Mord(lust) auf dem Siem-Reap-Express

International Express-VIP-Bus to Siem Reap, Cambodia, USD 35 or 280.000 Kip. Jeder dritte Laden in Hua Det hat das gleiche Angebot, die anderen beiden bieten keine Busfahrten an. Auch das Plakat ist identisch, DIN A0 auf Plastikfolie, mit Fotos von Bussen, mit Handykamera aufgenommen, die mangels Auflösung auf einem A0 Plakat nichts verloren haben. Dass sie offensichtlich auch seitenverkehrt einmontiert wurden, fällt da gar nicht mehr auf. Also aus BWL-Sicht ein vollständig transparenter Markt denke ich mir, und buche für eine gute Viertel Million die nächste Etappe meiner Reise. Morgen früh um acht geht’s los, Ankunft in Siem Reap um 22:00. Die Bootsfahrt ans Flussufer ist mit dabei.

Am Abreisetag ist es mit der Transparenz vorbei. Am Strand von Hua Det, der Metropole auf Don Det stehen ca. 40 Reisende mit Gepäck – Neid auf die 8kg Reisenden, einige rauchen noch schnell das letzte Gras weg, der Grenzübertritt mit ist ihnen vielleicht doch zu heikel, denn eindeutig illegal ist es auch in Laos. Eine halbe Stunde dumm rumstehen ist nichts neues, please don’t rush. Verteilung der Passagiere auf die Langboote. Offensichtlich gibt es doch zwei verschiedene Angebote, denn obwohl ich mich gefreut hatte, mit den bereits bekannten Graeme und Caroline nach SR zu fahren, werden wir auf unterschiedliche Boote gelotst.

In Ban Naka Sang gibt es einen Busbahnhof. Dort sammelt ein windiger Laote von allen Reisenden erst einmal die Pässe und 30 USD für das Visum ein, obwohl es angeblich nur 25 USD kosten soll. Ich habe mein Visum bereits in Berlin bekommen, und werde von allen dafür beneidet. Dass ich mit anteiliger Servicegebühr eher 50 Euro gezahlt habe, erzähle ich ihnen nicht. Graeme durfte die Visa Prozedur mit der zweiten Gruppe in einem Café machen, die kommen nun auch zum Busbahnhof und steigen in einen großen Reisebus mit cambodianischem Kennzeichen, und der Bus fährt nach 15 Minuten ab. Wir stehen weiter dumm rum. Ca. um 9:30 werden wir in zwei Minibusse verfrachtet – ist ja nur zu ca. 25km entfernten Grenze. Dort wartet dann der komfortable VIP-Bus auf uns.

Die Grenze ist beschaulich. Auf laotischer Seite ein großes,weißes, die Straße überspannendes Gebäude mit laotischer Dachform und Ornamentierung. Wir fahren ungehindert durch das Gebäude durch, die Abfertigung findet in einem ausrangierten Eisenbahnwagen statt, der unter einem schattenspendenden Bambusdach steht. Hier zahle ich zwei Dollar ohne Quittung für den Ausreisestempel. So ein Grenzbeamter muss auch leben. Dann zu Fuß unter zwei Schlagbäumen durchgeduckt, und ich bin auf cambodianischem Staatsgebiet. Das Abfertigungsgebäude hier ist größer, eher terracottafarben, etwas anders ornamentiert (typisch Cambodia) und bietet Platz für vier Autospuren. Die Gesundheitskontrolle findet an einem Campingtisch mit Schirm statt (1 Dollar), die Einreise an einer Holzhütte (2 Dollar Stempelgebühr). Der Rest der Gruppe hat sein Gepäck auf der Straße fallen gelassen, manche kaufen sich eine Nudelsuppe während sie auf die abgefertigten Pässe warten. Irgendwann um 10:30 verabschiede ich mich nochmal von Graeme, und deren VIP Bus fährt los. Unserer kommt bestimmt auch gleich.

