Darwin, Dschungel und Drama – und ein paar Abschlussgedanken

Routiniert lege ich meinen Pass am Check-In in Darwin vor, denke sogar daran, einen Fensterplatz zu fordern, bevor die falsche Bordkarte ausgedruckt ist. Lässig wartend kommt es anders als gedacht; ich werde im System nicht gefunden. Habe ich eine Booking Reference Number? Aber natürlich: KB4Q6G. Wie bitte? Kilo Bravo four Quebec six Golf. Ach ja, da habe ich Sie ja – aber Ihr Flug ist gar nicht heute. Oh Scheiße, denke ich mir, ich hab was verbockt, vielleicht daneben geklickt? Ihr Flug ist am 29. July, nicht am 29. März. So verpeilt kann ich doch gar nicht sein, um so weit daneben zu klicken, oder? Hektisch schaue ich auf mein Bestätigungsmail, welches mir auch die Reference Number verraten hat. Nö, da steht der 29. März, und das ist heute. Ich halte Ihr mein Apfeltelefon hin, look: the 29th of March. Sie dreht mir ihren Bildschirm zu, look: the 29th of July. So kommen wir wohl nicht weiter, und die Dame am Check-In, mittlerweile durch ihren Supervisor verstärkt, ist sich sicher: mein Agent hat meinen Flug bei Jetstar für den 29.7. gebucht. Probleme müsste ich mit denen klären. Was bin ich froh, dass ich – um keinen weiteren Tag Mietwagen zu zahlen – drei Stunden zu früh am Flughafen war. Was sind denn die Optionen? Ist im Flieger noch Platz frei? Ja, locker. Was kann ich hier in Darwin tun? Nochmal 60% des ursprünglichen Flugpreises als Umbuchungsgebühr zahlen, und mitfliegen. Oder vier Monate warten. Hm. Vier Monate à 30 Tage mal 60€ für die Übernachtung sind 7200 Euro, umbuchen wäre wohl billiger, aber erstmal probieren wir’s mal mit BravoFly, meiner Buchungsagentur. Nach Versuche über einer halbe Stunde mit Skype Servicenummern in Deutschland, Australien und Italien zu erreichen gebe ich auf. Das Wochenende ist, hilft nicht. Also gut, Kreditkarte auf den Tresen, hundert Euro Umbuchung und weiter geht’s. So kommt man immerhin zu Stoff für seinen Blog.
[Anmerkung: nach freundlichem E-Mail-Verkehr hat sich Bravofly für die Panne entschuldigt, und mir die Umbuchungsgebühr klaglos überwiesen]
Darwin ist meine letzte Station in Australien. Ich hatte länger überlegt, noch nach Perth zu fliegen, aber der Reiseführer versprach zwar eine nette Stadt, aber keine must-do Sehenswürdigkeiten. Für eine längere Fahrt durch Western Australia (fast wieder so groß wie der Rest von Oz) habe ich irgendwie keine Ruhe mehr, mich zieht’s wieder nach Südostasien, erste Station Bali. Preiswerte Flüge ab Alice Springs gehen meist über Darwin, und so beschließe ich das zu machen, mit zwei Nächten Aufenthalt. Mitreisenden von der Uluru Tour haben über zwei sehenswerte Nationalparks berichtet, ich vergleiche deren Beschreibung und entscheide mich für den Litchfield NP, Termitenhügel, Wasserfälle und Regenwald, knapp 120 km südlich von Darwin. Die erste Attraktion des Parks sind die Termitenhügel der ‚Magnetismus-Termiten‘. Diese richten Ihren auf konstante Temperaturen bedachten Hügel in Nord-Südrichtung aus, um die wärmende Morgen- und Abendsonne einzufangen, aber der Mittagssonne möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Magnetismus, so ein Schmarrn, die Viecher werden das mit der Sonne halt irgendwie merken, aber eine Schautafel widerspricht: Die Termiten sind blind, und bei Versuchen mit einem ‚falschen‘ Magnetfeld fangen die Dinger sofort an, ihren Hügel umzubauen. Als nächstes der Florence Wasserfall, welcher nicht nur fotogen ist, sondern an dessen Fuß ein krokodilfreier Tümpel zum Baden einlädt. Irgendwie habe ich das beim Packen für den Tag nicht berücksichtigt, aber es ist heiß, der Tümpel ruft, es ist sooo heiß – die schwarze Boxershorts wird’s wohl auch tun. Außerdem sehe ich kein Verbotsschild, welches meinem Plan widerspricht. So stürze ich mich ins kühle Nass, bewaffnet mit meiner wasserfesten Digitalkamera. Ob das mal eine interessante Perspektive gibt, Wasserfall von mittendrin? Ein paar interessante Fotos werden es, die meisten Zufallstreffer. Beim Rückweg zum Auto sehe ich noch einen spannenden Psychokrieg zwischen zwei Jugendlichen und einem Parkranger. Die Jungendliche sind neben dem Wasserfall hochgeklettert und stehen nun oben, wirken so als würden sie gerne die 15 Meter in die Tiefe springen. Ich weiß, dass da am Fuße des Wasserfalls ein Baumstamm unter der Wasseroberfläche ist, ob das die beiden auch wissen? Der Ranger steht etwas abseits und versucht’s mitArgumenten oder Drohungen (ich bin viel zu weit weg, um etwas zu hören), die beiden stehen weiter unschlüssig oben am Bach. Irgendwann setzt sich der Ranger in den Schatten und warten, bis sich die beiden entscheiden. Als sie dann wieder neben dem Wasserfall die Felsen hinabklettern ist die Situation entschärft, und auch ich gehe. Kein Drama.
