Fragwürdige Entscheidungsfindungen

I had a brother at Khe Sanh
fightin‘ off the Viet Cong.
They’re still there; he’s all gone.
Die Zeilen habe ich bestimmt schon hunderte von Malen gehört – einige Leser erkennen sie sofort, anderen helfe ich auf die Sprüngen: „Born in the USA“ von Springsteen. Wüsste einer vor Euch, wo genau Khe Sanh ist, was dort war? Ich hab’s mal vor einiger Zeit gegoogelt, sonst hätte ich keinen blassen Schimmer. Erleuchtung weiter unten im Text. Bei der Analyse möglicher Aktivitäten in Hue bin ich über Khe Sanh gestolpert, und eine Schnapsidee setzte sich in meinem Kopf fest. Ich reflektiere: Wie kommt man überhaupt dazu, was man im Urlaub macht? Bei meiner Reise von genauer Planung zu sprechen, wäre jetzt übertrieben – ich wusste, dass es hier einen Haufen Länder gibt, in denen ich noch nicht war, also wollte ich da hin. Und jetzt genauer? Die Reiseführer bieten ja dankenswerterweise eine Rubrik „Don’t miss“, „Nicht versäumen“ und „Geheimtipps“, aber damit kann man pro Land von zwei Tage bis drei Monate verbringen. Jetzt bin ich also über einen Ort gestolpert, der mir aus einem Lied ein Begriff ist, da muss ich hin. Ein ähnliches Phänomen widerfährt mir übrigens z.B. in London; meine Vorliebe für englische Krimis lassen mich jede Menge Ortsnamen auf einem Stadtplan erkennen, wo ich noch nie war. Vielleicht eine fragwürdige Art der Entscheidungsfindung, aber immerhin werden einige Touren dorthin angeboten, also – los geht’s!
Nahe der alten Kaiserstadt Hue lief entsprechend der Genfer Verträge von 1954 die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südvietnam, also dem guten, heldenhaften, kommunistischen Norden, und dem feigen Saigon-Marionettenregime der imperialistischen Amerikaner (Ihr seht, ich lerne dazu). Es wurde eine demilitarisierte Zone (DMZ) eingerichtet, die schon nach kurzer Zeit den Namen nicht mehr verdiente – nirgendwo sonst fielen im amerikanischen Krieg mehr Bomben. Vietnam ist hier ca. 80 km breit, im Westen, kurz vor Laos, liegt das Dorf Khe Sanh auf einem Hochplateau. Dort richteten die Amerikaner einen Stützpunkt mit Flugfeld ein, um den nordvietnamesischen Ho Chi Minh Pfad zu unterbrechen. Die Befreiungsarmee fühlte sich provoziert, und es gab eine heftige Schlacht im ersten Halbjahr 1968, mit 199 Toten auf amerikanischer Seite, einer davon eben Springsteens erfundener Bruder. Auch dass dort die Viet Kong kämpften, ist erfunden (es war die Nordvietnamesische Befreiungsarmee), aber da ich den Unterschied selber erst vor ein paar Tagen verstanden habe, will ich Springsteen da mal nicht nachtragend sein. Heute ist Khe Sanh Combat Base einer von zwei Höhepunkten der 12-stündigen DMZ-Bustour, ein staubiger Originalschauplatz mit Besucherzentrum, ein paar verrosteten Kriegsmaschinen, und nachgebauten Bunkern aus Beton-Sandsäcken.
Aber kurz der Reihe nach. Am 2.1. fliege ich morgens von Saigon nach Hue, ein moderner Airbus 321 von Vietnam Airlines. Am Flughafen in Hue werden wir die 50 Meter vom Flieger zum Terminal mit dem Bus gefahren; das werde ich nie kapieren. Soll es belegen, dass der Flughafen nicht provinziell ist, weil man Passagieren nicht erlaubt, die kurze Entfernung zu laufen? Am Gepäckband setze ich meine Mitstreiter-Such-Doktrin um, und finde Thomas aus Dresden. Wir teilen uns ein Taxi, und ich darf mir das Hotel ansehen, welches er vorher reserviert hat. Thomas hat wahrscheinliche seine Kreditkarte hinterlegt, ist aus Sicht des Hotels also schon ‚in the bag‘, und muss eine halbe Stunde auf sein Zimmer warten. Ich könnte ja noch zur Konkurrenz gehen, und bekomme deshalb mein Zimmer sofort. Wir machen uns auf die Socken