Kurz vor 11:00 ruft der windige Passabfertigungs-Laote laut „Siem Reap“, und führt uns zu einem Minibus. Für 13 Passagiere zugelassen, mit 13 besetzt, leider ist unter den Sitzreihen ein langes Paket verstaut, welches fast allen Fußraum beansprucht. Ich fange an leicht innerlich zu brodeln, Mordlustfaktor 60%. Es ist nur für ein kurzes Stück, dann steigen wir um. Wegen des Gepäcks geht die Heckklappe nicht zu, da ziehen dann doch immer die giftigen Abgase rein, oder? Mordlustfaktor 70%. Unser fahren hängt sich so ein Schlafnackenkissen um, steigt ein und fährt los. Zügig, für fast 20 Meter. Dann halten wir an, und zwei Brasilianer sollen noch mit nach Siem Reap. „Four each row, please“. Mordlustfaktor 99%. In das allgemeine Protestgebrabbel stimme ich mit einem gebrülltem „We fuckin paid for a VIP-Bus“ ein, aber an es ändert an den Tatsachen auch nichts. Die Brasilianer können auch nix für und ein Cambodianer zuckt mit den Schultern, meint das VIP-Bus kaputt, und if you want Siem Reap, no choice. So geht’s also los, es ist 11:00.  Eine letzte Gruppe für einen Minibus verliere ich dort aus den Augen. Das Paket unter den Sitzen ist leicht zur Seite gerutscht, ich kann abwechselnd einen Fuß auf den Boden stellen, den anderen so unter die Bank fädeln. Ist ja nur für fünf Stunden bis zum angeblichen Umsteigen. Sophie aus England, die auf der anderen Seite unserer gemütlichen Viererbank sitzt, ist für die Zeit in einer Dauer-Yoga-Stellung verhaftet.

Wir haben einen Rennfahrer. Die Straße ist super, wir fahren auf fast leerem Feld mit ca. 120km/h nach Süden. Hey cool, so dauert das nicht bis 22:00, verfolge ich auf meiner Online-Karte und GPS. Doch dann kommt ein freundliches Schild „Ende der Ausbaustrecke“. Nur ein Scherz, das Schild gab’s nicht. Das Ende der Ausbaustrecke schon. Metertiefe erkennbare Schlaglöcher, und viele Pfützen unbekannter Tiefe, dem Regen der letzten Tage sei es gedankt. Dennoch, ehrgeizig bleibt unser Fahrer. Nach zwei Stunden überholen wir den VIP-Bus, der 30 Minuten vor uns losgefahren war. Wenigstens sind wir also schneller als die. Wir liefern uns (Silber) ein Rennen mit einem weißem Kastenwagen und einem schwarzen Pickup. Es gibt einen fliegenden Start an einer tiefen Querrille, die alle drei Wagen im Schritttempo überqueren. Obwohl Weiß sich alle Mühe gibt, ist er einfach nicht genug motorisiert, wird links von Schwarz und rechts von Silber überholt. Kopf an Kopf bemühen sich Silber und Schwarz um wertvolle Stundenkilometer, doch Schwarz ist nur zu 20% überladen, und hat so einen leichten Vorteil vor Silber mit 50% Überladung. Doch da – Schwarz ist nicht auf Ideallinie, zwei Schlaglöcher bilden eine Schikane und erlauben ihm nicht, seine ganze Kraft auszuschöpfen, und da hat Silber die Lücke schon zugemacht, fährt auf dem unbefestigten Streifen neben der Straße wieder  an Schwarz vorbei. Aber es droht Gefahr, der schwarze auf dem linken Flügel – noch hat der silberne den Weg im Aus gewählt. Wer will ihm das verdenken? Der schwarze erhält noch kurz eine Chance zugesprochen, die ist ausgeführt, da kommt der Gegenverkehr – Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Silber ist Straßenmeister, schlägt Schwarz mit drei zu zwo Metern im Finale vor Kratie! Nach diesen 30 Sekunden, die Sie dem Reporter verzeihen müssen, wollen wir versuchen, in normaler Lautstärke und einigermaßen ruhig das weitere Geschehen hier zu schildern.

Landschaftlich ist Cambodia erst einmal gleich wie das zurückliegende Laos. Hier liegen überall am Straßenrand irgendwelche Lebensmittel zum Trocknen. Bei 120km/h sehen sie aus wie Steinpilze – aber ich bezweifele es irgendwie. Als ein Schlaglochfeld uns neben den Steinpilzen abbremst, scheinen es eher irgendwelche Wurzeln zu sein, die dort trocknen. Auch hier sind die Häuser alle auf Stelzen gebaut, und es ist ein quirliger Betrieb am Straßenrand. Man sieht öfters Plakate der Cambodia People’s Party, wieder ahl Männer, unerbittlich nette ahl Männer. Wir fahren auf einer schlaglochfreieren Straße am Fluß, dafür einspurig mit näherer Grenzbebauung. Mei, die Mopeds und die Kinder sind doch flink, die können schon ausweichen, und unsere Hupe funktioniert.

