Wie ich zum iranischen Staatsbürger wurde

Anfangs war es noch halbwegs ausgewogen, doch jetzt wird’s lächerlich. Die Menschentraube für die Einreise wird einfach nicht kleiner. Ich stehe hier seid einer Stunde, bin in der Zeit vielleicht drei Meter vorwärts gekommen, und hinter mir stehen weitere zwei Meter. Bis zum Schalter sind es noch ungefähr zehn Meter. Der Schalterbeamte – genau einer für ‚foreign passports‘ – scheint weder die Begriffe Eile noch Effizienz zu kennen, oder – wenn er sie kennt – nur im Sinne von ‚keine Eile‘ zu verwenden. Die vier Schalter für ‚iranian passports‘ waren vor einer Stunde ähnlich belagert, aber gerade wird der letzte Iraner abgefertigt. Gespanntes Getuschel in unserer Traube setzt ein. Ein paar Mutige versuchen es, natürlich die von ganz hinten, die nichts zu verlieren haben. Die vier für Iraner zuständigen Beamten murren ein wenig, ein paar werden abgefertigt, andere aber zurück geschickt. Immerhin genügend kommen durch, dass auch ich beschließe, mein Glück dort zu versuchen. Ich stelle mich an einem der Schalter an, da wird’s dem Beamten zu bunt. Zwei-Gold-Kringel (so nenne ich ihn in Anlehnung an seine Schulterklappen) schickt mich und den Rest der Abtrünnigen rüde wieder in unsere Schlange zurück, aber dort kann ich meinen alten Platz nicht einnehmen. Da betritt Vier-Gold-Kringel den Raum und sieht sich das ganze skeptisch an; ich schleiche wieder in Richtung des Schalters von Zwei-Goldkringel. Es folgt eine kurze Auseinandersetzung zwischen den beiden Beamten, aber am Ende gewinnt der Kollege mit mehr Schulterschmuck. So bin ich halt mal kurz iranischer Staatsbürger, und reise ein.
Es ist halb fünf Uhr morgens, und ich bin hundemüde – der Flug ab Singapur um 21:30, nach meiner inneren Singapur-Uhr ist es acht Uhr morgens, und ich habe im Flugzeug vielleicht eine Stunde schlafen können. Am Flughafen von Doha kamen wir mit etwas Verspätung an, und der Flughafen ist alles andere als modern (eine Woche später wird er zu Gunsten eines ganz neuen und modernen geschlossen sein). Mit einem Bus gondeln wir zum ca. drei Kilometer entfernten Transfer-Terminal, nochmal Security-Kontrolle, ich haste zum Gate, und hinter mir wird ebendieses geschlossen – ob da mein Gepäck mitkommt? Beim Einsteigen ins Flugzeug sehe ich noch ein paar Frauen ohne Kopftuch, beim Aussteigen keine mehr – fair enough, ich mache mir im Flieger die langen Hosenbeine an meine Wanderhose, das erste Mal seit Hanoi im Januar dass ich lange Hosen trage. In Teheran angekommen, gehe ich gespannt zum Schalter für ‚Visa on Arrival‘ – ich habe eine Referenznummer bekommen, damit sollte es ein Klacks sein. Hinter dem Schalter diskutieren zwei Menschen mit einer Gruppe von Indern. Einer wirkt etwas ungepflegt in schmuddeliger Anzughose, der andere trägt ein graues T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Islamic Republic of Iran‘. Ich warte geduldig am Fenster, irgendwann kommt der Kollege mit der Anzughose und nimmt meinen Pass. Als ich ihm meine Referenznummer nenne, kritzelt er 50 auf einen Schmierzettel und gibt ihn mir. Als ich etwas verwirrt schaue, herrscht er mich an, und deutet auf den nächsten Schalter ‚Melli Bank of Iran‘. Dort gebe ich den Schmierzettel ab, und verstehe, dass ich auch einen 50 Euro-Schein