A long way from home

„Well, you’re a fooken‘ long way from home“ entfährt es dem Australier neben mir an der Bar, als ich die Frage nach meiner Heimat beantworte. Er hat sich gerade ein weiteres Bier bestellt, ich mich nach einem Zimmer erkundigt. Es ist kurz vor neun Uhr abends, und zu einer gewissen Fahrmüdigkeit gesellte sich meine Sorge, australische Wildtiere aus zu großer Nähe kennenzulernen. Ein Schild hat das Bruthen Inn annonciert, es steht auf einem Hügel neben der Straße wie das Haus neben dem Bates Motel in Psycho. Innen eine Kneipe wie ich sie mir im Outback vorstelle. Ein Zimmer hat es noch, ein Doppelzimmer zu 80 Dollar. Ich zucke leicht, frage ob ein Bad im Zimmer ist. Nein, aber ich könnte es zum Preis des Einzelzimmers für 40 Dollar haben. Mei, zum Übernachten wird’s reichen. Tom unterhält sich etwas weiter mit mir, er war noch nie aus Australien raus, kaum aus dem Bundesstaat Victoria; freut sich deshalb mit Fremden zu sprechen. Er erzählt ein wenig von sich, es treffen Welten aufeinander. Er wollte eigentlich in die Army, „but wasn’t smart enough – on the paper“; das hat ihn enttäuscht, weil er mit einem Gewehr durchaus umgehen könne. Jetzt arbeitet er auf einer Farm mit Milchvieh, und träumt davon, auch mal genug zu sparen um etwas von der Welt zu sehen.

Gestern Morgen bin ich in St Kilda gestartet. Ich hatte mir vorgenommen, den Vorort noch ein wenig zu erkunden, aber ich reduziere eine längere Walking Tour auf eine kurze Fahrt entlang des Strandes. Nett hier, aber so aufregend nun auch nicht. Ich will ja in Richtung Sydney, und mein Navi informiert mich, dass das über meine geplante Route 1400 km sind. Wie sagte Konfuzius? „Auch die längste Reise beginnt mit einem kleinen Tritt auf’s Gaspedal.“ Erste Zwischenstation: Phillip Island. Ich hatte einige Zeit im Internet verbracht, um zu erfahren, wie oft die Fähre dahin fährt, und was es kostet, erfolglos. Erst die Tourist-Information in Melbourne konnte mir helfen: Die Insel ist vom Festland durch eine etwa hundert Meter breite Meeresenge getrennt und mit einer Brücke verbunden. Das hätte man ja im Reiseführer dazu schreiben können. Phillip Island ist für die Penguin Parade berühmt, zum Sonnenuntergang watscheln die Tiere eine von Touristen gesäumte Strecke vom Strand zu ihren Nestern. Auf dem Weg dorthin haben mir Nadine und Dennis noch eine Känguru-Aufzuchtstation empfohlen; mal eine Chance die Tiere aus der Nähe und lebendig zu sehen. Die empfohlene Station finde ich nicht, aber es gibt auch einen Wildlife Park auf der Insel. Dieser entpuppt sich als Mischung aus Privat- und Streichelzoo. Für’s Eintrittsgeld gibt es eine Tüte mit Futter dazu, welches den Kängurus, Wallbies und Wombats schmecken soll. Los geht’s. Sie haben auch ein paar Koalas hier, aber die habe ich in der Wildnis an der Touri-Straße ja schon gesehen. Wallabies sind für mich einfach zu heiß gebadete Kängurus, aber auch drollig. Außerdem watscheln noch ein paar Pelikane, Cockatoos, schwarze Schwäne und Enten umher. In einer anderen Umzäunung sitzt ein Tasmanischer Teufel, hier eine Art Stachelschwein. Aber die Attraktion ist das Freigehege mit den Kängurus und Emus. Emus hätte ich einfach als Strauss bezeichnet, die Viecher sind locker auf Augenhöhe mit mir, und auch Ihnen schmeckt das Kängurufutter. Obendrein sind sie wesentlich aktiver hinter den raschelnden Papiertüten her als die Kängurus. Ich kann mich derer noch erwehren, mit einem lauten „Schleich Di“ und bedrohender Gestik kann ich sie jeweils für ungefähr zwanzig Sekunden auf fünf Meter Abstand bringen. Schwerer tun sich die kleinen Kinder, die hüpfende Freunde streicheln wollen, und halb so groß sind wie die Emus. Deren Eltern sind schwer beschäftigt, ihre Kinder zu verteidigen und zu trösten. Ich krame mir ein wenig Futter in die Hand, verscheuche einen Emu und hocke mich vor ein Känguru. Es hupft mit mäßigem Interesse heran und frisst mir die Krümel aus der Hand. Witzig aus der Nähe, schmales Gesicht, große Ohren, magersüchtig wirkende Vorderbeine, kräftige Hinterbeine und massiver Schwanz (Gut, die letzten beiden überraschen nicht). Ich füttere weiter, werde etwas kreativer. Wenn man die Hand mit dem Futter etwas höher hält, ziehen sich die Beuteltiere mit bekrallten Vorderläufen die Hand herunter, man kann ihnen dann auch die Hand schütteln, mit nur geringer Gegenwehr. Die Viecher lassen sich streicheln, das Fell ist superweich. Laut Schild müssten das Red Kangaroos sein, die größten Ihrer Art. Dafür sind sie recht hellgrau, und kleiner als die nebenan. Ich vermute einen Beschriftungsfehler.

