Marzamemi V3.0

Mittlerweile ist es fast dunkel. In Schleichfahrt tuckern wir rückwärts in die Parklücke. Die Herausforderung diesmal: die Lücke ist etwas enger, an Backbord die Josephine, eine Beneteau, und an Steuerbord eine 47 Jahre alte Swan. Der Marinero hat schon die Muring eingesammelt, und will sie Frank geben (Leine von einem fetten Betonklotz im Hafenbecken, womit man das Schiff quasi vom Steg wegzieht. Die Murings liegen die ganze Zeit im Hafenbecken, und sind deshalb nach einiger Zeit besonders lecker anzufassen). Das ist üblich, macht einem aber ein wenig das Schul-Anlege-Manöver kaputt, bei dem man erst die Heckleinen festmacht, und dann einfach den Gang vorwärts einlegt, um sich vom Steg wegzuhalten. Und nun ist Frank auf dem Vorschiff mit der Muring beschäftigt, und kann natürlich nicht hinten helfen. Wir vereinbaren in der Nachbesprechung eine klarere Kommunikation bezüglich der notwendigen Länge der Muring. Ich muss am Steuer bleiben, da man nur hier mit Gas geben usw. das Schiff irgendwie im Griff hat. Immerhin sind die Marineros zu zweit und helfen aktiv mit. Wir kennen Sie ja auch schon vom vorherigen Anlegemanöver. Am Ende geschafft, Anleger V3.0 wird mit einem Bier zelebriert.

Tatsächlich sind wir schon vor über einer Stunde in den Hafen von Marzamemi eingelaufen. Ich hatte die Marina von aus Siracusa angerufen, sie hatten uns einen Platz zugesagt, „meldet Euch einfach auf Kanal 6 wenn Ihr da seid“. Die letzten zwei Stunden der Fahrt hierher waren etwas anstrengender. Kein Wind, aber bestimmt vier Meter hohe Dünung von dem Sturm der aktuell im Ionischem Meer tobt, und die Dünung direkt von der Seite. Nicht gefährlich, aber das Schiff schaukelt kräftigst nach links und rechts, und unter Deck fliegt alles umeinander. Ob wir’s nochmal lernen? Egal, wenn beim Ablegen kein Wind und keine Welle angesagt ist, sollten wir das Schiff hochseetauglich aufräumen, anstatt einer Packung Cocktail-Tomaten hinterherzujagen, die auf dem Boden hin- und her kullern. Auf den großen Wellen surfen wir in Richtung Hafeneinfahrt. Mir geht durch den Kopf, dass es ab und an so Horrorgeschichten gibt, von Booten die gerade in so einem Moment einen Motoraussetzer hatten, und dann wenig heldenhaft an den Wellenbrechern des Hafens havariert sind. Unser Motor hält durch, wir fahren mit Vollstoff in den Hafen und bremsen dort ähnlich heftig. Jetzt erst einmal ein paar Kringel im Hafen, damit Frank das Schiff für’s Anlegen vorbereiten kann. Fender aushängen, Leinen bereitlegen, ich funke derweil auf Kanal sechs. Von verschiedenen Stegen winken mir zwei Leute zu, wir klären, dass ich mit dem im roten Hemd funke. Wir tuckern zu dem Liegeplatz, ganz am Ende vom Steg. Eigentlich nicht AM Ende, sondern noch weiter draußen. Am Ende liegen wir mit einer Querleine schräg zum Steg, an Murings die für ein viel kleineres Schiff gedacht sind. Das ist ja Kacke hier. Um an Land zu kommen, müssen wir über die Nussschale neben uns krabbeln, und dann über deren Gangway an den Steg. Rothemd beruhigt uns – bald wir ein besserer Platz frei. Frank traut dem Braten nicht, lässt sich den besseren Platz zeigen. Der wäre vom Regen in die Traufe. Rothemd, der fließend italienisch spricht, entschuldigt sich, verrückter Tag heute, drei Schiffe kamen ohne Reservierung, aber wir hätten ja schon gesprochen, dafür special price. Am Ende hätten wir dort wohl kostenlos liegen bleiben können. Aber, da hätten wir wohl nicht ruhig geschlafen. Außerdem – und das hatte ich bei meinem Anruf nicht realisiert, in dem Hafenbecken gibt es drei konkurrierende Marinas. Wir telefonieren fix mit der zweiten, die Frank schon von Mailkontakt her kennt. Ja, die haben Platz, sie hätten uns ja auch beim Einlaufen zugewinkt, das war der Kollege im schwarzen T-Shirt. Wir verabschieden uns von Liegeplatz V1.0, Rothemd entschuldigt sich wieder, drei Schiffe ohne Reservierung, verrückter Tag, molto sorry. Warum, wenn sie am Ende tatsächlich auf die Liegegebühr verzichtet hätten, sie uns nicht einfach gleich an die andere Marina vermittelt haben, erschließt sich mir nicht. Wir legen wieder ab, und suchen die nächste Parklücke auf. Die ist am Steg für Superyachten, zumindest größere als unsere. Auf der einen Seite ein schwarzes Monster, der seine Fender so hoch aufgehängt hat, dass sie ungefähr in Kopfhöhe sind, wenn wir daneben auf Deck stehen. Ihren Zweck, Kontakt zwischen unser beider Schiffe zu vermeiden, erfüllen sie jedenfalls nicht. Ich hab mächtig Schiss, mit unseren Solarpanelen einen Kratzer in den schwarzen Lack zu machen. Am Ende liegen wir, halbwegs. Leider ist die Muring zu kurz, oder eher unser Boot. Mit dem letzten Zipfel der Muring sind wir vorne Fest, die Lücke hinten zum Steg bleibt recht weit. Die Marineros fragen, ob’s nur heute Nacht wäre? Nein, doch eher zwei. Hmmm, vielleicht fahrt Ihr dann besser doch in unsere Lücke am Steg dort hinten. Langsam wird’s Routine. Bevor wir das Anlegebier auspacken, duscht Frank sich mitsamt Klamotten ab, auf denen der Schlick von mittlerweile sechs Murings verteilt ist.

Was ist sonst passiert? Wir haben in Siracusa – bis wir den Mietwagen abgeben müssen – noch versucht, eine Gasflasche zu organisieren, deutlich komplizierter als man es meinen würde, und am Ende sind wir erfolglos. Viel von der Stadt gesehen, aber kein Gas. Dafür haben wir den Markt von Siracusa gefunden. Wir segeln nach Süden, wollen, dass Luisa ein paar Fotos der segelnden Seestern macht. Das funktioniert nicht so gut, statt dessen ankern wir vor dem Stadtstrand und Luisa und Janina schwimmen zu uns raus. Eine Cola Zero für die Mädels zum Abschied, ein paar Runden ums Schiff schwimmen, dann verabschieden wir uns, wir müssen ja noch das Anlegen üben.

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