abgeben muss. Dann wird ein DIN-A6 Blatt mit dreifachem Durchschlag ausgefüllt, ich bekomme davon zwei, und gebe sie wieder am Visaschalter ab. Dafür bekomme ich meinen Pass, nunmehr mit eingeklebtem Visa. Dann die eigentliche Einreise, und gespanntes Aufsuchen des Gepäckbandes. Noch hat keiner meiner Mitmenschen ein ‚Welcome to Iran‘ Gefühl vermittelt. Überraschenderweise ist meine Tasche angekommen, und so verlasse ich den Sicherheitsbereich. Ein junger Student hält ein Schild mit meinem Namen, spricht exzellent Englisch und heißt mich willkommen. Er hilft mir schnell etwas Geld zu wechseln (nicht zu viel, der Kurs am Flughafen ist beschissen, vermittelt mir den Kauf einer SIM-Karte für’s Telefon (neue Nummer: +٩٨٩١٠٤٥٢٠٩١٠), und wir fahren mit einem rostigen Bus zu den Außenparkplätzen des Flughafens. Mit einem Peugeot 405 aus iranischer Fabrikation fahren wir nach Teheran. Auf einer gut ausgebauten Autobahn brausen wir nach Teheran, auch hier wären Spurhalteassistenten dringend angesagt. Andererseits – so kann man auf der dreispurigen Autobahn locker zu fünft nebeneinanderfahren, das erhöht den Durchsatz. Dabei erfahre ich von meinem Fahrer einiges über Iran, er ist erstaunlich offen. Das gleiche gilt für die meisten anderen Menschen, die sich im Iran mit mir unterhalten, doch zitiert werden will eigentlich keiner, und das werde ich respektieren.
Ich habe mich zu der Reise in den Iran erst in Indonesien entschlossen, und so habe ich mich nicht besonders gewissenhaft auf die Reise vorbereitet – gut, eigentlich gar nicht. Ich nenne es: besonders aufgeschlossen. Aber vor meinem geistigen Auge sah ich ein Iran, was eigentlich seit der iranischen Revolution und der Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft mit Sanktionen belegt ist, unter denen die Zivilbevölkerung sehr leidet. Auch erinnere ich nur an Nachrichten, dass die Sanktionen weiter verschärft wurden, nie gelockert. Kurzum, ich erwartete ein Land, welches technologisch auf dem Stand von 1979 stehen geblieben wäre, ein Straßenbild ähnlich wie man es aus Kuba kennt. Die Vorstellung bekam erste Kratzer, als ich erfuhr, dass internetfähige Mobiltelefone hier funktionieren, und bröckelt weiter, als ich die verkehrsbezogenen Wechselbeschilderung (Chaos, extremes Chaos, komplettes Chaos) auf den Autobahnen sehe, die LED-Großbildschirme für Werbung, und die modernen Auslagen in den Geschäften. Ich erfahre später, dass sich die Sanktionen kaum auf Artikel des täglichen Gebrauches beziehen, der Import von Mercedes, Porsche und BMW also weiter möglich ist, aber zB über hundert Flugzeuge im Iran am Boden bleiben müssen, weil keine Ersatzteile geliefert werden dürfen. Mich persönlich betreffen die Sanktionen im wesentlichen dadurch, dass an keinem der tausenden Geldautomaten und elektronischen Zahlungsmöglichkeiten internationale Kreditkarten angenommen werden, ich habe in Singapur fast 2000 S$ aus Automaten gezogen und in der Wechselstube daneben in Euro umgetauscht.
