Gruppenreise

Heute ist es so weit: Das Gruppenreisenabenteuer kann beginnen. Ich verlasse meine Air B’n’B Unterkunft und bringe meinen Koffer in das für die Gruppe gebuchte Hotel. Dann eine Taxifahrt zum Acacia Tearoom, dort werde ich die Gruppe treffen. Das Lokal versprüht kolonialen britischen Charme, die Preise haben locker mit denen in Großbritannien mitgehalten, 4$ für eine Tasse Tee (in einer Kneipe in Yangon kostet das Bier 1,50$). Um kurz nach 11:00 hält ein Bus hält dem Laden, und Yan sammelt mich ein. Die restliche übernächtigte Gruppe wartet im Bus. Mein erster Schreck: zum Einstieg in den Bus stellt ein Burmese einen kleinen Schemel vor die Tür, um die Schritthöhe von Straße zum Einstieg zu halbieren… Wie soll ich da jetzt mit meinem Rollstuhl raufkommen?

Es geht zur ersten Pagode: ein liegender Buddha möchte besichtigt werden. Der ist vielleicht 60m lang, und wird von einer entsprechenden sakralen Halle überdacht. Die Halle ist in dem Fall tatsächlich einfachster Industriebau – Eisenfachwerk mit Wellblechdach. Eigentlich fehlt nur der Laufkran für schwerere Werkstücke. Wie in allen Pagoden muss man dazu die Schuhe ausziehen; die meisten haben noch schwere Wanderschuhe von der Reise an, da bin ich mit meinen Flipflops besser dran. Überraschenderweise bleiben im Laufe der nächsten Tage viele bei unpraktischem Schuhwerk.

Danach wieder in den Acacia Tearoom, ein erster Mittagssnack mit kennenlernen. Leider ist die Gruppe in zwei Räume getrennt. Da ich als letzter dazu gestoßen bin, versuche ich den Informationsrückstand über die Gruppenmitglieder mit einer gegenseitigen Vorstellungsrunde aufzuholen. Gute Idee, war noch keiner drauf gekommen. Immerhin hat sich damit unser Raum mal gegeneinander vorgestellt. Darf ich vorstellen, meine Mitreisenden für die nächsten zwei Wochen: Yan, der Reiseleiter, Karin, Brigitte, Ilse, Uschi, Anne, Günther, Karin, Stefan, [Heidi, Jens, Hilde, Klaus-Peter, Annerose, Norbert, Ilse, Alfred – die lerne ich erst später kennen]. Ich bin nicht der jüngste, senke aber dennoch den Altersdurchschnitt. Wie die meisten arbeite ich nicht. Es gibt neben mir einige andere ohne Partner, aber bei den meisten ist diese aufgrund Verwitwung. Wer mehr wissen will, muss fragen. Danach kurz ins Hotel. Das Parkroyal in Yangon ist ein Fünf-Sterne-Haus, nach der letzten Woche schwelge ich im Luxus, und einer relativ schnellen Internet Verbindung.

Danach geht’s zur Shwe Dagon Pagode, einer der größten in Myanmar. Gold, wohin das Auge blickt. Teilweise echtes Blattgold, teilweise eine Goldfarbe. Die Krone der Pagode ist mit Diamanten und Edelsteinen besetzt. Wie sonst in einem so bitterarmen Land. Wir umkreisen die Pagode im Uhrzeigersinn, es gibt alle möglichen zusätzlichen Schreine rundherum. Gold wohin man blickt. Langsam geht die Sonne unter, von einer Seite ist die Pagode glitzernd angestrahlt, von der anderen Seite gibt’s effektvolle Gegenlichtaufnahmen. Erwähnte ich: Gold wohin man blickt?

