Vor Borkum, mit der Pest an Bord

Am nächsten Morgen folgen wir deshalb noch weiter dem Emsfahrwasser nach Nordwesten, bevor wir nach ca. zwei Stunden auf die offene Nordsee treffen, und uns langsam auf Kurs Nordost begeben. Es hat eine hässliche See (also Wellen, die es in ihrer Größe und Richtung genau schaffen, nicht angenehm zu sein), Wind direkt genau aus der Richtung in die wir wollen, und ist ungemütlich kalt. So fahren wir mit Motor, lieber etwas früher einen Grog auf Norderney. Ich bin noch müde, und es geht mir nicht richtig gut. Seekrank – ICH?!? Das kann doch nicht sein, habe ich doch Ruf und Anspruch, dass ich der am unempfindlichsten bin, der, der auch bei richtig Welle noch problemlos unter Deck herumwurschteln kann. Also, seekrank kann ich also nicht sein, der Abend zuvor war auch nicht ausschweifend, also zweifelsfrei eine Lebensmittelvergiftung. Jedenfalls lege ich mich im Salon hin, und ein Eimer leistet mir Gesellschaft. Bei dem monotonen Motorengebrumme kann ich normalerweise wunderbar schlafen.
Damit das mit dem Schlaf klappt, muss das Motorengebrumme aber wirklich monoton sein. Leider fängt der Motor irgendwann an, ungefragt die Drehzahl zu ändern. Sie fällt kurz ab, pendelt sich wieder bei normal ein, fällt wieder ab, steigt wieder, und dann stirbt der Motor ab. Unnötigerweise brüllt jemand aus dem Cockpit mir diese Tatsache hinunter. Ohne Motorsind wir manövrierunfähig, und das ist bei dem Wellengang schlecht. Ich stürze nach oben, und wir setzen so schnell wie möglich das Vorsegel (das kann man einfach – unabhängig vom Kurs – rausziehen, und bietet etwas Vortrieb, und damit sind wir wieder manövrierfähig). Jetzt also nachdenken. Wir probieren mehrmals den Motor zu starten, aber er beharrt bei seiner Arbeitsverweigerung. Ich male mir aus, wie wir hier – mitten auf der Nordsee – einen Abschleppdienst organisieren könnten. Immerhin zieht das Vorsegel erstaunlich gut, wir machen hart am Wind durchaus Fahrt. Aber nur mit Vorsegel weiter nach Norderney kreuzen? Die Idee scheint nicht verlockend, aber zurückzufahren auch nicht, da wir zwar einen Teil der Strecke den richtigen Wind hätten, aber dann zurück im Emsfahrwasser nicht mehr. Ein Blick auf unseren Kartenplotter offenbart, dass wir durchaus bei der jetzigen Geschwindigkeit noch bei Tageslicht in Norderney ankommen könnten. Nah an der Insel würden wir zwar Hilfe brauchen, aber sicherlich hat’s auch dort einen DGzRS Seenotkreuzer.
Vielleicht allgemein mal eine gute Idee, mit denen zu reden; die auf Borkum waren ja auch sehr zugänglich, und die kennen das Revier viel besser als wir. Also ran an die Funke. Das Los fällt auf mich. Als Deutscher braucht man ja eine spezielle Ausbildung, um einen Wurm an einem Angelhaken ins Wasser zu halten, so gibt es auch einen Schein, den man braucht, um ein Funkgerät zu betreiben. In der Ausbildung hat man gelernt, den Notfall-Kanal (Channel 16) nicht mit Trivialitäten zu blockieren, also sammle ich meine Gedanken, drücke auf die „Sprechen“-Taste und rufe: „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, this is „Peer Gynt“, come in please“. Das Gerät bleibt stumm. Ich probiere es nochmal. Stille. Und nochmal. Da meldet sich eine Stimme: „This is Bremen Rescue for Peer Gynt, what is the problem?“ Bremen Rescue. Oh weia. Das MRCC (Maritime Rescue Coordination Center) Bremen ist die bundesweite Zentralstelle für die Koordination von Seenotrettungen. Wirkt etwas übertrieben. Könnte ich vielleicht bitte mit „Bremen kleines Problem“ reden? Wir sind ja nicht in Seenot. Noch nicht. Ich nehme mich zusammen, und erzähle unser Problem. „Engine won’t start, attempting to sail towards Norderney under Sail, will require assistance in getting into the harbour“. Der Bremen Rescue Kollege scheint nicht empört zu sein, wegen eines Motorschadens behelligt zu werden. Er fragt höchst professionell nach unseren jetzigen Position, und „the number of souls on board“ (für die Planung der Leichensäcke). Dann rät er uns „proceed to position off Norderney and contact us again“. Irgendwie fühlen wir uns wohler.
