Darstellungsprobleme? Ihr müsstet dort oben „ansuf fellawen g lmerruk“ lesen können, im Tifinagh Alphabet*. Immer noch verwirrt? Weiter unten wird es sich aufklären.
Mein erster Ansatz für diesen Beitrag war eine Schimpftirade auf Ryanair. Aber nun, vier Tage später, hat sich mein Rücken von den Folterstühlen erholt, und ich bleibe bei einem einfachen ‚Ich wäre lieber mit jeder anderen Airline geflogen‘. Wir kommen mit einer Stunde Verspätung im regennassen Marrakesch an, die Mädels aus Malaga wegen eines Gewitters mit vier Stunden Verspätung, und somit ca. drei Stunden nach uns. Aber der Taxi-Transfer klappt einwandfrei, der Taxifahrer verspricht auch um 04:30 die Mädels abzuholen. Es ist nicht viel los auf der Straße, das letzte Mal, dass wir die Stadt so sehen. Am Ende stehen wir in einer Sackgasse in der Medina vor einer komplett unbezeichneten Tür. Frank sucht hektisch in Google, ob wir hier wirklich richtig sind, aber der Taxifahrer ist sich sicher, klingelt am Ende Sturm. Nach fünf Minuten kommt ein altes Mütterchen und öffnet die Tür. Sie hat uns erwartet, führt uns in das vorbereitete Zimmer im ersten Stock. Formalitäten am nächsten Morgen. Um 5:45 bestätigt Diana, dass wir uns um zehn zum Frühstück treffen; offensichtlich sind sie auch gut angekommen.




Den 28.12. beginnen wir etwas planlos. Vielleicht erst einmal etwas ziellos durch die Stadt laufen, ein Gefühl für die Gegend bekommen. Nach fünf Minuten sind wir im Souk. Wuselig, Touristen und Händler, ein rechtes Gedränge Ich dachte, es ist Nebensaison…. Ab und zu fährt ein Motorrad durch die engen Gassen, ein Packesel oder als besonderer Spaß ein motorisiertes Lasten-Dreirad. Ich glaube, ich will die Hochsaison gar nicht erleben. Irgendwann packt uns der Hunger, wir gehen ins Dar el Walidine und probieren unsere erste Tajine. Danach schnell ein paar zusätzliche Kleidungsstücke aus dem Hotel holen, und dann wieder durch den ganzen Souk zur Djeema el-fna, ein großer offener Platz mit ein paar Gauklern und Schlangenbeschwörern. Eigentlich über mehrere Stände verteilt ein ganzer Zoo. Ein Pfau, Meerschweinchen, ein paar Igel, eine zahme Taube, Berberäffchen und alle möglichen Schlangen. Auch Hunde und Katzen, aber für Fotos von denen will niemand Geld. Wir schaffen es über den Platz, ohne dass uns jemand eine Kobra um den Hals legt, und dann Geld verlangt, sie wieder wegzunehmen. An der Südwestseite des Platzes ist die Koutubia Moschee. Als Ungläubiger darf man sie leider nicht betreten. Da waren sogar die Iraner liberaler.






















Zwischenzeitlich regnet es immer mal wieder. O-ton: „Es ist schon Jahre her, dass es über so lange Zeit so viel geregnet hat.“ Statt durch den Souk gehen wir an der belebten Straße Fatima Zahra zurück zum Hotel. Ein kurzer Power-nap, und dann um die Ecke zum Restaurant Simple, auf der Dachterrasse. Nach einer Stunde Abendessen sind wir restlos durchgefroren. Komisch eigentlich – Auch wenn man vorher den Wetterbericht gesehen hat, dass uns Temperaturen von 3°-15° erwarten ist man doch emotional überrascht, dass es so weit südlich von München doch noch so kalt wird. Unsere Wirtin macht uns noch einen heißen Tee. Die Kommunikation mit ihr ist nicht ganz einfach, nur mäßiges Französisch, kein Englisch, und wenn man Google Translate bemüht, muss man die Sprachausgabe nutzen. Wahrscheinlich sind ihre Augen nimmer so gut…
Bei der Planung am Abend stellen wir fest, dass man für eine der größten Attraktionen, den Jardin Majorelle mit mYSLm (Musée Yves Saint Laurent Marrakech) Tage im Vorraus online Karten bestellen hätten müssen, und verlegen uns auf ‚Le Jardin secret‘, dessen Geheimnis von einer Website herausposaunt wird. Wir sind kurz nach Eröffnung da, so sind wir anfangs nicht mit Massen unterwegs. Auch der Weg dorthin durch den erst langsam erwachenden Souk war nicht besonders stressig. So ist die Ruhe im Garten eine (noch nicht) dringend benötigte Erholung. Frank und ich zahlen nochmal extra für einen Turm. Besonderer Wert wird darauf gelegt, nicht zu den Nachbarn zu gucken. Immerhin lernen wir, dass man „sich erst seine Nachbarn aussuchen sollte, und dann sein Haus“, was wohl arabisch für „Lage, Lage, Lage“ ist.















