Tod am Prambanan

Ramayana Ballet, Prambanan, 19:53. Der Todeskampf ist im vollen Gange. Eine alte Geschichte, ein Großer gegen viele Kleine. Immer wieder bäumt sich der Große auf, schlägt wild um sich, und lässt die Kleinen hinter sich. Doch die sind unerbittlich, folgen ihm, greifen wieder an, bedrängen ihn immer weiter. Die Gamelan Musik aus Gongs und Metallxylophonen nähert sich einem Höhepunkt, und ich widme meine Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen auf der Bühne. Hier hat Rahwana eben den Vogel Jatayu besiegt, der ihn an der Entführung von Shinta hindern wollte. Rama findet den sterbenden Vogel, denkt erst dass er die Prinzessin Dewa Shinta entführt hat, will ihn demnach töten, wird aber durch Leksmana daran gehindert und erfährt die wahren Hintergründe der Entführung, und trifft dann den weißen Affen Hanuman. Zwar kann ich diesmal der völlig wirren Geschichte etwas besser folgen, aber so richtig packt es mich nicht. Neben der Bühne hingegen, da geht es wirklich um Leben und Tod, und so wie es aussieht wird der Falter verlieren. Immer kürzer werden seine geflatterten Flugstrecken, und sofort folgen ihm die kleinen Ameisen, die höchstens ein Zehntel so lang sind wie das Fluginsekt. Es ist wie der Stoff für einen zweit- oder drittklassigen Horrorfilm, Angriff der Killerameisen. So habe ich das noch nie beobachtet, wie Ameisen ein wesentlich größeres Tier jagen. Mittlerweile zappelt der Falter nur noch ein wenig, und wird von immer mehr Ameisen umringt, die ihn dann säuberlich zerlegen, und in ihr ein Meter entferntes Nest unter den Bühnenbrettern transportieren. Das Geschehen auf der Bühne wird unterbrochen, kurze Pause. Als ich nach zehn Minuten auf meinen Platz zurückkehre, ist der Falter restlos verschwunden. Ich denke, das waren die Ameisen, aber vielleicht hat auch ein Raumpfleger die verdiente Beute einfach weggekehrt. Das Ramayana Ballet geht weiter. Shinta widersetzt sich den Avancen von Rahmana, der Affe Hanuman wird gefangen und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, kann aber dank Magie das Feuer umkehren und damit den Palast von Alenka abbrennen. Das ist meine dritte Indonesische Tanzaufführung, und sie gefällt mir nicht so gut. Der Jegog Tanz hatte mehr anmutigere Tänzerinnen, und der Kecak faszinierte durch sein tschack tschack Acapella Untermalung. Mittlerweile hat Rama Hanuman, Hanggada, Hanila und Jembawan befohlen, Alenka anzugreifen, und Kumbakana, der jüngere Bruder von Rahwana stirbt als Held. Ich schaue neben mich – Jeanine schläft seelenruhig und Steve folgt tapfer dem Geschehen auf der Bühne, obwohl auch er völlig am Ende ist. Die beiden sind am Tag zuvor aus Chicago angereist, und geben sich mit mir das fünfzehn-Stunden Power Besichtigungsprogramm. Am Ende kommt es völlig überraschenderweise zum Happy-End, Shinta und Rama sind wieder vereinigt, und Jeanine und Steve dürfen ins Bett. Sie drücken mir zum Abschied gerade noch ihre Visitenkarten in die Hand und stolpern dann in Richtung Zimmer.