Obwohl die Peer Gynt nur unter Vorsegel erstaunlich gut vorankommt – mit zusätzlich Großsegel wäre es sicherlich besser. Segelschulmäßig setzt man das Großsegel, indem man unter Motor gerade gegen den Wind fährt, nur dann kann man das flatternde Segel am Mast hochziehen. Aber da war es ja wieder, unser Problem. Es gibt noch eine ‚Rodeo‘ Alternative (mit Rodeo bezeichnen wir alle Manöver, die so nicht im Buch stehen, aber unter bestimmten Bedingungen doch klappen können, so wie den Hafenpoller mit einem Lasso einfangen): Das Boot mit Vorsegel ganz hart am Wind, die Großschot ganz weit auf, damit der Baum frei ist, und dann kann es auch klappen, besonders bei ruhiger See und weniger Wind (finde den Fehler). Also Schwimmweste festgezogen, Lifebelt klar, und ab nach vorne. Mit dem Lifebelt hängen wir uns an dem Schiff fest, so dass wir nicht über Bord gehen können, und dann probieren wir, das Großsegel zu setzen. Doof, dass wir es noch nie probiert haben. Doof auch, dass die Wellen weiter auf sich aufmerksam machen. Aber nun ja, ein Versuch ist es wert. Leider hängt das Segel in den Lazy-Jacks fest, und lässt sich nicht ganz hochziehen. Ein reges Gebrülle setzt ein, laut – damit man über den Wind und Meeresgeräusche noch etwas hören kann, und etwas schrill –weil die Nerven blank liegen. Trotz weiterem Hin- und Her-geziehe bekommen wir das Segel nicht gesetzt. Die Großschot – bei der Najad 343 hinter dem Steuermann befestigt, schlägt heftig hin- und her, und legt sich einmal auch um Frans Hals. Christian brüllt, dass wir bald im Verkehrstrennungsgebiet sind, und da haben wir wahrlich nichts verloren. Und dann erfasst noch eine ruppige Welle das Schiff, ich rutsche auf dem nassen Deck aus, und die Schwerkraft zieht mich in die Nordsee. Ich fühle das kalte Wasser der Nordsee von unten in meine Segelhose laufen, die Knie werden nass, ich greife verzweifelt nach irgendwas an Deck, was mir Halt geben kann. Auch wenn ich nichts erwische, die Reling hält mich auf. Mit einer Flinkheit, die mir sonst keiner zutraut, krabbele ich wieder an Deck. Meine Meinung hat sich geändert – es muss auch ohne Großsegel gehen. Also räumen wir es noch schnell auf, und dann nix wie zurück ins sichere Cockpit. Wir wenden, und fahren den nächsten Schlag Richtung Norderney. Ich bin reichlich adrenalingesättigt, mir ist kalt, und eigentlich ist mir immer noch schlecht. Ich entschuldige mich, und verzieh mich unter Deck – raus aus den nassen Hosen.
Die Zeit vergeht, und wir kommen überraschend anständig voran. Irgendwann schätzen wir optimistisch, dass wir eine halbe Stunde vor der Ansteuerungstonne „Dove Tief“ sind, die das Fahrwasser von der Nordsee nach Norderney markiert. Ich – halbwegs ausgetrocknet und wieder besserer Laune – rufe wieder Bremen Rescue, sag mein Sprüchlein auf, und beschreibe, wo wir nun sind: „about one half hour away from … ähm, öhm, … Ansteuerungstonne Dove Tief“. Bremen Rescue fragt, ob wir vielleicht Deutsche seinen? „ähm, yes“. „Nun, dann können wir auch Deutsch reden“. Mein Fehler – ich dachte solche Kommunikation läuft immer auf Englisch, er heißt ja auch Bremen Rescue und nicht ‚Rettung Bremen‘. Aber innerlich muss ich immer an den Werbespot von Berlitz denken: „what are you sinking about?“. Jedenfalls übergibt uns Bremen Rescue an den Seenotrettungskreuzer „Bernhard Gruben“ auf Norderney, zu rufen über Kanal 17. Hier probieren wir’s gleich auf Deutsch, und die Retter empfehlen, noch unter Segeln zum Weststrand zu fahren, dort würden sie uns an die Leine nehmen. Sobald wir dann das Fahrwasser Dove Tief erreichen, haben wir viel angenehmeren Wind von der Seite, an Norderney entlang sogar von hinten. Zwischenzeitlich sehen wir auch einen Seenotrettungskreuzer, der uns um die Insel entgegenfährt, aber der wendet wieder und fährt zurück. Wir sind zwar bedröppelt, aber bleiben dabei – per Funk wieder am Weststrand melden, und da sind wir noch nicht.
