The Great Ocean Road

In Vietnam habe ich Lewis kennengelernt, Lewis aus Adelaide. Adelaide, sagte er, ist ideal zum Anfangen, weil’s dort guten Wein gibt und sich die berühmte Great Ocean Road zwischen dort und Melbourne befindet. Adelaide, aus meiner Sicht, war auch toll weil dort Springsteen spielt. Nach dem entsprechend absolvierten Konzert ging es zurück in mein Hotel – sehr preiswert weil ohne Air Conditioning. Das Metropolitan Hotel ist ein ungefähr hundert Jahre alter Ziegelbau, nach alter Väters Sitte sehr solide gebaut – die Steine halten die Wärme des Tages. So komme ich nach der Show um halb eins zurück, und mein Zimmer hat ungefähr 35°. Auch der Ventilator wird daran nichts ändern. Tatsächlich schaffe ich in der Nacht vielleicht eine Stunde Schlaf. In meiner Verzweiflung versuche ich es sogar damit, mein Laken als Decke nass einzuweichen – kälter zwar, aber nicht unbedingt besser. Kurz vor acht verlasse ich das Hotel (weil der Parkplatz nach der Zeit kostenpflichtig wird) und mache mich auf den Weg nach Osten, Richtung Great Ocean Road.

Erste Station ist Hahndorf, nach Eigenwerbung eine der deutschesten Siedlungen in Australien. German Butcher, German Bakery, alles da. Ich probiere es aus. Ich erwerbe ein ‚original deutsche Mettwurst‘ von einem australischem Studenten der kein Deutsch kann. Offensichtlich habe ich in den vergangenen Monate viel von Deutschland vergessen, kann mich nicht erinnern dass Mettwurst so eine Konsistenz hat. Deutsche Semmeln, erklärt mir der deutsche Bäcker, verkaufen sich nicht so gut, aber wie wäre es mir einer Breze für 4 AU$?

So gestärkt mache ich mich weiter nach Süden, ans Meer. Das Display vom Navi zeigt an, dass es auch recht nah sein dürfte, aber zu sehen ist es nicht. Bislang ist die Road weder Great noch Ocean. Langsam erkenne ich: Die Great Ocean Road ist auf der gleichen Art zwischen Adelaide und Melbourne wie die Leopoldstraße zwischen dem Marienplatz und der Münchner Freiheit ist. Immerhin sehe ich hier mein erstes freilaufendes, äh freispringendes, Känguru. Es springt dreißig Meter vor dem Auto vor mir über die Straße. Im weiteren Verlauf der Fahrt muss ich feststellen, dass sich nicht alle Kängurus an die dreißig-Meter-Regel gehalten haben. Die Viecher sind eine ernsthafte Gefahr für sich selbst und für den Selbstbehalt meiner Vollkasko-Versicherung. Ich suche noch einmal einen K-Mart auf, eine Kühlbox erscheint mir eine sinnvolle Investition, vielleicht auch vor dem Eindruck der letzten Nacht, wo ich viel Geld für ein kühles Wasser gezahlt hätte, und tatsächlich Wachträume von einem schönen, eiskalten Orangensaft hatte. Nach ca. 500km erreiche ich Mount Gambier, hier gibt’s immerhin einen sehr schönen, wunderbar blauen See in einem Krater. Langsam wird’s dunkel, ich sollte mir was für die Nacht suchen.

Victoria Hotel

Meine erste Station zum Übernachten ist Port MacDonnell. Ich kurve ein wenig durch den Ort und probiere es im Victoria Hotel. Victoria, das ist wohl fremdländisch für Sieg? Oder wonach ist das Hotel benannt? Der englischen Königin? Klischeemäßig würde man ja schreiben, dass das Hotel bessere Tage gesehen hat, aber ganz sicher bin ich mir nicht, vielleicht hat es die besseren Tage auch einfach übersprungen. Aber viel Auswahl hat der Ort auch nicht zu bieten. Das Hotel hat ein Restaurant, eine Bar, den Hotelbetrieb und einen Drive-In Alkoholladen. Immerhin kostet das Zimmer nur 44 AU$, das Schnitzelspecial nur 13 AU$. You get what you paid for, Fenster in Hotelzimmern sind überbewertet. Als ich mein Schnitzel vertilge wird an der Tafel hinter mit Happy Birthday angestimmt. Es durchfährt mich, dass das wohl die traurigste Art wäre, die ich mir vorstellen kann, einen Geburtstag zu verleben. Stühle aus Metallrohr, Plastiktischdecken und ein An-der-Theke-Bestellen-und-Abholen Service. Andererseits – es sind 20 Leute versammelt, man scheint Spaß zu haben, das ist wohl besser als einsam mit Damasttischdecken zu dinieren. Die Wüstenhitze von Adelaide ist hier vorbei, es weht auch ein kräftiger Wind, so schreibe ich den Blog im Auto sitzend, aber mit Blick auf’s Meer.

