Die Schlacht von Trafalgar

Die Stadt Cadiz im westlichen Andalusien liegt am Eingang einer weiten Bucht, die einen der wichtigsten Stützpunkte der spanischen Marine (span: „Armada“) beherbergt; durch Ihre Lage beschützt sie die Bucht mit mehreren Castillos. Solange die Armada also in Cadiz liegt, ist sie sicher – aber dafür sind Kriegsschiffe ja nicht da. Auf dem offenen Meer ist die Flotte auf sich allein gestellt, und ein entscheidender Schlag könnte…

Trafalgar war mir lange Zeit nur als wichtiger Platz in London bekannt – „Trafalgar Square“. Mit wachsenden Kenntnissen über die europäische Geschichte erkannte ich, dass der Platz nach einer wichtigen Schlacht mit der Vernichtung der spanischen Armada im Zusammenhang war, aber ich hätte dann gedacht, dass es irgendeine Insel im englischen Kanal wäre. Aber nein – Trafalgar ist ein Kap westlich von Gibraltar, südlich von Cadiz, an der südlichen spanischen Atlantikküste. Klar – Ihr wusstet das schon alles.

Als wir auf Kap Trafalgar zufahren, sehen wir hinter uns auch ein einzelnes Schiff der Armada vorbeifahren – Geschichte wiederholt sich. Es ist an uns, die britische Flotte unter Lord Nelson zu warnen, wie es einst der englische Aufklärer Sirius im Jahre 1805 getan hatte. Damals war in Cadiz eine kombinierte Spanisch-Französische Flotte gelegen, die Napoleon brauchte, um seine Truppen sicher über den Englischen Kanal zu bringen, um den bösen Albion in die Knie zu zwingen. Vizeadmiral Horatio Nelson blockierte also damals den Hafen in gebührender Entfernung, und als er von der Sirius Nachricht bekam, dass die Armada sich zum Auslaufen vorbereitete, war er bereit. Er konnte einen Schlachtplan entwerfen, sandte ein paar heroische Botschaften an die anderen 26 Schiffe seiner Flotte „England expects that every man will do his duty“, später „engage the enemy more closely“, und in einem heroischen Schlag vernichtete er 20 der 33 Schiffe der Spanisch-Französische Flotte, ohne ein einziges Schiff zu verlieren. Er selber wurde allerdings tödlich getroffen, und konnte somit seine Siegesfeier alias Heldenbegräbnis nicht mehr genießen.

Für uns ist Lord Nelson eine Teemarke der Kette Lidl, und meine Schlacht vor Trafalgar fällt auch weniger dramatisch aus. Ich kämpfe gegen die ganzen Wulinge in unserem Besanfall (Ködel in dem Strick, der das Flatterzeug an der hinteren Segelhochhaltestange hochzieht). Doch wie kam es dazu?

In einem längeren Beitrag, den ich parallel schreibe, wird man Details erfahren, warum wir bis Mittwochabend in Marbella geblieben sind (es hat was mit spanischen Handwerkern zu tun). Mittwoch um 22:00 legen wir dennoch in Marbella ab, der Wind ist in der nächsten Zeit aus Ost zu erwarten, er wird also durch die Straße von Gibraltar pusten. Wie planen, Gibraltar im Schutz der Dunkelheit zu durchfahren (wer den Film „Das Boot“ kennt, versteht warum), aber auch weil die Strömung in der Meeresenge dann nicht gegen uns läuft (Im Atlantik herrschen Ebbe und Flut, im Mittelmeer kann das Wasser aber fast nirgendswohin – also versucht bei Flut der Atlantik das Mittelmeer zu füllen, bei Ebbe läuft das ganze Wasser wieder zurück, und so ergeben sich heftige Strömungen). Leider haben wir uns (ich mich) dabei irgendwie verrechnet, wir kommen nicht annähernd so schnell nach Gibraltar, wie wir es uns gedacht hatten, also wird es weder mit dem Schutz der Dunkelheit, noch mit der mitlaufenden Strömung etwas. Im Morgengrauen fahren wir durch eine Reede östlich von Gibraltar, zwischen riesigen Schiffen, die bei Nacht deutlich mehr nach beleuchteter Stadt aussahen als Gibraltar dahinter. Auch der Leuchtturm am Europa Point (der ja recht symbolisch sein könnte) ist am Anfang ein müdes Blinken zwischen den grell natriumgelb beleuchteten Tankern.

