Die Toman-Falle, und andere Tücken des Landes

Die iranische Währung ist der Rial. Für einen Euro bekommt man auf der Straße 44.000 Rial, beim Teppichhändler 45.000 Rial (die dann aber gleich wieder weg sind, dafür hat man einen Teppich). Leider verwenden die meisten Iraner keine Rial. Also die Scheine, die schon, aber zum Rechnen leider nicht. Gemerkt habe ich das wir folgt: Ein Café in Teheran bietet frisch gepressten Orangensaft für 7.000, also umgerechnet 0,15€. Cool, denke ich mir und bestelle gleich einen zweiten als ich sehe dass er tatsächlich frisch für mich zubereitet wird. Auch das andere Verzehrte habe ich mir gemerkt, mitgerechnet, und bin total stolz als ich das abgezählte Geld sofort bereit habe. Der Inhaber schaut mich mit einer Mischung aus Entgeisterung und Beleidigung an. Er will das Zehnfache. Jetzt bin ich verwirrt. Man kommt mir zur Hilfe: Die Preise sind nicht in Rial ausgewiesen, sondern in Toman. Ein Toman sind zehn Rial. In 95% aller Fälle wird in Iran über Toman gesprochen, nur seltenst in Rial. Ah ha. Ich frage ab dann jeden Fremdenführer, aber keiner mir erklären warum das so ist. Vielleicht, weil: die Preise sehen geringer aus. Das würden sie auch, und noch mehr, wenn man drei Nullen fallen lassen würde, entgegne ich. Hm, stimmt. Egal. Es wird noch bunter. Je nach Kontext kann ein Toman auch 10.000 oder auch 10 Millionen Rial bedeuten. Mein Teppich soll später einmal 1,25 Toman kosten. Irgendwann einmal ignoriert man die ganzen Nullen, hat ein Gefühl für die Größenordnung, tippt im Taschenrechner 1,25 geteilt durch 45 ein und erkennt, das 0,0277777 in diesem Fall ca. 280€ oder 5.600 Groschen sind. Weiter kompliziert wird das Thema dadurch, dass viele Iraner nicht rechnen können, eine schlechte englische Aussprache haben, und allgemein nicht immer Englisch können. So will ein Angestellter für die Mahlzeit ‚Sixtyn‘. Ich frage nach: „Six Zero?“ Der Iraner freut sich, dass er nur bestätigen muss, und nickt begeistert. Als ich dann aber 60.000 Rial hinlege, zückt er aber doch einen Taschenrechner und tippt 160.000, welches also sixteen Toman waren. Einer meiner Fremdenführer rechnet 6.000 Toman mal flugs in 600 Rial um und sagt zu 130.000 ‚three hundred‘. Praktischerweise erklären einem viele Händler den gewünschten Preis, indem sie aus ihrem Bündelgeldscheine den gewünschten Betrag abzählen, und einem zeigen, ob man das jetzt im Kopf als Rial oder Toman betrachtet ist dann egal. Immerhin scheint es eine Planung für eine Währungsreform schon zu geben. Der 500.000 Rial ‚Cheque‘ der Nationalbank trägt auf einer Seite eine simple ’50‘.
Am Anfang meiner Reise in Istanbul habe ich mich noch über den Teppichkauf geäußert, als ob dieses für mich nie in Frage käme. Mittlerweile habe ich meine Meinung geändert – nirgendwo sollen Teppiche so beheimatet sein wie in Persien. Bei Karin und Ramsi in Berlin habe ich auch einige gesehen, die mir wirklich gut gefallen – mal sehen ob ich hier fündig werde. In den Wochen zuvor erfolgte eine intensive e-mail Beratung, und jetzt – gleichsam in der Höhle des Löwen – beginnt der Ernstfall. Ich beginne mit meiner lokalen Erkundung im Teppich-Museum von Teheran. Hier gibt es bestimmt einen guten Überblick, ich kann ein paar fotografieren, die mir gut gefallen, und sie später dem Händler zeigen. Ich werde entäuscht. Die Teppiche im Museum sind edel gearbeitet, aus hochwertigsten Materialien wie Seide und der Nackenwolle von bei Neumond geschorenen Merinoschafen, oder so ähnlich. Aber mir gefällt eigentlich keiner wirklich gut, sie haben alle traditionelle Designs, mit einem ‚Medallion‘ in der Mitte, oder einem ‚Gebetsfenster‘. Halt klassische Perserteppiche, und nicht mein Fall. Ich suche nach den weitaus primitiveren Mustern, wie sie Gabbehs und Kelims haben. Ich frage einen Museumswächter, er schaut mich verächtlich an – eine Reaktion, die mir in den nächsten Tagen noch öfters begegnet. Die meisten Iraner finden die einfachen Muster zu grob, nicht kunstfertig genug – warum will ich gerade so etwas? So mache ich ein paar Bilder als Negativ-Muster: so nicht. Mittags besuche ich das Reisebüro, bei dem ich die Reise gebucht habe, und spreche mit Maryam, meiner persönlichen Organisatorin – wir vereinbaren das Programm für die nächsten Tage, und klären noch ein paar Fragen, die per e-mail zu nervig gewesen wären. Am Nachmittag holt mich Amon, ein Freund meines Ex-Kollegen, ab und wir machen eine kleine Bustour durch Teheran, zu einem Basaar im Norden der Stadt. Dort bummeln wir ein wenig umher, Amon kauft ein paar Gurken, und wir fahren zu ihm, essen Salat und Brot. Amon hat vor der Revolution in Deutschland Automechaniker gelernt, und spricht perfekt deutsch. Abends gucken wir noch etwas ZDF, er ist sichtbar stolz darauf, mir diesen Geschmack der Heimat bieten zu können. Dabei habe ich deutsches Fernsehen gar nicht so sehr vermisst. Von seiner Wohnung hat man einen genialen Blick auf die Stadt, die sich nunmehr in ein Lichtermeer wandelt. Ich bin vom Schlafmangel des Vortages noch etwas groggy, um zehn treibt es mich ins Hotel zurück. Amon besteht darauf, mich heimzufahren – offensichtlich traut er mir die Navigation im Teheraner Verkehr zum Hotel noch nicht zu.
