Muslim Wet T-Shirt Contest

Noch sieht man den Wasserfall noch nicht, aber man hört das Rauschen. Man tut sich zwar auch dabei etwas schwer, denn meist wird das beruhigende Rauschen von lautem Mädchengelächter und Gekreische übertönt. Es hört sich an, als würde dort die Klassenfahrt der Oberstufe des Royal Brunei Gymnasiums stattfinden. Man hört wildes Geplansche. Bilder von in dürftigen Bikinis bekleideten asiatischen Schönheiten, die ausgelassen im Wasser herumtollen, setzen sich in meinem Hirn fest. Spring Break im Dschungel von Borneo. Durch das Bachbett stapfend umrunden wir die letzte Biegung vor dem Wasserfall. Krrrrrscht. Fast hörbar zerspringt das geistige Bild, Brunei Darussalam ist ein streng muslimisches Land. Es sind zwar junge Frauen, die dort im Wasser planschen, aber züchtig bekleidet, wie sich das gehört. Kopftuch, langärmelige Oberteile und Kunstfaserjogginghosen. Zusammen mit ihren männlichen Kollegen wird das kalte Wasser lamentiert, mit einem Selfie-Stick (gibt’s das in Europa schon? Der asiatischen Vorliebe für Massen-Selbstportraits wird mit einer langen Stange gefrönt, mit der man das am Ende befestigte Handyfoto auslösen kann. So passen mehr Leute aufs Bild) wird der denkwürdige Moment festgehalten. Meine Begleiter und ich sind von dem ca. vier Meter hohen Felsen, von dem sich ein kleiner Bach todesmutig hinunterstürzt, nicht sonderlich beeindruckt. Katrin und Michael haben länger in Darwin gearbeitet, kennen den Litchfield National Park mit seinen wunderschönen Wasserfällen und dazugehörigen Badepools, und sind von der 25 Quadratmeter großen Pfütze, deren Wasser durch 34 Asiaten aufgewühlt ist, eher enttäuscht. Immerhin gibt es hier kostenlose Fußpflegefische, die sich toten Hautpartikeln mit aggressivem Hunger widmen. Umkleiden gibt es keine, und obwohl ich mich auf die Erfrischung gefreut habe, lädt das trübe Wasser nicht hinreichend ein, um sich irgendwo im Dschungel wild umzuziehen. So lassen wir unsere Füße weiter beknabbern, und beobachten das laute Treiben. Angesichts der dunklen Kleidung, die zwar nass, aber sackartig, die jungen Damen verhüllt, kommt auch nicht die billige Erotik eines Wet-T-Shirt-Contests auf.
Der Ausflug zum Wasserfall ist Teil der Tour zum Ulu Temburong Nationalpark, eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Brunei Darussalam. Für mich begann er asiatisch-typisch mitten in der Nacht – um kurz vor sieben – an der Schnellbootanlegestelle von Bandar Seri Begawan. Wenigstens strebt niemand an, den Sonnenaufgang im Dschungel zu erleben, so dass ich immerhin bis sechs schlafen konnte. Mit einem Schnell-Boot-Bus fahren wir von BSB nach Bangar. Brunei als Land ist in zwei Teile geteilt, die auf dem Landweg nicht verbunden sind, so dass das Boot die einzige Möglichkeit ist, um nicht kurz in Malaysien ein- und auszureisen. Mit 65 km/h treibt der Fahrer das Boot über den Bruneifluss und durch enge Kanäle im Mangrovenwald, mehr als je zuvor erinnert mich die Fahrt an „Apocalypse Now“. Eigentlich nicht überraschend, der Film wurde auf den Philippinen gedreht, und die sind hier ja nur um die Ecke. Auch die Geschwindigkeit, und die Art in der sich das Schnellboot in die Kurven legt, erinnern an das PBR von Chief Quartermaster Philiips. Nach ca. vierzig Minuten Fahrt kommen wir in Bangar an, wo uns eine lebhafte muslimische Führerin in Empfang nimmt. Meine Begleiter hier sind Audrey und Tom aus Australien/England, und wir fahren mit dem Auto zu einer Ecolodge. Hier bekommen wir einen Kaffee zum Frühstück (Instantkaffee mit künstlichem Weißer und Zucker gleich ins Packerl gemischt), und treffen noch Mario, Katrin und Michael, die hier zwei eher ereignislose Nächte verbracht haben. Danach werden wir in zwei Langboote verfrachtet, die den Fluss mit seinen Stromschnellen zum Nationalpark hinauffahren. Brunei ist ein reiches Land, und hat einen großen Teil seiner geringen Landfläche zum Nationalpark erklärt – so ist die Natur wunderschön und unberührt, ein echter Genuss, wenn auch ein unaufdringlicher. Um etwas mehr Aufregung zu bieten, wurde der Canopy Skywalk am Ende eines Jungle-Treks auf einer Hügelspitze errichtet – 60 Meter Alubrücken in der luftigen Höhe von ca. 50 Meter. Die Brücken werden von fünf Baugerüsttürmen aufgeständert, der Aufstieg erfolgt wie eben bei Baugerüsten üblich – mit