Nach einem kurzen Nickerchen im Hotel geht das Programm los, um elf werde ich von meinem Fremdenführer abgeholt. Ich erwarte einen verknöcherten Beamten vom Staatsministerium für kulturelle Sicherheit, und bin überrascht, als mich Azita, eine junge Iranerin, begrüßt. Auch hier muss ich zugeben, dass mein Zerrbild aus antiken Quellen stammt – ich erinnere mich an ein Foto in National Geographic, welches ein iranisches Päarchen beim Schifahren nördlich von Teheran zeigt. Bildunterschrift: „[…] selbstverständlich müssen die beiden verheiratet sein, sonst greift die Sittenpolizei ein.“ So hatte ich fast befürchtet, zwei Wochen lang keine Frau ansehen zu dürfen, ohne Ärger zu bekommen, aber das scheint ein Ding der Vergangenheit zu sein, oder jedenfalls keine gängige Praxis mehr. Überhaupt das Thema mit dem Kopftuch: die Muslime in Malaysia (50% der Bevölkerung) scheinen das Thema ernster zu nehmen – jede Muslima dort trug einen Hidschab, der wirklich kein einziges Haar mehr sehen lies. In Teheran sehe ich ungefähr dir Hälfte der Frauen, die den Hidschab irgendwo auf der Mitte des Kopfes tragen, bei einigen klammert er sich verzweifelt am Ansatz eines Haarknotens oder Pferdeschwanzes fest, so wie der vierte Passagier auf einem vietnamesischen Motorrad. Die Attitüde schreit förmlich: „Hey, ich trag das Scheißding, jetzt lasst mich in Ruhe“. Offensichtlich gibt es auch jemanden, der sie nicht in Ruhe lassen würde. Mir wird ein Gespann von Polizeiautos gezeigt, eine Mercedes C-Klasse und dahinter ein kleiner Minibus mit Milchglasscheiben. Das ist die Sittenpolizei, wer sich allzu unzüchtig zeigt, wird von den Männern im Mercedes in den Bus geworfen, um dann auf der Wache ‚belehrt‘ zu werden. Ein Foto, wird mir gesagt, sollte ich besser nicht machen. Mit Azita sehe ich ein paar der wichtigsten Attraktionen in Teheran – das Nationalmuseum, der Komplex um den Golestan Palast, und den Basar. Dabei sehe ich auch die bunten Auslagen der verschiedenen Läden – mit dabei sind Klamotten, die mit ‚leichtes Sommerkleid‘ noch wohlwollend beschrieben sind. Erst zwischendrin fällt mir die Ironie auf, denn tragen kann das eigentlich keiner – außer zu Hause.
Um kurz vor sechs liefert mich Azita wieder am Hotel ab. Ich hatte einen ehemaligen Kollegen, der aus dem Iran stammt, nach ein paar Tipps gefragt. Statt einfacher Tipps bekomme ich Einladungen von seinem Vater und einem Freund. Um sechs holt mich sein Vater ab, der nebenbei – vor den Sanktionen – der OSRAM Großhändler für den Iran war. Wir fahren in ein Örtchen außerhalb von Teheran auf ein Reithof, und danach in sein Wochenendhaus. Er hat etwas Brot und marinierte Hühnchenteile gekauft, die er auf der Terasse grillt – Restaurants, meint er, würde ich in den nächsten Tagen noch genug sehen. Dabei unterhalten wir uns über meinen ehemaligen Arbeitgeber und viele gemeinsame Bekannte. Die Gastfreundschaft ist unglaublich – er bietet mir noch an, am Sonntag kurz über Nacht ans Kaspische Meer zu fahren, welches sich leider wegen eines dringenden Termins am Montag zerschlägt. Spät am Abend bringt er mich ins Hotel zurück, bislang gefällt mir Iran sehr gut.

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2 Antworten zu Wie ich zum iranischen Staatsbürger wurde

  1. Stephan sagt:

    Hat ich Dir doch im wesentlichen mal erzählt aber anscheinend hat er mir nicht zugehört und in seinen Blackberry geglotzt…

    • Christina sagt:

      Wer? Der Chris? Der hat doch NIE mit seinem Blackberry…. na egal, neuer Lebensabschnitt! 🙂

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