Cuba, Baby!

Touchdown Havanna 23:55; ein Flugtag von Grenada über Trinidad & Tobago und Panama geht zu Ende. Die kleine Schrecksekunde, als wir im Reiseführer lesen, dass man vom Reisebüro eine Touristenkarte erwerben hätte müssen, geht in T&T zu Ende, als wir sie dort sofort angeboten bekommen. Erster Eindruck am Flughafen: verblasster sozialistischer Protz, ich muss sofort an Moskau Scheremetyewo denken. Allerdings ist der erste Kontakt mit kubanischen offiziellen erbauender als es in Moskau war: Die Töchter der Revolución, die die Grenzkontrolle übernehmen, sind eine rassige Augenweide. Der Zwang zur Uniformität hört offensichtlich bei der Oberbekleidung auf – zum kurzen Uniformrock trägt die modebewusste Zöllnerin aufällig gemusterte Strumpfhosen und hochhackige Schuhe – wahrscheinlich ist es leichter, Autorität auszustrahlen, wenn man 10cm größer ist. Nachdem wir versichert haben, die letzten drei Wochen nicht in Afrika gewesen zu sein, dürfen wir einreisen. Auf dem Gepäckband kommen schon die ersten Habseligkeiten an: in schützende Plastikfolie gehüllt, könnte es sich auch um Silagebollen von der Alm handeln, groß genug sind sie. Nach einiger Zeit beginnt das Band seltsame Geräusche zu machen, und quietscht sich dann in den Stillstand. Einige Uniformierte hasten herbei, rupfen die schweren Gepäckbollen vom Band. Ächzend setzt sich das Band wieder in Bewegung, auch unser Gepäck kommt bald. Während die Einheimischen vom Zoll gegängelt werden, passieren wir die Kontrollen freundlich angelächelt.
Wir finden eine Reiseleiterin, die ein Schild mit drei Namen trägt, unsere beiden sind dabei. Der dritte im Bunde ein gewisser Thomas Cook, taucht nicht auf, aber wir müssen offensichtlich auch nicht auf ihn warten. Wir werden zu einem Taxi geführt. Ich bin enttäuscht, statt eines kultigen ’56er Chevrolet BelAir ist es ein moderner Hyundai. Sind wir schon zu spät für die Oldtimer? Kurz darauf, als wir mit 120km/h über die ausgestorbene Autobahn fahren, sehe ich das erste Exemplar – es steht traurig verlassen auf der linken Spur der Autobahn.
Nach ca. 30 Minuten Fahrt hält das Taxi vor dem Deauville Hotel, vor der Revolution laut Reiseführer offensichtlich fest in der Hand der Mafia. Neben der Rezeption tönt ohrenbetäubend eine Diskothek. Ich fühle mich extrem an den internazionalny Touristy Komplex ‚Rossiya‘ in Smolensk erinnert, aber das Zimmer ist einwandfrei – sauber. Die scheußliche, kaltweiße Neonbeleuchtung, so erinnere ich mich aus der Zeit bei meinem ehemaligen Arbeitgeber, ist eher Geschmackssache in wärmeren Gefilden. WiFi gibt es im Hotel nicht, aber die Dame an der Rezeption verweist auf eine PC in der Ecke, den man benutzen könne, wenn man eine besondere Internetkarte hätte. Während Frank aus dem topaktuellen Reisführer von 2015 vorliest, wie es sich mit dem Internet in Kuba verhält- und dass Smartphones oder Tablets nicht funktionieren würden, Simse ich „Tag“ an die Vodafone Servicenummer und bekomme 24h Internet für €2,99 – und es klappt, wenn auch eher zäh.
Am nächsten morgen genießen wir das Hotelfrühstück (eine interessante Auswahl aus lapprigem Brot und fragwürdigen Brotbelegen – aber viel frisches Obst, und auch Rührei), danach machen wir uns auf den Weg zu einer Bank. Acht Blocks entlang der Avenida Italia finden wir dann auch die banco metropolitano; werden auf dem Weg dorthin aber noch kurz von einem Kubaner entführt (er trägt ein Deutschlandtrikot, das verbindet), der uns noch den angesagten Buena Vista Social Club zeigen will, da wäre heute was besonderes. An der Bank wird gerade ein anderer Tourist abgewiesen, auch mich will der Offizielle unter Verweis auf meine kurzen Hosen und Flip-Flops nicht einlassen. Kein Problem, Frank hat eine lange Hose und Turnschuhe an, ich gebe ihm mein Geld und wir klopfen wieder an der Pforte. Die Ausrede verstehen wir diesmal zwar nicht, aber werden dennoch nicht bedient. Drei Blocks zurück, acht Blocks nach links finden wir dann aber eine Wechselstube, und versorgen uns mit 500 Pesos Convertibles ($CUC). Der CUC ist 1:1 an den US-Dollar gekoppelt, wird aber aus politisch-religiösen Gründen nur mit Straf-Prozenten gegen diesen getauscht. Euros gehen prima.
