D-Day – auf in die Normandie

Am 6. Juni 1944 war es offensichtlich nicht so einfach, vom Meer aus in Ouistreham einzulaufen. Die Zufahrt zum Hafen nicht vernünftig ausgebaggert, kein klares Fahrwasser mit Bojen markiert und aller möglicher Unrat am Strand, wie Panzersperren, Stacheldrahtsperren und Tellerminen. Natürlich haben wir davon gehört, deshalb haben wir beschlossen, uns einschleusen zu lassen. Na ja, weniger wegen der Probleme oben, sondern eher weil der Port de Plaisance de Ouistreham in einem Becken an dem Kanal nach Caen liegt, und das Wasserniveau dort über dem des Meeresspiegels liegt. (Mehr über das Segel in einem Gezeitenrevier – neu für uns – in einem parallel entstehenden Beitrag.) Wir sind erst um 22:00 hier angekommen, die Dunkelheit macht es etwas spannender. Aber am Ende liegen wir im Päckchen neben der Lydia aus Deutschland. Deren Besatzung hat mir gleich das Kraut ausgeschüttet – beide offensichtlich noch wach, aber zeigen sich mit keiner Regung, kein Hallo. Ich finde, das gehört sich nicht. Der Wetterbericht für die nächsten Tage sagt etwas zu viel Wind, und sicherlich zu viele Wellen an. Wir bleiben sicher zwei Nächte hier, am Ende werden es vier.

Ouistreham – den Namen habe ich schonmal gehört. Es ist einer der Handlungsstränge in „Der Längste Tag“, ein bekannter Film von 1964. In Ouistreham landete am Sword Beach unter anderem das No. 4 Commando aus französischen Freiwilligen unter Korvettenkapitän Phillipe Kieffer, im Hinterland gibt es die Pegasus Bridge. Überhaupt verbinde ich mit der Normandie eigentlich zwei Dinge: D-Day und Camembert. Camembert habe ich schon öfters gegessen, aber D-Day kenne ich nur aus Filmen und Dokumentarfilmen. Und – guess what? – in Ouistreham gibt es das D-Day Museum. Den ersten Tag hier lassen wir ruhig angehen, ich spaziere ein wenig durch die Stadt, und besuche das D-Day Museum im ‚Grand Bunker‘. Auf dem Hof stehen rostige Reste von Panzern, ein Landungsboot welches bei ‚Saving Private Ryan‘ genutzt wurde, und im Inneren auch die übliche Paraphernalien. Der Grand Bunker war gut getarnt, den Alliierten nicht bekannt, und wurde deshalb auch länger übersehen (reife Leistung, bei dem 18m hohen Betonklotz). Es war allerdings auch ein Kommando-Bunker, und als es keine Einheiten zu kommandieren mehr gab war er eher witzlos. Ein paar Tage nach der Invasion wurde er gefunden, die Tür gesprengt, und der Inhalt ergab sich. Danach entdecke ich noch das Musée Commando No. 4, und besichtige es auch. In den nächsten Tagen werde ich feststellen, dass es in jedem kleinen Dorf in der Normandie ein D-Day Museum gibt. Meistens gibt es einen durchaus interessanten 12-26 Minuten langen Film auf Französisch mit englischen Untertiteln, der die historische Relevanz dieses Ortes einordnet (jaa, fände sich wahrscheinlich auf ZDF History, aber der Perspektivwechsel hier ist auch interessant), spezifische Schautafeln, und dann diverse Ausstellungsstücke: Schaufensterpuppen in authentischen oder nachgebildeten Uniformen, Waffen aller Art von Maschinengewehren über Pistolen bis hin zu Dolchen, einer oder mehrere nach 30 Jahren aus dem Meer geborgenen Flugzeugmotoren mit stummeligen Propellerresten, deutsche Funkgeräte, die gesamten Medaillen und Erinnerungen von Jacques M., Infanteriesoldat aus der Nähe von Carentan (überlassen von seiner Tochter Marie {die endlich den Keller aufräumen wollte}), zeitgenössischen Margarinedosen und eine Klobrille des Dampfers Mona, der im Krieg vor der Küste versenkt wurde. Nun ja, aber der Beton des Bunkers wirkt authentisch, und sicherlich wurde auch beim neu streichen bei der Renovierung die Frakturbeschriftungen ‚Fernschreibstube‘ halbwegs original neu angebracht – und alles ist an authentischen Orten; Meter von hier sind wirklich Hunderte, in der Normandie insgesamt Abertausende von Menschen im Namen des jeweiligen Vaterlandes gestorben.

