Chillen in Hoi An

Sollte Disneyworld jemals ein „Little Vietnam“ Fahrgeschäft machen, dann könnten sie einfach Hoi An kopieren. Spielaspekt: Fahrradrikschas ausweichen und Verkäufer abwimmeln. Tatsächlich wirkt es fast so, als hätte ein Disney-Experte bei der Gestaltung der Altstadt mitgewirkt. Klar gibt es Sehenswürdigkeiten in Hoi An; der Reiseführer müht sich, diese attraktiv zu schildern: Alte Häuser, Tempel, Versammlungshallen, eine japanische überdachte Brücke. Aber die sind es nicht, die den Charme des Örtchens ausmachen, nicht wegen Sehenswürdigkeiten bin ich dort sechs Nächte geblieben. Die Stadt ist ein Gesamtwerk, verdankt dieses einer wirtschaftlichen Katastrophe Ende des 19. Jahrhunderts. Damals war Hoi An eine wichtige Hafenstadt, nach Eigendarstellung von der Wichtigkeit in einem Satz mit Penang und Malacca zu nennen. (Ich finde diese Formulierung immer drollig, da sie schuldig bleibt, was das für EIN Satz ist – ich kann in einem Satz auch komplette Gegensätze formulieren.) Um 189x also begann der Fluss Thu Bồn zu versanden, und brachte den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt als Handelszentrum mit sich. Die Stadt mit Häusern erfolgreicher Händler, über Jahrhunderte aufgebaut, wurde nicht weiterentwickelt, und so blieb der übliche Zyklus aus: Die alten Häuser wurden nicht abgerissen, um im 20. Jahrhundert moderneren zu weichen, und so ist die Altstadt so ziemlich auf diesem Stand stehen geblieben. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begann die Stadt wieder zu erblühen, die UNESCO erhob sie zu zum Weltkulturerbe, statt Schiffe kommen nun Touristenbomber und Reisebusse, und gehandelt wird mit maßgeschneiderten Anzügen, Scherenschnittpostkarten, T-Shirts, kopierten Gucci-Taschen und modernsten Antiquitäten (die werden in Dörfern im Umfeld hergestellt). Die müden Opfer der Händler können sich in Cafés und Restaurants erholen; es ist alles geboten, von Garküchen mit Plastikhockern an der Hafenmauer bis zu feinen Restaurants mit gebügelten weißen Tischdecken, von einer internationalen Weinselektion in edlem Kristall bis hin zu Happy Hour Cocktails aus Eimern, von traditionellen Hoi An Gerichten wie Cao Lau Nudeln und ‚White Rose‘ Häppchen bis hin zu Burger mit Pommes und Pizza.
Setzen wir uns doch abends vor ein Restaurant am Fluss in der Mitte der Stadt und beobachten das Treiben. Bunte chinesische Lampions hängen in allen Bäumen. Die Lampions und erleuchteten Gasthäusern auf der anderen Seite des Flusses spiegeln sich im Wasser. Ein altes Mütterchen mit einem Ruderboot bietet einem an der Promenade flanierendem Paar eine ‚one hour boat ride, very cheap an‘. Ein ca. achtjähriges Mädchen in traditionellem Pyjama und Kegelhut bietet einer Familie schwimmende Papiernest-Lichter an. Ein asiatischer Tourist fotografiert seine Freundin, wie sie ein solches Papiernest vor sich hält, Ihr Gesicht wird mit geringer Farbtemperatur von der Kerze beleuchtet – schweinsromantisch. Auf dem Fluss schwimmen einige der Lichter, sanft auf Wellen schaukelnd. Ich überlege, ob die Lichter, die an einem Boot hängen bleiben, eine Chance haben, dieses in Brand zu stecken. Deutsche Touristen neben uns überlegen, ob jemand die ganzen erloschenen Dinger aus dem Fluss fischt, oder ob sie nach einigen Stunden durchweichen und einfach untergehen. Japanische Rentner lassen sich mit einer Fahrradrikscha durch die Stadt fahren und fotografieren – Alles. Amerikanische Touristen tragen Kleidungsstücke zur Schau, die an schlanken Menschen wirklich attraktiv aussehen könnten. Vietnamesische Souvenirverkäufer schießen LED-Hubschrauber mit einem Gummiband in die Luft – beim Fallen beginnen sie sich