Intensiver und schneller entschleunigen

Arbatax, Sonntag 14:30 im Oktober. Ja, wir machen das Jahr auch zum Entschleunigen. Aber muss man gleich übertreiben? Hier in der Marina scheint es wie tot. Kein Mensch läuft, kein Lüftlein weht. Man erwartet fast, dass über den Steg wie im Western ein Tumbleweed rollt; doch wie? Es weht ja kein Lüftlein. Nachsaison und Corona – keine Mischung für high life. Eigentlich war unser Plan, uns heute ein Mietwagen zu holen, und damit Sardinien unsicher zu machen. Das Wetter sollte heute besser sein als morgen, aber – der nächste Autoverleiher ist in Tortoli, ca. 5 km entfernt, und macht am Montagmorgen wieder auf. Bei den Noleggio di Macchina, die in Google nicht gleich als geschlossen identifiziert sind, rufe ich an, bis in ca. 20km Entfernung. Per favore, parla Inglese? No, scusi, italiano. Immerhin reicht mein italienisch dazu, nach einem Mietwagen nach Arbatax zu fragen, und „impossibile“ oder „no disponibile“ verstehe ich auch. Also ein ruhiger Tag, weniger freiwillig als gestern. Wir finden Vorteile: Entgegen der Sonne im Wetterbericht regnet es am Morgen. Am Sonntag hätten vielleicht die Läden nicht auf, Montag dann schon. Also viel besser, heute hier zu bleiben. Wir finden ein Café in der Nähe des Hafens, machen ein spätes Frühstück. Nach zwei Cappuccinos überlegen wir, noch etwas am Schiff zu basteln. Als Alternative schlage ich ein Aperol Spritz vor; Frank stimmt sofort zu.

Gestern war eigentlich der Tag, genau wie er sein soll. Die kleine Bucht südlich von Arbatax erweist sich am Morgen nach der nächtlichen Ankunft als wunderschön – kristallklares Wasser, von den im Revierführer angekündigten „Jetskis, a peaceful place this isn’t“ nichts zu sehen. Ich werde von einem lauten Platsch geweckt, Frank hat den Morgen mit einem Bad eröffnet. Es ist sonnig und windstill, auch ich springe hinterher. Um unser Schiff schwimmen Fische herum, und ab und zu sportlich kraulende Italiener. Warum sollen wir eigentlich jetzt weiter in die Marina? Wir bleiben bis zum späten Nachmittag in der Bucht, trinken mittags die halbe Flasche Rotwein, die überraschenderweise am Vorabend übrig blieb, und freuen uns des Lebens.

Man merkt durchaus, auch hier wird’s langsam Herbst. Nachts schlafe ich nun unter Deck, und an manchen Nächten habe ich mehr als den leeren Bettbezug benötigt. Und selbst mittags ist die Hitze nicht so, dass sie uns komplett lähmt. Klar, in der Sonne ist es mir immer noch zu warm, aber wir haben ja meist irgendwo Schatten auf dem Schiff. Ich wurde auch schon freiwillig in langen Hosen gesehen, und nachts sogar mit Jacke.

Ein kleiner Exkurs übrigens zu AIS: Ich hab ja schon öfters etwas fragende Whatsapp bekommen, wie: „Laut Marinetraffic.com seid Ihr aber immer noch in Sizilien“, usw. Dafür gibt’s unterschiedliche Gründe – so hatte unser Vorbesitzer die Antenne unseres AIS Senders eher sub-optimal angeschlossen, ‚total behämmert‘ würde es auch treffen. Das haben wir mittlerweile korrigiert; wir sollten nun normal senden. Aber AIS wurde als System zur Warnung von Schiffen untereinander ersonnen – man gibt damit den anderen Schiffen in der Umgebung seine Anwesenheit, und auch Kurs, Geschwindigkeit usw. bekannt, und die anderen Schiffe können darauf reagieren. Das ‚Tracking‘ von Schiffen weltweit wurde erst später draufgesattelt, und braucht also Landstationen, die die Schiffssignale einsammeln und an das Internet weitergeben. Als ‚Class B vessel‘ (also freiwillig mit AIS ausgerüstet) senden wir mit einer Leistung, die sicher fünf Meilen reicht, und meist auch deutlich mehr. Aber, in der Mitte des Tyrrhenisches Meeres, 70 Meilen vom nächsten trockenen Land, wird uns kein System finden (Class A Schiffe werden auch per Satellit überwacht). Also sehr normal, dass unsere letzte Position als westlich von Sizilien angegeben ist, und dort die nächsten 30 Stunden verharrt. Ärgerlich nur, dass uns offensichtlich Marinetraffic östlich von Sardinien nicht wieder auf den Schirm bekommt. Ich gebe auch zu, das ich das Geschäftsmodell von Marinetraffic nicht ganz verstehe, und die Landstationen kosten sicherlich auch Geld. Es gibt übrigens Konkurrenz: „Vessel Finder“ hat uns schon in der Bucht erkannt, während Marinetraffic uns noch in Sizilien vermutete, und auch jetzt ist unsere (unver änderte) Position auf Vessel Finder aktueller.

Jetzt wird’s langsam Abend, heute vielleicht nur eine entspannte Pizzeria – gestern haben wir etwas edler mit vier Sternen gegessen – sehr lecker, aber am Ende die Rechnung entsprechend. Aber erst noch etwas Bastelei am Schiff fertig machen – Frank hat eine Füllstandanzeige für unsere Bilge gebaut – mit Alarm!

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2 Antworten zu Intensiver und schneller entschleunigen

  1. Andrea sagt:

    Na sowas, exakt die gleichen Fische mit dem schwarzen Punkt am Schwanz haben wir auch beim Baden in Kassiopi gesehen… nur waren unsere glaub ich etwas kleiner, aber total zutraulich, die sind zwischen den Badenden rumgeschwommen. In ähnlich blauem Wasser. Ich kenn‘ die Adria ja hauptsächlich von der italienischen Seite, da ist es durch den Sand eher unspektakulär vom Wasser her… aber in Corfu (und offensichtlich in Sardinien) schaut es sensationell-türkisgrün und glasklar aus!

  2. Thiemo sagt:

    Sehr schöne Bilder und wie immer sehr schön zu lesen!
    Dürft ihr eigentlich überall fischen / angeln wo ihr seid?
    Das wäre doch eine gute Erweiterung für den Speiseplan 🙂
    LG,
    Thiemo

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