The Mystery Woman – Codename: Nikita

In Lagos machen wir einen Crew-Wechsel. Doro hat uns für den Komfort eines schnöden Hotels verlassen, dafür kommen Udo und ‚Mystery Woman‘.

Udos Geschichte ist traurig und schnell erzählt: Ich hatte vorgehabt, ihn am späten Nachmittag noch aus Faro abzuholen – so hätte er mit uns Abendessen können. Während ich am Strand in der Sonne lag, und mich geistig auf den Abend vorbereitete, rief Udo an. Er wurde am Gate in Memmingen von Ryanair zurückgewiesen. Offensichtlich verlangt Portugal für die Einreise einen sogenannten „RT-PCR Test“. Udo hat aber nur einen normalen. Die Kollegin am Gate ließ nicht mit sich verhandeln, und er und mehrere andere Fluggäste wurden abgewiesen. Im Laufe der nächsten Tage machen wir uns schlau. Das RT steht für ‚Real time‘ und würde ein Quantifizierung der Virenlast erlauben, wenn man wollte (Hat mir ein befreundeter Arzt erklärt). Aber die Informationen im Internet sind nicht ganz eindeutig. Man findet „RT-PCR Test“, aber nirgends einen klaren Hinweis was denn ein ‚Nicht RT‘ PCR Test wäre. Auf anderen Seiten werden die Begriffe eher austauschbar verwendet. Es dämmert uns: fast alle in Deutschland durchgeführten PCR-Tests werden nach dem RT Verfahren durchgeführt, aber es steht halt nicht überall drauf. Jedenfalls nicht auf Udos negativem Befund. Das wird jetzt ein interessanter Streit: ist Ryanair schuld, weil sie das nicht wussten, und haben ihn zu Unrecht abgelehnt? Oder hätte sich Udo die (später erhaltene) Bescheinigung des Labors, dass ihr PCR Test selbstverständlich ein RT-PCR Test sei, halt früher organisieren müssen? Die Meinung an Bord: Ryanair war überbucht, und hat das als Ausrede genommen, die überzähligen Gäste loszuwerden. Mal sehen, wie das mit Udos Beschwerde läuft.

Aber nun zu ‚Mystery Woman‘. Niemand darf wissen, dass sie an Bord ist, nicht einmal, dass sie in Portugal ist. Kriminelle Aktivitäten? Flucht vor dem KGB? Eine Attentäterin? Ein geheimer Auftrag? Wir ergreifen Vorsichtsmaßnahmen. Als erstes bekommt sie einen Codenamen: „Nikita“, nach dem Film von Luc Besson. Nicht sehr kreativ, aber immerhin hält es die Spannung aufrecht. Wenn an Deck ein Foto gemacht wird, muss Nikita unter Deck – nicht, dass sie sich in dem blitzenden Chrom unserer Winschen spiegelt, wissen wir doch alle, dass Geheimdienste aus den 10 Pixeln, die das auf einem Foto ausmacht, mit mehreren Durchläufen ein genaues Bild erstellen können. Jedenfalls fliegt Nikita nach Lissabon, provoziert einen Streik der Bahnarbeiter um dann unauffällig mit anderen Leuten mit dem Taxi nach Lagos zu fahren – eine Meisterin der Verwirrung und Vertuschung. Dennoch vereinbaren wir ein geheimen Treffpunkt (Im Lazy Jack’s an der Marina), und wir nehmen sie im Schutze der Dunkelheit an Bord. Am nächsten Vormittag laufen wir aus – Ziel Lisboa.

Die Fahrt nach Norden an der portugiesischen Küste ist nicht besonders einladend. An der Küste gibt es einen relativ konstanten Wind aus Nord. Da das Ganze dann offener Atlantik ist, kann sich auch eine beständige Welle aufbauen. Aus Nord. Und dann gibt’s noch etwas Strömung. Wer errät’s? Aus Nord. Wir sehen das natürlich nur als Herausforderung, konsultieren Windfinder, und erschrecken irgendwann vor der eigenen Courage als wir aus der Abdeckung von Cabo Sao Vicente kommen. Es pfeift ordentlich, und die Wellen schütteln uns durch. Plan B. Am darauffolgenden Tag soll der Wind etwas nachlassen, also fahren wir in zurück in die uns bekannte Ankerbucht am Cabo Sagres. Die ganze Nacht pfeift es, aber unser Anker und der Ankergrund sind gut. Wir liegen sicher.

Am nächsten Morgen ist der Wind laut Windfinder weniger. Gefühlt nicht, aber was wollen wir tun? An der Algarve zu bleiben ist keine langfristige Option. Also Segel mit ordentlich Reff gesetzt, und los geht’s. Bei der Abfahrt verrät unser Navi: 57 Seemeilen bis Sines, der erste sichere Hafen auf der Strecke. Wir beginnen das mühsame Kreuzen nach Norden (also im Zick-Zack gegen den Wind, so dass er immer schräg von vorne kommt). Etwas weiter draußen sollte der Wind für uns etwas günstiger sein, aber die Wellen werden auch größer. Insgesamt fahren wir recht lange Schläge.

