Socke

Socke sucht einen Platz für die Nacht – und die übliche Schublade oder Wäscheleine wird es heute wohl nicht werden. Socke ist ein Falke, und was der eine Stunde vor Sonnenuntergang ca. 60 Seemeilen von Land macht ist mir nicht klar. Vielleicht eine Wandersocke, äh, Falke. Ich bemerke ihn das erste Mal, als er von hinten unser Schiff anfliegt, vielleicht versucht auf unseren Solarpanelen zu landen. Ich schnappe mir das Telefon um das ganze Digital festzuhalten, aber da ist er schon weg. Oh well. Einige Zeit später – der Wind lässt etwas nach – lasse ich das Reff aus unserem Vorsegel, da fliegt er auf einmal wieder neben dem Schiff. Vielleicht war er irgendwo auf dem Vordeck gelandet, wo wir ihn nicht sehen konnten, und ist jetzt empört. Er umkreist noch mehrmals das Schiff; ich verliere ihn aus den Augen, bis ich ihn kurz darauf dem Deck neben unserem Besanmast erspähe. Ein schönes Tier, was hier mit gerüffelten Federn versucht sich gegen das Geschaukel und 20 Knoten Wind von der Seite zu halten. In Zeitlupe wieder das Telefon, vorsichtig ein paar Fotos von der Hinterseite unserers Steuerrades gemacht, dann etwas mutiger die Kamera gehoben, und Klick! Jetzt habe ich immerhin den Beweis. Frank rumort unter der Deck, ich weise ihn auf die zoologische Besonderheit hin. Sicher ist der Kleine erschöpft, vielleicht hunrig und durstig. Ob ein Stück Salami artgerechte Ernährung ist? Meist wird ja ins Feld geführt, dass deren natürliche Beute nicht gewürzt usw. ist. Aber ich denke mir dann: Was wäre denn, wenn die Maus kurz vorher ein Stück Fenchel gemopst hat, und danach noch an den Gewürzen war? Das wäre doch der gleiche Effekt. Beim Versuch, Socke die Salami zukommen zu lassen, fliegt er wieder weg. Tja, Buddy, das Schiff ist da, wenn Du’s brauchst.

Wir sind mittlerweile 2/3 der Strecke von Santa Teresa di Gallura nach Menorca gesegelt. Das allgemeine Wettersystem bringt 20-30 Knoten Wind aus Südost, der in der Straße von Bonifaccio zu einem Ostwind umgelenkt wird, und noch etwas beschleunigt wird. (Die Bocce di Bonifaccio ist berüchtigt für ihre Düseneffekte, da pfeift’s gerne etwas mehr). Wir fahren nur mit Vorsegel mit bis zu 35 Knoten wahren Wind – das beschleunigt die Seestern laut Logge auch einmal auf 10 Knoten, allerdings ist unsere Logge schon immer etwas optimistisch gewesen. Aber die Rumpfgeschwindigkeit von ca. 8 Knoten erreichen wir sicher. Sardinien hat an der Stelle eine weite Bucht, wir müssen aber noch um die Isolas Asinara, deshalb ist das Internet schneller weg als erwartet. Dafür nimmt die Welle zu, bei Santa Teresa gibt es noch ein wenig Schutz von dem Maddalena Archipel, aber jetzt hat der Wind ordentlich Strecke gehabt, um die Welle aufzubauen. Es wird etwas unruhig, und dunkel. Am Anfang gibt es immerhin noch Mond – damit hat eine visuelle Orientierung beim Steuern, wie zB immer so steuern, dass die Relingstütze bei den Kanistern in der Mitte der ‚Silberstraße‘ des Mondes auf dem Meer ist. Nachdem wir die Isola Asinara erreichen, gibt es ein Windloch – immerhin so vorhergesagt. Wir werfen den Motor an. Welch‘ Ungeduld, denkt Ihr jetzt vielleicht, man kann doch auch mal etwas langsamer Segeln, und es einfach abwarten. Dachte ich früher auch. Leider ist da noch Welle. Würde man versuchen zu Segeln, hätte man natürlich alle Textilien draußen, um möglichst viel Wind einzusammeln. Es bläst ein laues Lüftlein von Backbord (links), die Segel wehen somit nach rechts aus. Dann kommt eine Welle, die die Seestern nach Steuerbord (rechts) kippen lässt. Durch die Bewegung des Kippens kommt der Wind aus Sicht der Segel nun von rechts, das Segel klappt ein (bzw. das Großsegel schwingt nach links) – bis die Kippbewegung vorbei ist oder sich umkehrt, und dann rucken alle Segel wieder nach rechts; das scheppert dann ordentlich. Nachdem’s das Schiff ein paarmal so gebeutelt hat, sieht man’s ein, rollt das Segel ein, und fährt unter Motor. Wir fahren so bis ungefähr Mitternacht. Dann löst Frank mich ab, und wir beschließen gemeinsam, jetzt wieder Segel zu setzen, da wir halben Wind erwarten, nun auch mit Großsegel. Im Dunkeln, bei ordentlichem Schaukeln bei Seegang, an den Mast vorzugehen, um das Segel zu setzen wird nie mein Lieblingspart des Segelns sein. Ja, man ist eingepickt, kann also eigentlich nicht verloren gehen, aber etwas exponiert kommt man sich schon vor. Deswegen bin ich immer dabei, nachts nur mit Vorsegel zu fahren. Danach versuche ich etwas zu schlafen, Frank steuert bis fünf Uhr morgens.