Wir hatten angefragt, ob es in der Marina von Gibraltar Platz für uns gibt, aber leider – nein. Wir überlegen noch kurz eine Hafenrundfahrt durch die Bucht von Gibraltar zu machen, aber es ist trüb, nieselt sogar ein wenig, und es wirkt recht stressig (In der Bucht von Gibraltar ist auch noch der Hafen von Algeciras) – so wissen wir nicht einmal genau, ob wir einfach durch die britischen Hoheitsgewässer fahren dürften. Ständig tauschen sich die Profis auf Funk aus – Liegeplatz hier, Lotse dort, vor Anker warten oder reinfahren dürfen. Scheiß drauf, auch wenn wir trotz ordentlich Wind von hinten wegen einer Strömung von vorne praktisch keine Fahrt machen würden – auf und durch. Meine Wache ist vorbei, ich lege mich schlafen. Als ich wieder wach werde, ist Frank gerade an Tarifa vorbeigefahren, dem südlichste Punkt Europas, jedenfalls in der Gegend. Der Wind von hinten ist kräftig, macht jegliche Strömung wett, und wir düsen im Sauseschritt in den Atlantik. Wie wir es häufig bei achterlichem Wind, und insbesonders bei Nacht machen, wollten wir nur mit Vorsegel fahren, auf einen Tipp von Ralf hin probieren wir es diesmal auch mit Besansegel – es soll das Rigg entlasten. Das Besansegel ist direkt hinter dem Steuerstand, man kann es eigentlich auch nachts aus dem Cockpit vernünftig bedienen. Es bläst ordentlich, in Böen mit zu 45 Knoten (ca. 80 km/h). Das Besansegel wird zur Last, denn es lässt das Heck der Seestern immer ausbrechen, und man ist kräftig am Steuern. Bei der Wachübergabe beschließen wir, es wegzupacken. Also Motor an, gegen den Wind – AUF EINMAL HABEN WIR WIND UND WELLE VON VORN. Ich bekomme meine morgendliche Dusche, wir zerren das Segel gegen das verworrene Besanfall runter, und können wieder vor den Wind zurück. Gutmütig fährt die Seestern weiter, mit einem auf Badetuchgröße gerefftem Vorsegel und mit bis zu neuen Knoten auf der Logge. Kurz vor Trafalgar wird es etwas normaler, und ich nehme ich Schlacht mit dem Besanfall auf.

Auf der Fahrt macht die spanische Armada übrigens öfters auf sich aufmerksam: Wir hören ständig Funksprüche „this is Spanish Warship L61, come in please“. Wenn sich das angesprochene Schiff dann meldet, erfolgt ein Funk-Interview im Rahmen der Nato-Aktion „Sea Guardian“, wichtigste Frage: „Haben sie etwas verdächtiges bemerkt?“. Interessant auch, als ein Schiff sich erst meldet, aber dann tot stellt – Kein Schuss vor den Bug, kein Raketenangriff, eher ein immer hilflos klingenderes „Motor Vessel Schlagmichtot, come in please? Please? PLEASE?“. Gegen Abend laufen wir in Puerto Americas ein (haben es also doch mal in die Americas geschafft, ach nee, das ist der Sportboothafen von Cadiz). In Cadiz bleiben wir zwei Nächte, bis der Wind für einen weiteren Schlag nach Portugal günstiger erscheint, gehen ausgiebig essen, besichtigen die Kathedrale von außen, den Strand, und die Festungen; die, die nach der Schlacht von Trafalgar etwas arbeitslos waren.

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