Been there, done that, in the Delta and Saigon

Nach zwei Stimmungseinträgen fehlt jetzt etwas Rahmenhandlung, die will ich noch liefern:

Meinen Weihnachtsfeiertrag möchte wahrscheinlich niemand in mehr Detail geschildert haben. Am 26. beschließe ich frühzeitig, lieber noch etwas in Rufentfernung meines Badezimmers zu bleiben, jedenfalls keine vierstündige Busfahrt. Chau Doc ist von touristischer Infrastruktur weitesgehend befreit. Das hört sich eigentlich ganz gut an – keine Touristen. Aber wenn an keiner Straßenecke ein Laden Angebote bietet, wird so eine Stadt recht schnell fad. Mein Hotel befindet sich sehr zentral am Markt gelegen, die Gerüche von getrocknetem und fermentiertem Fisch hatten mir am Vortag nicht gut getan. Ich erkunde spiralförmig die Gegend um mein Hotel, finde recht schnell ein vietnamesische SIM-Karte, aber kein Restaurant was mich anmacht. Es finden sich an vielen Ecken Garküchen, aber nein, noch will ich das meinem Magen nicht antun. Der Reiseführer erwähnt zwar zwei Sehenswürdigkeiten mittlerer Wichtigkeit, aber wo die jetzt sind? Ist mir eigentlich auch egal. Am Ende kehre ich verzweifelt in mein Hotel zurück und lade mir die Trip-Advisor App runter. Irgendwo wird’s schon was zu essen geben. Mehrfach  wird der Markt gelobt, aber nein, immer noch nicht. Am Ende kapituliere ich, schleiche mich ins Restaurant des Viktoria Hotels ein, und esse einen Teller gebratenen Reis mit einer Cola in gediegener Atmosphäre, zum doppelten Preis meiner Übernachtung. Mein Hotel vermittelt mir noch für den nächsten Morgen eine Busfahrt nach Can Tho (Torfprogramm berichtete).

 

Auf der Fahrt treffe ich Don und Sherry, Vater und Tochter aus Arizona. Die haben in Can Tho schon ein Hotel („with really excellent reviews, you know“), und ich schließe mich ihnen an. Wir erörtern außerdem die Möglichkeit, am nächsten Morgen die obligatorische Fahrt zu den schwimmenden Märkten gemeinsam zu unternehmen. Die beiden sind zwar ganz in Ordnung, aber Sherry ist auf die Hälfte aller Lebensmittel allergisch, und irritiert, dass auch der auf vietnamesisch übersetzte Zettel ihrer verschiedenen Allergien ihr im Restaurant eher Achselzucken beschert, als ein leckeres gluten- und sojafreies Essen. Zu meinem Seelenfrieden beschließe ich, lieber mit dem PC Essen zu gehen, der Eintrag zum Delta entsteht weitestgehend beim Essen mit Blick auf den Fluss.

 

