Nach Norden

Schweren Herzens verlasse ich Sydney, bei Hildegard und Walter habe ich mich richtig wohl gefühlt. Die Route geht nach Norden, Richtung Cairns, wo ich in ca. drei Wochen mein Auto abgeben werde. Aber erst noch ein kleiner Abstecher nach Manly Beach, der zweit berühmteste Strand von Sydney. Vielleicht gerade weil ich Bondi Beach doch recht kurz abgehandelt habe, will ich zumindest hier etwas Zeit verbringen, und Manly liegt eher an der Route nach Norden. Dort angekommen sehe ich alle Elemente eines mondänen Strandbades – eine baumbewachsene, großzügige Strandpromenade, ein schöner Sandstrand, ein paar Surfer im Wasser, eine Surfschule, die Trockenübungen am Strand macht, um ein felsiges Kap geht ein befestigter Weg und hinter der Strandpromenade eine bunte Ansammlung von Läden, Cafés, Restaurants und Hotels der gehobenen Preisklasse. Damit ich das alles sehe, muss allerdings der Scheibenwischer dauernd laufen – auch Sydney ist traurig dass ich fahre und weint mit einem kontinuierlichen Nieselregen. Das trübt das Gesamtbild doch erheblich, und nach 10 Minuten, die ich mit der Kamera – diese meist in einer Einkaufstüte geschützt – umherstreife, erkenne ich die Sinnlosigkeit und wende mit endgültig nach Norden. Der kleine Abstecher hat mich allerdings bestimmt dreieinhalb Stunden gekostet, vielleicht auch durch meinen sturen Verzicht auf Mautstraßen bedingt (ich traue dem Braten nicht, dass der Mietwagen registriert ist, und die alles problemlos per Videomaut regeln, so habe ich meinem Navi erklärt er soll doch bitte die Mautstraßen einfach meiden). Mein nächstes Ziel ist der Waterfall Way, im Reiseführer nur fünf Zentimeter nördlich von Sydney, aber auf der Straße zieht sich das erheblich mehr. Jedenfalls schaffe ich es an dem Tag nicht mehr dorthin, ich nehme ein billiges Motel um am nächsten Morgen früh aufzubrechen.
Am nächsten Morgen ist es weiterhin trüb, ich mache mich dennoch auf die Piste. Von Bellingen an der Küste windet sich eine kurvige Straße ganz nach meinem Geschmack auf die küstennahe Hochebene. Das erste Etappenziel ist der Dorrigo National Park, ein unwegsames Tal mit Gondwana-Regenwald. Am Rand des Tals (eher ein Canyon) ist ein schönes Besucherzentrum, ein einfühlsam gedrehter Film zeigt das Leben in dem Regenwald, beschreibt aber auch die Urbarmachung dieses Gebietes durch die ersten westlichen Siedler. Dieser Teil des Regenwalds konnte so lange erhalten bleiben, weil das Tal so unwegsam und unzugänglich ist. Danach wandere ich noch ein paar der kurzen Naturpfade, ganz stilecht in Flip-Flops, und kehre schließlich nach fast zwei Stunden wieder an das Rand des Canyons zurück. Keine hundert Meter hinter der Kante wandelt sich die Landschaft in fruchtbares Weideland, das wird wohl früher auch Regenwald gewesen sein. Aber satte Kühe und danach satte Menschen gehen vor. Mal wieder trifft mich die Erkenntnis, wie wir Menschen unseren Planeten bis auf’s letzte auszutzeln, und frage mich, ob die Natur da überhaupt eine Chance hat. In Ländern wie Australien ist die Gesellschaft ja immerhin wohlhabend genug, um sich heute solche Nationalparks zu leisten, aber in anderen Gegenden, wo die Menschen wirklich um ihre Existenz kämpfen? Nicht ohne die Ironie davon zu sehen, setze ich mich alleine in meine ledergepolsterte Familienkutsche und fahre nachdenklich weiter.
Durch großartige Landschaften – mit einigen Abstechern zu Wasserfällen – fahre ich die Route weiter nach Norden, durch goldfarbenes trockenes Weidegras, mit einigen wirren Bäumen mitten drauf. Die Sonne senkt sich langsam, dadurch werden die Farben noch intensiver. In Tenterfield biege ich nach Armidale ab, wieder zu Küste und der entsprechenden Küstenstraße. Die Straße macht richtig Spaß; mein Passat ist zwar kein Sportwagen, aber hat doch ein vernünftiges Fahrwerk, und ist sportlicher abgestimmt als der Nissan Pulsar den ich hier kurz hatte. Ich sehne mich nach meinem Auto, aber da es jetzt zügig dunkel wird, kann ich die Straße sowieso nicht auskosten. Ein beleidigt dreinguckendes Känguru hinter einer Brücke erinnert mich auch an die wirklichen Gefahren hier, und ich fahre aufmerksam und moderat weiter; mache mich dabei auf die Suche nach einer Unterkunft.