Als wir den Garten verlassen, ist es vorbei mit der Ruhe im Souk. Wir quälen uns bis zum Bahia Palast durch. Der ist restlos überlaufen von Touristen. Das einzige Gute ist, dass die Decken das schönste am Palast sind, und da können sich die anderen Touristen nicht davor stellen. Vielleicht sollte man sich zum Photo-bombing mehrere bunte Luftballons mitnehmen, und die immer gen Decke steigen lassen. Als wir es endlich aus dem Palast schaffen wäre ein ruhiger Garten ’ne tolle Sache. Ein schnelles Schawarma, und dann hat Frank die Idee, in den neueren Teil von Marrakesch zu fahren, mit einem Taxi. Wir versuchen einige Verhandlungsstrategien, und kommen nach vielen Angeboten von 10-20€ die Fahrt immerhin für 6€ (Ein Euro sind fast genau 10 marrokanische Dirham, und werden zu dem Umrechnungskurs auch gerne genommen).















Die Idee war Gold wert, denn nach 15 Minuten chaotischer Fahrt (ich beginne zu zweifeln, ob das mit dem Mietauto ’ne gute Idee war) sind wir in einer anderen Welt. Moderne fünf-stöckige Gebäude, Glasfassaden, schicke Cafés. In unserem ausgewählten Café hören wir nur noch Französisch, an allen Tischen. Am Ende frage ich den Tisch mit vier älteren Damen neben uns – es sind zwei wirkliche Französinnen, und zwei Marokkanerinnen. Wir vertiefen das – warum sprechen denn alle hier Französisch? Die Dame holt weit aus, Marokko war ja mal ein französisches Protektorat… jaja, schon klar, aber in der Medina wird doch Arabisch… An ihrer Reaktion erkenne ich, dass für sie nur der ungebildete Pöbel arabisch spricht, die ‚haut-culture‘ eben nicht. Wir sind um die Ecke von einem größeren Carrefour, und wollen mal sehen, was die so haben. Ganz einfach: alles. Es hat eine große Abteilung mit Alkohol, ca. 30-50% teurer als in Deutschland. Es gibt auch eine große offene Gewürztheke, aber alles ist nur noch in Französisch ausgezeichnet. Der gemeine Araber kauft hier wohl nicht ein. Da es nur um die Ecke ist, vergewissere ich mich bei Europcar, dass mit der Reservierung alles geklappt hat (das mit den emails klappt bei Rentalcars.com manchmal nicht), und dann organisieren wir uns ein Taxi zum Hotel. Das Verhandeln geht diesmal leichter, aber ich muss dem Fahrer auf meinem Handy zeigen, dass es ca. 16 Minuten sind, und ca. 4 km. Als ich dann vorne sitze, braucht er weiter Google Maps. Ihm das Handy hinzuhalten reicht allerdings nicht. Er wird nicht so ganz schlau aus dem Display, und ich bedeute ihm für den Rest der Fahrt mit meinem Bröckerl-Französisch „la-bas á la gauche“, „ici tout droîte“. Gemeinsam finden wir zum Hotel. Am Abend kocht unsere Hotelwirtin für uns – Lammtahine. Dazu dürfen wir den bei Carrefour erstandenen Wein trinken, und nebenbei besiegt Marokko Zambia im CAF Afrika Championship.






