Ubud für Fortgeschrittene

„Tschack tschack tschack tschack …“ intonieren die ca. sechzig halbnackten Männer, die um den Kerzenständer im Kreis sitzen. Zu dem Tschack tschack kommen weitere Töne, eine Stimme hebt zum Gesang an, einige Männer geben den Chor, andere klatschen. Manchmal stellen sie Wind dar indem sie zischen und sich auf die Seite legen. Die Musik bei diesem balinesischem Tanz – Kecak genannt -ist komplett Acapella. In den Kreis der tanzenden Männer kommen prächtig verkleidete Figuren. Ein Blick ins Programmheft offenbart die Geschichte – ein Auszug gefällig?
„Upon the Completion of the Situbanda Bridge, Rama and Laksamana acoompanied (sic) by his monkey army under the leader of Sugriwa and Hanuman, march to Alenka. In the Middle of austerity, Rahwana come to the palace garden Asoka to bewitch Sita with an illusion of Rama’s head as if her beloved husband has been destroyed. Feeling hopeless and grieve (sic). Sita draws a dagger to stub (sic) herself but Trijata stops her…“
Alles klar? Ich kenne die ganzen Typen auch nicht, und da ich auch die verschiedenen Symbole oder Masken nicht einordnen kann, geht die weitere Geschichte an mir vorbei. Aber das rhythmische tschack tschack im flackernden Kerzenschein gibt dem ganzen dennoch eine tolle Atmosphäre. Danach wird schnell ein Feuer aus Kokosschalen entfacht, und ein barfüßiger Typ auf einem Art Steckenpferd läuft immer wieder hindurch, dass die Funken nur so spritzen. Zwei andere Typen schieben die Kohlen wieder zusammen, damit Mr. Steckenpferd wieder was zum zertrampeln hat. Der Kecak mit anschließendem Feuertanz ist mein zweiter balinesischer Tanz. Der erste – ein Jegog mit Bambus Gambelan Orchester war komplett anders. Hier prügeln ca. zehn Musiker wie wild auf Bambusxylophone ein, ein paar spielen Quietscheflöte und einer fiedelt auf einem Saiteninstrument herum. Dazu nacheinander neun Tänze, die ich auch nicht auseinander halten kann. Anmutige balinesische Frauen, prächtige Kostüme, faszinierende Choreographie, aber am meisten fesseln mich zwei Details: Es wird mit weitaufgerissenen Augen getanzt, und die Augen blicken im Takt der Musik immer wieder woanders hin. Sieht interessant aus, und ich denke mir, dass es auch die Koordination mit den anderen Tänzern erschwert -man kann nicht mal schnell rüberschielen, was die Kollegen gerade macht. Und dann die Hände – die Tänzerinnen scheinen jeden Finger einzeln und unabhängig von den anderen bewegen zu können – ich, der kaum einen Mr. Spock Gruß hinbekomme bin fasziniert.
Ich bin wieder in Ubud, Caroline übrigens auch, beide wieder „In da Lodge“. Ich hatte mir schon bei der Abfahrt in Lovina gedacht, nochmal ein-zwei Tage hier zu verbringen, ich hatte mir beim ersten Mal gar nicht pflichtbewusst die Sehenswürdigkeiten angesehen, und Caroline hat es in Sanur nicht gefallen; sie hat hier eine Beschäftigung als freiwillige Englischlehrerin gefunden, für eine Woche. Nein, zusammen sind wir nicht hier, obwohl wir immer wieder gemeinsam etwas unternehmen. „Es ist kompliziert“ ist wohl eine gute Zusammenfassung.
So hole ich neben den balinesischen Tänzen noch eine Vulkanbesteigung nach, die Caroline schon zuvor gemacht hat. Abholung um zwei Uhr morgens (kein Scherz), Aufstiegsbeginn um vier Uhr morgens nach einer kurzen Frühstückspause mit Pfannkuchen und Kaffee (maybe you come back later, try some coffee? Der Fahrer wird schon dafür sorgen). Es sind ca. 630 Höhenmeter auf Mount Batur, wir brauchen vielleicht 1:45, mit unserem eigenen Führer. Ich bin mit einer belgischen Familie unterwegs, mit drei erwachsenen Kindern: Antoine, Florence, Caroline (wieder eine), Claire und Claude. Belgisch-Wallonisch, also reden alle französisch, aber bei Bedarf auch englisch. Trotzdem verstehen wir uns gut. Am Gipfel angekommen gibt es im Vulkandampf gegarte Eier, und etwas zermanschte Banane auf lapprigem Toast. Ich hege zwar den Verdacht, dass unsere Eier ganz schnöde auf einem Holzfeuer hartgekocht wurden, aber der Führer zeigt uns danach eine Stelle am Kraterrand, wo tatsächlich Eier gegart werden, aber das dürfte kaum für die Menschenmassen gereicht haben, die hier am Gipfel den Sonnenaufgang erwartet haben. Mit meinen Trekking-Turnschuhen bin ich fast am besten für den Berg gerüstet, die Belgier sind in Chucks unterwegs, aber am vorbildlichsten ist unser Bergführer, der mit Flip Flops umherkraxelt. Dennoch – er bewegt sich am sichersten. Auf der Rückfahrt halten wir wieder an einer Kaffeeplantage, ich trinke abermals einen „Poo-Berry-Coffee“, wie er hier angepriesen wird, und Mutter Claire kauft Vanillearoma für die nächsten drei Jahre. Zurück in Ubud gönne ich mir eine balinesische Massage -eine Stunde durchgeknetet werden für vier Euro.
An einem Tag machen wir noch einen Ausflug zu dem Besakih Tempel, auch Muttertempel genannt, einen der heiligsten auf Bali – echt schön, aber irgendwie – eine gewisse allgemeine Tempelmüdigkeit hat eingesetzt. Die Tempelführer sind ungewöhnlich hartnäckig behaupten steif und fest, dass eine Besichtigung nur mit ihnen möglich sei, aber der Backpacker Flurfunk weiß: das stimmt nicht. Caroline ist beim Handeln und Leute abwimmeln wesentlich besser als ich, am Ende trifft uns ein Fluch eines abgelehnten Guides, aber wir überleben es. Die inneren Bereiche des Tempels sind sowieso Gläubigen Hindus vorbehalten, aber die Umfriedungsmauern sind niedrig genug, dass man auch so einige Fotos machen kann. Insgesamt genieße ich Ubud wegen der kleinen Sachen. Ein kleiner Ausflug in die Reisfelder – nur fünf Minuten hinter der geschäftigen Hauptstraße gibt sich Ubud grün und idyllisch. Obwohl die Stadt in den von mir besuchten Bereichen weitgehend eben wirkt, ist sie doch von tiefen Schluchten durchzogen, die hier spektakuläre Aussichten bieten. Ein Café und Spa hat den Weg ausgeschildert und ruft sich alle paar Minuten mit einem kleinen Schild in Erinnerung – am Ende wartet eine liebevoll gestaltete Anlage mit Blick auf wogende grüne Reisfelder. Gegessen wird in kleinen Pavillions, die auf Stelzen in künstlich angelegten Teichen stehen. Diese kühlen ein wenig, Abends muss es von Mücken wimmeln. Man erkennt den fortschreitenden Reichtum der Besitzer durch die verschiedenen Ausbaustufen, mit immer größer werdenden Teichen.
Andrea hat mir ein Restauranttipp als Kommentar zu einem früheren Beitrag gegeben, und dieses sogar mit einer aktuellen Suche in Google und Trip-Advisor untermauert. Ehrensache, das auszuprobieren. Ich genieße mit Caroline eines der aufwändigsten Essen in unserer Zeit auf Bali – die langsam in Bananenblättern gegarte Ente mit umfangreicher Garnierung ist meilenweit entfernt von den ebenfalls leckeren Garküchen. Außerdem gibt es in Ubud noch eine spezielle Subkultur and gesund lebenden Menschen die hier ihr Inneres finden. Dabei hilft offensichtlich organische, glutenfreie, vegane Kost, das Lesen der Speisekarte ist ein Erlebnis für sich: „raw, free vegan Pizza“. In den Tempel dieser Speisen kann man wunderbar Leute beobachten. Einige machen im Café Yogaübungen, blockieren den Weg mit langen Gruppenumarmungen, und stehen im Hof und üben mit einem Hula-Hoop-Reifen. Mit verträumter Stimme erklären sie mir die Bedeutung ihrer verschiedenen Tätowierungen, und erläutern Pläne für weiteren Körperschmuck. Trotz allem gesund leben, ein paar heftige Cocktails in der Happy Hour bei Mingle gehen schon, und anschließend zieht man noch durch die Shisha-Bar. Sonst erfreue ich mich am Faulenzen, den kleinen Freuden Balis und kläglichen Versuchen, meine weitere Reise zu organisieren. Am meisten frustriert mich die Website von Lionair, die mir einen Flug nach Flores anbieten würden – spottbilliger Flug, alles eingegeben, und ganz am Ende behauptet die Seite, dass meine Kreditkarte nicht angenommen wurde. Nach drei durchfluchten Nächten gehe ich zu einem Agenten, lege ein Bündel Scheine auf den Tisch, und bekomme mein Ticket. Aber auch das ist nicht so geradlinig wie man es sich vorstellen könnte. Der freundliche Herr telefoniert, spricht sich mit mir ab, telefoniert wieder, nimmt mein Geld, lässt mich in seinem Laden stehen und fährt mit dem Moped irgendwo hin, wo jemand die Buchungsbestätigung ausdrucken kann. Keine zehn Minuten später halte ich die begehrte Flugbestätigung in Händen – auf geht’s nach Flores!

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1 Antwort zu Ubud für Fortgeschrittene

  1. Stephan sagt:

    Musst mal die Flip-Flop Künstler auf Dem Lombok Vulkan erleben. Da wird es im Gegensatz zum Batur zumindest ansatzweise Alpin. Und sie tragen dabei auch noch Deinen ganzen Krempel.
    Wieviel hat den das Puschel Dinner gekostet?
    Da hatte ich Dir ja von erzählt, dass Ubud der Traum für aufwändigeres Essen ist, aber vielleicht nach 17 Jahren auch bei westlichen Preisen angekommen….

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