Wir halten viermal kurz an Orten ausgesuchter Hässlichkeit an, kurze Biopause, undefinierbare Lebensmittel gibt’s zu kaufen. Erdnüsse und Kekse Laos halten mich über Wasser. Um ca. 18:30 halten wir ein fünftes Mal. Hier scheint’s ernster zu sein. Aussteigen mit Gepäck. Unser Fahrer spricht praktischerweise gar kein Englisch (ich hätte es auch nicht zugegeben, und mir das Gejaule acht Stunden anhören müssen), aber der Restaurantbesitzer eilt zur Hilfe: Wir dreizehn steigen hier aus, der Minibus fährt mit unseren beiden Brasilianer nach Phnom Penh, und in zwei Stunden kommt er wieder, und wir fahren nach Siem Reap. Das wird noch so 5 Stunden dauern. Mordlustfaktor: 50%. Ich glaube, das nennt sich weichgeklopft. Der Humor wird galgenkonform. Wir scherzen: Minibus kaputt, aber hier 2 TucTuc. Nach zwei Stunden kommt der Minibus. Nicht unserer, sondern der von den Leuten, die wir an der Grenze aus den Augen verloren haben. Gleiche Strecke, 2 Stunden länger. Um 21:30 hält dann plötzlich ein großer Reisebus: Wir glauben erst mal gar nichts, aber einer steigt aus und fordert uns auf: „Siem Reap? Let’s go!“ Gut, das ist jetzt ein Reisebus modernen Zuschnitts. Er ist weitesgehend mit Cambodianern besetzt, aber die haben wohl die schlechteren Karten und müssen aus den normalen  Sitzen weichen, und … woanders… sitzen. Ist mir egal. Der Reisebus ist klimatisiert, und hat zwei Einstellungen: Arktis und aus, dann gänzlich ungelüftet. Sogar ich fange an, in regelmäßigen Abständen meine Jacke aus- und anzuziehen. Offensichtlich sind die Norm-Reisenden hier kleiner als sogar ich. Wenn ich versuche, gerade zu sitzen stoße ich merklich am Sitz vor mir an. Fünf Stunden so? Es werden sieben. Der Bus zuckelt mit 40 Stundenkilometern auf Straßenumeinander, die ich bei der Marlboro Challenge vermutet hätte, aber nicht auf der Straße zwischen den zwei wichtigsten Städten des Landes. Welcome to Cambodia. Ich hatte sowohl ipod als auch iphone vorher geladen, so hält der Akku durch. Ungefähr zehnmal während der Fahrt habe ich insgesamt „Holiday in Cambodia“ von den Dead Kennedys gehört. Die haben zwar vor 33 Jahren eher soziale Missstände damit anprangern wollen, und nicht Organisationstalent und Straßenzustand, aber der Sound passt gut zu meiner Stimmung.

Um vier Uhr biegt der Bus in ein kleine Gasse ein, holpert über ein paar Steine –  das kann unmöglich das Ziel sein. Aber wir werden rausgeworfen, wir sind da. Als ich das erste Bein auf den Boden setzte, ist schon jemand da: „TucTuc, Sir, how many people?“ Ich bin umringt. Keine Ahnung warum, aber selten war ich so nahe dran, einen Regionaltransport-Dienstleister zu erwürgen. Er will uns ja nur helfen. Und dafür vier Dollar. Das ist wahrscheinlich viel zu viel, aber ich bin zu müde, um ihn weiter als auf drei runterzuhandeln. Ich lasse mich in ein Lonely Planet recommended Hotel der mittleren Preisklasse fahren. Ich hatte noch überlegt, einfach nur das Gepäck hierzulassen, in der Stadt zu frühstücken (mittlerweile 4:45), und mittags einzuchecken, aber als ich merke, wir aggressiv mich das schlechte Englisch des unschuldigen Nachtportiers macht, denke ich: Vielleicht sollte ich doch einfach jetzt schlafen. Also blättere ich das zehnfache meiner letzten Übernachtung hin, um noch schnell vier Stunden ein Bett zu haben. Und das Hotel ist wirklich schön. It’s a holiday in Cambodia, it’s tough kid, but it’s life.

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4 Antworten zu Mord(lust) auf dem Siem-Reap-Express

  1. Christian sagt:

    Tip:Palmzucker in runder oder wuerfelform…am Strrassenrand…..sieht farbloch aus wie Caramel und ist sau lecker…entweder zum gleich essen oder in den tee zum aufloesen….

  2. Christian sagt:

    Gruesse an SR…da gibts einen koreanischen supermarkt und ein koreanisches restaurant….lol..

  3. Stephan sagt:

    Lowlghts gehören halt auch mal dazu….hätte Siem Reap einen Flughafen gehabt?

    • admin4torfprogramm sagt:

      Ja, es hätte Flüge ab Pakse in Laos gegeben (4 Std nördlich von Don Det). Aber als Erfahrung möchte ich es nicht gemisst haben, sonst hab ich doch nix, worüber ich schreiben kann.

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