Auf dem Bruce Highway

Über das sanfte Klimpern der akustischen Gitarre beginnt das gänsehauterzeugende Mundharmonikasolo, und wirkt. Dann beginnt Springsteen zu singen, singt von dem Tal aus dem er kommt, wo sich seit Jahren nichts geändert hat, von Mary, die er kennenlernte als sie gerade erst siebzehn war. „We’d go down to the river, into the river we’d dive, oh down to the river we’d ride.“ Etwas später heiratet er die schwangere Mary, in einer schmucklosen Zeremonie, nach der sie wieder an den Fluss fahren. Ihre Träume lösen sich vor dem Hintergrund schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse auf, aber am Fluss finden sie Trost. Bruce Springsteen nimmt einen mit in seine Welt, man spürt die Hoffnungslosigkeit eines einfachen amerikanischen Lebens. Göttlich. Ich mache das Autoradio lauter und spiele das Lied nochmal.
Es ist neun Uhr Abends, und ich strebe auf dem Bruce Highway, benannt nach Henry Adam Bruce, in den 1930er Verkehrsminister aus Queensland, weiter nach Nordenwesten. Die Musik aus dem ipod, per Blauzahn an meinen VW übermittelt, löst eine Stunde schrulliges australisches Lokalradio ab. Über solche Sendungen bin ich hier schon öfters gestolpert. Eine zaghafte Stimme erzählt etwas über alte Blues und Soul Legenden, man hat den Eindruck, die Dame kannte schon Robert Johnson persönlich. Sie wirkt ziemlich zerstreut – was wollte ich jetzt gerade spielen? Ach ja, hier ist es ja. Oh, das ist jetzt blöd, ich hab die CD gestern daheim gehört, und jetzt nur die Hülle mitgebracht; na dann, dann spiele ich Euch jetzt, hm, ja was denn? Ich weiß, hier ein Klassiker von Leadbelly. Im Hintergrund hört man derweil hektisches Hantieren mit CD Hüllen und anderen Tonträgern. Dafür kenne ich kein einziges der Lieder, aber sie gefallen mir alle. Mal sehen ob’s das als Internetradio gibt.
Der Bruce Highway zieht sich knapp 1700 km von Brisbane nach Cairns, und ich habe fast seine gesamte Länge erlebt. Es zieht sich. Seit einiger Zeit ist die Straße von Zuckerrohrfeldern gesäumt. In der Dunkelheit sehe ich sie nicht mehr, aber der Navi zeigt säuberlich ein feines Netz von Schienen beidseits der Straße an. Das ist eine Schmalspur-Feldbahn, die offensichtlich das geerntete Zuckerrohr transportiert. Wer in aller Welt braucht so viel Zucker frage, ich mich? Ach ja, Amerika, für Junk Food. Es ist stockdunkel, im Fernlicht wirkt die meist zweispurige Straße aber wie eine surreale Landebahn. Hier hat sich ein Hersteller von Reflektoren dumm und dämlich verdient. In Australien hält man sich zumeist an die Geschwindigkeitsbeschränkungen, alle fahren brav so um die hundert Stundenkilometer, die meisten wohl mit Tempomat. Ich schätze, die geringen Geschwindigkeitsunterschiede beruhen auf unterschiedlichen Abweichungen der Tachos. Mein Tempomat ist auf 107km/h eingestellt, eine GPS-App hat das als 102 Stundenkilometer deklariert, damit habe ich kein schlechtes Gewissen.
Das ländliche Australien erinnert mich an die vielen Nachtfahrten von Moskau nach Smolensk oder zurück. Auch hier eine große Leere, nur selten unterbrochen durch ein einsames Haus oder kleine Siedlung, die außen meist von einer einzigen, grell-blauen Quecksilberdampflampe beleuchtet sind. Ein leicht melancholisches Lied passt zu der Stimmung.
Um drei Uhr nachmittags bin ich in Agnes Water abgefahren. Vany vom Fraser Island hatte hier eine Surfschule aufgetan, die für 17 AU$ eine dreistündige Einführung macht. Das, so denke ich mir, kannste einfach mal probieren. Ich habe lange gezögert, zu cool die ganze Szene, zu sehr riecht das ganze nach MidlifeCrisis. Dabei kann ich ja gar keine Midlife Crisis haben – keine Frau, keine Kinder, kein Job. Also los, jetzt hast Du oft genug nur zugeschaut, und es ist mir doch wurscht, was die denken. Insgesamt tummeln sich vierzig Surfnovizen vor dem Laden, und ich bin nicht einmal der Älteste. Ich treffe auch Nadja wieder, mit der ich vor zwei Tagen im Woolshed Hostel Wein getrunken habe. Jeder bekommt ein Lycrahemd geliehen, und ein billiges Schaumstoffsurfbrett. Nicht, so erklärt Jay, weil es billig ist, sondern weil es weniger schmerzt, wenn man beim ungeschickten Absteigen reinbeißt. Dann ein paar Trockenübungen. Zum Paddeln die Füße hinten am