Als ich meine Tüte Futter unter die Kängurus gebracht habe, ist es halb fünf. Soll ich dreieinhalb Stunden auf die Pinguinparade warten, oder Euch ein paar Fotos von Pinguinen aus Argentinien unterjubeln? Ich beschließe noch zum nächsten Park zu fahren: Wilson’s Promotory, die südlichste Spitze Australiens (ohne Tasmanien). Um sieben komme ich am Eingang des Parks an, um die Zeit ist das Häuschen nicht besetzt. Bis Tidal River, Downtown Nationalpark, sind es noch dreißig Kilometer, für Übernachtungsmöglichkeiten werden Reservierungen empfohlen bis gefordert, und man soll den Park bis zum Sonnenuntergang (in einer Stunde) verlassen, wenn man nicht übernachtet. Eine genaue Information, wie nach den Öffnungszeiten mit einem normalen Zeltplatz verfahren wird finde ich nicht. Probieren geht über studieren. Die Warnungen vor freilaufenden Tieren bewahrweiten sich nach fünf Kilometern, ein echtes Wild-Känguru steht auf Straße und guckt mich an. Es wendet sich nach einigem Überlegen von mir ab und hupft entlang der Straße vor mir her. Ich will es nicht überholen, sonst springt es mir noch im letzten Moment noch vor’s Auto. Das Tier hält an, schaut sich nach mir um. Als ich langsam weiterfahren will, springt es weiter. Ich beschwöre es, doch endlich IN den Busch zu springen, aber wir spielen das Spiel noch für weitere dreihundert Meter. Um halb acht komme ich in Tidal River an. Ich fahre kreuz und quer über den Zeltplatz und stelle mein Auto dann einfach irgendwo ab. Jetzt werden Schlafsack und Luftmatratze eingeweiht, aber erst will ich mich nach der Etikette für late arrivals erkundigen. Ich kenne Systeme, wo man die Gebühr in einem Umschlag einwerfen muss, vielleicht läuft das hier auch so? Aber es gibt ja genügend andere Camper, die werden das schon wissen – da laufen zwei. „You guys from around here?“ Sind sie nicht, aber vielleicht können sie dennoch helfen. Können sie: man meldet sich einfach am nächsten Morgen, und überhaupt, woher würde ich denn kommen? Drei Deutsche unter sich. Wir unterhalten uns ein wenig, setzen ihren Weg zum Strand gemeinsam fort. Bis wir zurück sind, kenne ich Angelika und Heiko und habe eine Einladung auf ein Steak, was gleich auf den Grill kommen wird (kostenlose Gasgrills am Zeltplatz). Ich kann einen Karton Wein, etwas Hommus und ein paar Cracker beisteuern. Es wird ein sehr witziger Abend, wir reden über Gott und die Welt. Die beiden sind Fachärzte für Anästhesiologie, und haben das Prinzip Work-Life-Balance beneidenswert umgesetzt. Angelika hat eine 80% Stelle, die 20% als Urlaub am Stück, und Heiko ist selbstständig. Teilweise arbeiten sie auch als Schiffsärzte auf kleineren Kreuzfahrern, wo man zwar kaum Geld verdient, aber eine vernünftige Kabine bekommt, Begleitperson inklusive. Habe ich das Falsche studiert? In regelmäßigen Abstände kommen wilde Tiere vorbei: Ein Reh, ein Fuchs, Opossums und Wombats huschen durch den Lichtkegel von Angelikas Taschenlampe. Wombats sind übrigens so etwas wie am Boden lebende schwarze Koalas, aber mit erheblich geringerem Niedlichkeitsfaktor. Um halb eins heben wir die lustige Runde auf, und für mich wird’s ernst mit im Auto schlafen (Angelika und Heiko haben einen Camper Van). Ich freue mich, dass ich die Luftmatratze schon vorher aufgeblasen habe, und schlafe wie ein Stein.