zur Zitadelle, dem Kaiserbezirk von Hue, vom Konzept wie die verbotene Stadt in Beijing, aber viel kleiner. Hier wird fleißig gewerkelt, offensichtlich ist hier im April ein wichtiger Event, und bis dahin soll alles restauriert sein. Die Absperrungen zu den Baustellen sind durchlässiger als das ein deutscher SiGeKo (Sicherheits und Gesundheitskoordinator) zulassen würde, also sehen wir, wie das Holz eines Tempels frisch gebeizt wird, und verschiedene farbliche Details der historischen Malerei mit entsprechenden Farbtöpferl nachgezogen werden. Die bereits restaurierten Gebäude sind klassisch-asiatische Architektur, Dächer mit aufwendigen Drachen dekoriert, viel Malerei im Inneren. Mir aber gefallen die halb-verfallen Gebäude abseits des offiziellen Rundgangs mehr – teilweise mit Unkraut überwuchert sieht man denen noch an, dass sie auch mal als Lagergebäude für die Requisiten einer Theateraufführung dienten. Hoffentlich kommt das auf den Fotos rüber, immerhin ist das Licht am späten Nachmittag perfekt.
Wir treten den Rückweg zum Hotel an, und machen intensivere Bekanntschaft mit den vietnamesischen Cyclo-Fahrern. Die Fahrrad-Rikschafahrer sind taub, verstehen jedenfalls den Begriff „no“ nicht, können sich sicherlich auch gar nicht vorstellen, dass so ein reicher Falang gerne mal ein bisserl läuft. So fährt er 10 Minuten neben uns her und bietet zyklisch eine einstündige, eine halbstündige Stadtrundfahrt, oder auch nur die Rückfahrt ins Hotel an. Wir ignorieren ihn, trinken am Straßenrand noch ein Bier, buchen die DMZ-Tour für den nächsten Morgen, und essen in einem kitschig-romantischen Restaurant am Flussufer etwas Barbecue vom Tischgrill.
Am nächsten Tag werden wir um 6:15 im Hotel abgeholt, mit zwei anderen Opfern, die auch die Tour MIT Frühstück gebucht haben, und werden um den Block zu einem Café gefahren. Option 1-10 sind verschiedene Permutation aus Omelette mit Inhalt und Baguette, Getränke wie Kaffee oder Tee gehen extra. Wir witzeln, dass auch das anfangs fehlende Besteck extra kosten wird, aber das gab’s kostenlos. Mittlerweile sammelt der Bus die Gäste ohne gebuchtes Frühstück ein, mein zurückgelassenes Handtuch in der ersten Sitzreihe vom Bus sichert uns aber weiterhin die besten Plätze (eigentlich war’s ein Buch). Wir zuckeln 90 Minuten in die nächste Provinzhauptstadt, sammeln dort die Reiseleiterin ein, und machen uns auf in Richtung laotische Grenze, in die Berge Vietnams.
Unser Hyundai Kleinbus schleicht die von den Franzosen gebaute RN 9 hinauf, und wird dabei zusätzlich vom Fahrer gequält. Die meisten asiatischen Fahrer, die ich hier erlebt habe können nicht wirklich fahren. Sie haben zwar eine vernünftige Einschätzung darüber, ob der Gegenverkehr vor Ende des Überholvorgangs noch rechtzeitig ausweichen kann, aber die richtige Gangwahl überfordert sie ebenso wie rückwärts einparken. So röchelt das untermotorisierte Gefährt mit niedrigsten Drehzahlen vor sich hin, am Berg schaltet der Fahrer die Klimaanlage zur Mobilisierung der letzten Kraftreserven ab. Ein kurzer Stopp am Ho Chi Minh Pfad – zu Zeiten des Krieges, so versichert die Reiseleiterin, war das noch keine zweispurige asphaltierte Straße, sondern ein 20.000km langes Geflecht an Fußpfaden, welches die Viet Kong Guerillas im Süden mit meist von Trägern transportiertem Kriegsmaterial versorgte.