Brett einhaken, check. Wenn das Board anfängt, vor der Welle zu surfen, Füße hoch, Arme unter die Brust stemmen, Hohlkreuz, check. Und dann, mit einem einfachen Schwupps, aufspringen und aufs Surfboard stellen, dabei die Knie anwinkeln. Wie, Schwupps? Einfach so? Das klappt bei meiner Statur nicht wirklich. Dieser Körper ist auf’s Genießen ausgelegt, nicht auf Schwupps. Es gibt auch ein langsamere Methode, aber die ist natürlich nicht cool. Aber schon geht’s ab ins Wasser, sauber hintereinander laufen wir an einem Ende des Strandes in die Brandung, bis das Wasser brusthoch ist. Board wenden, drauflegen, die Coaches halten einen noch fest und gerade ausgerichtet bis die richtige Welle kommt, sie sagen einem, wann man wie wild lospaddeln soll, und brüllen auch noch hinterher wenn man Schwupps machen sollte. Ein paar Fahrten habe ich geschafft, mit einem Fuß und einem Knie auf dem Brett, aber das war’s. Die meisten anderen stellen sich geschickter an. Insgesamt kommt jeder an dem Vormittag ungefähr fünfzehnmal zum Zug, witzig war’s und auch erschöpfend. Dann noch ein Gruppenfoto, jeder macht die ‚Hang loose‘ Geste und das war’s. Ich stelle fest: Wellenreiten kommt an Platz 37 auf die Liste der Sachen, für die ich kein Naturtalent habe, aber ich hab’s probiert.
Mittlerweile ist es zehn Uhr abends, es regnet in Strömen, und mich hat noch keine Unterkunft angelacht. Bis Airlie Beach sind es noch vier Stunden, und es bringt auch nichts dort um zwei Uhr morgens anzukommen. Also fahre ich auf eine Nebenstraße, finde einen kleinen Abzweig in ein Feld, und bin erstaunt über meine Gelenkigkeit, als ich im Auto verbleibend die Rückbank umklappe, meine Luftmatratze und Schlafsack herrichte, und reinklettere. Irgendwann um fünf Uhr morgens wache ich auf, es hat aufgehört zu regnen, und ich muss mal kurz raus. Leider reichen die dreißig Sekunden offene Tür um auch ungefähr acht Mücken ins Auto zu lassen. Ich versuche sie zu ignorieren, aber nach drei Bissen und der Erkenntnis, dass ich im dunklen Auto keine Chance habe, die Dinger zu ermorden, beende ich die Nacht und setze mich ans Steuer, wieder ohne die Tür zu öffnen. Mit dem Gebläse auf voller Kraft und wiederholtem öffnen der Scheiben müssen sich die Mücken setzen und festhalten, mit großer Genugtuung kann ich eine an der Seitenscheibe mit einem beeindruckenden Blutfleck erschlagen. Das geschieht ihr recht. Nachdem das Auto nach einer Stunde wieder mückenfrei ist mache ich an einem Rastplatz einen kleinen Powernap, und komme um halb elf in Airlie Beach, dem Ausgangspunkt zu den Whitsunday Islands, an.
Es regnet wieder, und ich nehme einen Burger als Frühstück. Eigentlich hatte ich vorgehabt, einen zwei oder dreitägigen Segeltörn hier zu machen (als Passagier), aber leider ist der Regen ein Ausläufer vom tropischen Sturm Hadi. Acht Windstärken zeigte mein Segel-App gestern in Whitehaven an, In Airlie Beach muss richtig Programm gewesen sein. Bei den Bedingungen fahren heute keine Boote raus. Vielleicht morgen, vielleicht auch nicht. Natürlich gibt es dadurch massive Verwerfungen, weil viele Leute mit festen Buchungen nicht fahren konnten, und natürlich jeweils auf den nächsten Tag verschoben werden. Die Tourist Information nimmt erst ab 15:00 wieder Buchungen an, bis dahin wird entschieden, ob am nächsten Tag die Boote fahren. Die Dame bietet mir einen Rundflug für den nächsten Tag mittags an, der wäre weniger abhängig von den Wellen. Ich finde aber eine nette Unterkunft auf einem Hügel mit einem tollen Blick auf den wolkenverhangenen Hafen, da ist die Untätigkeit nicht so schlimm. Hier entspanne ich den Rest des Tages, den nächsten Vormittag, und auch den restlichen Tag – der Flug wurde kurzfristig abgesagt, mir wird ein Ausweichtermin am nächsten Morgen um 8:00 angeboten – perfekt für einen Frühaufsteher wie mich.
