Ein Glas Wein im Kunstgefängnis

Die Enttäuschung ist dem Wallaby förmlich anzusehen. Jetzt ist es extra an den Strand von Wineglass Bay gehoppelt, und nirgendswo ein Glas Wein. Mir geht’s ähnlich obwohl ich auch gerne mit einem Bier Vorlieb genommen hätte. Jemand bietet dem Wallaby eine Handvoll Wasser an, das nimmt es auch, in der Not frisst der Punker Müsli. Das Wallaby bekommt kaum genug, und so sucht eine Asiatin ein leeres Schälchen aus ihrem Rucksack und füllt es mit Wasser. Das Tier trinkt gierig, schließlich muss es noch ein kleines im Beutel rumtragen. Im Reiseführer ist es als Must-Do eingestuft: „Packing a picnic of fine Tassie produce and hiking into Wineglass Bay“. Ob mein Sandwich vom Tante Emma Laden sich dazu qualifiziert, da bin ich mir nicht sicher, aber ich begnüge mich damit und etwas Wasser. Ein Tourist fragt in die Runde der das Tier Fotografierenden, ob das nun ein Wallaby wäre (oder nur ein kleines Känguru), und eine Australierin meint, es wäre eigentlich ein Pademelon. Wir nehmen’s aber genau (Wikipedia erklärt, dass ein Pademelon eine Art Wallaby ist, also haben beide recht) – vor einer Stunde hat schon der Ranger auf meine Frage, ob die Tiger-Schlange dort „poisonous“ sei, geantwortet, nein, sie wäre „venomous“, da man „poison“ einnehmen müsste. Ich sehe auf der Wanderung insgesamt drei der schwarzen Schlangen, eine auch wirklich nah am Weg. Sie ist allerdings genauso wenig scharf darauf, meine Bekanntschaft zu machen wie umgekehrt. Vielleicht hat sie auch erkannt dass, aushängbarer Kiefer hin oder her, sie mich einfach nicht auf einmal runterschlucken kann – was am Rucksack liegt.
Wineglass Bay ist die Hauptattraktion des Freycinet Nationalparks an der Ostküste der Insel. Es gibt zwei Alternativen, wie sie zu ihrem Namen kam – ihre Form alleine, oder die Zeit als ein Walfängerstation hier das Wasser beim Zerlegen der Wale zur Farbe von Rotwein verwandelte. Zu der Bucht führt ein skalierbarer Wanderweg, 25 Minuten auf einem Autobahn-ähnlichem Wanderweg zu einem Lookout, eine weitere halbe Stunde zu der Bucht selber auf einem normalen Weg, und zweieinhalb Stunden Rückweg über den Strand und Pfade auf der Rückseite der Halbinsel. Ich habe meinen Schweinhund überwunden, und den elf Kilometer langen Rundweg gewählt. Die letzte Stunde bin ich mit zwei Australiern unterwegs, die ein ordentliches Tempo vorlegen. Deshalb bin ich schon um vier zurück am Auto, und mache mich auf den Weg nach Süden, Richtung Port Arthur. Das strohtrockene Gras zeugt davon, dass es hier selten regnet, der strömende Regen bringt mich wieder auf den Gedanken, dass ich ein Regengott bin. Auf meiner ganzen Reise hatte es ungewöhnlich feuchtes und kühles Wetter.
Eine halbe Stunde vor Port Arthur finde ich am Ende der Welt – in Pirate Bay ein Hotel für die Nacht, und am nächsten Morgen mache ich mich früh auf. Ja! Ich hab’s geschafft, freiwillig morgens um acht aus dem Hotel zu kommen. Als Konsequenz stehe ich vor dem Visitor Center des Port Arthur Gefängnisses noch vor verschlossenen Türen. Es regnet noch immer oder wieder. Port Arthur ist eine ehemalige Gefängnissiedlung, die um 1833 auf der Tasman Halbinsel gegründet wurde, damit dort Wiederholungstäter (die also in der strafbedingten Verbannung in Australien wieder straffällig wurden) die reichen Wälder abholzten. Von den Anlagen stehen meist nur noch Ruinen, als das Gefängnis aufgegeben wurde wollte man diesen Makel möglichst schnell vergessen. Der Eintritt kostet fünftig Dollar, ungefähr 33 Euro. Heftig. Dafür gibt es eine geführte Tour übers Gelände, eine zwanzigminütige Hafenrundfahrt, und Zutritt zu einigen der noch bestehenden Gebäude. Im Wohnhaus der Arztes soll ein kurzer Talk von zehn Minuten stattfinden, ich bin der einzige Zuhörer, und es entwickelt sich ein höchst faszinierender Vortrag über das gesamte Strafverbannungssystem der Zeit. Rob hat Geschichte studiert, kann anschaulich erzählen, und bringt ganze in Bezug zu der Zeit, der industriellen Revolution, der Napoleonischen Kriege, zu Armut und Hoffnungslosigkeit in England der Zeit. Nach einer Stunde habe ich meine geplante Hafenrundfahrt verpasst – ich kann auf eine spätere ausweichen – habe aber ein wesentlich besseres Verständnis der frühen Geschichte dieses Landes und einen sehr informativen Vormittag gehabt. Kurz nach eins setze ich mich wieder ins Auto und fahre Richtung Hobart. Dabei sehe ich die wichtigste Sicherheitseinrichtung des Gefängnisses. Am Eaglehawk Neck, der ca. hundert Meter breiten Verbindung der Halbinsel zum Festland, wachten urspünglich eine Reihe von neunzehn Kettenhunden. So sind auch in der Geschichte der Haftanstalt nur zwanzig Häftlinge ‚unaccounted for‘, wobei das sowohl bedeuten kann, dass sie es in die Freiheit schafften, als auch dass sie beim Versuch ertranken oder im Busch starben.
Um kurz vor vier bin ich in Hobart, als wichtigste Sehenswürdigkeit ist hier das MONA – Museum of Old and New Art. Von der Architektur extrem modern und trendig, und auch die Kunst ist nicht unumstritten. An der Kasse erfahre ich dass zwei der drei Stockwerke heute nicht zugänglich sind, da eine Privatveranstaltung aufgebaut wird – das erinnert mich an Sydney. Wahrscheinlich habe ich irgendeine Audiotour versäumt zu nutzen, aber die Kunstwerke sind nicht näher beschrieben und natürlich auch nicht interpretiert. Ein paar sehr witzige Ideen, ja, aber irgendwie kommen mir doch viele moderne Künstler weiterhin wie Scharlatane vor, die sich insgeheim scheckig lachen, wenn die Kunstwelt ihre kreativen Ausgüsse als Kunst akzeptiert. Nebenbei sehe ich, wie auf dem untersten Stockwerk für die Party aufgebaut wird: eine lange Tafel für 160 Gäste, auf dem Glas der Tafel werden gerade rohe Eier aufgeschlagen, ein gefühltes Dutzend um jeden Teller herum. Auch eine interessante Tischdeko, ich merke es mir, wenn ich auch mal eine Kunstparty mache. Ein Restaurantbesuch rundet meinen Besuch sowohl in Hobart als auch Tasmanien ab, morgen früh um 6:30 geht’s weiter mit einem Flug nach Alice Springs. Brrrrr.

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