Um 11:30 erreichen wir Khe Sanh. Die Reiseleiterin erklärt vor einer LED-bunt-blinkenden Karte das Kriegsgeschehen, ich habe mich am Vorabend intensiv mit Wikipedia gebildet, muss deshalb nicht alles verstehen was gesagt wird, und kann auch einigen meiner Mitreisenden bei manchen Lücken helfen. Neben der LED-Karte bietet das Besucherzentrum noch die üblichen verrosteten Waffen und anderen Ausrüstungsgegenstände, und viele Fotos. Deren Beschreibungen amüsieren mich mit Ihrer platten Wertung, die sich vor allem in den Adjektiven ausdrückt: Nordvietnam: „Heldenhaft, mutig, entschlossen“ Amerika: „Hilflos, verzweifelt, geduckt, flüchtend“. Im Freigelände die üblichen Verdächtigen: Auch dieses Museum hat ein UH-1 ‚Huey‘ Hubschrauber abbekommen, einige rostige Panzer stehen umeinander, und auf dem ehemaligen Flugfeld steht eine amerikanische Transportmaschine. Ein paar Flugzeug- und Hubschraubertrümmerteile bilden eine bizarre Skulptur, und eine Vielzahl verschiedener Granaten illustrieren, was man so alles auf das geschundene Land abgeworfen hat. Dann müssen wir den Rückweg antreten, diskutieren im Bus noch darüber was die U.S.A. hier eigentlich wollten. Gewonnen haben in Khe Sanh übrigens beide Seiten. Die Amerikaner konnten die Basis verteidigen, und fügten dem Feind größere Verluste zu, beschlossen aber nach abflauen der Kämpfe unter neuer Führung, dass sie die verlustreiche Basis doch nicht bräuchten, und zogen sich zurück; die Nordvietnamesen hatten sie also am Ende besetzt. Ein Schelm, wer darin ein Bild für die Sinnlosigkeit des Krieges sieht.
Ein Bild für das Leiden der Zivilbevölkerung sind hingegen die Tunnel von Vinh Moc, die wir als nächstes besuchen. Anders als in Cu Chi waren diese nicht primär zum Kämpfen, sondern dienten der Zivilbevölkerung für sieben Jahre als Schutz vor Bombardement. Familienfreundlich größer ausgebaut als die Kamptunnel, bekommen hier nicht alle klaustrophobische Anwandlungen. Eine vierköpfige Familie bekam hier immerhin ein Wohnzimmer von circa zwei Quadratmetern, 1,50m hoch. Dass reicht locker, denn in dem Platz kann man problemlos ein Moped unterbringen, und da passt die gleiche Familie drauf, das sieht man ständig. Es gab eine Krankenstation, es wurden siebzehn Kinder während der Zeit geboren, und eine Toilette für 40 Familien gab’s auch. Immerhin haben alle den Krieg überlebt, und das während ihr ehemaliges Dorf über ihnen immer mehr zu einer Mondlandschaft zusammengebombt wurde.
Der Rückweg dauert fast dreieinhalb Stunden, wir unterhalten uns prima, nur die asymmetrische Gesäßbelastung durch die zu schmalen Sitzes schmälert das Vergnügen ein wenig. Als wir endlich wieder in Hue ankommen, hat sich eine fünfköpfige, deutschsprachige Gruppe herauskristallisiert, die erst einmal ein Bierchen trinken geht. Zwei Stunden und zwei Gänge später trennen sich unsere Wege wieder. So endet ein dreizehnstündiger Ausflug, davon zehn Stunden reine Fahrerei, alles nur weil Bruce Springsteen das Trauma eines Vietnam-Veterans beschreiben wollte. Immerhin, wenn Bruce das nächste Mal Khe Sanh erwähnt – ich kann mir darunter was vorstellen.

4 Gedanken zu „Fragwürdige Entscheidungsfindungen

  1. 🙂 welch schoene Beschreibung…
    Nochmals danke fuer den Geschichtsexkurs (sonst haette ich bis heute noch nich verstanden, was das ganze rumgekaempfe ueberhaupt sollte…)
    Ich bin uebrigens doch noch, wenn auch recht umstaendlich, in mein 3rd level Hardsleeperbett gekommen. Begleitet vom tosenden Applaus der 3 Kinder in meinem Abteil. Entsprechend nett war die Nacht…
    Da kann man nur hoffen, dass die mir nun bevorstehende Fahrt nach Hanoi schnell vorbei geht. Hardsitz…man goennt sich ja sonst nix 🙂

  2. So geht wahrlich brillanter Tourismus!
    Weiter so.
    Erinnert mich stark an meine vollständige Bürgerkriegstour im Mai 1993. Nur dass da sprachbedingt mehr Kontakt mit den Eingeborenen war als mit Mit-Touristen. 🙂

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