Man sieht sich immer zweimal

Wir müssen ein wunderbares Bild abgeben. Chris, mit einem leichten Tagesrucksack auf dem Rücken, zieht lässig seine rollende Tasche* hinter sich her. Neben ihm Caroline, einen halben Kopf kleiner und halb so schwer, mit einem 20kg Riesenrucksack auf dem Rücken, einem Tagesrucksack vor der Brust, irgendwo baumelt noch eine Yogamatte. Der perfekte Gentleman denke ich mir, gut dass mich keiner sieht, der mich kennt. Es ist ja nicht so, als hätte ich es nicht (mehrmals) angeboten – ich würde Carolines schweren Rucksack tragen, sie die beiden leichteren – aber das würde ihren Stolz oder was auch immer angreifen. Also bleibt’s dabei, ich trage ca. 5% meines Körpergewichts auf dem Buckel, Caroline 50%. Immerhin ist sie recht fit, aber Spaß kann das nicht machen. Nebenbei ist Caroline ‚hangry‘, ein wunderbares Kofferwort aus hungry und (deshalb) angry, und skeptisch, ob ich wirklich den kürzesten Weg zum Hotel gewählt habe. Aber sonst, sonst ist alles gut.
Caroline – treue Blogleser kennen sie bereits – und ich reisen wieder ein wenig zusammen. Es hat sich schon abgezeichnet, als ich noch in Brunei war, da schrieb sie mir, dass sie nicht wie ursprünglich geplant direkt nach Indonesien weiter nach Japan und USA fliegen würde, sondern erst noch nach Malaysia – wo wäre ich denn? Ach wirklich, ab morgen auch in Malaysia? Hey, Chris, da könnten wir uns doch treffen – das würde sie sehr freuen…

Ich überlege ein wenig, mich würde es auch freuen. So doktern wir über die nächsten Tage an unseren jeweiligen Plänen herum, bis sich herausstellt, dass wir uns in den Cameron Highlands treffen könnten, und dann gemeinsam nach KL fahren. Gewiss, das gemeinsame Reisen birgt einige Risiken, so ist Caroline extrem auf Unabhängigkeit bedacht, erheblich komplizierter beim Essen und nebenbei erheblich budgetbewusster, kann es aber auch nicht ausstehen, wenn sich anderen Leute einfach nach ihr richten, so muss man immer raten, wo sie eigentlich hin will, aber es als gemeinsame Entscheidung erscheinen lassen. Mit erheblich besserem Erwartungsmanagement, und dem Bewusstsein dass es eh nur ein paar Tage sind, klappt es aber ganz gut. Denn das Reisen mit Caroline hat auch sehr positive Seiten – in der richtigen Stimmung kann man wunderbar mit ihr feiern, und sie sammelt ständig interessante Menschen ein. So stellt sie mir gleich nach der Willkommensumarmung in den Cameron Highlands Terry vor – eine herzallerliebste Holländerin, die wiederrum einen halben Kopf größer ist als ich. Mit Terry verstehe ich mich auf Anhieb – mehrmals werde ich in den nächsten Tagen mit ihr losziehen, wenn Caroline keine Lust hat.

