In Sydney

Für Wooma, Pinksta und Mr. Brown ist es ein guter Tag. Es hat sich gelohnt, heute im SeaLife Aquarium in Sydneys Darling Harbour zu sein. Nicht immer sieht man so eine Auswahl: große und kleine; weiße, braune, gelbe und schwarze; dicke und dünne; junge und alte; verliebte und Familien, Kinder und kichernde Teenies. Wooma, Pinksta und Mr. Brown sind kleinen Pinguine im Aquarium, und stellen neben den Haien und dem Entenschnabel-Platypus die größte Attraktion hier dar. Am witzigsten finde ich allerdings den ‚Ornate Wobbegong Shark‘ – ein häßlicher Hai, der aussieht, als wäre er in einem rosa Sofabezug eingekleidet. Die Riesenauswahl an Touristen geht mir allerdings etwas auf den Keks; so schlimm war’s bislang noch nicht in Sydney.
Vor drei Tagen fing es mit einem kurzen Spaziergang zum Darling Harbour an. Der Weg führt mich zuerst zu einem Chinese Friendship Garden, bei den Eintrittspreisen besinne ich mich aber – schließlich war ich eben erst in Asien, da brauche ich jetzt keinen besinnlichen, nach den Regeln des Feng Shui angelegten Park. Statt dessen setze ich mich in den Schatten seiner Wand und mache die Feinplanung für den Sydneybesuch. Ein größerer, weisser Vogel erregt meine Aufmerksamkeit und wird fotografiert: Format schlankes, hochbeiniges Hühnchen, mit einem schwarzer Kopf und einem etwa fünfzehn Zentimeter langen, gebogenen Schnabel. Am Hinterkopf ist das schwarz wie bei einer am Fersen durchgescheuerten Socke unterbrochen. Ich schleiche mich an ihn heran, um das seltene Tier zu fotografieren – in den nächsten Tagen sehe ich ihn aber in Massen auf fast jedem Stück grün.
Gegenüber wird das Sydney Convention Center mitsamt seinem Monorail gerade abgerissen, obwohl es noch gar nicht so alt oder kaputt aussieht. Offensichtlich hat man hier Geld. Als ich weiter um den Hafen schlendere sehe ich einen Segelbootverleih, auch stundenweise – aber alleine sind die 800 AU$ für sechs Stunden doch etwas viel. In einer Gruppe wäre die Hafenrundfahrt auf eigener Faust nun geritzt. An den Stegen von Darling Harbour liegen auch einige der Schiffe, die zum National Maritime Museum of Australia gehören, die werde ich mir an einem anderen Tag angucken. Außerdem merke ich mir eine Hafenrundfahrt für den nächsten Tag vor.

Empfehlungen folgend nehme ich die Fähre zur nächsten Bucht des Hafens – das rechteckige Becken von Circular Quay. Die Fahrt dorthin führt unter der berühmten Harbour Bridge durch, und erlaubt ein paar Ansichten der Oper von See aus. Ein Schild bringt mich zu schmunzeln: die Fährgesellschaft übernimmt keine Haftung, wenn man an Bord des Schiffes nass wird. Ich überlege, ob ich die Stadt Sydney beim nächsten Regenguss verklagen könnte, wenn meine Kamera oder ich nass werde – schließlich hat mich keiner gewarnt. Ich schlendere am Circular Quay ein wenig herum, und beschließe die Oper mit einer entsprechenden Tour zu besichtigen. Das Opernhaus ist tatsächlich ein größeres Kulturzentrum wie der Münchner Gasteig, zwei große Säale und mehrere kleinere Theater. Der Führer ist unterhaltsam, erzählt einiges von der Geschichte des Opernhauses, erzählt einige Anekdoten von Darstellungen, die sich die gschamigeren nicht ansehen sollten, und beschreibt auch die neueste Inszenierung von Carmen, wo ebendiese auf einem Pferd auf die Bühne reitet. Einmal hatten sie dazu ein neues Pferd, Kiko, genommen, was dann auf der Bühne etwas nervös wurde und eine kleine Schweinerei hinterließ. Zum Schluss gehen wir noch in den Vorstellungsraum für das Symphonieorchester. Die Halle ist wirklich beeindruckend, eine Kathedrale der Musik, ein Eindruck, der durch die riesige Orgel unterstrichen wird. Leider ist das Fotografieren nicht erlaubt, schließlich gibt es am Ende der Tour noch ein käuflich zu erwerbendes Souvenirfoto für vierzig Dollar, wo man digital in den Raum eingefügt wird. Da ich mich an das Verbot nicht gehalten habe, kann ich sparsam sein.

Ich schlendere noch kurz durch die Rocks, gewisserweise die Altstadt von Sydney. Viel ist davon nicht mehr übrig, es war auch keine klassische schöne Altstadt, damals. Ein großer Teil davon ist unter der südlichen Zufahrt der Harbour Bridge verschwunden, der Rest der vergammelten Buden wäre in den 1970er einem Neubauprojekt zum Opfer gefallen, aber Bürgerproteste schafften es letzten Endes, dass die Reste des Viertels erhalten blieben und saniert wurden.