an erleuchteten Flügeln zu drehen – only one dollar, you buy from me, sir. Ein Gruppe Backpacker fällt aus einer Kneipe, nach einer langen Hour ziemlich Happy. Ein größeres Boot ist an der Hafenmauer vertäut, dient als improvisierte Kneipe, eine ziemlich betrunkene Australierin mit grandioser Stimme stimmt darauf verschiedene Pop-Klassiker an, wo ich auch nicht mehr als den Refrain kann. Aus einem Café etwas weiter die Straße hinab ertönt Pink Floyd, der Kellner bringt uns ein weiteres Bia Hoi, als nächstes probiere ich den ‚best Margarita in town‘. Da ich Thomas noch immer nicht gegen eine zuneigungsbedürftige junge Dame eintauschen konnte verpufft ein Teil der Romantik leider …
Als wir in Hoi An ankamen, habe ich festgestellt, dass ich eigentlich viel Zeit habe. Am 4. Januar dort angekommen, am 17. geht mein Flug ab Hanoi, und als Sehenswürdigkeiten nur Hoi An und Hanoi mit Halong Bay. Und da ich nach dem Abendessen merke, dass es mir in dieser Stadt gefällt, lasse ich’s mal langsam angehen. Unser Hotel ist herzig. Mein Zimmer hat zwar etwas zu viel von Honeymoon Suite, neben zwei Handtuchschwänen die sich auf dem Bett küssen gibt’s noch ein Stofftierherz mit zwei Bären, aber ich habe noch nie ein Hotel* erlebt, welches sich solche ständige Mühe gibt, einen zu erfreuen. Als Frühstück gibt es ein Buffet, welches einem aber auf den Tisch gestellt wird. Croissants, frischer Obstteller, Nudelsuppe, gebratener Reis, Banana Milkshake. Trotz ‚Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt‘ Erziehung schaffe ich nicht alles, und lasse trotzdem das Mittagessen ausfallen. Wenn man in die Lobby kommt, wird einem sofort ein Fruchtgetränk oder ein Teller mit etwas Ananas angeboten, abends gibt es auch mal einen Probierteller mit drei Spezialitäten aus Hoi An. Wenn man sich mit einem Bier auf den Balkon setzt, kommt prompt ein Teller mit Erdnüssen hinterher. So verbringe ich einige Zeit genau dort, gehe meine bisherigen Fotos durch, um die schönsten zur Veröffentlichung auszusuchen. Hört sich nicht schwer an, hat aber einige Stunden gebraucht, plus die Stunden in der Dive Bar (bieten Tauchausflüge zu einer Insel an) zum Hochladen und Kommentieren. Dann noch Kochkurs, ein paar Sachen (Hemd & Hose) schneidern lassen, ein paar der Sehenswürdigkeiten in Hoi An selber ansehen, etwas Proviant für’s Segeln auf dem Markt kaufen.
Immerhin einen Ausflug habe ich von Hoi An gemacht: Einen Sonnenaufgangsausflug zu den Cham Ruinen von My Son. Für Archäologen von ähnlicher Bedeutung wie Angkor Wat oder Bagan, für einen Reisenden, der in den letzten zwei Monaten die beiden schon gesehen hat eigentlich nur noch ein Zuckerl. Das trübe Wetter hat auch nicht wirklich zu einem umwerfenden Erlebnis beigetragen. Been there, done that. Ich bin um 10:30 zurück, das Hotel hat noch eine Pho Bo für mich als Frühstück.
*als Ausnahme hier die konkrete Empfehlung: Hoang Trinh Hotel www.hoianhoangtrinhhotel.com

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2 Antworten zu Chillen in Hoi An

  1. Christian sagt:

    Mann..super…Du könntest für einen Reiseführer schreiben…

    sausack 😉

    Ich empfehle, falls noch nicht gesehen den Film „Indochine“ mit Carherine Deneuve….spielt viel und dramatisch in der Halong Bucht.
    Hatten wir während einer dreitägigen Schiffstour in der Halong Bay…

  2. admin4torfprogramm sagt:

    „Indochine“ möchte ich mittlerweile auch sehen, hab mittlerweile schon öfters gelesen, dass hier oder dort ein Teil davon spielt. Wäre klasse, wenn das auf dem Boot in Halong gespielt würde. Ich bin dort nur zwei Tage, weil ja danach Segeln in Thailand….

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