Wir lagen vor Madagaskar Siracusa


Wir lagen vor Madagaskar Siracusa und hatten die Pest den Corona-Verdacht an Bord. Die Bürokratie, besonders wegen Covid-19, wird die Reise noch spannend machen. Eigentlich verlangt Italien bei der Einreise aus Griechenland einen negativen Test, der weniger als 72 Stunden alt ist. Doof für uns, denn wir sind halt ungefähr 72 Stunden unterwegs. Frank hat aber in Erfahrung bringen können, dass die Besatzung von Schiffen von gewissen Regeln ausgenommen sein kann, die Italien erlassen hat. So sind die ja öfters länger unterwegs. Alternativ kann der Schiffsarzt auch regelmäßig bei der Besatzung Fieber messen, dieses ordentlich dokumentieren, und das gilt dann auch. Gesagt, getan, wir messen täglich Fieber und tragen unsere Werte in Dokumente ein. Luisa taugt von uns allen am besten als kaltblütige Mörderin (jedenfalls von der Körpertemperatur). Die Unterlagen schicken wir dann an die Sanitätsbehörde irgendwo in Sizilien, und die erlaubt, dass wir an Land gehen. Easy.
Dennoch liegen wir 36 Stunden in dem großen Naturhafen von Syracuse vor Anker und warten auf die Freigabe. Unser Schicksal teilen wir mit sechs anderen Schiffen: Fünf Segelschiffen und der 270 Meter langen Norwegian Spirit, einem bunt beleuchteten Kreuzfahrtschiff was seit fünf Tagen hier vor Anker liegt. Nachts sieht man die Besatzung auf einer riesigen Leinwand Fußball gucken. Wahrscheinlich ist deren Covid-Problem halt ein anderes, nämlich Arbeitslosigkeit. Auf Marine Traffic kann man sehen, dass sie vorher in Augusta war, dem größten Erdölhafen in Italien. Wenigstens billig tanken. An der Pier liegt ihr Schwesterschiff, die Norwegian Dawn, und auch die scheint nicht besonders beschäftigt. Seitdem wir in Funkreichweite der Küste sind unterhalten wir uns mit dem „Siracusa Harbour Control“. Erst will er uns gar nicht im Hafen haben. Warum, das geht im Rauschen unter. Eine Stunde später versuchen wir’s nochmal, mit neuer Strategie: wir wurden schließlich angewiesen, in den Hafen zu kommen, und uns dort zu melden. Emails müssten auch vorliegen. Man spürt es, auf der anderen Seite der Funkverbindung rascheln die Papiere. Na gut, kommt in den Hafen, und ankert in Zone „B (Bravo)“ – die ist in unseren Unterlagen aber nicht eingezeichnet. Er erklärt eher unseemännisch „links neben der Norwegian Spirit, bei den anderen Seglern“. Wir prüfen die AIS Signale im Hafen – ja da ist eine „Norwegian Spirit“, Passagierschiff mit 270 Metern. Gut, wenn man’s weiß, kann man das Trumm nicht übersehen, aber von weiten hätte es auch ein Hotelkomplex sein können. Also werfen wir unseren Anker zwischen die anderen Boote, und machen erstmal einen Wein auf. Sonntag früh hoffen wir auf Nachricht. Von alleine kommt am Morgen keine Nachricht. Am Nachmittag probieren wir’s wieder mit Mobiltelefonen, bekommen einen neuen Dottore in Sanitätsbehörde genannt, der nur italienisch kann. Mit Whatsapp und Google Translate erklären wir unser Problem. Er wird sich sofort kümmern. Nach zwei Stunden versuchen wir ihn nochmal anzurufen, erreichen aber niemanden. Immerhin kommt schnell eine Nachricht „Ihre Akte wird bearbeitet“, kurz darauf eine zweite, in dem man sich für die Verzögerung entschuldigt. Es wird Abend, es kommt kein erlösendes e-mail. Gut, hoffen wir mal auf Montagmorgen. Überraschenderweise ist das Wetter angenehm kühl, tatsächlich gewittert es den ganzen Sonntag.