Es ist gut, dass Nikita ihren geheimen Auftrag offensichtlich nicht auf der Seestern ausführen muss. Obwohl sie schon öfters segeln war, hat ihr Gleichgewichtssinn wohl nicht mit atlantischen Wellen gerechnet. Sie hat – glaube ich – keine große Freude an der Fahrt. Frank und ich teilen uns also zu zweit die Wachen auf, Nikita liegt als Häufchen Elend erst auf dem Sofa, dann auf der Cockpit-Bank an der frischen Luft, und zuletzt auf dem Fußboden in dem Gang zu ihrer Kabine. Das ist jetzt keine Schikane unsererseits, um Gequälte noch mehr zu quälen – der Fußboden ist recht nah am Schwerpunkt des Schiffes, deshalb sind dort die Rollbewegungen weniger zu spüren als würde man zB an der Mastspitze sein. So geht es den Tag durch, und den längsten Teil der Nacht. In der Nacht nimmt der Wind deutlich ab, aber den Wellen macht es Spaß – sie schaukeln fröhlich weiter. Kurz nach Beginn meiner Wache hat der Wind so weit abgenommen, dass wir praktisch keine Fahrt mehr auf das Ziel zu machen können. Resigniert rolle ich das Vorsegel weg, starte den Motor, und lasse den Autopilot die Seestern weiter nach Sines lenken. In ungefähr zwanzig Stunden haben wir 39 Seemeilen in Richtung auf unser Ziel zurückgelegt. Also ein Schnitt von ca. 3,6km/h. Beeindruckend, oder?

Während der Fahrt sehen wir kaum andere Schiffe. Die Berufsschiffahrt hat keinen Grund, so nah an der Küste zu fahren, und zum Spaß sind nicht allzu viele unterwegs. Am Ende immerhin noch ein Schiffskontakt: Während ich parallel zur Küste auf den Hafen zufahre, sehe ich auf dem AIS ein Kontakt von See kommend. Ich spiele mit dem Gerät: es ist die „Hoegh Gallant“, ein 241m langer Tanker, die mit 10,5 Knoten ankommt, und unserem Schiff gefährlich nahekommen würde, wenn beide Kurs und Geschwindigkeit beibehalten. Ich bin hin und her gerissen: a) als Motorschiffe untereinander müsste er mir ausweichen b) ist es sinnvoll, bei 110.000 Tonnen gegen 13 auf diese Regel zu bestehen? c) er fährt auf die Nahe Küste zu – wahrscheinlich wird er bald bremsen oder den Kurs ändern d) Will ich mich darauf verlassen? Ich ändere den Kurs, so dass ich klar hinter ihm vorbeifahren würde, und beobachte weiter. Wie geahnt, er wird langsamer; ich fahre dennoch hinter ihm vorbei, und dann dreht er auch in Richtung Hafen, also parallel zu mir, dann sogar wieder in Richtung auf meinen Kurs. Fahre ich jetzt einen Kurs, der mich zwischen ihn und eine Kaimauer bringt? Ohgottohgottohgott. Ich greife zur Funke und rufe ihn an. Mein Gefühl beim Funken ist immer etwas zwiegespalten. Wenn man auf Kanal 16 etwas von sich gibt, das hören alle. Die Küstenfunkstellen, die Rettungswachen, jedes Schiff mit ordentlich besetztem Steuerstand, also auch die ganzen anderen Segler, die man dann im Hafen sieht. Viele von denen haben da Routine, ein gutes Gespür dafür, was auf den Kanal gehört, wie man sich ausdrückt (Gut, es gibt auch andere, die spielen Musik oder unterhalten sich länger wohin zum Bier [auf dem Not- und Anrufkanal!]). Und ich vermute, dass die Berufsschiffer auf uns Segler herabschauen wie eben Profis auf jede Gruppe, die zu einem Großteil aus Dilettanten besteht. Also immer etwas nervös, auf den Knopf drücken, auf ruhig bestimmte Telefonstimme achten, jetzt bloß nicht verhaspeln. Wie immer bisher völlig problemlos. Der Funker der Hoegh Gallant gibt mir die Auskunft, dass sie jetzt hier Ankern werden, und bestätigt, dass wir uns nicht ins Gehege kommen, wenn ich an seiner Backbordseite vorbeifahre. Ich tuckere weiter und mache ein paar Handyfotos in der aufkommenden Morgendämmerung.