Leitern zwischen den drei Meter Etagen. Dankenswerterweise ist ab acht Metern Höhe das Gerüst zusätzlich mit einem Drahtgitter umhüllt, dennoch wackelt die gesamte Konstruktion am oberen Ende merklich – es kostet mich reichlich Überwindung, den Turm zu erklimmen, und auch ein Foto ohne festklammernde Hände auf einer der Brücken ist nicht typisch für meine Haltung in der Höhe. Die Führerin hat uns vorher ein Safety Briefing gegeben, maximal fünf Leute gleichzeitig auf dem Turm. So trennen wir unsere Gruppe, und ich bin etwas überrascht, als uns – zu viert steigend – plötzlich vier asiatische Mädels entgegen kommen, die wegen ein paar Bienen umgekehrt sind. Der Blick von oben ist hübsch, keine Frage, man ist auf Augenhohe mit den Baumwipfeln, und sieht über grüne Hügel hinweg. Viel mehr sieht man allerdings nicht. Keine Affen schwingen sich an Lianen von Ast zu Ast, keine prächtigen Vögel zwitschern im Blattwerk – nur grüne Baumwipfel. Ich hab mich auch bei meinen Mitkletternden rückversichert – es ist nicht nur mein Höhenangstunwillen, der meine Wahrnehmung einschränkt. Der Begriff Trek ist übrigens auch nicht ganz passend – die achthundert Stufen von der Anlegestelle zum Canopy-Walk sind in einer guten Viertelstunde bewältigt, vier Schutzhütten auf dem Weg sorgen für Sicherheit und Pausen. Audrey und Tom haben bei der Buchung erzählt bekommen, lange Kleidung und festes Schuhwerk zu tragen, bei 35° und 100% Luftfeuchtigkeit sehen sie dementsprechend aus, aber auch der Rest von uns tropft fröhlich vor sich hin. Da hört sich jetzt der Wasserfall eigentlich sehr verlockend an.
Am Ende bekommen wir noch ein Mittagessen, besuchen ein traditionelles Langhaus und fahren mit dem Schnellboot zurück. Katrin, Michael und Mario wohnen um die Ecke, und wir verabreden uns um am Abend die Stadt unsicher zu machen. Ein großes Vorhaben in Bandar Seri Begawan – für das Nachtleben ist die Stadt nicht bekannt.
Meine Eindrücke bisher: Ich bin am Freitag kurz vor Mitternacht angekommen, komfortabler Flughafen, entspannte Einreise, aber auf mich wartet niemand. Bei der Hotelbuchung habe ich das Kommentarfeld genutzt, um den angepriesenen Flughafenshuttle zu erbeten – das hat wohl nicht geklappt. Problem: kein Geldautomat, kein Internet, keine Ahnung. Ein verlassener Taxischalter weist Preise in die Stadt aus, mein Hotel soll 30 Bruneidollar kosten, das sind jetzt – ja was denn eigentlich? Ein Taxifahrer spricht mich an, ich frage, ob er auch US-Dollar nimmt, und er rechnet schnell: Ja, kostet 25 USD. So weit ist die Stadt doch gar nicht – ich wittere Beschiss. Aber meine Währungsapp lässt die Umrechnung plausibel erscheinen, und so schlage ich notgedrungen ein. Die Fahrt dauert sieben Minuten, Bruneis Straßen sind verlassen. Ich bemerke sarkastisch, dass 25 USD für sieben Minuten doch recht extrem sind, aber der Fahrer zuckt nur mit den Schultern – so viel Englisch würde ich dann auch nicht verstehen. Auch das Hotel bestätigt die Richtigkeit der Preisfindung. Offensichtlich keine typischen südostasiatischen Preise mehr. Ich habe mir diesmal etwas mehr Hotel gegönnt, auch die billigen waren hier recht teuer, da durfte es auch mal wieder ein echtes sein. Ansprechender Business-Standard, auch hier wird die Toilette beim Duschen nicht nass.
Am nächsten Morgen – cum tempore – gucke ich mich mal in der Stadt um.
Brunei Darussalam ist sorgfältig und teuer angelegt, aber für die ständige Wartung fühlt sich niemand verantwortlich. So wirkt es prachtvoll, aber auch ein wenig heruntergekommen. Die Architektur ist asiatisch muslimisch, erinnert somit auch an den mittleren Osten. Obwohl dieses Land pro Kopf eines der reichsten Länder Südostasiens ist, ist das Straßenbild eher von Kleinwägen geprägt, einige davon auch schon eher in die Jahre gekommen. Ich überschlage kurz: ca. 16 Mrd. USD Bruttoinlandsprodukt, für ungefähr 400.000 Einwohner, macht 40.000 BIP pro Kopf – doch eigentlich ganz gut. Allerdings – der Sultan ist ja auch einer der Einwohner, und dessen Palast sieht nicht nach 40.000 Dollar Einkommen aus. Es kann gut sein, dass die Familie des Sultans erstmal über die Hälfte des Geldes bekommt, und dann erklärt sich das Straßenbild auch eher. Immerhin für das geistige Wohl ist gesorgt – BSB wird von der Omar Ali Saifuddien Moschee dominiert, die ich in einem geliehenen