Die Cameron Highlands sind ein Trekkinggebiet, man sieht sie also am besten mit kleinen Fußmärschen auf die umliegenden Berge, kommt dabei an Tee und Erdbeerplantagen vorbei, insgesamt eine sehr entspannende Gegend. Alleine die Fahrt hierher war wunderschön, Tanah Rata als wichtigste Stadt liegt schon auf 1400 Metern. Aber vieles dieser Schönheit ist unaufdringlich – selten lässt sie sich zB auf ein Foto bannen. Allerdings wird die Schönheit offensichtlich bedrängt, öfters sieht man an den Hängen kompletten Kahlschlag, und genaueres Nachfragen offenbart dass auch das Grüne nicht immer Naturdschungel ist, sondern häufig Palmölplantagen. Mich als Autofan erfreut auch die Vielzahl von alten Land Rover Defendern, die hier rumfahren, auch einige von vor 1968, als die Scheinwerfer noch nicht in den Kotflügeln montiert waren. So brechen wir am nächsten Morgen auf, und erklimmen den zweithöchsten Berg in der Umgebung. Wir werden noch von Magnus aus Deutschland begleitet, der eine längere Reise zwischen Studium und Promotion macht. Wie zu erwarten stürmt Caroline auf den Berg hinauf, aber Terry als NIEDERländerin ist das HOCHklettern auf einen Berg nicht gewohnt. Magnus unterstützt sie moralisch, und ich versuche stur mein Tempo zu gehen, komme als zweiter auf den Berg.
Am nächsten Morgen brechen wir zu dritt nach Kuala Lumpur auf, es ist mein viertes Mal in der Stadt, aber das erste Mal das ich tatsächlich mehr sehe als den Flughafen oder den Weg dorthin. Ich übernachte wieder preiswert, meine beiden Begleiterinnen haben ein ganz passables Hostel ausgesucht. KL strotzt nicht gerade vor touristischen Highlights, und wie einige Leser ganz richtig erkannt haben, etwas reisemüde bin ich auch, Caroline geht es nicht anders. Die Petronas Towers – kurzzeitig die höchsten Gebäude der Welt – müssen gesehen werden, den Rest lassen wir in einer Stadtrundfahrt über uns ergehen. Das Essen ist lecker, und auch abends kann man Spaß haben.

Uns ist schon in den Cameron Highlands klar geworden, dass wir für unsere jeweiligen Abflugpläne eigentlich etwas zu viel Zeit haben, und so haben wir uns entschieden, noch nach Melaka zu fahren, statt länger in KL rumzuhängen. Melaka, auf Deutsch wahrscheinlich Malakka wie die angrenzende Seefahrtsstraße, die für Piraten berüchtigt ist, wurde als portugiesische Kolonie gegründet, dann von den Holländern und zuletzt von den Engländern gehalten. Der Reiseführer spricht von unglaublich leckerer Küche, damit kann man uns immer noch locken. Ich lasse die Mädels wieder die Unterkunft aussuchen, und bereue es beim Betreten der Herberge schon wieder. Gut, es ist billig, das Bett ist frisch und sauber, aber ansonsten… Habe ich das wirklich noch nötig? Im Laufe der nächsten beiden Tagen werde ich dennoch versöhnt. Howard, der Besitzer chinesischer Abstammung, ist freundlich, und extrem engagiert, dass seine Gäste sich kennenlernen. Er stellt uns die anderen Gäste im Wohnzimmer vor, darunter Hannah aus Ravensburg, aber wohnhaft in KL, und Erik aus Brandenburg. Heute Abend, kündigt er an, gehen wir alle zum Inder zum Essen, also wer will. Für mittags empfiehlt er noch ein Restaurant, in dem es die beste Laksa geben soll – eine scharfe Kokossuppe mit bunten Einlagen. Wir sind nicht enttäuscht. Obwohl es schon 15:00 ist, finden wir in dem Restaurant kaum einen Platz, und die Laksa ist wirklich genial. Wir bummeln noch ein wenig durch die Stadt, suchen einen Geldautomaten, und ich beobachte ein Baby-Krokodil, wie es in der Kanalisation verschwindet. Am Ende lass ich mich zwar überzeugen, dass es eine ein Meter lange Eidechsenart war, aber ganz sicher bin ich mir nicht…
Am Abend finden sich tatsächlich sechszehn Gäste des Hostels zusammen, und wir gehen geschlossen zu einem indischen Restaurant, welches wohl die meisten Leute kennen, die schon einmal in Melaka waren. Vor dem Restaurant stehen drei große Tandoori-Öfen, in Badewannen wird mariniertes Hühnchen angeschleppt, im Akkord werden Spieße vorbereitet und im Ofen gegart. In einem Ofen wird Naan-Brot gebacken, damit sind insgesamt vier Leute beschäftigt. Es ist eine wunderbar bunte Mischung an Gästen an unserem Tisch – Deutschland ist häufig vertreten, aber eben auch Irland, Holland, Frankreich, Kanada, England, Mexico, Indonesien, Hong Kong und Malaysia. Den Abend lassen wir auf der Dachterrasse des Hostels ausklingen, in wechselnden Zusammensetzungen diskutieren wir bis morgens um vier über Gott und die Welt.