Unter Motor brauchen die letzten 18 Seemeilen nur noch drei Stunden – schaukeln tut es aber immer noch, und zwar fast unangenehmer – Segelwind stabilisiert das Schiff in seiner Lage, unter Motor kommt man sich mehr vor wie ein Spielball der Wellen. Dann fahren wir endlich in den Hafen von Sines ein. Dieser besteht aus zwei Teilen: der große Industriehafen für Erdöl und andere Massengüter (zB Chemie – schon seit einigen Stunden riecht es wie Mannheim), und einem kleinen inneren Hafen mit Strand, ein paar Fischerbooten, und der Marina. Eigentlich hatten wir geplant, dort erst zu ankern, bis die Marina aufmacht, aber als wir die Gästeliegeplätze klar erkennen, beschließen wir einfach dort zu parken, wo sie uns wahrscheinlich sowieso hingeschickt hätten. Es ist kurz nach halb sieben Uhr morgens. Wie es die Tradition verlangt, erst einmal ein Anlegebier. Allerdings nur für Frank und mich. Nikita wehrt sich gegen die Tradition des Anlegeschlucks und macht sich einen Pfefferminztee. Danach legen sich alle erst einmal schlafen, fest vertäut und ohne schaukeln.

Die Stadt Sines ist ’nothing to write home about‘. Nikita und Frank erkunden die Stadt ab dem Nachmittag, ich schreibe Blog (nicht diesen hier) und lasse es mir faul gehen. Irgendwann werde ich auf Aktivität auf dem Steg neben dem Schiff aufmerksam. Drei Männer in Tauchanzügen, und zwei Gitterboxen voller Wein. Wirklich: Wein. Ich muss es mir auch erst bestätigen lassen, sie werden die Weinflaschen hier im Hafenbecken versenken. Einer der Taucher kann genug Englisch, um es so halbwegs zu erklären: Der Wein wird hier werbewirksam gereift: bei relativ konstanten kühlen Temperaturen, im Dunkeln, ohne Sauerstoff, und unter einem Druck von ca. 1 bar. Soso. Eine derart gereifte Flasche Wein soll ca. 40 Euro kosten. Als ich zu erkennen gebe, dass das jetzt nicht so mein Budget wäre, isb. für Wein, den ich nicht kenne, biete der Kollege an, mich mal probieren zu lassen, eine ‚inoffizielle‘ Flasche. Bevor es aber so weit kommt, werde ich genötigt, mich meinen beiden Mitseglern auf ein Sundowner-Bier auf einer Terrasse über der Stadt anzuschließen. Am nächsten Morgen geht’s weiter, wir haben erst die Hälfte der Strecke nach Lissabon geschafft.

Eigentlich ist Sines der einzige wirklich gute Hafen zwischen der Algarve und Lisboa. Die anderen bieten keinen tollen Schutz oder sind einfach immer mit Dauerliegern voll. Aber auch um unserem Gast eine weitere Nachtfahrt zu ersparen, finden wir ungefähr auf halber Strecke einen Ankerplatz, der vielleicht ginge. Er befindet sich hinter einem Gewirr aus Sandbänken und unmarkierten Fahrrinnen. Häufig sind in der Karte Tiefen von 2m eingezeichnet, das ist etwas wenig für uns (2,10 Tiefgang). Aber es ist ja gerade kein ‚Spring-Niedrigwasser‘, also müssten überall noch 30cm Wasser mehr sein. Gaaaanz vorsichtig tuckern wir über die Sandbänke. Einmal (am nächsten Morgen) sitzt die Seestern auch kurz auf, aber harmlos. Durch Fallböen an den Klippen bläst ein kräftiger Wind – draußen auf dem Meer war davon nichts zu spüren. So Ankern wir wieder, während es draußen schauderlich pfeift – aber der Anker hält.

Am nächsten Tag geht’s weiter nach Lisboa. Leider ist das etwas komplizierter: Es gibt in Lisboa zwar 5 Marinas, in die wir reinpassen würden, aber die vier stadtnahen sind alle voll. Eine davon – die Marina Alcantara vertröstet uns immer wieder auf „morgen“. Vielleicht hätten sie dann Platz für uns. Dann gibt es noch eine weitere Marina, am Parque de Nacoes, aber die ist sehr tidenabhängig. Einfahrt eigentlich nur in den zwei Stunden vor Hochwasser. Das wäre etwas ungünstig, heute. Also einigen wir uns auf eine Marina kurz vor Lissabon, in Oeiras. Wie häufig zeigt hier der Gott des Windes seinen seltsamen Humor. Auf den letzten Meilen dorthin schläft der Wind ein, wir müssen den Motor anmachen; kurz vor dem Hafen frischt es wieder gewaltig auf. Die Hafeneinfahrt ist sowieso tricky (sie ist recht eng, und davor fließt der Rio Tejo mit ordentlich Tidenströmung – da gibt es dann einen kritischen Moment wo der Bug schon im stillen Wasser der Einfahrt ist, aber das Heck des Schiffes noch im Strom ist. Heftiges Gegenlenken und ordentlich Fahrt ist angesagt. Aber am Ende liegen wir sicher und freuen uns auf ein paar Tage in und um Lisboa.

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