Radl-(Tor)tour

Ich kann nicht mehr. Zehn Minuten Radltour, und ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht so langsam Rad fahren wie unser Tour-Guide. In regelmäßigen Abständen trete ich einen Halbkreis in die Pedale, und lasse dann das Rad wieder ein wenig rollen. Trotzdem laufe ich häufig Gefahr, Manuel hinten drauf zu fahren. Offensichtlich hat sein Rad einige innere Widerstände, als es einen sanften Hügel hinabgeht ändert sich an der Situation nichts, ich muss häufig bremsen. Auf Deutsch stelle ich mit Frank fest, dass es vielleicht keine so kluge Idee war, eine Radtour bei einem Fremdenführer zu buchen, der uns eigentlich einen Ausritt verkaufen wollte. Offensichtlich sind Drahtesel und Pferde doch nicht allzu nah verwandt. Wenn ich nicht ständig aufpassen müsste, mit Manuel einen Unfall zu vermeiden, würde ich die Gegend hier noch mehr genießen, aber auch so ist klar: das Valle de Viñales wird seinem Ruf als schönste Landschaft Cubas gerecht.

Hier sind wir gestern angekommen, nach einer vierstündigen Busfahrt mit Viazul. Spannend war die Überlandfahrt – die meiste Zeit auf einer anständig ausgebauten vierspurigen Autobahn. Wobei man sich jetzt nicht an dem Bild ‚vierspurige Autobahn in Deutschland‘ orientieren sollte. Hier überholt der Bus öfters Pferdefuhrwerke und Fahrräder; im Schatten unter Brücken sammeln sich Kubaner, die ebenfalls auf den Bus warten. Natürlich keinen so luxuriösen wie den unseren, der gemeine Kubaner fährt auf einem umgebauten LKW, dessen Pritsche von einem Art Viehtransporter-Aufbau gekrönt ist. Kostet wahrscheinlich dafür weniger als unser Bus, und muss nicht in Pesos Convertibles gezahlt werden. Dafür hält der Bus wohl auch an jeder Brücke. Immer wieder sehen wir Trupps, die mit einer Machete das Gras am Seitenstreifen in Zaum halten, und Spuren auf Mittelstreifen zeugen von improvisierten Linksabbiegelösungen.

In Vinales hat uns unsere Herbergmutter am Bus abgeholt, wir kommen im sehr kommoden Gästezimmer (mit eigenem Bad) des Familienbungalows unter. Auf der Veranda sitzen wir im Schatten und bekommen erst einmal eine Cerveza Cristal, während die Herbergsmutter unseren Ausflug organisiert. Auch ein leckeres Abendessen lässt sie uns genießen, ein Service den die meisten Casa Particulares anbieten. Das Essen ist zwar einwandfrei, aber ein wenig fehlt natürlich die soziale Komponente eines öffentlichen Lokals. Das versuchen wir bei einem Mojito in der Stadt nachzuholen, aber natürlich müssen wir uns für unsere anstrengende Radtour schonen.

 

Mittlerweile haben wir die Hauptstraße verlassen und fahren auf einem staubigen Feldweg zwischen Tabakfeldern. Ein gemächlich reitender Bauer mit sonnengegerbten Gesicht überholt uns, hält auf ein Schwätzchen mit Manuel an; wir sehen uns derweil um. Fruchtbar sieht die rotbraune Erde aus, und nach den saftig-grünen Pflanzen zu urteilen ist sie es auch. Manuel erklärt uns, dass die großen, unteren Blätter der Tabakpflanze eher für die Deckblätter geeignet sind, während die oberen Blätter mehr Nikotin enthalten und in die Füllung kommen.

Wir fahren weiter, und kommen zu einer einfachen Hütte auf einem Hügel. Hier treffen wir den Bauern von eben wieder. Überraschung – er baut nicht nur Tabak an, sondern macht auch in kleinen Chargen Zigarren. Er demonstriert, indem er auf der Armlehne seines Stuhls eine Zigarre rollt. Am Ende holt er aus seiner Brusttasche ein makelloses Deckblatt und vollendet das Werk, welches er mir anbietet. Frank bekommt auch eine, die hatte er wohl vorbereitet. So freuen wir uns über das authentische Erlebnis auf dem Land, auch wenn ich bislang um 10:00 morgens keine Zigarren zu rauchen pflegte. Ein Touristenpaar zu Pferd gesellt sich zu uns, lehnt aber vehement eine Zigarre ab.

Danach geht es zu Fuß weiter zu einem kleinen Tümpel in einer Höhle, dort könnten wir auch baden. Wir sind nicht die ersten, es entsteht ein veritabler Stau vor der Höhle. Drinnen ist es dunkel, und diverse Taschenlampen und Handys werfen irrlichternde Lichtkegel umher – nicht ganz optimal für die Touristinnen, die wohl etwas früher da waren, schon gebadet haben, und sich nun – umringt von lauter Menschen mit Taschenlampen – unter einem etwas knappen Badetuch versuchen umzuziehen. Dezent wegschauen wäre auch eine Option, macht aber weniger Spaß.

Danach kehren wir zu dem Bauern zurück, in einem Nebenzimmer hat er mittlerweile seine Zuckerrohrpresse klar gemacht und zeigt uns nun, wie viel Saft in so einer Staude steckt. Die erste Stufe der Rumherstellung. Auch hier hat der Bauern schon etwas vorbereitet, und so bekommt jeder einen Becher Rum aus nicht gekennzeichneter Flasche, gemischt mit etwas frischem Zuckerrohrsaft und etwas Ananassaft. Es wirkt nicht mehr ganz so spontan wie das Zigarrenrollen, und so überrascht es nicht mehr, dass wir neben der Pina Colada auch ein paar der an der staatlichen Aufsicht vorbeigedrehten Zigarren käuflich erwerben können. Grinsend mutmaße ich mit Frank, dass der Bauer nach getanem Tageswerk mit seinem Pferd zu einer ärmlichen Scheune an der Straße reitet, und es dort gegen einen importierten SUV tauscht.

Im weiteren Verlauf des Tages kommen wir noch an einer Aussichtshütte vorbei (die haben zufällig frische Minze, Rum und Eis), und dürften noch das Mural de la Prehistoria mitsamt Visitor Center besuchen, wo ein mexikanischer Künstler die Seite eine Karstfelsens mit Mammut- und Neanderthal-Motiven verziert hat. Wir verzichten dankend, und lassen Manuel heimradeln. Wir sind wieder im Bereich asphaltierter Straßen und trauen uns den Rückweg auch so zu. Frank radelt noch einen Umweg, mir reicht’s und ich nehme die Direttissima zu unserer Casa Particular und dem dort vorhandenen Bierkühlschrank.

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