Am nächsten Morgen um 5:30 Aufbruch zu den schwimmenden Märkten. Trotzt Sherrys Zettel ist das Take-away-breakfast für sie ungeeignet; für mich ist es das mangels Geschmack auch. Wir wandern ein wenig durch die erwachende Stadt, und werden von unserem Führer durch abenteuerlich dunkle Gassen an den Fluß geleitet. Mich schockt das nimmer, auch nicht der Zustand der Pier und des Bootes, aber Sherry und Don erleben einen kleinen Kulturschock. Die schwimmenden Märkte begeistern mich nicht. Es ist trüb, das Licht ist fahl, und die Händler haben Ihre Waren nicht mit genügend Bedacht zur Farbenfreude ausgesucht. Am witzigsten finde ich die schwimmenden Händler, die sich um die Touristen kümmern. Sie brausen mit Ihrem Boot an, einer hinten kümmert sich um Motor und steuert, und im Boot selber ist eine komplette Kaffeeküche. Leider ohne Faema Espressomaschine, und so lehne ich (von Graemes Erfahrung in Angkor Wat gewarnt) ab. Danach doch der Besuch eine Nudelfabrik. Auch das wieder eine interessante Erfahrung. Eine Frau gießt aus einer Schöpfkelle den sehr flüssigen Teig (30% Weizen, 70% Reis, für Sherry nicht geeignet) auf ein Netz und verteilt es dort in der Art eines Crepe-Bäckers. Das Netz ist über einem Topf kochendem Wasser, mit dem entsprechenden Deckel wird es dort für ca. 45 Sekunden gedämpft. Derweil schürt eine andere Frau das Feuer mit Reisschalen. Dann Deckel weg, mit einem Bambusknüppel wird der Teig angehoben und leicht angewickelt, um dann auf einem Trockengitter zu landen. So entstehen im Minutentakt runde Reismehlfladen. Diese werden von einem Mann nach einiger Zeit durch eine Maschine gefüttert, die den Fladen in Nudeln auftrennt. Als Ingenieur stört mich, dass deshalb die äußeren Nudeln kürzer sind als die inneren, und überlege, wie man allgemein den Prozess verbessern und automatisieren könnte. Aber was soll dann die arme Familie machen? Also behalte ich meine Ratschläge für mich, und wir fahren weiter, in den “little canal“, ein halb-verlandeter Flussarm. Ziel: Ein Blick auf das Leben im Hinterland. Auch das für mich nach mehreren Wochen Asien nichts wirklich Neues. Aber wir kommen an einer Hochzeitsgesellschaft, und klar, die muss fotografiert werden. Die Amerikaner finden den Gedanken toll, mal so von außen zu fotografieren, aber ich weiß schon, was uns jetzt blüht. Tatsächlich sitzen wir zehn Minuten später an dem Tisch neben den Brauteltern, bekommen Tee und Schnaps. Why not, so um 8:30 morgens tun drei Stamperl Selbstgebrannter aus einer Pepsi-Flasche gut.

 

Nach der Rückkehr ins Hotel entspanne ich noch kurz, buche ein Zimmer für die erste Nacht in Ho Chi Minh City, und dann geht’s zum Bus. Ich kann meine nummerierte Platzkarte in einen Fensterplatz weiter hinten umtauschen, und bleibe dort gnadenvoll alleine. Die Fahrt ist zügig und komfortabel. Bemerkenswert die kurze Pause an einem Terminal mitten in der Pampa. Da hat die Busgesellschaft einen Nachbau der Cargolifter-Halle hingestellt (OK, das ist jetzt übertrieben), aber freitragend über der Fläche eines Fußballfeldes ist sie mindestens. Verschiedene Imbissstände am Rand bieten Speisen für die Reisenden feil, eine luxuriöse Toilette (mit großen Topfpflanzen im Sanitärraum) steht für andere Bedürfnisse bereit. Um 15:45 kommen wir am Terminal Ost an, werden mit einem kleineren Bus weiter in die Stadt gefahren, und müssen von dort ein Taxi an die Pham Ngu Lao nehmen, das ist das Backpackerviertel. Mein reserviertes Hotel hat den Begriff Reservierung so verstanden, dass sie sich jetzt schnell drum kümmern, mir in einem befreundeten Hotel ein Zimmer zu besorgen. Aber am nächsten Tag kann ich zu ihnen ziehen – mir soll’s egal sein, und ein dienstbarer Vietnamese schleppt meinen Koffer auch brav hin und wieder zurück.

 