Den zweiten Tag habe ich für das Maritime Museum und eine Bootsfahrt nach Bondi Beach vorgesehen. Als ich gegen zehn zum Booking Office für die Bootsfahrt schlendere, um eine Fahrt am Nachmittag zu buchen, werde ich gefragt, ob ich evtl. auch gleich jetzt fahren würde. Das Licht ist am vormittag besser, also klar. Der Büromensch telefoniert schnell mit dem bereits ablegenden Boot während ich hinhetzte. Der Skipper bekommt fast einen Herzkasper, als ich Anstalten mache, die 70cm zum Boot mit einem beherzten Sprung zu überwinden. Ich werde deutlich auf meinen Platz hinten am Kai gewiesen, während das Boot wieder festmacht, die Gangway ausgepackt wird, und mir eine sichere An-Bord-geh-Umgebung geschaffen wird. An Bord ist es dann aber richtig nett. Der Motorkatamaran hat Platz für ca. hundert Leute, neben mir sind nur eine Amerikanerin und eine koreanische Familie an Bord. Es gibt keinen Audiokommentar aus der Dose, zwei Crewmitglieder erklären einem persönlich die Sehenswürdigkeiten. Irgendwann kommt Tim, der Skipper, noch zu mir und entschuldigt sich für den rauen Ton – aber er hat Vorschriften, und woher soll er wissen, ob ich siebzig cm springen kann. Die Fahrt führt durch die Bucht von Sydney – ein perfekter Naturhafen, hinaus auf den Stillen Ozean und an der Küste nach Süden bis Bondi Beach. Wegen der Hai-Netze können wir nicht sehr nah an den Strand fahren, aber es reicht auch so. Ich muss ja zugeben, dass ich kein so gigantischer Strand-Fan bin. Ich röste mich nicht so gerne, kann nicht surfen, und fühle mich beim ins Wasser gehen so fürchterlich ausgesetzt – an Land bleibt der Autoschlüssel, und somit Pass, Geld und alle Habseligkeiten. Und Bondi Beach sieht jetzt auch nicht besonders aufregend aus, ist halt nur berühmt, und ich war jetzt da, hab ein Foto, alles gut. (Bondi Beach ist im Süden von Sydney, ich wohne im Norden, ich hätte ewig gebraucht anders dahin zu kommen).

Der Stille Ozean ist auf der Rückfahrt nicht besonders still, und die koreanische Familie kennt sich nicht mit Seekrankheit aus. Der kleine Sohn übergibt sich im Salon über das Kunstledersofa, die Mutter danach an Deck in die dedizierte Tüte. Die Tröstversuche auf Papas Arm quittiert der Kleine, indem er ihm das ganze Hemd vollkotzt. Jetzt ist die Crew voll beschäftigt, und ich verziehe mich auf die Brücke, lasse mir von Skipper den Hafen erklären. Eine Viertelstunde bevor wir wieder zurückkommen gesellt sich der koreanische Papa mit frisch ausgewaschenem Hemd zu mir. Er hat spitzbekommen, dass ich aus Deutschland bin, und interessiert sich für real gelebte Wiederereinigungen. Nach der Rückkehr geht die koreanische Familie ins Hotel, um sich etwas frisch zu machen, und ich besuche das Marinemuseum. Eigentlich wollte ich das komplett ansehen, und noch kurz in das Museum für moderne Kunst, aber schon die drei Ausstellungsschiffe lasten mich voll aus. Ein Zerstörer, ein U-Boot, und ein segelfähiges Replika der HMB Endeavour (mit der James Cook die Ostküste von Nieuw Holland erkundete und danach Neuseeland entdeckte) nehmen mich voll in ihren Bann. An Bord sind Freiwillige, mit denen man sich super über die Schiffe unterhalten kann. Besonders das U-Boot fasziniert mich. Vorsichtig beginne ich meine Fragen mit einen ’nun ja, mein Wissen kommt ja teilweise aus Filmen, aber ist es tatsächlich so, dass…‘. Mir wird beschieden, dass die ganzen Filme eigentlich ein Schmarrn sind, es gibt nur eine Ausnahme, ‚this German film Das Boot ‚ – nun ja, Operation Petticoat meinte ich nicht.

(ich habe nicht nur den Film gesehen, sondern auch das Buch von Lothar Günther Bucheim gelesen, und seine anderen beiden Bücher auch – ich finde sie genial. Ich glaube fast, dass sein Erzählstil mein Schreiben beeinflusst, dass muss ich daheim mal genauer ansehen).
Das Museum schließt, und ich habe die Ausstellungen innen noch gar nicht gesehen. Ich frage naiv, ob es vielleicht einen Rabatt für Wiederholungstäter gibt, aber die Dame beim Ticketverkauf trägt einfach meinen Namen in das ‚Blaue Buch‘ ein, ich darf morgen kostenlos wiederkommen. Und so kommt es, dass ich an meinem dritten Tag in Sydney erst die Ausstellungen in dem Museum ansehe, dann das Aquarium besuche, und zuletzt noch das Museum of Contemporary Art (ich darf’s ja kaum zugeben, aber ich bin gar nicht so traurig, dass nur ein Stockwerk von dreien geöffnet ist, weil die anderen für das 200-jährige Bestehen von Sydney überarbeitet werden; ich bin platt. Am Ende des Tages treibt es mich als Witz in das Löwenbrau-Brauhaus. Das Personal in Dirndl und Lederhosen, drinnen spielt eine kleine Kapelle ‚Ach Du lieber Augustin‘, und ich zahle umgerechnet 36€ für ein mittelmäßiges Schweineschnitzel und eine Halbe Dunkles. Danach bringt mich ein Bus wieder nach Castle Hills, wo ich für die Dauer meines Aufenthaltes untergekommen bin.