So schaffe ich am dritten Tag in Airlie Beach immerhin einen Flug über die Inseln der Whitsundays, und einen kleinen Überflug des Great Barrier Reefs hier. Für den Tag danach kann ich trotz prekärer Buchungssituation noch eine Bootsfahrt buchen, zwar nicht an den Hauptattraktionsstrand, dafür mit Tauchen und auf einem Segelboot. Wie üblich enthält die Buchung das Abholen, was auch mit nur einer halben Stunde Verspätung klappt. Das Boot heißt Illusions, und auf dem Weg zu den vorgelagerten Inseln bezieht sich das auf die Eigenschaft als Segelboot. Die Segel sind zwar gesetzt, aber der Vortrieb kommt von den schnurrenden Dieselmotoren. Es erweist sich als sehr wertvoll, dass ich einen Tauchschein habe, auch wenn mir die Praxis fehlt, immerhin darf ich mit. Ich werde von der Tauchführerin unter die Fittiche genommen, Naomi wirkt allerdings nicht wirklich entspannt. Auf zehn Meter tiefe beschließt sie, dass meine Tauchmaske Scheiße ist, und tauscht sie gegen ein mitgebrachtes Ersatzmodell aus. Ich denke mir dabei, was mich jetzt nervöser machen würde, wenn mich sowas nervös machen würde. Ab und zu mal etwas Wasser aus der Maske blasen, oder auf zehn Meter Tiefe ganz ohne rumzuschwimmen? Wir schwimmen durch ein paar Tunnel, dabei zupft Naomi an meiner Tauchflasche rum, was wirklich irritiert. Die Sicht ist auch miserabel, durch den Sturm der letzten Tage ist der Sand aufgewühlt und das Wasser total trüb. Immerhin hat’s einige große Fische, größer als in Thailand, aber sonst war’s da bislang besser. Nach dem Tauchgang gehe ich vom Strand aus noch ein wenig mit meiner furchtbaren Billigkamera schnorcheln. Im Trüben kann ich einige Fische fotografieren, bis auch das Objektiv der Kamera total beschlagen ist. Noch einige kleine Fische, und dann sehe ich, wie mich von hinter einem Stein ein eher seltener Meeresbewohner ins Visier nimmt. Da hat jemand eine Canon Powershot D10 ausgesetzt. Ich tauche die drei Meter runter, und sammle sie ein. Sie gehört niemandem am Strand, und niemandem auf unserem Boot, also jetzt mir. Damit habe ich jetzt fünf Digitalkameras dabei, die neue macht meine kompakte Hosentaschenkamera und die billige Wasserdichte irgendwie überflüssig, mal sehen ob ich die nach Deutschland schicken kann. Auf dem Rückweg nach Airlie Beach segeln wir tatsächlich, auf dem Vordeck des Katamarans sitze ich mit einigen anderen Deutschen, und wir erfreuen uns an einer Achterbahnfahrt durch die Wellentäler die uns regelmäßige mit Seewasser überschüttet. Um halb fünf sind wir wieder im Hafen, mein nächstes Ziel ist Cairns, ca. 700km entfernt. Ich teile die Strecke lieber auf, und fahre noch vier Stunden nach Townsville, ungefähr auf halber Strecke. Während der Fahrt überlege ich, ob ich – wie ursprünglich von mir gedacht – ab Cairns fliege, oder ob ich die Strecke nach Alice Springs und Uluru, und danach wieder nach Adelaide, mit dem Auto fahre. Die Strecke ist durchgehend asphaltiert. Vorteil: keine One-way Gebühr beim Mietwagen, mal echten australischen Outback erleben, Ich kann die unverschämt teuren Flüge nach Alice Springs umgehen, habe Flexibilität und behalte mein sehr komfortables Auto. Nachteil: 4000 km Auto fahren, und das zieht sich schon hier an der Küste so.
Am nächsten Tag fahre ich noch den Rest der Strecke, vertraue mich der Tourist Information, an und bekomme für den übernächsten Tag eine Tauchfahrt zum Great Barrier Reef gebucht. Dann schaue ich mir an dem Tag dazwischen noch den tropischen Regenwald nördlich von Cairns an. Nebenbei schlägt der Berater Sargnägel in meine Idee, mit dem Auto durchs zentrales Australien zu fahren – gefährlich, weil nur rücksichtslose LKW unterwegs, und Du ist alleine? You’re crazy. Also nicht. Mit einer Übernachtungs-App stelle ich fest, dass das Holiday Inn direkt an der Esplanade Zimmer für 109  AU$ hätte, das gönne ich mir doch. Ich gehe aber einfach an die Rezeption, hier wird mir ein Zimmer für 129 Dollar angeboten. Ich zucke, da rückt der Empfangsmensch noch mit einem Sonderangebot raus: 105 Dollar für eine recht vernünftige Zimmerklasse. Wirklich vernünftig, ein echtes Hotelzimmer mit Schreibtisch, WiFi, Balkon, Meeresblick (etwas um die Ecke), ich freue mich, und nutzte das Internet um die weiteren Aspekte meiner Reise zu planen. Noch habe ich keine weiteren Flüge, und auch nur einen recht vagen Plan.

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2 Antworten zu Auf dem Bruce Highway

  1. Stephan sagt:

    Ist ein Tauchschein auch ein Papierlappen und den hättest du mit?
    Was kost denn so ein Tag Tauchausflug zum GBR?

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