Kultur mit den Kulturbanausen

Es war immer die Maxime meiner Eltern – während wir durch die Siemens Entsendungen meines Vaters im Ausland sind, wird die Gelegenheit auch ausgiebig genutzt, um das entsprechende Land zu bereisen. Meine Eltern haben sie ausgiebig vorbereitet; wenn der Baedeker Reiseführer in einer Stadt ein gotisches Kirchenportal mit einem ‚besonders sehenswert Stern‘, dann sind wir da hin gefahren. Gefühlt: Jedes. Geschissene. Kirchenportal. Für einen fünf bis neun jährigen sind gotische Kirchenportale aus dem Baedeker natürlich ein besonderes Highlight. Auch die Fahrt dorthin in einem nicht klimatisierten Auto über schlechtere Landstraßen als heutzutage war immer wieder erfreulich. Ich wurde mit Hörspiel-Kassetten von Pumuckl, Urmel aus dem Eis und Winnetou 1-17 bei Laune gehalten. Ganz kann ich diese Prägung nicht verleugnen, jetzt wo wir in Andalusien sind und Zeit haben, schauen wir uns das ganze halt auch mal an. Allerdings haben wir keinen Reiseführer, Granada, Cordoba und Sevilla hatte ich irgendwie als ‚wichtig‘ im Kopf, Details finden wir auf Wikipedia während der Fahrt heraus, andere Tipps bekommen wir von Freunden per WhatsApp – „Ach, Ihr seid in Sevilla? Da besucht Ihr auch sicher die Plaza de España, die ist toll“. Hüstel, Hüstel, na klar wollen wir da noch hin. Frank bringt es auf den Punkt, als wir in der Kathedrale von Cordoba stehen, noch 15 Minuten bis zur Schließung für den Nachmittagsgottesdienst haben, und er noch schnell ein paar wichtige Fakten auf dem Handy recherchiert: „Was sind wir doch für Banausen, dass so im Vorbeilaufen zu machen“. „Ja,“ gebe ich zu bedenken, „aber immerhin sind wir überhaupt hier, also sind wir keine kompletten Banausen“. Doch nun unsere Erlebnisse, in etwas chronologischer Reihenfolge.

Nachdem ich den Artikel über die Alhambra veröffentlicht habe, machen wir uns auf die Jagd nach etwas essbaren in Granada-Albaicín. Die covid-bedingte Touristenarmut (die sich in den Sehenswürdigkeiten toll auswirkt), verknappt hier allerdings das Angebot an tollen Lokalen. Wir sind länger im Viertel unterwegs, bis wir endlich ein offenes und nicht miserabel bewertetes Lokal finden. Leider haben das auch andere Menschen gefunden, die Kellner sind überfordert und es dauert eine Ewigkeit, bis wir unsere mittlerweile eher nur lauwarmen Speisen bekommen. Heiß waren sie aber bestimmt toll. Auf dem Heimweg macht uns keine Kneipe mehr richtig an, aber ein allgemeiner Eis- und überhaupt Verkäufer kramt noch eine Flasche Rotwein aus dem Lager und macht sie uns auch auf. Aus Umweltgründen wollen wir auf die Tüte verzichten, aber besteht darauf und bittet uns, die Flasche möglichst ‚unauffällig‘ zu transportieren. Zahnputzbecher im Hotel sind unser stilvollen Rotweinpokale.