Am 30. Dezember haben wir wieder das teure Mercedes-Vito Taxi bestellt, welches uns schon vom Flughafen abgeholt hat. Die 7€ Fahrt von gestern kostet heute 20€. Wir bekommen eine KIA Seltos, ein SUV, aber noch immer mit Zwei-Rad-Antrieb. Mir bleiben nur 15 Minuten, marokkanisches Stadtfahren zu üben (man darf ständig hupen), und dann dünnt sicher der Verkehr deutlich aus. Es werden breite Landstraßen, Route Nationale 9. Wir fahren nach Süden, auf das Diercke Gebirge, ähh, den hohen Atlas zu. Es geht über den Tizi Tichka (Tizi ist ‚Pass‘), Schnee neben der Straße, aber auch die Niederschläge der letzten Tage haben nicht zu Chaos geführt.






Dann sind wir in Ouarzazate, und fahren unserem Tagesziel in einem Tal zwischen dem Hohen Atlas und einer unbenannten Gebirgskette etwas weiter südlich entgegen. Hier fährt es sich ruhig und entspannt, die Landschaft ist weit und beeindruckend. Wir nehmen uns etwas Zeit für eine Sehenswürdigkeit, die Kasbah Amridil. Es reicht uns ein Blick von außen, und dann noch im Nebengebäude ein Tee. Immerhin sieht man von da aus gut die Struktur der Kasbah (kein Kasbah-le Theater, es bedeutet Burg oder befestigtes Haus). Das Baumaterial ist offensichtlich wirklich Lehm mit etwas Stroh darin. Wahrscheinlich könnte man so eine Festung mit einer Wasserpistole und sehr viel Geduld schleifen.








In aufkommender Dunkelheit fahren wir ins Dadestal, bis wir irgendwann die ‚Moschee mit einem Fernseher daneben‘ finden, wo uns unser Wirt für die Nacht abholt. Mimoun hat uns auch ein leckeres Essen gekocht, nicht nur die obligatorische Tahine, sondern auch Krautwickerl gefüllt mit Reis und Erbsen. Er spricht Englisch, Französisch und Spanisch. Adriana und Diana freuen sich. Als ich mich aber am Ende mit Shukran (شكرًا) bedanke, korrigiert er sanft. „Tanemmirt“ wäre das in der Sprache der Berber, er sei doch kein Araber. Und hier löst sich auch das Rätsel des Titels auf: „Willkommen in Marokko“, in Tamaschek, der Sprache der Berber, in dem erst vor kurzem revitalisierten Alphabet Tamazight (Witzig: unser Wirt spricht Tamaschek, aber kann das Alphabet nicht lesen und schreiben. Als er auf der Schule war, wurde die Kultur der Berber unterdrückt, mittlerweile wird es für alle als zweite Sprache gelehrt. ( ⵜⴰⵏⴻⵎⵎⵉⵔⵜ= tanemmirt)












Hier in den Bergen ist es wirklich lausekalt. Unser Unterkunft hat nur drei Zimmer, alle belegt, doch der Speiseraum sieht eher so aus, als könne man hier auch Hochzeiten feiern. In der Ecke kämpt ein kleines Feuer im Kamin tapfer gegen die Kälte, aber es hilft nicht. Trotz drei Lagen Klamotten treibt es mich um 22:00 unter drei Decken ins Bett.
*Ich hatte vor dem 28. Dezember noch nie davon gehört, dass es so ein Alphabet gibt. Es ist witzig darüber nachzulesen. Heute wird das Neo-Tifinagh Alphabet genutzt und gelehrt – es basiert auf der traditionellen Berber-Schrift, die aber zB in Ihrer Schreibrichtung nicht festgelegt war. Von rechts nach links, links nach rechts, unten nach oben, oder vielleicht im Kreis? Deswegen wurde auch nie längere Literatur darin verfasst. Und wir scheißen rum mit ‚Satzzeichen retten Leben‘ bei „Komm, wir essen Opa“. https://de.wikipedia.org/wiki/Tifinagh-Schrift .