Der nächste Tag führt uns zur Sule-Pagode. Da diese etwas kleiner ist, konnte nicht ganz soviel Gold verbaut werden, aber auch hier: Gold wohin man blickt (OK, das wiederholt sich jetzt – denkt Euch einfach bei jeder Pagode Gold, Gold, Gold). Auch an sonstigem Kitsch wird nicht gespart. In den meisten Schreinen stehen Buddha-Figuren. Um deren göttliche Ausstrahlung zu unterstreichen, werden hinter deren Köpfen gerne LED-Scheiben montiert. Die Möglichkeiten moderner Lichtsteuerungstechnik ausnutzend strahlen dort bunte LEDs in ständig bewegten, bunten Mustern. Dazwischen noch ein paar Spiegelkacheln um das Gold zu reflektieren, welches in diesen Pagoden im Überfluss vorhanden ist. Danach eine alternativ-esoterische Einlage, wir fahren in einen Außenbezirk von Yangon, wo wir die Heilpraxis von Dr. U Shein, MD (MA) besuchen. Der alte Mann ist Schamane und Wunderheiler, hat sein Titel von der Universität von Colombo, Sri Lanka und ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von „Schamanismus und Heilen e.V.“ in München. Wer mich kennt, kann sich vorstellen, wie überzeugend das auf mich alles wirkt. Komischerweise bleibe ich skeptisch, auch als er an einer seiner Assistentinnen demonstriert: Hand vor die Brust: Assistentin hustet dreimal. Hand von oben nach unten: Assistentin fällt in tiefen Schlaf, in die Armen einer zweiten Assistentin. Nochmal Hand auflegen, Assistentin wacht auf. Dr. U Shein verkauft auch Gold-Asche-Medizin, hilft gegen alles. Danach sitzen wir bei ihm und trinken Tee, er verteilt Mappen mit den Geschichten von ihm geheilten Menschen, manche davon auch mit deutschen Briefen und e-mails. Jetzt bin ich restlos überzeugt, da mir aber gerade nix fehlt, nehme ich vom Kauf der Gold-Asche-Medizin Abstand. [Um meine Skepsis zu relativieren: ich glaube durchaus, dass der Mensch erhebliche Selbstheilungsfähigkeiten hat, vielleicht weckt das kleine Krischperl die halt besonders gut. Und wer glaubt, wird seelig.] Wie die meisten meiner Mitreisenden habe ich aber die Fahrt zu der Klinik und den kurze Spaziergang dorthin genossen. Dabei stellen sich aber die kleinen Unterschiede bei der Beobachtungen der fremden Kultur heraus. Ich gucke verstohlen durch die offenen Türen der ärmlichsten Behausungen, wage ab und zu ein Foto aus der Hüfte. Andere haben da weniger Schamgefühl, oder sind mutiger – wie man’s sieht. Wie würden die sich fühlen, wenn plötzlich eine japanische Reisegruppe an deren Zaun in Hannover stehen würde, und Fotos der dort lebenden Familie machen würde. Mit kräftigem Zoom kann man auch durch’s Küchenfenster fotografieren – ihhh, es wurde ja seit mindestens zwei Tagen nicht abgespült…

Danach ein Besuch im Nationalmuseum von Myanmar. Ich schließe mich der Lonely Planet Beschreibung an: appallingly lit and labeled, aber mit ein paar Ausstellungsstücken, die wir im Laufe der kommenden Reise besser einordnen können. Dann weiter zu Scott’s market, wo die Frauen in der Gruppe verzückt Wickelröcke und Jadeschmuck kaufen. Ich selber werde fast schwach bei einer vergoldeten Teakholzschnitzerei für 20€, die mit roten und grünen Glasscherben (sollen sicher Rubine und Smaragde sein) dekoriert ist. Wiegt leider ca. 8 Kilo und ist ungefähr DIN A2 groß. Mal sehen, was der Versand kosten würde…

Danach eine weitere Pagode, einzigartig weil innen begehbar, dort ist ein Schrein mit zwei Haaren von Buddha – wie auch bei katholischen Reliquien so in einem Gefäß mit staubigen Scheiben eingebettet, dass man mir alles erzählen über den Inhalt erzählen könnte. Danach noch ein Foto-Stop an der größten katholischen Kathedrale von Yangon, ein drive-by foto-shooting an einer Moschee, und dann wieder zurück ins Hotel. Der Abend wird kurz, aufstehen morgen früh um 3:45 für den Weiterflug. Gut dass ich nicht noch in die Bar gegangen bin, per mail erfahre ich, dass Herr Chalampalyam aus Indien meine Wohnung mieten will. Wir einigen uns im Laufe des Abends, nun habe ich bis zum 1.6.2014 keine Wohnung in München mehr, dafür eine erhebliche Kostenbeteiligung an meiner Reise – mal sehen, ob ich’s schaffe, meine Übernachtungskosten damit zu decken.

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