Am Montagmorgen – die Nummer der deutschen Botschaft ist schon rausgesucht – rufen wir nochmal beim Harbour-Master an. Ja, kein Problem, fahrt in die Marina, und meldet Euch da. Es ist zwar noch nicht klar, ob alles OK ist, aber immerhin schonmal an Land wäre ja ein Fortschritt. Also ab in die Marina, in die hinterste Parklücke eingewiesen und nicht gaaaaanz souverän eingeparkt, aber wir sind da. Frank nimmt alle Papiere und meldet sich bei der Rezeption. Die versteht wenig Englisch, und unser Problem sowieso nicht. Wir reden nochmal mit dem Hafenmeister, lassen uns bestätigen, dass wir uns nun frei bewegen können, drei Zeugen, OK, jetzt reichts. Vielleicht hätte es noch ein Dokument gegeben, aber wir geben auf und gehen in die Stadt, die erste Pizza und Vino auf italienischem Boden.
Insgesamt waren wir nun ungefähr 60 Stunden von Kalamata unterwegs, auf unserem Dampfer. Am Samstagmorgen haben wir die Flaute genutzt, und 70 Seemeilen von Land entfernt Pause gemacht. Badespaß und gute Laune. Irgendwie ein komisches Gefühl, wirklich mutterseelenalleine im Meer ins Wasser zu springen. Wie tief ist es dort? 1000 Meter? Ich verzichte darauf, auf den Boden des Schwimmbeckens zu tauchen. Das Wasser ist warm und unglaublich klar. Mal sehen ob man die Situation auf Fotos irgenwie erahnen kann.
Am Nachmittag konnten wir ungefähr zwei Stunden Segeln. Zwar nur halb so schnell wie unter Motor, aber immerhin kann Luisa nur bestätigen, dass wir ein Segelboot haben, und nicht nur ein Motorboot mit Masten. Etwas später am Nachmittag wurde es dann auch nochmal etwas spannender. Bei bestem Wetter fahren wir auf eine Wolkenwand zu. Wir sehen eine Windhose, die aus den Wolken nach unten geht. Sie verschwindet, eine weitere bildet sich, es blitzt ein wenig, es donnert. Langsam realisieren wir, dass das nicht etwas über dem sizilianischen Festland ist, was uns nichts angeht. Wir schalten unser Radar ein, wir fahren auf zwei Gewitterzellen zu, ca. 3 Seemeilen entfernt. Blitz. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… Wie war das mit den Sekunden? 300 Meter in der Sekunde, also ist das Gewitter jetzt noch zweieinhalb Kilometer weg. Noch stehen wir im Cockpit, halten uns an den Wanten und Stagen fest. Die zu zählenden Sekunden werden weniger, wir gehen von den Metallteilen weg, und setzen uns unter unsere Sprayhood. Einmal kommen wir nicht einmal bis dreiundzwanzig. Der Donner kommt dann nicht nur schnell, er ist auch ziemlich laut. Vielleicht das nächste Mal so eine Gewitterzelle etwas aktiver umfahren, gerade weil man sie auf dem Radar vortrefflich sehen kann. Das nennt sich wohl Erfahrung.
Jetzt wollen wir mal sehen, ob’s in Syracuse ein vernünftigen Cocktail gibt. Morgen kommt eine Freundin von Luisa, die beiden machen dann auf eigene Faust Sizilien unsicher, und wir sehen mal, wie viel Nerv uns Corona noch kosten wird.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Wir lagen vor Madagaskar Siracusa

  1. Henning Voss sagt:

    Hi Chris,

    hört sich ja spannend an, vielleicht genießt Ihr einfach etwas Sizilien?
    Liebe Grüße
    Henning

  2. Andrea Ehrhardt sagt:

    In Syracusa war ich auch schon, ich fand’s echt hübsch. Obwohl ich da einen Strafzettel bekommen habe, weil ich irgendein italienisches Schild nachts bei Regen nicht hab lesen können. Da stand was drauf, dass man da nach 21:00 Uhr nicht reinfahren darf… oder so. Von Syracusa aus kann man auch Noto und Ragusa besichtigen, Weltkulturerbe mit wunderschöner Barockarchitektur… Also, theoretisch. Viel Spaß in bella Sicilia!

  3. Stephan sagt:

    Bevor ihr Corona trinkt, kauft doch bitte Nastro Azurro. das ist immerhin in einer grünen Flasche.

  4. Niclas sagt:

    Alles gute Euch beiden – ob das jetzt gut geht ohne Eure gute Seele an Board ?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.