Die Wellen sind auch hier das bestimmende Element der Überfahrt – durchschnittlich zwei Meter hoch, kommt ab und zu auch ein wirklicher Berg auf einen zu. Vielleicht vier Meter hoch? Schwer zu schätzen. Ist aber auch nicht weiter tragisch, es hebt die Seestern halt ordentlich an, und irgendwann kippt’s kräftig auf die Seite. Aber die Erfahrung des letzten Males hat geholfen – wir haben erheblich besser gestaut, es würfelt nix durcheinander. Ab und zu grüßt auch eine Welle, die sich das Deck mal genauer ansehen will. Das war’s dann wieder mit trockenen Segelklamotten. So geht’s weiter, im Morgengrauen und den ganzen Tag. Wir sehen ein paar Schiffe auf AIS, ab und zu auch wirklich was Kleines am Horizont, ansonsten sind wir Mutterseelenalleine. Bis dann Socke etwas Spannung einbringt.

Tatsächlich haben wir Socke mit unserer Salami-gabe nicht verscheucht, bzw. er ist halt wirklich verzweifelt. Es ist auch offensichtlich für eine doch eher agilen Vogel auch nicht leicht auf einem schwankenden Schiff zu landen, und dann auch noch an einer Stelle wo er sich ausruhen kann. Mehrmals fliegt er an, versucht auf den Salingen zu landen, mal auf dem Vordeck, mal in den Lazybags. Wenn er die Landung überhaupt schafft, kann er sich meist nicht halten; einmal rumpelt er auch eher unsanft mit unseren Wanten zusammen. Am Ende landet er in den Lazybags des Besansegels (nicht gesetzt), und von dort haben wir ihn nicht mehr starten sehen. Hoffentlich hat er dort ein halbwegs gemütliches Plätzchen gefunden, und wacht morgen früh im Hafen von Menorca auf. Vielleicht hat Socke auch gar keine Nachtfluglizenz, und er hätte unabhängig von Erschöpfung keine Chance mehr gehabt, heim zu fliegen. Hoffentlich merken wir’s, aber wahrscheinlich (wenn er jetzt überhaupt noch da ist) macht sich der Racker im Morgengrauen still und leise auf.

Den Teil bis hierher habe ich von meinem Wachbeginn um Mitternacht mit 2:15 getippt. Menorca hat sich als Lichtverschmutzungs-Fleck am Horizont abgezeichnet, wird langsam breiter. Gerade hat mich die „Willkommen in Spanien“ SMS von Vodafone erreicht – 30 Meilen vor der Küste, das muss ein Ausrutscher sein. Aber insgesamt sind wir positiv überrascht, wie zügig das ganze ging. Wir sind in Santa Teresa Mittags losgefahren, bei einer geplanten Überfahrtsdauer von 48 Stunden. Auch bei kleinen Abweichungen sollten wir so bei Tageslicht ankommen. Aber bei dem Wind haben wir tatsächlich eher sechs Knoten im Schnitt geschafft. Aktuell sagt unser GPS noch, dass die Ankunft um sechs Uhr morgens sein wird – da ist’s noch stockdunkel, nicht gut. Aber jetzt lässt der Wind nach, die Welle hat auch nachgelassen, da lassen wir das Schiff doch noch ein wenig langsam dümpeln, bevor ich den Motor bemühe. An Backbord sehe ich nun die grüne Positionslampe der Hirondelle, die wir schon länger auf AIS sehen – offensichtlich das gleiche Ziel wie wir.