Danach ein kurzer Rundweg an den Tolmer Falls, der erste Teil für Rollstühle geeignet, für die zweite Hälfte gebe ich zu, dass Flip Flops nicht die ideale Wahl sind. Auch habe ich keine zwei Liter Wasser dabei, für die Parkverwaltung befinde ich mich also in akuter Lebensgefahr. Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten überlebe ich den dreißigminütigen Ausflug, und fahre weiter zu den Wangi Falls, deren Rundweg wegen Flutschäden gesperrt ist, und der Teich wegen möglicher Salzwasserkrokodile. Das hat man an oberbayrischen Badeseen auch selten, aber dafür bin ich ja in die Exotik gefahren. An meinem letzten Abend in Australien lasse ich die Kreditkarte noch einmal kurz aufglühen – In einem gut bewerteten Steakrestaurant gibt es ein Rumpsteak vom Wagyu-Rind, Lachstartar davor und als Nachtisch ein Trio von Schokolade. Wagyu ist die japanische Rinderrasse die auch das Kobe-Beef liefert, nach Expertenmeinung das beste Fleisch der Welt, und wohl auch das teuerste. Das Steak war gut, keine Frage, aber jetzt auch kein Erlebnis zum Niederknien – dafür war der Preis noch überschaubar (50% teurer als das gleiche Gericht vom 08/15 Rind).
Am letzten Tag schicke ich noch zwei Packerl nach Hause – auf Speicherstöcken gesicherte Urlaubsfotos per Luftpost und überflüssiges Gewicht per Seefracht. Somit sind ideelle Werte vor Verlust gesichert, wenn der Rest geklaut würde, könnte ich es verkraften – vielleicht wäre es sogar befreiend. Leider verhindern Transportbestimmungen über den Umgang mit Lithiumakkus, dass ich die zwei Digicams verschicken kann, die durch meinen Schnorchelfund überflüssig geworden sind, Also weiter mit dem Elektroschrott.
Aus Verlegenheit statte ich noch dem Darwin Kriegsmuseum einen Besuch ab, welches den japanischen Angriff vom Frühjahr 1942 thematisiert, das australische Pearl Harbor. Ein Museum nach dem Typus: „Wir sammeln mal den ganzen periodengerechten Schrott zusammen, bitten Mitbürger um Fotos aus der Zeit, und hängen ein paar Zitate von Zeitzeugen auf“. Ein Teil des Schrotts stand schon Jahrzehnte im Dschungel, es sieht auch jetzt nicht sorgfältig restauriert aus. In der größten Ausstellung des Museums hat ein Multimediaexperte gewirkt, Fotos und Zitate können hier auf Touchscreens aufgerufen und mit Wischbewegungen hin- und hergeschoben werden. Ähnlich gestaltet sich das Konkurrenzmuseum, welches sich aber mehr der Luftfahrt widmet, und „eine von nur zwei außerhalb der US ausgestellten B-52 Bombern“ aufweist. Wirklich? Selbst wenn man die verbogenen Reste in Vietnam nicht mitzählt, glaube ich das nicht ganz, und frage nach. Ja, vor einer Luftwaffenbasis in England steht auch einer, wird mir beschieden. In Seoul habe ich vor drei Jahren auch einen fotografiert, entgegne ich. Nun ja, und in Guam steht auch einer, gibt der Mitarbeiter zu, aber sie wollten den Spruch nicht ändern.
Ich stelle fest, dass ich an ‚letzten Tagen‘ nicht besonders unternehmenslustig bin, ich sollte fortan eher versuchen, Flüge am Vormittag zu buchen. Ich bringe meinen Toyota wieder zum Flughafen, und tippe in der Wartehalle des Mega-Airports von Darwin den Blog von Uluru, um die 90 Minuten bis zum entspannenden Check-In zu füllen.
Somit geht – erzähltechnisch – meine Zeit in Australien zu Ende, und es wird mal wieder Zeit für das Länderfazit. Einem meiner Hauptkritikpunkte habe ich ja bereits in dem Eintrag zu Tasmanien Luft gemacht, das gilt auch weiterhin. Christian Reischl hat sehr weise kommentiert, und wahrscheinlich hat er recht: Ich bin auch ein wenig selber schuld, dass es mir weniger gefiel als ich hoffte, träumte. Die tollsten Orte gliedern sich eher nach den nettesten getroffenen Leuten. Wilson’s Promotory, wo ich Angelika und Heiko traf; Sydney, wo ich ein paar wunderbare Abende mit Hildegard und Walter verbringen durfte, Fraser Island, wo ich Vany traf und danach in einer Jugendherberge bis tief in die Nacht mit einer großen Runde Traveler quatschte, und Uluru, wo wir in einer Gruppe von 18 Reisenden sehr viel Spaß hatten. Sicher wird es dem Land nicht gerecht, ihm die Stimmung aus fast 9500 km in Selbstandacht gefahrenen Kilometern anzulasten. Was wären also meine Konsequenzen?
• Zur emotionalen Preisbewältigung: nicht an einen Aufenthalt in Südostasien anschließend nach Australien fahren. Besser zur Vorbereitung eignet sich eine Reise durch die Schweiz.
• Das nächste Mal in Begleitung fahren, oder durch konsequentes Ansteuern von Backpacker-Unterkünften oder Buchen von Ausflügen mehr Leute treffen.
• Gemeinsam über den fürsorglichen australischen Nanny-Staat lachen.
• Sich mehr auf das Genießen von Natur konzentrieren. Viel weniger sehen wollen, und das intensiver. Mehrere längere Tageswanderungen oder auch Mehrtageswanderungen durch die Nationalparks müssen genial sein.
Noch fehlt mir Western Australia – eine Reise mit einem 4WD durch die Kimberlies bleiben somit auf der ‚Bucket List‘ – wenn sich also meiner Leser angesprochen fühlt, let’s go!