Mantel auch innen ansehen – aber nicht fotografieren – darf. Danach gebe ich mir noch einen Ruck, miete mir mein persönliches Wassertaxi für eine Stunde. Wir fahren am Sultanspalast vorbei (den man kaum sieht), und halten im Dschungel ein Kilometer weiter flussabwärts nach den hier wohnenden Langnasenaffen Ausschau. Die Affen waren ein Tipp vom Bootfahrer, es ist ihm recht arg, dass wir erst gar keine sehen. Schließlich erbarmt sich ein Affe 100 Meter weiter im Dschungel, und klettert laut kreischend aus einem Baum hinab – für ein Foto reicht’s nicht, aber immerhin glaube ich jetzt dem Fahrer, dass es hier welche gibt. Auf dem Rückweg in die Stadt sehen wir noch ein Krokodil in freier Wildbahn, hier gibt es immerhin ein gutes Foto von dessen Hinterteil, wie es gerade im Wasser verschwindet. Danach drehen wir noch eine Runde durch das Dorf am anderen Flussufer, hier stehen die ganzen Gebäude aufgeständert im Fluss. Der Fahrer zeigt mir stolz die ganzen Schulen, offensichtlich ist die soziale Infrastruktur gut entwickelt, und der Sultan tut seinem Volk einiges Gutes. Sorgfältiges Studium meines Reiseführers und eine Überprüfung meiner Motivation ergibt, dass sich damit BSB für mich erledigt hat.
So genieße ich mein schickes Hotel, indem ich versuche den nächsten Teil meiner Reise im Internet zu planen – leider klappt mein schicker Plan gar nicht: Ich hatte überlegt auf der Insel Borneo zu bleiben, und an deren östlichem Ende in Sipadan in ‚einem der besten Tauchreviere der Welt‘ etwas zu tauchen, vielleicht ein wenig auf der Suche nach Orang Utans durch den Regenwald zu laufen, und den Mt. Kinabalu zu erklimmen. Leider stellt sich heraus, dass die meisten dieser Aktivitäten auf Wochen hinaus ausgebucht sind, und so schreibe ich den Rest von Borneo auf meine Bucket-List und kümmere mich um einen Flug auf die Malayische Halbinsel. Auch hier finde ich für den Tag danach nicht die volle Auswahl an Flügen zu günstigen Preisen, und so schleiche ich mich erstmal zum Abendessen. Wir fahren mit einem Taxi (öffentliche Busse haben um sechs den Betrieb eingestellt) in ein anderes Stadtviertel, wo ein Nachtmarkt mit kulinarischen Genüssen lockt. Für einen Brunei-Dollar (ca. 0,60€) bekommt man hier einiges geboten, wie vier kleine Satay-Spießchen. Perfekt, da wir zu viert unterwegs sind, und so fressen wir uns für kleines Geld durch ungefähr sechs verschiedene Speisen, nicht alles ist uns ganz geheuer. Besonders perfide sind kleine von Pfannkuchenteig umhüllte Thunfischbällchen, die danach mit seltsamen dünnen Flocken serviert werden. Die Flocken könnten extrem dünn geschnittener Speck sein (oder Fisch, wahrscheinlich in einem muslimischen Land), und durch die Wärme und Feuchtigkeit der Bällchen krümmen und winden sie sich – so sieht unsere Schachtel aus, als würde sich noch leben.
Nach dem Nachtmarkt laufen wir noch an der Jame’Asr Hassanil Bolkiah Moschee vorbei – hier hat ein späterer Sultan sich ein imposantes Denkmal gesetzt – und versuchen dann ein Taxi für die Rückfahrt in unser Viertel zu finden. Etwas verloren stehen wir vielleicht zehn Minuten am Straßenrand, als schließlich ein Auto hält. Eine Frau, die bei ihrem Urlaub in Europa freundlich behandelt wurde, will den Gefallen zurückgeben, und fährt uns wohin wir wollen – dabei unterhalten wir uns nett, bieten ihr an, uns per Mail zu kontaktieren, wenn sie mal in Deutschland wäre. Wie bieten ihr auch noch an, einen Tee im angesagtesten Szenelokal von BSB mit uns zu trinken, aber sie lehnt freundlich ab. So sitzen wir in dem Café mit eisgekühltem Zitroneneistee und philosophieren über das Erlebte, und das Wesen von Urlaubserinnerungen. Sehr mutig, einfach mal vier Anhalter mitzunehmen, drei davon männliche Schränke (ich bin halt ein breiter Schrank), aber wir sind uns einig: Dieser ‚random act of kindness‘ war der Höhepunkt des Tages. Soviel zum Thema Reizüberflutung im Urlaub.

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1 Antwort zu Muslim Wet T-Shirt Contest

  1. Andrea sagt:

    Na, das klingt doch fast ein bisserl als ob sich da einer langsam mental auf’s heimkommen einschwingt…. Ich spüre eine winzigkleine Urlaubsübersättigung zwischen den Zeilen…
    Hab gestern eine Neuauflage Summer Ale gebraut, das wartet dann auf dich…

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