Castle Hills, das ist ein Vorort von Sydney, und hier wohnen Hildegard und Walter. Walter und ich arbeiteten beide ca. fünfundzwanzig Jahre bei Osram, können uns aber nicht erinnern, uns dort jemals bewusst getroffen zu haben. Den Kontakt hat mein Ex-Chef Wolfgang hergestellt, ich hatte ein paar Fragen zum Thema Autokauf in Australien, die sich dann aber erübrigten. Jedenfalls beschlossen Walter und ich im Laufe des e-mail Austausches ein Bier zusammen zu trinken, Details würden folgen. Aus der lockeren Verabredung zu einem Bier wird eine Einladung: „Bleib doch einfach bei uns, wir haben genug Platz“. Das ist mir jetzt ziemlich peinlich, ich hatte den Kontakt nicht angestoßen, um mir einen Übernachtungsplatz zu schnorren. Aber verlockend ist es natürlich schon, nach drei Monaten mehr oder weniger anonymen Hotels. Hektisch frage ich bei Wolfgang nach, womit ich den Beiden eine Freude machen könne – Wein, Whisky oder was sonst? Wolfgang meint, dass eine Flasche Whisky und Blumen ideal sind. Ein Einkaufszentrum in der Umgebung verkauft Beides.

So gerüstet folge ich dem Navigationssystem meines Autos zu einem kleinen Palast in Castle Hills. Irgendwie haben Walter und ich bezüglich meiner Auskunft nicht perfekt kommuniziert, meine Ankunft überrascht Hildegard, und sie hat nichts zum Essen vorbereitet. So bekomme ich nur eine Lachs- und Käseplatte als Vorspeise, und einen Leberkäse mit Spiegelei mit Beilagen als Hauptspeise. Hätte das mit der Ankündigung richtig geklappt, wäre ich wahrscheinlich am ersten Abend geplatzt. Der Abend wird, wie die nächsten beiden auch, total nett. Die beiden wohnen mit Familie seit elf Jahren in Australien, werden da wohl auch bleiben. Wir tauschen uns über Australien aus, erinnern uns gerne an die Zeit bei Osram zurück, und diskutieren über unsere berufliche Zukunft. Walter vertreibt hier mittlerweile Außenleuchten von Hess, wir unterhalten uns über die Optimierung von Websites; die Seite www.formandlight.com.au wird mittlerweile als erster Treffer bei Google angezeigt, wenn man „architectural designed outdoor lighting“ sucht.
Etwas später inspizieren wir Walters Bar (der Whisky steht noch verpackt auf dem Küchentisch), und ich muss feststellen, dass Walter eigentlich nur Cognac mag, und keinen Whisky. Ich muss ein ernstes Wörtchen mit Wolfgang reden, aber immerhin mache ich so seinem Sohn eine Freude – und Walter gelobt den Whisky vorbehaltlos zu probieren – das wird ein harter Übergang von eher süßem Cognac zu einem torfigen Talisker. An einem Abend bekomme ich einen kleinen München Flash: Die beiden haben einen Tatort aufgenommen, ein Münchner noch dazu, „Allmächtig“. Der spielt auch teilweise in den Alpen, ich bekomme Heimweh. Verstärkt wird das noch durch ein am gleichen bekommenes Mail – ein Artikel im Handelsblatt berichtet über das Video einer Produktionsfirma, die die Mutter aller Imagefilme gedreht hat, im Internet mittlerweile über 200.000 mal gesehen. Sujet ist ein Münchner Obststand, mit Worthülsen, wie ich sie bis vor einem halben Jahr auch absonderte, wird das Unternehmen von Didi Schneider beschrieben, getragene Rhetorik beschreibt Qualitätskontrolle und Logistik (Didi probiert einen Apfel und fährt eine Sackkarre über die Straße), alles natürlich mit klarer Kundenorientierung. Der Kommentar eines Freundes zieht Parallelen zum Unternehmensfilm auf der Osram Hauptversammlung, nur die Birnen wären andere, und ich muss herzlich lachen. Dazu einige Bilder von München und das bayrisch des CEOs – keine Frage, ich freue mich auch schon jetzt auf’s wiederkommen.

Dennoch, von allen australischen Städten hat mir Sydney am besten fefallen – Danke Hildegard und Walter!

2 Gedanken zu „In Sydney

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