In der Fabrica Real Partagas erwerben wir zwei Zigarren, und schlendern weiter durch die Stadt. Havanna ist genial, mir fallen auch kaum bessere Worten ein, als die, die man ständig liest: widersprüchlich, charmant, quirlig, heruntergekommen, aufstrebend, verfallen, restauriert, hübsch, hässlich und widersprüchlich! Die architektonische Substanz lässt viel der ehemaligen Schönheit erahnen, und einige sorgfältig restaurierte Gebäude strahlen sie auch wieder in vollem Glanz aus. Chapeau an den Leiter der Denkmalbehörde. Auch Oldtimer bekomme ich genug zu sehen; die Autos lassen sich grob in vier Kategorien einteilen: moderne, gesichtslose Hyundais und Kias, eine ganze Menge Ladas und Mexiko-Käfer, völlig abgewirtschaftete 50er Jahre Schlitten, hauptsächlich aus Spachtelmasse bestehend und von Draht zusammengehalten, und liebevoll erhaltene Straßenschlitten und Cabrios, die jedem Film über die 50er Jahre zu Ehre gereichen würden. Viele davon sind als Taxi unterwegs, auch die Cabrios.
An der Plaza Vieja (alter Platz), der früher einmal neuer Platz hieß, ist in einem wunderbar hergerichtetem Gebäude eine Brauereiwirtschaft untergebracht, dort probieren wir zwei Halbe (etwas säuerlich, aber ein netter Versuch), und dann ziehen wir, dem Lonely Planet folgend, weiter ins „Los dos Hermanos“. Ob das Foto von Hemingway bedeutet, dass er früher hier Stammgast war, oder ob solch ein Foto Grundausstattung jeder historistischen Kneipe ist, konnten wir zwar nicht ergründen, aber wir genießen dort das volle Kuba-Programm: kubanisches Bier, Mojitos, unsere Zigarren, Ron anejo 7 anos, und zwei kubanische Kaffee. Kurz vor vier sind wir heiter und voll in Urlaubsstimmung. Die drei Hausmusikanten, denen ich erlaube uns ein Ständchen zu spielen, tragen dazu bei. Sie kommen an unseren Tisch; was wollen wir hören? Da wir Touris zu doof sind, um zu wissen, wie die Musikrichtungen alle heißen, bietet die Band neben Bolero, Rumba, Son, auch Buena Vista Social Club an (welches wiederum Son ist). Hey, why not, denke ich mir und sofort erklingt es, als hätte man eben die CD in den Player geschoben, Track one „Chan Chan“ spielt. Als wir das erwartete Trinkgeld geben – ich dachte an 2 CUC – meint der Chefmusiker: „Hey, wir sind doch zu dritt!“ Na gut, also drei CUC, die es hier witzigerweise als eine Banknote gibt. Wie lange bleiben wir hier in Havanna? Mal gucken, es gefällt jedenfalls.
Bevor wir uns wieder ins Nachtleben tummeln, könnten wir noch kurz unser Hotel nutzen, und schlendern wieder in die Richtung zurück. Dabei wollen wir mal eine ‚Casa Particular‘ aufsuchen, vielleicht können wir ja da die übernächste Nacht bleiben. Die Unterkunft liegt im ersten Stock, der Haustürschlüssel hängt an einem Strick vom Balkon. So lassen wir uns in das marmorne Treppenhaus ein, um kurz darauf an der Tür zu klopfen. Eine freundliche Kubanerin lässt uns ein, und nimmt unsere Reservierung entgegen. Dabei gibt es ein Missverständnis, wir wollen ab morgen, sie reserviert ab übermorgen, aber als der Fehler entdeckt wird, haben wir unser Problem geschickt zu ihrem gemacht. Obwohl eigentlich ausgebucht, redet sie nochmal mit der Eigentümerin, und dann geht doch was. Wir sind gespannt, der Preis ist immerhin nur ein Drittel des Deauville. Auf den letzten Metern zum Hotel bekommen wir noch einen Beweis der Freundlichkeit der Einheimischen: Eine rassige Kubanerin verspricht mir („Mi amor“) ewige Liebe, zumindest heute Nacht. Muchas gracias, pero no.

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3 Antworten zu Cuba, Baby!

  1. Oliver sagt:

    Neid ! Will auch nach Kuba. Anstattdessen habe ich heute der OSRAM-Hauptversammlung beigewohnt. Das Ganze war eher eine Rentner-Speisung mit Nebenprogramm.
    Bleibt Ihr in Havanna oder kommt Ihr noch in andere Städte ?
    Auf jeden Fall – geniesst es. Wir sehen uns in 2 Wochen in Südtirol beim Skifahren !
    Gruß Oli

  2. Nadine sagt:

    Ich war 2006 auf Kuba, aber wenn ich deine Erzählungen lese, kommt es mir vor, als ob es gestern war. Sehr sympathisch, dass sich gefühlt noch nicht so viel verändert hat.
    Falls ihr euch mal was besonderes gönnen wollt, versucht mit Rasierklingen oder Kugelschreibern zu handeln. Hat bei uns damals besser funktioniert als Euro oder CUC – und so war dann oft doch das ein oder andere Zimmer frei …
    Viel Spaß noch und liebe Grüße

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