Ab jetzt ist die Berichterstattung – sozusagen – live.

03:05 Gerade in die richtige 3G Mobilfunkabdeckung von Menorca gerutscht. Auf einmal hat man einen Schwung Nachrichten zu beantworten. Soziale Kontakte auch ohne Sichtkontakt. Tut gut. Zum Veröffentlichen des Blogs aber noch nicht genug Netz.

03:18 Irgendein Licht ist auch voraus zu erkennen. Noch nicht sicher ob eine Straßenlaterne in einem Bergdorf, oder ein Leuchtfeuer, oder ein Fischerboot welches wir bald rammen werden. I’ll keep you updated. An verschiedenen Stellen des Horizonts sieht man die Lichtkeulen von Leuchttürmen über den Horizont streichen. Ich versuche mir gerade vorstellen, wie das in der Zeit vor GPS und dem ganzen Kram war. Wo man die ganze Nacht von Hand bei welligem Meer versucht hat, den richtigen Kurs zu steuern, nur anhand der Geschwindigkeit geschätzt hat, wie weit man gekommen ist/es noch ist, und dann kommt endlich die Kennung des Leuchtturms in Sicht, die den sicheren Heimathafen markiert.

03:28 Die Hirondelle hat einen Zahn zugelegt, wir sehen jetzt deren Hecklicht. Wahrscheinlich haben sie den Motor angemacht.

03:33 Ist man bei so einer Nachtwache bei wenig Wind und wenig anderen Schiffen eigentlich ausgelastet, fragt Ihr Euch vielleicht? Nein.

03:35 Die Wellen sind zwar weniger, aber immer noch da. Das führt dazu, dass man manchmal schon Lichter an der Küste von Menorca am Horizont sieht, dann aber nicht mehr, weil die Seestern wieder in einem Wellental ist. Aber mittlerweile eindeutig die ‚Lichter der Stadt‘.

03:43 Das GPS meint, dass die Küste noch immer 20 Meilen entfernt ist (37km). So wie der Wind jetzt nachgelassen hat, machen wir immer weniger Fahrt, und bräuchten sechs Stunden. Da für fünf Uhr morgens fast komplett Flaute angesagt ist, kommen wir vielleicht auch nie an. Das wäre auch Kacke. Um halb acht wird’s hell, sechs Knoten machen wir unter Motor, also in ungefähr einer Stunde den Diesel anmachen.

03:53 Der Wind hat etwas gedreht, wir können nicht mehr direkt auf Menorca zufahren ☹. Immerhin machen wir noch etwas Fahrt in Richtung Menorca, auch wenn nicht mehr direkt. Dann wird der Motor halt 10 Minuten früher angelassen.

04:57 Zwischendrin festgestellt, dass wir ja nicht Punkt acht im Hafen sein müssen, und solange etwas Segeln geht… Ich habe mir ein paar Bedingungen gestellt, bei denen es keinen Sinn mehr macht: Wahrer Wind unter 5 Knoten, Geschwindigkeit laut Logge unter 2 Knoten, oder ein klapperndes Segel. Jetzt ist es soweit, und das Netz scheint auch langsam stabil zu sein. Brumm.

edit, 08:00. Socke hat es tatsächlich in unserm Besan-lazybag ausgehalten, und ist heute morgen erst erschreckt ausgeflogen, als wir schon in der Hafeneinfahrt waren. Leb wohl, Kleiner.

edit 2, 12:00. Schwarmintelligenz, Schwager einer Freundin: Eleonorenfalke. Denke Jungtier. Erwachsene sehen dunkel aus zum Jungtier passt auch das moppelige. Er besiedelt Inseln im Mittelmeer und lauert auf Zugvögel.

Ein Gedanke zu „Socke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert