Mit dem Zug nach Kyaikto

_MG_7633 ordinary classGestern bestellt, heute gefahren. Um 7:00 morgens finde ich mich am Hauptbahnhof von Yangon ein. Reichlich abgeblätterter kolonialer Charme, die Beleuchtungsplanung stammt aus der gleichen Epoche – es ist ziemlich düster. Nach zwei Anläufen finde ich den Übergang zu den Bahnsteigen und meinen Zug: „89up“. Ich habe eine Reservierung in Wagen 2, Sitz 33. Leider haben die Burmesen eine eigene Schrift, die auch andere Ziffern hat. Da bei den meisten relevanten Bereichen die Ziffern auch wie bei uns üblich sind (wie nennen sich die denn? Nach meinem Urlaub im Oman weiß ich, dass wir von den Arabern zwar das Zählsystem mit der 0 übernommen haben, die Ziffern aber auch anders sind), habe ich die Burmesischen Ziffern nicht gerlernt. Offensichtlich sind Wagen- und Sitznummern aber nicht weiter relevant für Ausländer. Ich wende mich an einen Typen mit weißem Hemd und Namensschild. Der ist erst verwirrt, weil die Wagennummer nicht zur ‚Upper Class‘ passt, aber ich habe ‚Ordinary Class‘ gebucht. Alleine wegen der Namensgebung könnte ich mich wegschmeißen. Er nimmt mich ins Schlepptau und führt mich in einen Wagen, und dort an meinen Sitz. (Ich bin froh, dass ich mich nicht entschlossen habe, mich zu Wagen 2 mittels Vergleich mit einem 2oo Kyat Schein durchzubeißen, denn die Sitznummer sind handschriftlich in verwischter Kreide markiert, und Platz 33 von einem burmesischen Mütterchen besetzt. Der Offizielle scheucht das Mütterchen weg (auf den Gangplatz daneben) und geht meinen Gegenüber an, er möge den Karton der unser beider Fußraum blockiert in die Ablage verfrachten. Im Wagen herrscht vollständiges Tohuwabohu. Es ist noch düsterer als im restlichen Bahnhof, Leute drängeln durch den Wagen, alles diskutiert latustark, es ist gesteckt voll. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das düstere: Die größte Drängelei und Lautstärke stammt vom Mitropa Team, hier in der Gestalt von fliegenden Händlern, die Früchte, Zeitungen, warme Speisen und eine Probiertüte Toilettenartikel anbieten. Im Wagen entdecke ich ein Europäisches Paar, wir stellen fest, dass wir das gleiche Ziel haben. Ich habe einen Fensterplatz. Um Verschmutzungen vorzubeugen, die das Fotografieren behindert hätten, hat man praktischerweise auf die Scheiben verzichtet. Der Schieberahmen ist mit einem Blech mit Lüftungsschlitzen bestückt. Anwendung wahrscheinlich bei Monsoonregen. Die Bank macht klar, woher der Begriff Holzklasse ursprünglich kommt. Mein Gegenüber versucht derzeit, den Karton auf der Ablage festzubinden. So ein Schmarrn – man muss nicht Ingenieur sein, um zu erkennen, dass der zu zwei Drittel auf der Ablage liegende Karton statisch ausreichend bestimmt ist.

Gleich ist es 7:15, dann verschwinden die fliegenden Händler, und es wird los gehen. Es geht auch los, aber fliegende Händler sind weiterhin an Bord. Ein paar springen während der atemberaubenden Beschleunigung noch ab, andere bleiben bis zur nächsten Station an Bord, wieder andere sind die ganze Fahrt dabei. Noch hat der Zug ein langsames Rangiertempo; im Bahnhofsbereich mit den ganzen Weichen ja auch sinnvoll. Tatsächlich wird er aber während der nächsten Stunde nicht schneller. Das ist auch irgendwie ganz gut so, es schaukelt abenteuerlich. Mir wird auch klar, dass es nicht reicht, wenn der Karton statisch bestimmt ist, er muss tatsächlich gegen sehr dynamische Lastwechsel gesichert sein. Mit dem Beckengurt befestige ich meinen Rucksack ebenfalls an der Ablage, nicht dass er das burmesische Mütterchen neben mir erschlägt.

Mein näheres passagiertechnisches Umfeld: Neben mir die erwähnte burmesische Oma. Gepflegt gekleidet, bietet sie mir sofort von ihren Mandarinen an. Mein Gegenüber ein ca. 50kg Krischperl der bald in Schlaf fällt. Dabei bleiben seine Augen halb geöffnet, man sieht das weiße als genialen Kontrast zur dunklen Haut. Der Mund weit offen, eine Halsentzündung oder Probleme mit den Mandeln ließen sich einfachst diagnostizieren. Vor dem Einschlafen bietet er mir aber noch seine Zeitung an. Lese ich burmesisch? Die Frau schräg gegenüber, und die Vierergruppe über den Gang gehört zusammen. Ich würde schätzen, indischer Abstammung, zwei dicke Muttis, eine kleinwüchsige erwachsene Frau und zwei Mädels so um die elf. Die bieten mir Nüsse, Maiskolben und diverse andere Lebensmittel an. Jetzt wäre eine große Packung Gummibärchen gut gewesen. Auch viele der anderen Mitreisenden muten eher indisch an, als die ursprünglich aus dem mongolischen stammenden Burmesen (Bamar Volk ist glaube ich am präzisesten). Einige starren mich unentwegt an, Kinder sind fasziniert. Hinter meinem Gegenüber schaut immer wieder ein Junge über die Bank, versteckt sich aber wenn ich die Kamera zücke. Hinter mir eine Gruppe Jugendlicher, deren Handy musikalisch gegen das Geratter des Zuges versucht anzukämpfen, und schräg hinter mir Lucas und Judith, mit denen ich ab Ankunftsbahnhof den Tag gemeinsam gestalte.

Die Landschaft zieht vorüber, fruchtbar sieht alles aus, ich versuche freilaufende Schweine und pflügende Ochsengespanne zu fotografieren. Nach ca. einer Stunde, Yangon liegt schon lange hinter uns, beschleunigt der Zug doch noch. Durch ein Astloch im Holzboden sehe ich die Schwellen vorbeirauschen. Ich versuche die Geschwindigkeit zu schätzen. Vielleicht 60 km/h? Aber halt – ein echter Nerd hat doch eine Tacho-App auf dem iphone. Der maximale Ausschlag liegt bei 56 km/h, meist fährt der Zug nur 25. Es sind zwei unterschiedliche Schaukelbewegungen auszumachen, eine dschunkelnde Seitwärtsbewegung, die beim Blick zu dem nächsten Wagen Ausschläge von ca. 50cm verursacht, und eine hüpfende Auf- und Abbewegung. Besonders wenn der Zug schneller wird, bilden sich offensichtlich Resonanzfrequenzen, der Wagen bockt auf und ab, rüde vom Ende des Federweges begrenzt. Die finden auch die Einheimischen witzig, es hebt mich mehrmals aus dem Sitz, die Kinder wippen erfreut mit, und auch bei den Damen wippt es. Großes Gelächter, vielleicht wippt auch mein Augustinertumor?

Im Laufe der Fahrt steigen öfters Leute zu, finden aber keinen Platz. Bereitwillig rücken die Burmesen zusammen, es passen auch drei Leute auf die Bank. Der Boden ist mittlerweile von Sonnenblumenkernschalen übersät, und den Spuren der Betelnusskauerei. Die färbt nicht nur die Zähne rot, sondern auch das Holz des Bodens. Nach fünf Stunden erreichen wir Kyaikto, Ausgangsbasis für den Weg zum goldenen Felsen auf Mount Kyaiktiyo. Den bestreiten wir jeweils auf der Ladefläche von LKWs. Besonders die letzte halbe Stunde ist abenteuerlich. Auf der offenen Ladefläche eines LKWs sind Bänke montiert, ausgelegt für asiatische Normkörper. Für mich ist es ein Gefühl wie eingekeilt auf einem besonders dynamischen Fahrgeschäft auf der Wiesn. Mit 42 Leuten auf der Ladefläche heizt der LKW eine kurvenreiche Bergstrecke hinauf, wir überlegen, ob der Hinweis „Price 2500 Kyat (including life insurance)“ vielleicht einen ernsten Hintergrund hat. Dann sind wir am Ziel: der goldene Felsen, bei dem auch die verkitschte Darbietung und die Besuchermassen ein Teil der Sehenswürdigkeit darstellen.

Fazit: die Zugfahrt für 3 USD bietet ein unschlagbares Erlebnis für’s Geld. Mal sehen, wie’s meinen vom Fahrtwind gereizten Augen morgen geht, ob ich das Erlebnis wiederhole, oder ungefähr das vierfache für einen Luxusbus mit anschließender Taxifahrt in Yangon ausgebe. Upper Class finde ich übrigens keine Option: die einzige Verbesserung dort sind gepolsterte Sitze, Polster die auf ersten Blick so aussehen, als ob auch sie noch Geschichten aus dem Krieg erzählen könnten. Fenster sind auch dort Fehlanzeige, und hupfen wird der Wagen genau so.

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4 Antworten zu Mit dem Zug nach Kyaikto

  1. Andrea sagt:

    Augustinertumor, sehr schön :). Und wie krieg ich das Bild von dem hüpfenden Augustinertumor jetzt wieder aus dem Kopf?!?!
    Sounds like a lot of fun! Not nearly as funny here, actually….

  2. Perchtaler Albert sagt:

    Hallo,

    Es ist schön wenn wir alle daran teilhaben können. 😉 Meinen Dank !

    Heute habe ich mal in den Inhalten gestöbert und unter
    „Mit dem Zug nach Kyaikto“ das eine oder andere mal laut lachen müssen.
    es ist wirklich sehr geistreich und schon Begabung dabei Urlaubsgeschichten so unterhaltsam zu schreiben. Auf deiner Reise kann ich auch noch was lernen wenn mann schon nicht selber die erfahrungen machen darf (kann ;-( ).
    Da kommt mir ja spontan ein Kompliment in den Sinn.
    …echt super 🙂
    bin neugierig geworden, mal schaun wie`s weiter geht

  3. Stephan sagt:

    Köstlich! Und wie warn Deine df. Begleiter so? Die tauchten nicht mehr auf…

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