Am Morgen hat Lola, unsere Wirtin, ein kleines Buffet aufgebaut. Etwas asozial (sollen doch die andere Gäste sehen wo sie bleiben) nehmen wir den Schinken-Käse Teller einfach zu uns an den Tisch, aber Lola stört sich nicht daran. Stolz erzählt sie auf Spanisch, dass die Orangen (zwischen Granada und ‚dem Strand‘ gewachsen) die besten in Spanien seien, und die Eier von einem befreundeten Hof kommen. Wenn ich’s richtig verstanden, werden dort auch Speisereste aus dem Hotel verwertet. Wir werden herzlich verabschiedet, Lola weigert sich, dass wir für die drei Biere vom Vortag im Patio bezahlen. Sollte einer meiner Leser mal in Granada sein, dem lege ich das Hotel hiermit ans Herz: https://www.hotelsantaisabellareal.com

Wir fahren nach Córdoba, nehmen die Landstraße durch eine von Olivenbaum-Zucht geprägte Landschaft. Das sind keine romantischen Haine mehr, das ist Industrie. Die Olivenbäume stehen einzeln in Reih und Glied, mit überraschend großem Abstand. Keine Ahnung ob das dazu dient, um die Konkurrenz ums knappe Wasser in Grenzen zu halten, oder damit die Bauer auch mit großen Treckern zwischen den Bäumen durch können, jedenfalls ergibt sich ein von weitem erkennbares Bild – olivgrüne Bäume als Punkte auf heller Erde. Es ist hügelig, wenn man die Landstraße nach einem Hügel erklommen hat, bietet sich ein unwirklicher Ausblick auf ewig weite Hügel, nur mit Olivenbäumen. Das ganze über den meisten Teil der ca. 150km bis Córdoba. Ich habe mich mal auf Wikipedia schlau gemacht: ca. 1/3 der Welt-Oliven-Produktion wird in Spanien angebaut, über sechseinhalb Millionen Tonnen, auf 25.000 km² (ca. 1/3 von Bayern). Again what learned.

Dann sind wir in Córdoba – DIE Sehenswürdigkeit hier ist die Mezquita Kathedrale, wir finden ein Parkhaus in der Nähe, aber heben uns das als Zuckerl noch ein wenig auf. Vorher überschreiten wir den Guadalquivir-Fluss auf einer römischen Brücke, die offensichtlich auch in Game of Thrones mitgespielt hat (keine Sprechrolle, und offensichtlich etwas digital verändert).

Dann erwerben wir Tickets für die Mezquita. Diese ist von 14:00-16:00 geschlossen, und jetzt ist 13:20. Oh well, power-sightseeing, aber auch ein guter Grund zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kultur mal wieder gut sein zu lassen, und ein Bierchen zu trinken. Scheinbar stand hier schon in Frühzeiten ein Tempel der Römer und eine Kirche der Westgoten, aber richtig Fahrt aufgenommen hat das Projekt als Spanien noch Al-Andalus hieß (ca. 700 n.Chr.) und maurisch / islamisch war. Córdoba war damals die Hauptstadt des Kaliphats Al-Andalus und ein Mittelpunkt islamischer Gelehrsamkeit. Jedenfalls wurde im Jahr 785 eine große Moschee gebaut, die in der Folge immer wieder erweitert wurde. Am Ende hatte Sie eine Grundfläche von ca. 25.000 m², also ein millionstel der Fläche, die heute für Olivenbäume verwendet wird (nur um das mal in Perspektive zu setzen). Als die Christen dann – endlich – im Jahre 1236 im Zuge der „Reconquista“ Córdoba zurückerobern konnte, hatten Sie natürlich keine Verwendung für eine so große Moschee (und wenn ich mir das heute so anschaue, so ’ne große Kirche braucht auch kein Mensch), und wandelten sie wieder in eine Kirche um. Die Moschee war damals sehr weitläufig, und offensichtlich konnten sie im achten Jahrhundert auch noch nicht so hoch oder mit großen Spannweiten bauen. Damit nicht immer sofort klar ist, wie wenige Leute eigentlich in die Kirche gingen, wurden lauter Einzelkapellen eingesprenkelt, und in der Mitte noch ein etwas traditionelleres hohes Kirchenschiff gebaut (das allerdings erst ab 1523). [Übrigens, ich hab mir das nicht alles gemerkt – ich lese parallel in Wikipedia und versuche die dort eher trockenen Informationen hier nach Durchlaufen meines Humorfilters wiederzugeben]. Der damalige Bischof wollte das so, die Stadtväter fanden es schon damals ein doofe Idee, und am Ende musste Karl der Fünfte (für Spanier auch Carlos I.) zustimmen. Als er später das Ergebnis sah, soll er ’not amused‘ gewesen sein. Ihm wird ein Zitat zugesprochen, dass sich allerdings schon auf der deutschen, englischen und spanischen Wiki-Seite so unterscheiden, dass es wohl kaum ein Zitat sein kann – kurz paraphrasiert: ‚etwas einzigartiges zerstört, um was gewöhnliches statt dessen hinzustellen‘. Ich sehe darin einfach ein Weitpinkeln der katholischen Kirche. Wir haben da jetzt ’ne riesige Kirche, und die behalten wir auch, weil wir es können. Ganz ehrlich: 25.000m² da bekäme man wahrscheinlich völlig Corona-konform alle aktive Kirchgänger der Provinz rein, und die Provinz hat noch andere Kirchen. Eigentlich liegt der Gedanke nahe, ein Teil des Gebäudes wieder als Moschee zu nutzen – ein tolles Zeichen der Toleranz. Das der Gedanke wirklich nah liegt (nicht nur für mich), zeigt die WhatsApp Antwort meines Vaters auf mein Gruß-Bild, und die Tatsache, dass sich 2006 der katholisch Bischof von Córdoba dagegen ausgesprochen hat – mit Hinweis auf die ursprüngliche westgotische Kirche (nach der Logik sollte man es wieder in einen römischen Tempel umwidmen, beim Jupiter!).