Ich habe insgesamt drei Tage in Jogjakarta eingeplant, einen für jede der sehenswürdigen Highlights hier. Angekommen bin ich am Montag, nach einem Tag Zwangspause in Kuta Beach auf Bali, dem Ballermann der Insel, da es keinen direkten Flug gab. In Kuta habe ich Agnes aus Labuanbajo wiedergetroffen (also eigentlich wohnt sie in Hamburg), und mit der vernünftigen Internetverbindung im Hotel einige Sachen organisiert. Montag Abend habe ich mich hier in Jogja um meine Touren gekümmert, in einem von Femke aus Ende (eigentlich Holländerin aus Jakarta) empfohlenen Reisebüro. Für den nächsten Tag sind zwei Ausflüge mit dem Auto nach Borobodur geplant, einem lange verschollenen Buddhistischen Tempel der Unesco Kulturerbe ist. Beide Autos sind mit zwei Pax besetzt, wahrscheinlich könnte ich mitfahren, aber wir erreichen die Teilnehmer nicht. Also bleibt nur die Risiko Lösung – um 3:30 am Morgen einfach auftauchen, und selber mit den Gebuchten verhandeln. So stelle ich meinen Wecker wieder auf 2:45, und stehe in finsterster Nacht vor dem Hotel, wo die vier Reisenden abgeholt werden. Als erstes tauchen Jeanine und Steve auf, sind etwas überfahren, aber ja, klar kann ich mitfahren. Danach tauchen noch zwei Frauen mit praktischen Kurzhaarfrisuren auf, und ich bin mit meiner Wahl zufrieden. Mit den beiden Amerikanern verstehe ich mich prima, und um 5:00 stehen wir auf der obersten Terrasse des Borobudur Tempels. Es ist die teurere Variante, der Eintritt durch ein an den Tempel angeschlossenes Hotel kostet umgerechnet 25 Euro. Dafür ist aber Taschenlampe und Leihsarong enthalten. Trotzdem ist man nicht einsam, mehrere der dreißigsekündigen Langzeitbelichtungen werden durch Touristen gestört, die mit ihrer Taschenlampe durchs Bild laufen. Am Ende mache ich aus den Pannen eine Kunst: Langzeitbelichtung mit Taschenlampengekritzel. Leider ist uns das Wetter nicht besonders gnädig, kaum farbenreiche Morgenröte, und auch wenig spektakuläre Schlagschatten in der Morgensonne. Die wahre Geduldsprobe ist es, menschenleere Fotos zu erzeugen, und nicht alle bestehen diese Probe. Steve und ich amüsieren uns über ‚Mr. Tripod Man‘, ein dynamischer Franzose mit einer mehreren tausend Euro teuren Kameraausrüstung. Sein Stativ ist allerdings nicht groß genug, so steht er meist affig breitbeinig hinter seiner Kamera und schaut empört verärgert, wenn einige Asiaten seelenruhig mitten in seinem Motiv Selfies machen. Irgendwann gibt er kurz auf, stürmt an einen anderen Standort, und fotografiert erst ein anderes Motiv. Borobodur lässt sich allgemein schwer fotografieren, der Tempel liegt auf einem relativ steilen Hügel, und besteht aus einigen Terrassen, wobei die obersten deutlich zurückgesetzt sind. Dadurch erkennt man vom Fuße des Tempels und des Hügels nur die breiten unteren Ebenen, und erahnt dann in der Mitte die abschließende Stupa. So fürchte ich gemeinsam mit Steve, dass der heutige Tag keine fünf Sterne Fotos produzieren wird.
Wie bekommen noch einen Tee und etwas Gebäck, und fahren dann nach Jogja zurück. Die beiden haben am Nachmittag noch eine Tour zum Prambanan Tempel geplant, mit anschließender Tanzaufführung – ich wäre willkommen. Der hinduistischen Prambanan Tempel ist ein weiteres Weltkulturerbe, ich hatte ihm eigentlich einen eigenen Tag gewidmet, aber jetzt ist es erst 9:30 – vielleicht wäre ich sonst jetzt aufgestanden – und wenn einem die Gelegenheit so in den Schoß gelegt wird… Der Prambanan-Tempel erinnert deutlich an den Haupttempel von Angkor Wat, aber ist halt nicht ganz so groß und beeindruckend. Noch immer spielt das Wetter nicht richtig mit, so wirkt der Sakralbau dunkel und bedrohlich, aber eben ohne WOW, und auch der Sonnenuntergang wird daran nichts ändern. Auch meine beiden Begleiter kennen Angkor, und während wir durch die Anlage spazieren, philosophieren wir ein wenig über unsere persönliche Sehenswürdigkeitenübersättigung. Offensichtlich sind wir alle ein wenig ausgetempelt – und so lassen wir uns in ein nettes Touristenfallen-Restaurant fahren, wo wir die Übertempelung und Unterhopfung entsprechend bekämpfen. Während Steve in Prambanan ein wenig schwächelte, und teils Tempelbesteigungen verweigerte, schlägt der harte Tag nun bei Jeanine durch – von dem Tanz wird sie nicht sehr viel mitbekommen.
Am nächsten Tag besuche ich – nach ausgiebigem Ausschlafen – noch den Kraton, den Sultanspalast in Jogjakarta, und schlendere ein wenig durch die Stadt. Da mein Versuch, meinen Weiterflug einen Tag nach vorne zu verlegen an meinem Billig-Tarif scheitert, werde ich auch morgen nicht viel tun. Etwas am Pool liegen, und mal wieder einen kleinen Kochkurs machen. Das Hühnchen heute Mittag war so lecker, das will ich lernen. Dann geht’s weiter nach Bandar Seri Begawan in Brunei, auf der Insel Borneo.

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