Am nächsten Tag leihen wir uns ein paar Fahrräder aus, und fahren kreuz und quer durch Melaka. Caroline veranstaltet ein kleines Fahrradrennen, Terry und Hannah ist das nach einer halben Stunde zu bunt – sie suchen ein Café auf, und ich will noch ein wenig radeln, aber in eine andere Richtung. So trennen wir uns in drei Grüppchen auf, treffen uns aber pünktlich zum mittäglichen Laksa-Essen. Ich habe mittlerweile beschlossen, am nächsten Tag nach Singapur zu fahren, und das gesparte Geld der letzten sechs Übernachtungen in ein schöneres Hotel zu investieren – wer weiß, was mich im Iran erwartet. Caroline überlegt noch ein wenig, schließt sich dann aber an – ihr Flug geht ein Tag vor meinem ebenfalls ab Singapur.
Singapur ist ein modernes Shopping Paradies. Klar, es gibt auch ein paar Sehenswürdigkeiten, ein paar kolonial geprägte Bauten wie das Raffles Hotel, ein paar modern hergerichtete Lagerhäuser am Clarke Quay und natürlich Chinatown. Aber das meiste an Singapur ist modern, glitzert und ist teuer. Preiswert Essen und Trinken gibt es bei sogenannten ‚Hawkers‘, das sind Straßenhändler, die sich meist aggregieren, damit man auch genügend Auswahl hat. Im Maxwell Street Food Court findet Caroline adequate Dumplings (gedämpft, mit Hühnchen und Gemüse gefüllt), und ich fresse mich ebenfalls fröhlich durch die Stände. Bier kostet hier sechs Singapur Dollar die Flasche, das sind ca. vier Euro. Wir sitzen an einem Tresen, der malerisch eine Hauptverkehrsstraße überblickt; der Schweiß rinnt bei der hohen Luftfeuchtigkeit mit dem Bier um die Wette. Kurz vor dem Hotel beschließt Caroline ein Eis zu wollen, ich warte am Fluss, und dabei geht sie irgendwie verloren. Ich hoffe mal, dass sie sich bei der bisherigen Navigation nicht ausschließlich auf mich verlassen hat, aber im Hotel ist sie nach 10 Minuten nicht. So lerne ich die Umgebung des Hotels um ca. ein Uhr morgens gut kennen, aber nirgendwo finde ich sie. Als ich nach einer Stunde das dritte Mal das Hotelzimmer aufsuche, hat sie sich eingefunden und ist beleidigt, dass ich sie einfach verlassen hätte. Aber ich hab doch gar nicht…. ach egal.
Den nächsten Tag genießen wir den Hotelpool, bummeln ein wenig durch die Stadt, und am Abend treffe ich mich mit Chloe, die ich in Tulamben beim Tauchen kennengelernt habe. Caroline verweigert, weil wir bestimmt in ein total teures Restaurant gehen wollen, und lässt sich nicht überzeugen. So essen Chloe und ich in einem sehr chinesischen Restaurant eine der berühmten singapurianischen Chili Crabs (sehr lecker, aber echt mühsam für die wenigen Brocken echtes Fleisch, und tatsächlich nicht besonders billig), danach gehen wir ins Bankenviertel, wo nach Geschäftsschluss eine Straße abgesperrt wird, und man preiswert Bier und Satay bekommt. Irgendwie kommen wir mit unserer Unterhaltung schnell an all dem üblichen Geplänkel vorbei, und diskutieren am Ende über jeweilige Lebenspläne, Traditionen und Familie im Spannungsfeld der modernen Gesellschaft. Ein sehr netter Abend.