Da wir effiziente Kulturgänger sind, wären wir auch schon zehn Minuten vor der Zeit mit fotografieren fertig, harren aber noch bis zum Rausschmiss aus, und können dann – sicher dass wir es verdient haben – uns auf die Suche nach Tapas und einem Bier machen. Mein Bier, hier in Andalusien, ist übrigens mittags immer öfters ein Tinto Verano – also ein Rotwein-Radler auf Eiswürfeln. Klingt widerlich, ist aber sehr erfrischend. Danach weiter auf die Autobahn nach Sevilla. Das vordringlichste Problem in Sevilla ist das Parken. Nach diversen Irrungen und Wirrungen kommen wir im ‚Parking Magdalena‘ unter. Ein großes Schild an der Einfahrt „8,95€ per dia* | * utilizando nuestra App„. Etwas später (nach einem kühlen Getränk und der Auswahl eines Hotels) fragen wir nach, was es denn ohne die App kostet. 24,90 für 24h – wie bitte?!? Spinnt Ihr?!? Der Wärter zuckt mit den Schultern. Wir fahren aus dem Parkhaus, installieren die App, und fahren wieder rein. Immerhin erkennt die Schranke unser Kennzeichen, sie geht beim drauf-zu-fahren auf.

Billiges Hotel, aber mei, dafür eine nette Tapas-Kneipe in der Innenstadt gefunden. Ready for the next day. Sevilla ist bekannt für die nette Altstadt (stimmt, aber schwer zu fotografieren), eine Kathedrale (nicht schon wieder, von außen reicht), die Plaza de España (weiter unten) und die“Reales Alcázares de Sevilla“. ‚Real‘ ist übrigens doch kein Sponsoring der deutschen Supermarktkette, sondern bedeutet ‚Königlich‘ (vgl. royal), und Alcázar ist ein spanisches Wort für Palast, isb. wenn der Palast maurischen Stil/Ursprungs ist. Als Sicherheitsmaßnahme gegen Corona keine Eintrittskarten mehr ‚in Echt‘ verkauft. Ein Schild am Eingang weist auf die ‚einzige offizielle Website‘ hin. Die einzige offizielle Website ziert sich ein wenig, besonders bei der Kreditkartenzahlung, und offensichtlich nicht nur bei uns. Im Schatten des Eingangshofes stehen die Touristen nun beieinander und tippen frustriert auf ihren Smartphones herum. Wenn mit den Lockerungen wieder mehr Touristen kommen, verfehlt die Maßnahme auch ihre coronaverhindernde Wirkung.