„Es ist sauber“. Das ist fast die positivste Aussage zu einigen der Motels, die ich hier aufsuche, wenn das nächste echte Ziel heute nicht mehr erreichbar ist. So auch meine Unterkunft in Casino. Die Wände beige gestrichener Kalksandstein, UV-geschädigte Plastikmöbelierung im Bad, und an der Decke eine flackernde, nackte Neonröhre. Äh, ich meine natürlich eine freibrennende kaltweiße T12 Leuchtstofflampe mit konventionellem Vorschaltgerät. Interessanterweise hängt auch hier ein Bild von einer griechischen Insel an der Wand, wie in gefühlt 90% der Motelzimmer. Weiß getünchte Häuser mit blauem Kuppeldach – ist das Santorin? Und billig sind die Motels auch nicht, meist neunzig Dollar, also sechzig Euro, aber – wenigstens sauber. Als Abendessen gibt es heute mal wieder mein Standard: Fladenbrot mit Hommus. Das Fladenbrot ist nicht so fluffig wie normales australisches Brot, und mit dem Hommus, der hier australisch aufbereitet wird, also mit zehn Geschmacksrichtungen und Toppings, schmeckt es richtig lecker. Am nächsten Morgen um zehn geht’s weiter, erfreulicherweise ist das die übliche Check-Out Zeit, und ich bin nicht in Versuchung noch länger auszuschlafen.
Nimbin
„The law is the crime“. Gemeint ist das Gesetz welches in Australien Hanf verbietet, zumindest bestimmte bewusstseinserweiternde Ausprägungen davon, und der Satz findet sich mehrfach – auf Aufklebern, T-Shirts und sonstigen Artefakten – im Hemp Embassy in Nimbin. Nimbin ist ein kleiner Ort im Norden von New South Wales, in dem 1973 ein Aquarius Festival stattfand. Damals traf eine große Gruppe von Menschen mit alternativen Lebensvorstellungen – Hippies genannt – hier ein, und einige von ihnen hatten wohl keine Rückfahrkarte. Sie blieben, und krempelten das wirtschaftlich daniederliegende Dorf um. Heute ist Nimbin eine Art Zentrum für alternative Subkultur, die Hauptstraße ist gesäumt von bunt bemalten Häusern mit Läden die Hanfprodukte und andere Auswüchse des leicht Esoterischen feilbieten. Auf der Straße sieht man originale Hippies, mit langen, grauen Haaren, Tätowierungen und schlabberigen Klamotten; aber auch moderne Aussteiger, mit langen, ungewaschenen Haaren, Tätowierungen und schlabberigen Klamotten. Ein Aushang am Community Center macht Werbung für eine Nacktfahrradfahrt, Schilder fordern auf nicht HIER zu dealen, wirken aber nicht so, als ob sie die Notwendigkeit dieser Aktivität prinzipiell in Frage stellen. Und ich mittendrin. Dankenswerterweise ist mein Auto ziemlich schmutzig, und ich habe immerhin einen alten Mann als Anhalter in die Stadt gebracht. Dennoch verzichte ich bei meinem ersten Rundgang auf die Kamera, um nicht zu sehr aufzufallen. Ich werde zweimal angesprochen, ob man mir mit ‚irgendwas‘ helfen könnte, aber ich lehne freundlich ab. Interessant, dass der Haufen von den Behörden wohl offensichtlich halbwegs in Frieden gelassen wird, wahrscheinlich denkt sich die Staatsmacht, dass es besser ist die ganzen Typen auf einem Haufen zu haben. Am Ende noch ein kurzer Rundgang durch’s Nimbin Museum, eine wahre Rumpelkammer von diversen Zeitungsausschnitten und Hommagen an Hanf, das Hippie-Image wird durch drei VW-Busse der ersten Generation verstärkt (ausgeweidet und aufgeschnitten, aber damals wussten sie’s halt nicht besser). Die Leute hier sind auch stolz darauf, dass sie einige Zeit nach dem Festival eine der ersten erfolgreichen Ökoproteste gegen die Abholzung eines alten Waldes durchgeführt haben, heute protestieren alle einhellig gegen Coal Seam Gas, der australische Begriff für mittels Fracking erschließbares Erdgas. Dann noch ein kurzes Mittagessen mit dem Niederschreiben dieser Eindrücke, noch ein paar Fotos, und ich mache mich wieder auf den Weg nach Norden.

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1 Antwort zu Nach Norden

  1. Stephan sagt:

    Du passt schon in das Land der komischen Vögel:
    „Aber satte Kühe und danach satte Menschen gehen vor. Mal wieder trifft mich die Erkenntnis, wie wir Menschen unseren Planeten bis auf’s letzte auszutzeln, und frage mich, ob die Natur da überhaupt eine Chance hat.“
    Sagt einer der größten Rindfleischvertilger die ich kenne….

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