Vergilbte Fotos an der Wand

Wir treffen uns mit meinem besten Freund aus meiner Grundschule (dem „Collegio Aleman de Málaga“ welches eigentlich in den Bergen kurz vor Marbella ist), Erhard, in einem Restaurant in Marbella. Er ist mittlerweile Anwalt in Spanien, mit der SSP „Special Selling Proposition“ sowohl das spanische Recht als auch die Anforderungen einer deutschen Kundschaft zu verstehen (Unique ist es leider nicht mehr, es gibt wohl mittlerweile mehrere Anwälte die Deutsch können). Auch wenn unsere Lebenswege in den letzten vierzig Jahren unterschiedliche Bahnen genommen haben, wir andere Schwerpunkte haben, es bleibt eine Verbundenheit aus der Vergangenheit, unterstützt durch Kinderfotos aus der damaligen Zeit. Erhard hat uns öfters bezüglich der aktuellen Corona-Situation in Spanien beraten, und letzten Endes uns bei der Idee geholfen, eine spanische GmbH zu gründen.

Während meiner Grundschulzeit war Erhards Vater Direktor der deutschen Schule, und irgendwie ist er (der Sohn) der Schule verbunden geblieben, auch wenn seine Kinder mittlerweile erwachsen sind. Heute ist er ehrenamtlich der Vorstandsvorsitzende der Schule – immerhin mittlerweile ganz oben auf dem Organigramm, neben dem auswärtigen Amt. Als ich ihm einige Zeit vorher erzählte, dass ich mal zu der Schule hochfahren wollte, hat er gleich angeboten uns ’sein Baby‘ zu zeigen. So machen wir uns nach einem leckeren argentinischen Mittagsessen auf den Weg in die Berge.

Wenn man das ganze aus der heutigen sicherheitsorientierten Kultur mit Kindern betrachtet, kommt mir einiges unglaublich vor, aber Erhard bestätigt die meisten meiner Erinnerungen. Die deutsche Schule war damals auch ein Internat, aber es kamen auch jeden Morgen aus der gesamten Provinz Málaga mit Schulbussen Kinder in die Ganztagsschule. Diese war in den Bergen, und um die Schule herum war … nichts. Jedenfalls keine Häuser, keine Siedlung, nur Wald und Gestrüpp. Da es eine Ganztagsschule war, hatten wir eine laaaaaaaange Mittagspause, die wir in ebendiesem Wald herumstreifend verbringen durften. Nach zwei Stunden Pause ging von der Schule aus eine laute Sirene, und wir Kinder kamen aus dem Wald zurück. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie wir damals ausgesehen haben müssen. Bei Regen haben wir mit Lehm und kaputten Ziegelsteinen Dämme in dem Straßengraben gebaut, nach manchen kleineren Waldbränden sind wir durch verkohltes Gestrüpp gelaufen. Also an manchen Tagen werden wir wohl komplett lehmverschmiert gewesen sein, an anderen kohlrabenschwarz wie nach dem Aufenthalt in einem Sack Holzkohle. Konflikte wurden ausgetragen, es wurden auch Steine geworfen, und ab und zu wurde mal ein Kind unglücklich getroffen. Die resultierenden Platzwunden waren ein ‚Loch im Kopf‘, was mir damals schon fürchterlich grafisch vorkam (sieht man dann das Hirn?). Wir haben’s überlebt, aber glaubt uns das heute noch jemand? Freunde in meinem Alter kennen sicherlich die humorvollen Bilder aus Facebook oder so: „Unsere Generation war damals auf der Straße unterwegs beim Spielen, unsere Eltern wussten nicht wo wir waren, konnten uns nicht mit dem Handy anrufen, wir mussten bei Freunden klingeln, um mit ihnen zu spielen, und wir verstehen noch, wie ein sechseckiger Bleistift und eine Audio-Kassette zusammenhängen“. So war das auch bei mir, doch meine Straße war der Wald rund um die Schule.

Ich frage Erhard, ob es noch Fotos von der Schule aus der Zeit gibt, als Beweis. Ja, meint er, im Aufenthaltsraum der Praktikanten hängen noch ein paar vergilbte Fotos aus der Zeit. Praktikanten? Ja, die Hilfskräfte im Kindergartenbereich. Wir kommen also zu der Schule, verlassen an einem Freitagnachmittag. Stolz erzählt Erhard, dass sie während der gesamten Pandemie keinen Tag schließen mussten. Zusätzliche Klassenraumfläche wurde mit Container geschaffen, es wurde gelüftet, was das Zeug hielt (Herr Fuchs aus München, der in der Schule arbeitet, erzählt stolz, wie Sie mit Disko-Rauchmaschinen halbwissenschaftlich die besten Lüftungsstrategien ermittelt haben), und die Schulbänke sind präzise-deutsch mit zwei Meter Abstand aufgestellt. Wie schon in einem anderen Beitrag angedeutet – nichts ist hier mehr so wie ich mich daran erinnere. Wald und Gestrüpp ist durch Villen und Ferienkomplexe ersetzt; die Schule hat gebäudetechnisch mächtig expandiert, und die Hälfte meiner Mutmaßungen ist falsch: „Das da – war nicht damals die Kantine?“ „Nein, das gab’s damals noch gar nicht“. Oh well. Die Bilder von damals finden wir tatsächlich. Ich versichere Euch – das Leben war damals nicht so vergilbt, wie es die Bilder heute sind.

Erhard bringt uns zu unserem Schiff zurück, trinkt noch ein Wasser an Bord, aber mit unserem Angebot eines kleinen Segelausflugs in den nächsten Tagen können wir nicht punkten. Sailing is not for everyone.

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1 Antwort zu Vergilbte Fotos an der Wand

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