Alte Männer mit LKW – Buddha zieht um

Im Guesthouse hängt ein handgeschriebener Zettel: „Dec. 14th, big procession moving Buddha to new hall. 7:30 AM. Don’t miss!“. Obwohl es mitten in der Nacht wäre, bin ich ein folgsamer Mensch, won’t miss. Der Radau vorher lässt Schlaf auch kaum zu, denn ab sechs Uhr morgens wird im benachbarten Tempel mittels eines Gongs auf das freudige Ereignis aufmerksam gemacht. Um 7:25 mache ich mich auf den Weg zur Hauptstraße. Die halbe Stadt ist offensichtlich unterwegs, und viele haben sich schick gemacht. Männer mit Krawatte, manche Frauen auch. Ich sehe bunte Laos Fähnchen und buddhistische Fähnchen zum Schwenken. Ob ich mich bei dem Gewühl weiter Richtung Stadt durchschlagen kann? Ich schlängele mich hinter den Laoten durch – irgendwie gehören die zusammen. Dann höre ich etwas im Befehlston. Die sehr gleichförmig angezogenen Laoten richten sich gleichmäßig (Armlänge) an der Kante des Bürgersteigs aus, es erinnert mich an Paradeaufstellung beim Militär. Hm, das Fremdwort für gleichförmig könnte wohl Uni-form sein…
Ich finde einen Standpunkt, wo als Hintergrund für die Parade ein schöner Tempel dienen wird. Die uniformierten Mädels um mich herum kichern, fotografieren sich gegenseitig oder auch mich. Ein junger Laote kommt auf mich zu, spricht mich in recht gutem Englisch an – nach Geplänkel kann ich meine Vermutungen bestätigen lassen. Ich stehe inmitten des ersten Jahres am ‚College for Finance‘ (blaue Krawatten) und rede mit einem angehenden Bankier. Auf der anderen Straßenseite steht das zweite Jahr. Vorbeilaufende Menschen mit Weinroter Krawatte sind von der Universität. Ganz freiwillig sind die Jubellaoten nicht da, bestätigt der Teenager, aber die Parade sei schon schön. Die ganze Straße hinab stehen sie Spalier. Einigen Damen der Schöpfung ist’s noch kalt, deshalb ist die Uniformität durch einige Jäckchen in den Modefarben der letzten Saison gestört, pink und mint herrschen vor. Es ist noch nichts von der Parade zu sehen, und ein Straßenhund läuft entspannt die Straße entlang. Von Gelangweilten wird er zur Übung frenetisch bejubelt, aber das freut den Hund nicht; er gibt Gas und verschwindet.

Dann kündigt ein Motorrad mit Blaulicht (Rot- und Blaulicht, hier) die Parade an. Eine blaue Limousine mit Uniformierten hupt die Straße frei, ihr folgen einige Pritschenwägen, wo eine zünftige Blaskappelle Stimmung macht. Es wird auf Muscheln und kurzen Pfeifen geblasen, also für’s Bierzelt wäre diese Stimmung nix. Dann kommt Buddha. Reich geschmückter LKW, wie üblich steht die Figur unter einer relativ hohen goldenen Stupa. Die kommt theoretisch in Konflikt mit einigen über die Straße gespannten Kabel; spezielle Kabelhochhalter-Mitarbeiter, die eine lange Bambusstange mit Querbalken rumtragen verhindern abgerissene Telefonleitungen oder Stupas. Offensichtlich führt das dennoch an einigen Stellen zu Verzögerungen bis alle Kabel über die Stupa gehoben sind. Der Figur folgen sämtliche von allen teureren Hotels der Stadt requirierten offenen Stadtrundfahrtsvehikel. Als erstes besetzt mit einigen Mönchen. Deren andächtiger Eindruck wird nur leicht dadurch gestört, dass die Hälfte von Ihnen mit dem Schlau-Telefon aus den Wagen hinaus filmen. Nach den Mönchen kommen dann die Honoratioren der Stadt und des Bezirks. Die winken nach allen Seiten und freuen sich über die Jubellaoten. Der Hund war übrigens der einzige, der frenetisch bejubelt wurde – mit Links winkt das Mädel neben mir jetzt mechanisch mit der laotischen Fahne, während sie mit der rechten Hand telefon- und fotograf-iert. Zurückhaltend, wie die Asiaten nun mal sind, gibt es auch keine laute Jubelei. Bei den alten Männer muss ich sofort an das Lied von BAP denken, „Ahl Männer, aalglatt“. Es folgen noch viele Rundfahrtsvehikel (gut, dass die hier nicht als von Plastikdampfloks gezogenen Zügen auftreten, das gäbe Abstriche bei der Würde-Note) mit festlich gekleideten Männern und Frauen, viele davon halten eine Schale mit seltsamen Blumengestecken. Dann ist der Spuk vorbei, die Schüler drücken dem Klassensprecher ihre Fähnchen in die Hand und verschwinden. Dabei werden sie von einer Liste abgehakt. Auch für mich ist der Event abgehakt, ich entspanne mich ins ‚Le Café Ban Vat Sene‘ auf ein Croissant und ein Café au Lait. Good morning, Laos.

Refrain:
Ahl Männer, unerbittlich nette ahl Männer,
pathetisch, fett un satt.
Ahl Männer, uss em Ei jepellte ahl Männer,
ahlglatt.
BAP, 1986

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1 Antwort zu Alte Männer mit LKW – Buddha zieht um

  1. Oliver sagt:

    Hi Chris, habe Dich eben zu unserer Portugal-Weinprobe im neuen Jahr eingeladen – da wirst Du wohl nicht können 🙂 Aber bei der Gelegenheit habe ich mal wieder an Dich gedacht und wollte mal lesen, wie es Dir geht. Habe jetzt zum ersten Mal Deinen Blog geöffnet und alle Beiträge in ca. 2 h gelesen. Echt interessant, habe auch viel gelacht. Werde jetzt mal öfter reinschauen. Weiterhin viel Spaß !
    Habe vorhin auch angefangen, meine Abschiedsmail bei Osram zu formulieren – nächsten Freitag (20.12.) ist mein letzter Tag.

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