Champagner beim Oligarchen auf der Megayacht

Die haben doch sicher Champagner an Bord, oder?

Nach dem perfekten Tagesstart wäre eine Flasche Champagner doch genau das Richtige oder? 20. Oktober 2020, 8:30 – die Sonne kitzelt durch das Fenster im Rumpf. Es regt sich nichts, jedenfalls windtechnisch. Das schreit doch förmlich nach einem Morgenbad im Meer. Wir haben uns am vorherigen Nachmittag aus Olbia verzogen, das vorhergesagte Wetter in der Nacht von dem 19. auf den 20. ließ die Bucht besser erscheinen als kiffende Jugendliche an der alten Mole in Olbia. Wieder die Cala di Volpe, wo wir schon Samstagnacht waren. Frank hat ein Cappuccino gemacht, Fische neben dem Schiff bekommen etwas altes Brot und eine Möwe will es Ihnen streitig machen. Wir haben etwas besser geparkt, näher am Strand, und so zieht die Wasserschiläuferin Ihre Bahnen nicht dort, wo wir schwimmen würden. Diesmal aufgerüstet: Flossen, Schnorchel, GoPro – gemütliches Planschen, kurz am Strand anhalten. Gegen 11:00 machen wir uns auf den Weg.

Auf dem Weg nach Norden liegt die Dilbar (nicht Dilbert) vor Anker, laut der deutschen Wikipedia die größte Megayacht der Welt nach BRZ (Bruttoraumzahl, also so ungefähr Verdrängung/Gewicht – nach der englischen Wikipedia nur die drittgrößte, also ignorieren wir das mal). Bestimmt hat Alischer Burchanowitsch Usmanow einen vernünftigen Champagner an Bord. Und das schöne an so einem großen Pott – ganz sicherlich von einer pflichtbewussten Mannschaft besetzt. Ich nehme die Funke und rufe die Dilbar an, Wechsel auf Kanal 69. Ich trage mein Anliegen vor: Es ist heute mein Geburtstag, und vielleicht wollen sie uns ja auf einen Champagner einladen? Stille. Das finde ich jetzt unfreundlich. Aber nein, „could you please repeat?“. Es sind immer wieder Pausen – „what’s the name of your ship?“, „are you familiar with this vessel?“. Frank kringelt sich in stillem Lachen. Alischer ist ein Kumpel von Wladimir Wladimirowitsch, wahrscheinlich bricht gerade Hektik auf der Brücke aus, ob wir nur Spaßvögel sind, oder vielleicht doch der dritte Cousin von Putin, dem man mit etwas Respekt begegnen sollte. Und offensichtlich hat der Kollege am anderen Ende der Leitung Angst: „I’m afraid“. Komplett meint er: „I’m afraid that will not be possible due to security reasons. But we do wish you a Happy Birthday“. Schade. Zwischendurch hatte ich mir noch Gedanken gemacht, was wir jetzt machen, wenn die Ja sagen. Aber tatsächlich hat die Dilbar am Heck eine Badeplatform, die groß genug wäre, dass wir dort längseits anlegen könnten.

Mittlerweile ist genug Wind, entspannt von hinten. Wir rollen das Vorsegel aus, und machen noch eine Runde durch den Archipel de Maddalena. Strahlender Sonnenschein, warm, wir fahren im T-Shirt oder weniger. Gegen 15:00 legen wir uns Tagesziel fest: Santa Teresa di Gallura, eine geschützte Marina an der Nordspitze von Sardinien, genau gegenüber von Bonifaccio. Dort auf Korsika waren wir schon öfters, es hat uns ein wenig gejuckt. Aber tatsächlich waren wir schon zweimal da, in vorherigen Urlauben, und eine Rückkehr aus Korsika nach Sardinien wäre praktisch unmöglich. Neben uns hat eine Gruppe Schweizer angelegt. Sie berichten von einem Funkverkehr den sie mitgehört haben. Ein Katamaran aus Korsika wollte in die Marina, wurde nach dem Covid-Test gefragt, hatten sie nicht – „go away“.

Als Magenstütze (tagsüber haben wir nur ein paar Cantuccini gefrühstückt) macht Frank ein paar Bruschetti. Am Abend suchen wir ein leckeres Fischlokal in Santa Teresa – eine Flasche Cerasuelo di Vittoria von COS atmet schon auf dem Schiff. Ein gelungener Geburtstag – auch an dieser Stelle vielen Dank an alle Gratulanten.

Die Haare

Nach dem letzten Eintrag mit Fotos wurde ich öfters gefragt, ob mir das Schiff die Haare vom Haupt fressen würde, oder was da wäre. Ja, aber nein. Als wir in Marsala ankamen, wucherte es auf meinem Kopf. Besonders markant – die ‚mad scientist‘ schlohweißen Schläfenlocken. Obwohl ich normalerweise im Urlaub gerne zum Frisör gehe – witzig wie man zB in der Türkei dabei gepampert wird – halte ich es jetzt für ein kleines Risiko (außerdem hätten wir eh nicht in die Stadt gedurft). Also den Langhaarschneider (eigentlich für den Bart) geschnappt, in Lee an die Reling gesetzt, und los geht’s. Ich hatte erst angestrebt, 12mm stehen zu lassen. Gar nicht so leicht, bei meinen Wirbeln und überhaupt. Irgendwann bin ich zur Marinadusche gegangen (Vorteil hier: Spiegel), und hab noch etwas versucht eine Gleichmäßigkeit herzustellen. Irgendwann habe ich beim Reinigen des Gerätes vergessen, den Abstandshalteraufsatz wieder draufzutun, angesetzt, Bssst, Haare weg. Oh well, alea iacta est. Ich dreh den wieder montierten Abstandshalter auf drei Millimeter runter und fahre mir kreuz und quer über den Kopf. Ein ganz neues Gefühl. Und wer mich mit längeren Haaren besser fand: sie wachsen ja nach. Oder vielleicht – einfach mal alle abrasieren?

Next steps

Ich habe jetzt 51 Jahre möglichst Risiko-avers verbracht. Damit ist nun Schluss. Morgen geht’s auf, voll ins Risiko(gebiet). Ca. 48 Stunden nach Menorca – don’t expect much communication.

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2 Antworten zu Champagner beim Oligarchen auf der Megayacht

  1. Andrea sagt:

    Du bist ja ein frecher Socken, wirklich war. Ich glaub der arme Funker ist vom Stuhl gefallen, ob deines Ersuchens.
    Viel Glück in Menorca, aber wenn’s hier so weitergeht, dann ist das auch nicht gefährlicher als Obergiesing. ToiToiToi !

  2. Josef Gruenwald sagt:

    Servus Chris, das liest sich doch sehr entspannt – insofern kann ich ja dann auch mit einer gewissen Gelassenheit erst verspätet zum Geburtstag gratulieren… genießt die Zeit und viele Grüße aus dem Hotspot München!

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