Saigon bietet neben etwas alter Kolonialatmosphäre und viel neuer Turbo-Kapitalismus-Atmosphäre hauptsächlich Sehenswürdigkeiten im Zusammenhang mit dem amerikanischen Krieg (Klar, für die hier war ja jeder Krieg ein Vietnamkrieg). Stop 1: „War Remnants Museum“. Die Geschichte des Krieges mal von anderer Seite erzählt. Viel Propaganda, als gebildeter Europäer erkennt man das sofort. Gut auch, dass man die ganze Geschichte ja schon propagandafrei kennt. Und ja, das ist ironisch gemeint. Das Museum bietet viel Platz, um die Greueltaten amerikanisch-imperialistischer Aggression zu zeigen. Im Vordergrund natürlich das Massaker von My Lai und der massenweise Einsatz des Dioxin-haltigen Agent Orange. Natürlich hat auch das südvietnamesischen Marionettenregime Dreck am Stecken, aber die Amerikaner unterscheiden sich auf den Fotos halt besser. Stop 2: „Die Tunnel von Cu Chi“. In einem weit verzweigten Tunnelnetz hausten hier Vietkong Kämpfer im Dschungel, und machten den Amerikanern den Krieg zur Hölle. Besonders perfide sind die verschiedenen Fallen, nach dem Prinzip Grube mit gespitzten Bambusstäben. Viele davon sollten nicht töten, sondern nur verletzen und festhalten. Die Auswirkung auf die Truppenmoral kann ich mir lebhaft vorstellen, wenn Dein Kamerad vor Dir halb in einem Loch steckt, spitze Stacheln mit Widerhaken im Oberschenkel, und jede Bewegung den Schmerz nur verstärkt. Auch die Tunnel selber (für Touristen entsprechend aufgeweitet und zugänglich gemacht) vermitteln einen Eindruck der Zähigkeit und Leidensfähigkeit der Vietnamesischen Kämpfer. Bei so einer Asymmetrie hilft es auch nix, das Land mit mehr Bomben zuzupflastern als im gesamten Zweiten Weltkrieg gefallen waren. Als aparte Attraktion von Cu Chi gibt es noch einen Schießstand, wo man für einen kleinen Beitrag mit diversen Waffen schießen kann. Zehn Patronen für zehn Euro um mit einer AK-47 den Rebellenkrieger zu mimen? Oder mal ’ne richtige Garbe aus einem MG? Es hat mich gejuckt, aber ich hab’s dennoch sein gelassen. Immerhin bieten die ständigen Feuerstöße eine angemessene Geräuschkulisse bei der Besichtigung der Tunnel. Und eine weitere Erkenntnis: Wir kennen den Krieg ja hauptsächlich mit 5.1 Surround Sound, auf Zimmerlautstärke runtergedreht. Aber kurz hinter dem Schießstand merkt man – so ein Krieg muss die Teilnehmer taub machen. Stop 3: Der Wiedervereinigungspalast. Am 30.4.1975 walzten zwei nordvietnamesische Panzer die Tore zum südvietnamesischen Regierungssitz nieder und hissten auf dem Gebäude die neue Fahne. Damit war der amerikanische Krieg zu Ende. Besonders der Bunker mit diversen alten Lagekarten bringt das Geschehen näher. Am gleichen Tag entstand das ikonische Foto von der Hubschrauber-Evakuierung Saigons. Auch das Gebäude habe ich gefunden und fotografiert, aber bei mir war’s nicht so ikonisch. Ich denke, das liegt am fehlenden Hubschrauber.

 

Außerdem habe ich in Saigon einen weiteren Kochkurs gemacht (es gab übrigens 27 Teilnehmer am Gewinnspiel, die davon potenziell profitieren könnten, die Auslosung findet in Thailand statt), bin viele Kilometer kreuz und quer durch die Stadt gelaufen, und habe Sylvester gefeiert (Torfprogramm berichtete). Heute habe ich das erste Mal seit sieben Wochen ein Restaurant für Western Food aufgesucht. Das ausgefallene Weihnachtsessen und ein Neujahrsessen zusammen, ein Steak! Das erste Mal seit sieben Wochen wieder ein Messer zum Essen benötigen. Alleine das ein interkulturelles Erlebnis. Das argentinische Steakhouse El Gaucho gehört einem Israeli, es wird von einem Bamberger namens Patrick geführt, es serviert amerikanische Rindersteaks mit chilenischem Wein. Habe ich was vergessen? Ach ja: es ist in Saigon, der wirtschaftlichen Hauptstadt von Vietnam.

 

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1 Antwort zu Been there, done that, in the Delta and Saigon

  1. Christina sagt:

    Huhu, weißt du was total toll wäre…. eine Karte, auf der du einzeichnest, wo du schon warst – so als Übersicht?
    Vielleicht ergibt sich ja nochmal ein ruhiger Tag, an dem du deinen Magen schonen musst und Lust auf Basteln am Laptop hast? 😉
    LG and keep exploring
    Christina

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