Am nächsten Morgen zahle ich den Zeltplatz (AU$ 32,80 = 21€), und bekomme einen Kaffee am Camper der beiden. Ich habe beschlossen, einige der Kurzwanderungen in dem Nationalpark auszuprobieren, Aussichtsberg und danach einen Rundgang an einer Schlucht. Angelika und Heiko haben kompatible Pläne, auch aus Sicherheitsaspekten ist es ja sinnvoller nicht alleine Wandern zu gehen. Dichte Wolken machen den Aussichtsberg sinnlos, und so gehen wir den Lilly Pilly Gully Trail. Gut, Sicherheitsbedenken wegen Backcountry-Wanderungen alleine waren überflüssig, der Weg ist meist eineinhalb Meter breit, und könnte mit Kinderwagen bestritten werden. Auch die Zeitangabe ist mit 2-3 Stunden sehr pessimistisch. Am weitesten vom Parkplatz entfernt informiert uns ein Schild, dass dieses die südlichste Ausdehnung des Regenwaldes in Australien wäre; Wald ist es offensichtlich, und passend dazu kommt auch der Regen – aber nicht schlimm. Wir überlegen das weitere Vorgehen bei einem Cappuccino am Visitor Center, und beschließen noch kurz den Wildlife Trail zu machen, und dann weiterzufahren, Angelika und Heiko in Richtung Phillip Island, ich weiter nach Osten. Der Wildlife Trail ist zwar nicht besonders gut ausgeschildert, aber schon hundert Meter hinter dem Parkplatz sehen wir die ersten Kängurus. Sie liegen faul im Schatten, lassen uns auf drei Meter herankommen und erheben sich dann genervt um ein paar Meter weiter zu hupfen. Sie sind zwar wild, aber die meisten haben zwei Ohrmarken und ein Erkennungshalsband. Im Verlauf der nächsten knappen Stunde sehen wir ungefähr fünfzig der Beuteltiere, aber nicht das von Heiko geforderte Emu. Oh well, Aufbruch; schade dass sich unsere Wege trennen.

Meine nächste Station ist der Croajingolong Nationalpark, ca 450 km weiter im Osten, an der Grenze zu New South Wales, ein paar der Kilometer will ich heute schaffen. Auf einem Hügel neben der Straße weizenfarbenes, trockenes Gras, es strahlt hell in der Sonne, während sich dahinter dunkle Gewitterwolken auftürmen. Auf manchen der Wiesen stehen ein paar Kühe, dort steht ein Windrad. Ein bisschen wirkt es wie Sweetwater Farm aus ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘. Jedenfalls geht mir die Musik nicht aus dem Kopf. An der Südostküste von Victoria liegt der Ninety Mile Beach, ich fahre einen kleinen Umweg, um ihn wenigsten kurz zu sehen. Die Gewitterwolken sind mittlerweile über mir, es regnet, blitzt und donnert. Ich trotze den Elementen für ein kurzes Foto. Als ich auf der Düne stehe, fällt mir auf dass das vielleicht nicht die beste Idee ist, in einem Gewitter. Ein klarer Verstoß gegen Heikos Lebensmotto: „Nicht aus Dusseligkeit sterben“, und so verzupfe ich mich wieder in meinen Faradayschen Käfig und fahre weiter, dem Bruthen Inn entgegen. Auch hier direkt an der Küstenstraße stehen Kängurus. Sie sind vom Auto vorerst unbeeindruckt, und hupfen erst weg, als man sich bis auf zehn Meter nähert.