Am nächsten Morgen mache ich mich weiter auf den Weg, noch 200km bis die Great Ocean Road Tourist Route beginnt. Zwischenzeitlich hat mir ein McDonalds Free WiFi gedient, die letzten Beiträge zu veröffentlichen. Mit Beginn der Tourist Route häufen sich Schilder „Drive on Left in Australia“ (und ich hatte mich schon gewundert, warum ich so oft angehupt wurde), und die Scenic Viewpoints. Man erkennt von Viewpoint zu Viewpoint einige der Touristen immer wieder. Irgendwann spricht mich einer auf mein Armband (Arena beim Springsteen Konzert) an. Er stellt sich als (einer) der Fotograf(en) von Backstreets vor, eine Zeitschrift und Website für die richtig verrückten vor. Er gibt zu, dass er es als Hobby macht, für den Eintritt nichts zahlen muss, ab und zu etwas Geld damit verdient, aber die Reisekosten selber bestreitet. Er hat 80 der letzten 122 Konzerten gesehen, und hat möglicherweise noch eine Arenakarte für Melbourne übrig (hat dann nicht geklappt). Ich beschließe den Sightseeing Tag an den zwölf Aposteln, eine Ansammlung von Felsen vor der Küste, eine der berühmtesten Attraktionen. Richtig toll ist das Wetter nicht, morgen früh müsste auch das Licht viel besser sein. Ich fahre kurz zurück nach Port Campell und klappere die verschiedenen Motels ab – unter AU$ 125 wird das hier wohl nicht laufen. Da flüstert mir die Rezeptionistin von einem Hotel noch den Tipp zu: Etwas weiter die Straße hoch gibt’s ein sehr nettes und sauberes Guesthouse. Ich werde dort von Mark begrüßt, sehr schönes Zimmer, siebzig Dollar, das nehme ich. Er lädt mich ein, noch auf einen Drink in den Garten zu kommen, wo er mit einem Kumpel ein Feierabendbier trinkt. Cool – ich hab auf Verdacht ein paar Biere gekauft, da kann ich mich gleich revanchieren. Offensichtlich macht das nicht jeder, ich habe ein Stein im Brett. Es wird richtig gemütlich, am Ende habe ich eine Einladung zum BBQ für den nächsten Abend und ziehe noch mit Lachlan, dem Kumpel, in die Stadt um was zu Essen. Er ist Zimmerer, Spitzname Lucky (oder wie auch immer man das als Verkürzung von Lachlan schreibt), und verkörpert australisches Lebensgefühl. So hatte ich mir das vorgestellt.

Wegen der Essenseinladung am nächsten Abend stelle ich meinen Plan etwas um, und mache einen Abstecher in die Grampians. Sieht auf der Karte nicht weit aus, am Ende saß ich sechs Stunden hinter dem Steuer, auf Straßen die im Navi nur existieren, wenn man entsprechend reinzoomt. Die Grampians sind ein kleineres Gebirge, beeindruckende Landschaft, und auch hier hat’s Kängurus. Eines springt bis auf zwei Meter an meinen Kotflügel heran und beschließt dann doch, dass es die Straßenseite nicht wechseln will. So nah bin ich einem wilden Känguru noch nicht gekommen, war leider nicht schnell genug mit dem Foto. Am Abend dann ein entspanntes Barbie mit Mark und zwei seiner Freunde.

Am Samstag geht’s dann weiter auf der Great Ocean Road, die auch hier über weite Strecken nicht am Meer verläuft. Ich sehe ein Schild zum Cape Otway Lighthouse, und hadere mit mir. Zwanzig Dollar wollen die für einen einfachen Leuchtturm, und sonst sieht man nichts. Der Reiseführer verspricht, dass man auf der Strecke Koalas sehen wird, aber was ist das Versprechen schon wert? Ich probiere es dennoch. Ich fahre langsam, halte in vielen Buchten an und schaue mich um, die Viecher könnten ja auch in den Bäumen sitzen, oder? Nach fünf Kilometer sehe ich einige Autos am Straßenrand halten, Touristen mit Kameras stehen herum – meine Chance eine der flinken, scheuen Wildtiere zu sehen. Ich fahre fast in den Graben, schnapp mir die Kamera, und hechte dorthin, wo auch die Anderen stehen. In einem Eukalyptusbaum direkt neben dem Straßenrand sitzt ein aschgrauer Beutelbär in ungefähr sechs Meter Höhe und macht – nichts. Er ist völlig unbeeindruckt von der Menschenmasse die sich langsam unter ihm bildet. Manchmal kratzt er sich, manchmal dreht er den Kopf. Vielleicht stimmen die Legenden, dass in den Eukalyptusblättern psychoaktive Substanzen enthalten sind, und die Bären also ständig stoned sind. Ich habe alle Zeit der Welt, um ihn gegen die Sonne, in der Sonne und im Profil zu fotografieren. Ich schaue mich ein wenig um, mit anderen Fotografen entdecken wir weitere zwei Koalas, aber viel weiter oben, und im Gegenlicht. Ich vermute, dass der an der Straße von dem australischen Tourismusverband angestellt ist. Irgendwann wechselt der Koala den Ast, später sogar den Baum, und nach 20 Minuten fahre ich auch weiter. Im Laufe der weiteren Fahrt und Rückfahrt sehe ich weitere elf Koalabären, die alle ziemlich entspannt sind, die meisten schlafen, wie es die aschgrauen Beutelbären zwanzig Stunden am Tag machen – sehr sympathisch. Die Fahrt zum Leuchtturm hat sich also gelohnt.

Danach weiter bis kurz vor Melbourne, an beeindruckenden Surferstränden vorbei. Bell’s Beach, Lorne, Apollo Bay und Torquay. Die Surfer geben sich auch alle Mühe, möglichst stereotypisch auszusehen, die Orte hier haben ein ganz eigenes Flair. Die Straße wird auch beeindruckender – direkt in die Klippen geschlagen und kurvig. Den Tag beende ich in Geelong, wo der Irish Pub mal wieder ein WLAN zur Verfügung stellt.

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2 Antworten zu The Great Ocean Road

  1. Thiemo sagt:

    Endlich wieder Blog lesen

  2. Stephan sagt:

    Na also, geht doch in Australien…

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