Nach einer Konsultation der Wind- und Wettervorhersage der nächsten Tage beschließen wir, einen Mietwagen auszuleihen. Busfahrt nach Caen, Peugeot 108, Fahrt nach Osten. Die Orte dort waren nicht so sehr vom Krieg betroffen, es sind mondäne Seebäder mit klingenden Namen wie Villers-sur-Mer, Deauville, Trouville-sur-Mer, Honfleur. Ab und zu gibt es ein außerordentlich schönes Fachwerkhaus, oder eine Kirche, aber das Gesamt-Ensemble zählt und ist schwer zu fotografieren. Also ein Galette (herzhaftes Crepe aus Buchweizenmehl, mit zB Schinken und Käse), ein Kaffee, und dann noch eine weitere Spezialität: Calvados. Calvados ist der Name des Departements, in dem sich diese Orte befinden, und ein Apfelschnapps. Nahe Pont-l’Évêque (welches nicht nur ein Käse, sondern auch ein Ort ist) finden wir mehrere ‚Calvados Experiencés‘. Wir wählen die etwas weniger professionell aufgemachte; keine Multimediashow, sondern nur ein nett erhaltener Hof, durch den ein Mitarbeiter führt, der möglicherweise auch einfach der Chef ist. Als wir ihn bitten, etwas langsamer französisch zu reden, wird die Führung zweisprachig. Wie immer – damit ihr seht, dass ich aufgepasst habe – gebe ich das erlangte Wissen hier kurz weiter: Apfelsaft (manchmal auch mit anderen Früchten) wird vergoren und damit ein alkoholisches Getränk. (Wer jetzt innerlich ‚Most‘ sagt, den verweise ich auf Wikipedia – diese Büchse der regionalsprachlichen Pandora mache ich in meinem Blog nicht auf). Das Ganze nennt sich in Frankreich dann Cidre. Sehr lecker übrigens, da muss ich mein Lieblingscidre, der auch in München erhältlich ist, noch suchen. Diesen Ebbelwoi kann man dann destillieren, und nach dem zweiten Mal ist es Calvados (sicherlich nur, wenn die Destille an der richtigen Stelle gestanden hat, nämlich hier in Calvados). Es gibt dann noch eine Abwandlung, ‚Pommeau‘ genannt, das ist dann das Portweinverfahren auf Äpfel angewendet. Natürlich kann man den Calvados dann noch reifen lassen, für die besondere Note in Whisky-oder-sonstwas-fässern. Umgekehrt kann man auch Sonstwas in Calvadosfässern gereift kaufen – ein netter Kreislauf. Auf dem Hof werden wir durch drei Wirtschaftsgebäude geführt. Pressen, Vergären, Destillieren, Reifen. Am Ende kommt die Verkostung. Jeder bekommt ein Glas, und der Vielleichtchef schenkt aus. Cidre, Pommeau, Calvados in vier Alterskategorien, und zwar wirklich: so oft man will. Kacke, und ich fahre Auto. Nun ja, meine Erfahrung mit Calvados ist beschränkt, bin nicht sicher, ob das wirklich der Beste ist, aber am Ende kaufen wir fleißig ein. Am Abend sind wir noch auf dem ersten Hafenfest des Port de Plaisance de Ouistrham eingeladen – Freiwein und Nüsse, und angestrengte Unterhaltung mit meinem mittelmäßigen Französisch. Haupterkenntnis: der Franzose behauptet, dass man die besten Fische dort fängt, wo alte Wracks den Fischen einen Unterschlupf bieten.

Am nächsten Tag mache ich mich alleine auf den Weg, das D-Day Erlebnis noch etwas zu vertiefen. Frank hat vor Jahrzehnten das ganze schonmal gesehen, und verzichtet dankend. Arromanches-sur-Bain: da habe die Alliierten einen künstlichen Hafen am Strand aus dem Boden gestampft, wenige Teile sind noch sichtbar. An deren Museum scheitere ich allerdings an der nun scharf-geschalteten französischen Verordnung gegen Covid – Zutritt nur mit Impf- oder Testnachweis. Auch der Wandteppich von Bayeux ist nur noch so zu sehen. Dann ein erhaltener Teil von Hitlers Atlantik-Wall; Geschütze und Leit-Bunker in viel Beton. Am Ende noch der amerikanische Friedhof in Colleville-sur-Mer, und als Ausgleich noch der deutsche Soldatenfriedhof von La Cambe. Abertausende von Kreuzen oder Steinen, und unter jedem ein frühzeitig beendetes Leben – schon beeindruckend/bedrückend. Abends bringe ich das Auto in Caen zurück. Etwas ärgerlich: es ist genau beschrieben, wie man den Schlüssel in den Briefkasten der Vermietung wirft, aber nicht, wo man das Auto in der Nähe des Bahnhofs abstellen soll. Am nächsten Tag versichere ich mich, dass sie es dennoch gefunden haben, und bekomme für mein Feedback (Gemecker) einen Gutschein für ein kostenloses Upgrade bei der nächsten Anmietung.

Am nächsten Morgen machen wir uns weiter auf den Weg nach Dieppe; Ausschleusung aus dem Hafen mit zehn anderen Booten, und danach wenig Wind und Strömung in die falsche Richtung. Irgendwann stellen wir fest, dass wir in Dieppe mitten in der Nacht ankommen würden, und beschließen, dass wir dann auch gleich weiter bis nach Boulogne-sur-Mer fahren können. Im aufkommenden Morgengrauen legen wir an – erstmal schlafen.

[Fotos werden nachgeliefert, und die Klobrille habe ich tatsächlich erst später, in Dunkuerque im Museum, gesehen]

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