schon auf schaukeliger See waren, und es wurde dunkel. Leider hat die Ersatzflasche einen anderen Anschluss, also mussten wir heute erst einmal den Regler provisorisch umbauen. In einem weiteren Schritt kommt an das System noch ein elektrischer Gasabschalter dazu, mit dem man die Flasche von der Küche aus trennen kann.
⦁ Wir haben in Kalamata unsere mechanische Windsteueranlage montiert, und erstmals ausprobiert, die ohne Strom das Schiff nach dem Wind steuern können soll. Leider funktioniert sie halt nur mit Wind, und nicht wenn der Propeller das Schiff antreibt und das Wasser am Heck verwirbelt.
Aber sonst ist das Schiff bereit, auch wenn die Länge der to-do Liste das nicht sofort erkennen lässt. Wir sind ja am Montagmorgen in München losgefahren, Luisa (Franks Nichte), Frank und ich. Jeder mit 20kg Gepäck, und Handgepäck, was schon über dem Limit war. Mit dabei so spannende Sachen wie eine Waschtischarmatur für das hintere Bad, größere Mengen an Medikamenten und anderem medizinischem Material, und am Ende noch ein Drucker, wegen der Bürokratie und der Notwendigkeit dafür Dokumente auszudrucken. Mehr dazu später.
Also wir in Kalamata ankamen, war der neue Sonnenschutz des Segelmachers bereits auf dem Schiff montiert, eine weitere Korrektur der Befestigung der Gangway war durchgeführt. Nur vom Polsterer haben noch ein paar Restthemen gefehlt. Wir hatten per DHL insgesamt fast 70 kilo in drei Paketen nach Kalamata geschickt, die letzten beiden am 28. August. Leider war am 7.9. erst eines angekommen. Wir hatten uns einen Mietwagen genommen, konnte also nochmal kräftig den Lidl plündern, haben Wasser und Diesel aufgefüllt. Leider noch immer zu warm, als dass man richtig arbeiten konnte (Lust dazu hatte). Unser Plan war es eigentlich, schon am Mittwoch abzulegen, aber als am Dienstag das DHL Tracking gerade einmal meldete, dass das letzte Paket „in Griechenland“ angekommen sei, haben wir uns von dem Plan verabschiedet. So sind wir am Dienstag noch zu den Ruinen von Messini gefahren, etwas Kultur schadet ja auch nicht. Mit dem Polsterer bleiben wir in Kontakt – er soll noch Vorhänge für unsere Luken liefern (beim ersten Wurf hatte er Länge und Breite verwechselt), und Kissenbezüge, in denen wir unsere Bettdecken reintun könnten (aktuell braucht hier niemand eine Steppdecke, und als „Kissen“ kann man sie immerhin draußen rumliegen lassen. Er meint, er sollte alles bis Freitag fertig haben. Wir erklären ihm, dass wir am Mittwoch weg sind. Er schreibt „Will you take the boat with you???“. Am Ende hat es nicht geklappt. Vorhänge und Bezüge werden jetzt nach München geschickt. Insch’allah.
Überraschend kommt das letzte DHL Paket am Mittwoch morgen, und wir legen die Abfahrt für Donnerstagmorgen um sechs fest. Ganz schaffen wir das nicht, noch ein paar Last-Minute Besorgungen, unseren alten Staubsauger an unseren Mechaniker verschenken, zumindest noch die Muster Steppbettdecke vom Polsterer zurückbekommen, aber um 12 Uhr mittags werfen wir die Leinen los. Unser Segeljahr beginnt.
(Hinter dem Schiff beginnt es dem Morgen zu grauen, der Laptop beschwert sich über niedrigen Akkustand – damit wäre das wohl der erste Blogeintrag. Veröffentlichung in Sizilien geplant. Über die Bürokratie erzähle ich demnächst.)

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1 Antwort zu Social Distancing

  1. Henning sagt:

    Moin Chris, ich wünsche Euch eine gute Reise mit mehr segeln und weniger Motor.
    LG Henning

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