Aus Südostasien kommen, finde ich den Verkehr in Iran nicht außergewöhnlich. Man überquert die Straße hier ähnlich wie in Hanoi, mit dem Unterschied, dass man hier Autos und nicht Mofas als Gegner hat. Dafür schaut man seine Gegner an, winkt ihnen beschwichtigend zu, wenn man vorhat direkt vor Ihnen die Straße zu überqueren, und dann geht’s los. Die Autofahrer sind erstaunlich geduldig, tolerieren untereinander auch Drei-Punkt-Wendemanöver auf Hauptverkehrsstraßen, das Chaos funktioniert erstaunlich gut. Mit deutscher ‚Ich-hab-aber-Vorfahrt‘ Mentalitäten gäbe es am laufenden Band Tote. Als Verkehrsmittel mache ich mit meinen Führern die ganze Bandbreite mit – die Metro in Teheran (sehr modern), Sammeltaxis (das Taxi hat ein Ziel, welches durch brüllen kommuniziert wird, und wartet bis mindestens drei Fahrgäste zusammen sind), Taxis ‚dar baste‘ (nur für einen selber, man zahlt also für 2-3 unsichtbare Passagiere mit), und öffentliche Busse. Hier finde ich das System besonders faszinierend. Die Busse sind unterteilt, eine Hälfte für Frauen, die andere gemischt. Jedenfalls sieht man in der Männerhälfte auch Frauen, die dort mit Begleitung sitzen. Mein Begleiter meint, man dürfe auch als Mann in die Frauenhälfte, aber dazu würden sich die meisten zu sehr schämen – wahrscheinlich schrumpelt der Schniedel dabei zu sehr. Bezahlt wird beim Aussteigen beim Fahrer – Fahrscheine gibt es keine. Ich beobachte das Treiben, und überlege mir, wie verhindert wird, dass der Fahrer das Geld einfach einsteckt. Gar nicht, erfahre ich – die Fahrer fahren auf eigene Rechnung. Offensichtlich mieten die Fahrer den Bus jeweils für einen Monat (für 400€), und müssen dann sehen, wie sie zu ihrem Geld kommen.
Als Fremdenführer für den Sonntag sehe ich meinen Flughafen-Abholer wieder – wir sehen uns den Palast-Komplex im Norden Teherans an – hier ist es kühler als in der Stadt selber, und so haben die Herrscher der Pahlavi Dynastie hier ihre Residenzen gehabt, auch heute wird ein Teil noch von der Regierung genutzt. Anschließend besuchen wir den Darband-Platz, an den sich ein malerisches Bergtal anschließt, und essen dort. Mit der Metro fahren wir wieder in die Innenstadt – auf dem Basaar will ich mich mal umsehen, ob ich hier den Teppich meiner Träume finden würde. Der erste Händler hat zwar keinen Gabbeh, aber er hat da einen Freund. So führt er uns durch den Basaar von Teheran, treppauf, treppab, durch Hinterhöfe, bis wir schließlich in einem überdachten Hof sind, wo uns sein Freund ein paar Gabbehs zeigt. Das wird nicht einfach bei der Auswahl, die Preisvorstellung liegt bei ca. 150€ für den Quadratmeter. Gut, das soll ja sowieso nur eine erste Sondierung sein, ich mache ein paar Fotos und lass mir die Karte des Händlers geben. Er zeigt mir dann noch ein paar andere Teppiche, wesentlich edler, die ich aber eigentlich auch ganz hübsch finde – genau was ich brauchte, noch mehr Auswahl.
Mittlerweile hat sich der Ausflug ans Kaspische Meer zerschlagen, der Vater bietet mir zwar an, dass mich jemand anderes dorthin fahren könnte, aber das fände ich jetzt doch ein wenig ausbeuterisch, und lehne ab. So kann ich auch am Montag mit Amon nochmal auf den Basaar. Er kennt einen Händler, der der Ehemann einer Angestellten des Reisebüros ist, an dem er einen Anteil hat, und wir besuchen ihn, wobei wir nur seinen Partner antreffen. Auch er hat keinen Gabbeh, aber führt uns zu einem Spezialisten. Der Teppich hier ist etwas günstiger, und gefällt mir marginal besser, auch nachdem wir den Händler des Vortages noch einmal besuchen. Natürlich kann er mir den Teppich auch ins Hotel nach Shiraz, meiner letzten Station, schicken, so muss ich ihn nicht die ganze Zeit rumtragen. Nur das mit dem Feilschen, das klappt nicht so. Tatsächlich gibt sich der Händler extrem hartleibig, es bleibt bei dem ersten Preis von 1,25 Toman, zzgl. der Fracht nach Shiraz. Ich beruhige mich damit, dass das Geschäft halt durch iranische Ehrenleuten eingefädelt wurde, und die nennen sich halt von Anfang an vernünftige Preise. Ich glaube, werde selig. Immerhin habe ich jetzt meine Mission erfüllt, ein echter Perser ist meiner – so kann ich beruhigt Teheran verlassen.

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