Anyway, irgendwann sind wir drin. Wieder der Vorteil von Corona – auch nicht die riesigen Menschenmassen. Aber man wird halt auch anspruchsvoll – ich will den Innenhof jetzt ganz ohne Leute fotografiert bekommen. Eine Frau in einem rosa Kleid wird zu unseren Intimfeindin – immer etwas voraus, und muss in jedem Torbogen ein aufwendiges Selfie machen; aber es gibt auch die einfachen Nichtdenker, die im Torbogen auf der Hauptsichtachse mal den Reiseführer rausholen um sich über diese Erweiterung von König Schlagmichtot-Dingenskirchen den drölften zu informieren. Wie in der Alhambra – aufwendigste Schnitzereien, keramische Fliesen in aufwendigen Mustern (über das beste Muster konnte man sich wohl nicht einigen – es wechselt immer wieder von Raum zu Raum, teilweise von Wand zu Wand. Nach den Palasträumen dann die Gärten, komplett mit einem Pfau, dem die Tourismusbehörde wohl ab und zu ein Sonder-Leckerli zusteckt, dass er auch die Touristen anbalzt.

Dann ein kühles Getränk, ein paar Tapas, und das königliche Marine Museum im ‚Torre del Oro‘. Er ist so benannt, weil mal ein Teil davon aus Gold war, und er wurde mit einem ähnlichen Turm auf der anderen Seite des Flusses genutzt um mit einer schweren Kette feindliche Schiffe an der Weiterfahrt zu hindern. Den anderen Turm gibt es nicht mehr, an dessen Stelle ein wesentlich rentableres Restaurant mit Aussichtsterrasse. Zwei Sachen in dem Museum finde ich besonders interessant. Ein Portrait von Juan Sebastián Elcano, dem Anführer der ersten Expedition, die die Erde umsegelte. Moment! War das nicht Magellan? Erst nach einigem Forschen stellt sich heraus – es ist die gleiche Expedition, aber da Magellan (ein Portugiese) auf den Phillippinen getötet wurde, erinnert man sich in Spanien lieber an den Rückkehrer mit dem spanischen Hintergrund. Etwas weiter wird noch über den Helden von der Schlacht von Gibraltar berichtet – ein Held wegen seines Heldentodes – und der verschämte Hinweis, dass danach mit der spanischen Marine längere Zeit nicht mehr so viel los war. Lord Nelson wird nicht prominent erwähnt, der Schuft.

Als letzten Kulturpunkt unseres Ausfluges suchen wir noch die Plaza de España auf. Anlässlich der Ibero-amerikanischen Ausstellung von 1929 wurde hier kreisrundes Gebäude um einen dadurch begründeten Platz gebaut. Es scheint, als wären die Vorstellung der Bauherren und Architekten, als auch die Budgetplanung ähnlich abgelaufen wie beim Flughafen BER. Viel Keramik wurde verbaut, und aufwendige Fliesenbilder auf denen jede spanische Provinz einzeln abgebildet ist.

Fertig! Da uns die Füße mittlerweile etwas weh tun, nehmen wir ein Taxi zum Parkhaus, die Schranke erkennt unser Auto und öffnet sofort (wir müssen unbedingt dran denken, die App zu kündigen, sonst parkt jeder Nachmieter des Pandas auf meine Kosten). Rückfahrt nach Marbella durch die Berge, noch eine schnelle Pizza am Hafen – das war Kultur.

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1 Antwort zu Kultur mit den Kulturbanausen

  1. Andrea sagt:

    Oh, da ich als Controller logischerweise ein sehr visueller Mensch bin freu ich mich ja schon auf einen Dia-Abend (gibts sowas noch?) mit Tapas bei dir wenn du wieder da bist :). Hach ist das alles hübsch.

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