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6 Antworten zu Darwin, Dschungel und Drama – und ein paar Abschlussgedanken

  1. Stefan sagt:

    Bevor du auf Bali wieder in deiner traditionell etwas stramm sitzenden schwarzen Boxer Shorts in einen Tümpel springst, denk‘ bitte daran, dass das Moslems sind …

    Viel Spaß auf der nächsten Etappe!

  2. Oliver sagt:

    Hi Chris, nach längerer Abstinenz komme ich in den Osterferien (brav am Genfer See, französische Südseite) mal wieder dazu, Deinen Blog zu lesen. Wie immer macht das viel Spaß und gibt mir eine sehr lebhafte und zuweilen auch kritische Beschreibung eines Kontinents, den ich überhaupt nicht kenne und mich seit Jahren frage, ob ich ihn kennenlernen muss. Nach Deiner Schilderung glaube ich „ja“ und stelle mich für gemeinsame Wanderungen zur Verfügung – allerdings erst in ein paar Jahren, wenn die Mädels aus dem Haus sind und ich Gabi für 4 Wochen anderweitig beschäftigen kann.
    Hildegard und Walter habe ich übrigens vor 2 Wochen auf der L&B in Frankfurt getroffen, sehr nett ! Weiterhin viel Spaß und komm auf jeden Fall irgendwann heil nach Hause.

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