Der Bruthen Inn hätte keine Erwähnung in ‚Schöner Wohnen gefunden‘, besonders nicht das Bad. Immerhin kommt warmes Wasser aus der Dusche, und das Zimmer war auch sauber. Ich mache mich vom Acker, und fahre weiter nach Osten. Die Straße führt hier durch kühleren Regenwald, riesige Bäume stehen Spalier. Öfters sehe ich Schilder, die in die Snowy Mountains weisen. Ich konsultiere erst meinen Reiseführer, und danach einer Tourist Information. Dort lasse ich mir meinen langsam gärenden Verdacht bestätigen: Der Croajingolong Nationalpark wäre zwar sehr hübsch, aber doch zumeist einfach Strand, am besten mit dem Boot zu erkunden. Und nein, wenn ich eben Wilson Promotory gesehen hätte, würde er mir nicht viel Neues bieten. Ich beschließe statt dessen in die Snowy Mountains zu fahren, im Winter tatsächlich auch Schigebiet. Dort findet sich Mt. Kosciuszko, Australiens höchster Berg. Er wäre nicht schwer zu besteigen, aber von der Zeit passt es mir gar nicht in den Kram, jetzt am Nachmittag noch aufbrechen wäre doof, aber auf morgen will ich hier auch nicht warten. Also fahre ich ein wenig durch den gleichnamigen Nationalpark, in Richtung Canberra. Ein Buschfeuer hat vor ungefähr zehn Jahren in dem Park gewütet, dabei den überirdischen Wuchs vieler Bäume verbrannt, ohne den ganzen Baum wegzubrennen. Heute hat Zeit, Wind, Regen und Schnee alle schwarzen Reste beseitigt, es bleibt ausgebleichtes, graues Totholz, welches noch doppelt so hoch ist, wie die es umgebenden frische Triebe. Die Geisterbäume sehen aus einigen Winkeln entsprechend gespenstisch aus, aus anderen zeugen sie von der Regenerationsfähigkeit der Natur. Auf der Strecke einige Kängurus und/oder Wallabies, und nach einer Kehre sitzt plötzlich ein Wombat am Straßenrand. Ich schnappe mir den Foto und gehe zu ihm hin. Offensichtlich ist dessen persönliche Sicherheitszone fünfzehn Meter; kommt man näher grunzt er unzufrieden und läuft fünf Meter weiter, leider immer auf der Straße. Nach einiger Zeit wünsche ich ihm viel Glück mit nachfolgenden Autos und fahre selber weiter. Ich habe beschlossen, auf den landschaftlich attraktiven Zeltplätzen im Nationalpark wieder im Auto zu übernachten. Langsam wird es dunkel, und der nächste Zeltplatz ist noch zwei Dutzend Kilometer weg. Da sehe ich an einem Parkplatz einen Geländewagen mit Zelt und entsprechendem Personal. Die Australier meinen, wenn ich hier im Auto penne, wird mich niemand dabei stören. Na dann. Ein schnelles Abendbrot aus Fladenbrot und Guacamole; dann ist es dunkel und wird zügig zapfig. Es ist eine sternklare Nacht, gigantisch! Auch an der Südhalbkugel geht die Milchstraße vorbei. Ich verkrieche mich mal lieber in den Schlafsack, da kann ich noch etwas lesen.

Es wird eine kalte, ungemütliche Nacht; dafür ist der Schlafsack nicht gebaut. Ich nehme noch Socken und den Hüttenschlafsack zur Hilfe, dann ist’s nur noch ungemütlich. Mit der ersten Sonnenstrahlen mache ich mich wieder auf den Weg. Das ich in Australien morgens die Windschutzscheibe freikratzen muss hätte ich nicht gedacht, aber das Auto meint, es hätte halt nur 2°C. Dafür werde ich mit einigen gigantischen Bildern belohnt – die Restwärme eines Stausees lässt ihn in der morgendlichen Kälte Nebelschwaden bilden, die werden von der aufgehenden Sonne dramatisch hinterleuchtet, und ein paar kahle Baumgerippe gliedern das Bild. Nach zehn Minuten weiterer Fahrt fällt mir ein, dass ich beim Versuch, gestern die Sterne zu fotografieren, die Belichtungseinstellungen des Fotoapparates total verfrickelt hatte, also nochmal zurück. Wie schön, das Motiv ist noch da, sogar fast besser als zuvor!

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Foto: zuvor. Die neueren sind noch in der Kamera gefangen.

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