Unserer ursprünglichen Planung zufolge hätten wir das Auto in Fes abgegeben, nach unserer etwas spontanen Planung wird es nun Casablanca. Unser Hotel ist diesmal kein historischer Riad, sondern ein modernes Zweckhotel an einem Einkaufscenter, gewählt da in schneller Laufentfernung vom Bahnhof, leider kostet Parken pro Stunde. Google Maps weist in der Stadt noch einen Europcar Standort aus, dort könnten wir’s noch am Abend loswerden, morgen bis 10:00 brauchen wir es eh nicht mehr. Es ist kurz vor 18:00, Europcar ist bis 19:00 auf. Also los. Mir macht fahren in Casablanca Spaß, mit einer ordentlichen Portion Nervenkitzel. Viel Hupen, kleine Abstände, wilde Spurwechsel und ein eher entspanntes Verhältnis zu Vorfahrtsregeln, Ampeln und Fußgängerüberwegen. Häufig hilft die normative Kraft des Faktischen. Wenn man im Roundabout zu weit vorfährt, wird man zwar heftig angehupt (ich hupe fröhlich zurück), aber man ist halt schon mal da. Noch härter als die Autos sind die Motorräder und -roller. Die scheinen gar nicht an ihrem Leben zu hängen. Wir müssen noch tanken, und dann auf zur Station Casablanca centre ville. Natürlich gibt es dort keinen Parkplatz, Frank springt kurz raus, aber der Standort ist verlassen. Es ist 18:40. Grrrrr. Auch kein Parkplatz mit After-hour-key-drop. Es soll noch einen anderen Standort geben, 10 Minuten entfernt. Ohne Optimismus starten wir, und der andere Standort existiert gar nicht. Dann also Plan B. Nahe des Hotels ist das Europcar Depot. Wir stellen das Auto davor ab, ich werde es am nächsten Morgen dann abgeben, mit dem ganzen Vertraggedöns*.
Dann mit dem Taxi zu Rick’s Cafe, wir steigen in die Verhandlung mit 1 € pro Kilometer ein, wie wir es in Marrakesch geschafft haben. OK, das funktioniert, für 5 € fährt uns ein alter Mann; wie in Marrakesch gebe ich Anweisungen nach meinem Google Maps, da er „Rick’s Cafe“ nicht kennt, und auch nicht auf dem Telefon erkennt. Er ist sehr dankbar für das Geld; die Rückfahrt kostet uns um Mitternacht ca. 2,50 €. Am nächsten Tag fahre ich wieder in die Richtung, als ich versuche den Preis vorher zu erörtern lacht mich der Fahrer aus, sagt „one million dollars“, und winkt mir, ich möge doch einfach einsteigen. Es läuft tatsächlich ein Taxameter, ich werde die Strecke für 1,60€ schaffen.
Ich sehe auch noch die Steigerung zu den Mofas: ich überquere die Straße fix hinter einem schnellen Volvo SUV mit einer eleganten Frau am Steuer, der sich aber komisch anhört. Als ich ihm hinterherblicke, erkenne ich den Grund: ein Jugendlicher mit Rollerblades hängt an der rechten C-Säule und fährt als blinder Passagier mit. Ich schätze ca. 60 km/h, und unpraktische Gullys am Straßenrand.
Für die letzte Rückfahrt zum Hotel bekomme ich ein Sammeltaxi (auch das ungewohnt: teilbesetze Taxis halten an, man brüllt sein Ziel hinein, und der Fahrer überlegt, ob es da Synergieeffekte gibt. Häufig winken sie ab). Im Fond sitzen zwei dunkelhäutige Afrikanerinnen. Offensichtlich kann das Taxameter auch mehrere Fahrten gleichzeitig abrechnen. Er wirft die Frauen nach ein paar Minuten raus, die müssen lt. Taxameter 3,30€ zahlen, und dann springt es wieder auf meinen laufenden Preis. Der Taxifahrer war der wildeste bisher, schlängelt sich durch den Verkehr, wilde Interpretationen von Fahren im Kreisverkehr, Dauerhupe, fährt bei roter Ampel mit grünem Pfeil nach rechts auf der rechten Spur an allen vorbei, zieht dann fünf Meter vor die wartenden Autos und wartet dort, bis es grün für geradeaus wird. Nur einmal verwirrt er mich. An einer leeren Kreuzung hält er an einer roten Ampel an. Gut, 10m hinter der Haltelinie, man sieht die Ampel nicht mehr, aber dort wartet er geduldig. Ich entdecke keinen Polizisten. Why? Als es dann offensichtlich grün wird fährt er kurz an, aber es kommt eine Frau mit Kinderwagen und will die Straße überqueren. Da bleibt er trotzt grün wieder stehen, lässt sie vorbei, und staucht noch einen anderen Fahrer zusammen, der ihn überholen will. Während der ganzen Fahrt läuft auf seinem Handy, vor’s Armaturenbrett gelegt, das Achtelfinale zwischen Algerien und der DR Kongo. Aber ich komme lebendig an, und zahle 1,20€ – Achterbahn ist langweiliger und teurer. Ich hätte ein Video machen sollen.
Zwischenzeitlich hatte ich einen Fahrer, mit dem ich mich ganz gut unterhalten konnte. Als er einem todesmutigen Fußgänger in letzter Sekunde bedeute ich ihm, dass ich hier alle für verrückt halte. Er meint „C’est le piq Covid“, also ist die Impfung an allem Schuld.
Was mich nun interessiert:
- Was würde eine Smart-Watch zu dem Stress-level, Blutdruck und Herzfrequenz der Taxifahrer sagen?
- Wie zur Hölle lernt man in so einer Stadt Autofahren? Wenn Anfahren, Kuppeln, Gangschaltung und ein Gefühl für’s Auto sich noch nicht gebildet haben?




*war übrigens ganz sinnvoll, bei der Abgabe dabei zu sein. Die Europcar Mitarbeiter wissen erst nicht richtig, was sie mit mir und dem Auto anfangen sollen. Der Kollege telefoniert mit Marrakesch, hält mir den Mietvertrag unter die Nase: ‚Abgabe in Fes‘. Ich halte ihm den Chat mit Europcar unter die Nase: „Yes, it’s possible [to return the car at this depot]“. Am Ende scheitert es noch fast am Stift. Er kommt nur so weit, auf meinen Vertrag „Vehicule retou…“ zu schreiben, dann gibt der Stift auf. Er flucht, geht in ein anderes Büro, und kommt mit meinem Vertrag wieder „Vehicule retourné sans dégáts“ und einem Stempel. Ich bin guter Hoffnung, dass ‚dégáts‘ Schäden bedeutet, und nicht zB ‚Reifen‘ oder ‚Türen‘.