Den letzten gemeinsamen Tag mit Caroline verbringen wir ähnlich ruhig, gehen zum Abschied nochmal in die Maxwell Street, und am Abend verabschiede ich mich von ihr an einer Metrostation auf dem Weg zum Flughafen. Immerhin – wenn ich gar kein Gepäck habe, darf ich ihr kurz den Rucksack abnehmen; vielleicht ist sie ja doch gar nicht so stur. Zur Wiesn, das ist abgemacht, sehen wir uns wieder. Ich treffe mich danach noch mit Sabine und Christoph, wir waren in der Kiesmüllerstraße mal Nachbarn, und Tina, die auch auf Weltreise ist, aber mit ganz anderer Route. Wir quatschen bis tief in die Nacht, Sabine ist Fotografin und wir überlegen ob wir ein Foto/Texter Gespann abgeben könnten, wenn es mit regulären Jobs nicht klappt. Es gibt so viele Möglichkeiten…
Für meinen letzten Tag in Südostasien hätte es eigentlich was ganz besonderes sein müssen, aber irgendwie ist die Luft raus – ich raffe mich immerhin dazu auf, in den botanischen Garten in der Nähe des Marina Sands Hotel zu gehen – die wurden schon mehrfach von Freunden gelobt. Die Anlage ist schön angelegt, es gibt einige Gärten, die nach den typischen Vorbildern der Bewohner Singapurs angelegt sind – chinesisch, indisch und malayisch. Aber das ganz besondere sind zwei Gewächshäuser, in denen andere Klimazonen herrschen. Der Eintritt ist mit umgerechnet fast 20 Euro nicht gerade billig, aber jetzt bin ich schon mal hier. Das erste Haus bildet ein erheblich trockenes Klima nach, hier wachsen Kakteen und Baobabs, aber es gibt auch eine mediterrane Ecke. Der Nebeneffekt des trockeneren Klimas ist dass es erheblich kälter zu sein scheint (oder es ist halt nur, dass der Schweiß plötzlich wirken kann). Jedenfalls könnte ich hier den ganzen Tag zubringen – ich verstehe langsam, warum die Jahreskarte Sinn macht. Das zweite Haus stellt einen Berg-Nebel-/Regenwald nach, mit verschiedenen Ebenen – hier ist es zwar immer noch feucht, aber deutlich kühler, wie es eben weiter oben wäre. Auch nett, aber das erste Haus war schöner. Am Ende bleibt mir noch kurz Zeit für etwas zu essen in Chinatown, dann zurück ins Hotel, wo ich zwar kein Zimmer mehr habe, aber noch den Pool und die dazugehörigen Duschen nutzen kann. Dann begebe auch ich mich zum Changi Flughafen, kurz nach neun geht es auf zur letzten Etappe der Reise. Iran, here I come!
*Anmerkung: Ich bin sehr zufrieden mit meinem Gepäckstück, ein Geschenk von OSRAM zu meinem Jubiläum – die Reisetasche hat große Rollen, und ein komplettes Rucksacktragesystem in einem mit Reißverschluss verschlossenen Abteil. Tatsächlich habe ich die Rucksackfunktion nur ein einziges Mal benötigt, auf Don Det in Laos auf den dortigen Holperwegen.

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1 Antwort zu Man sieht sich immer zweimal

  1. Stephan sagt:

    Ich Ess oft am Loh pah sat, dort gibts gut und güsnstig.
    Und besonders als Backpackdf sollte man super die Brewworks HappyHojr einbauen können.
    🙂 Sehr leckeres Bier.

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