Dort angekommen, funken wir die Bernhard Gruben wieder an. Ja, ja, meinen sie, sie hätten uns schon gesehen, aber wir sahen so aus, als hätten wir die Situation im Griff, und hier – hinter der Insel – wäre kaum noch Seegang. Vorsichtshalber weisen sie uns darauf hin, dass sie für Kratzer im Schiff beim Abschleppen nicht haften. In Sichtweite des Hafens holen wir das Segel ein, der (aus unserer Perspektive) imposante Seenotrettungskreuzer kommt längsseits, wirft ein paar Leinen über, und fährt uns in den Hafen. Wir beschreiben den Schaden, und die Diagnose ist schnell und eindeutig – Dieselpest*. Sie würden auf Norderney jemanden kennen, der uns bei der Behebung helfen könne, ob sie ihn anrufen sollen? Wir nehmen dankbar an, machen ein paar Selfies mit schleppendem Schiff und sind fünfzehn Minuten später am Steg im Hafen von Norderney. Man hilft uns fest zu machen, der Reparateur kommt, fummelt ein bisserl an den Dieselleitungen, macht ein paar Filter auf und zu, nimmt den Schlauch in den Mund und saugt oder pustet, baut alles wieder zusammen, entlüftet die Dieselpumpe – „probiert’s jetzt mal“. Der Diesel springt wieder an. Der etwas kauzige Mechaniker will seine Sachen packen und gehen. Halt – und was sagt uns, dass das nicht bald wieder passiert? Tja, meint er, das ist etwas aufwändiger – da müsste man das System leeren, die Pest bekämpfen, dann wieder füllen. Ramsi meint, dass ihm das schon lieber wäre, wenn wir das Problem nachhaltig beheben. Na gut, meint der Mechaniker, er kommt morgen wieder, und dann machen wir das.
Nun gut, dann beenden wir den Tag. Es ist auch dringend Zeit, etwas warmes zu Essen und zu trinken. Wir ziehen in unseren Schwerwetter-Segelzeugs in die nächste Kneipe. NeysPlace ist im Gebäude des Hafenmeisters und sieht auch aus wie das Klubhaus des hochwohlgeborenen Yachtclubs von und zu Norderney. Gedeckte Tische mit Stoff-Tischtüchern, feine Weingläser. Im Goldknopf Blazer hätte ich mich wohler gefühlt. Wir fragen die Bedienung, ob sie einen Tisch für uns hat, vielleicht etwas abseits, damit wir die edlen Gäste nicht verschrecken. Sie lacht, und gibt uns einen Tisch am Rand. Erstmal ein Grog.

*Dieselpest: Dass die Geschmäcker verschieden sind, ist hinlänglich bekannt. Deshalb gibt es auch Bakterien, die Diesel mögen, besonders Biodiesel (Herkömmlichem Diesel ist seit mehreren Jahren ein geringer Prozentsatz Biodiesel beigemischt). Wenn dann noch etwas Wasser dazu kommt, freuen sich die Bakterien und ernähren sich von dem Diesel, und hinterlassen zum Dank einen schwarzen Schleim. Und genau dieser schwarze Schleim (aufgewühlt durch das Geschaukel auf der Nordsee) hat bei der Peer Gynt die Dieselansaugleitung verstopft. Dieser Prozess findet eigentlich in allen Dieseltanks statt, aber beim Auto ist es weniger tragisch, weil hier das Diesel meist zügiger verbraucht wird, und dann durch frisches sauberes ersetzt wird. Bei Segelschiffen ist das anders. Hier sind zwar auch mehrere hundert Liter Diesel an Bord, aber eigentlich will man ja segeln. Dennoch hält man den Tank meist voll, sowohl aus seemännischer Vorsicht, aber auch weil sich in (halb-)leeren Tanks mehr feuchte Luft befindet, und sich dann Kondenswasser bildet, was man auch nicht will. Gegenmittel sind Biozide oder das Tanken von speziellen CARE-Diesel, welches kein Biodiesel enthält, aber auch eher selten zu bekommen ist. Problematisch ist die Dieselpest übrigens auch zB bei Notstromaggregaten. Auch hier wird genügend Diesel gelagert, um das Krankenhaus für mehrere Stunden mit Strom zu versorgen, aber gebraucht wird es eigentlich nie.

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Die Reise zum Traum – Teil 1

Die Reise zum Traum
Irgendwann im Sommer 2016 erreicht mich eine kryptische Mail von Ramsi – er hätte sich einen Dosenquetscher gekauft. Angehängt ist auch ein Foto – eine Metallkonstruktion mit Hebel, die tatsächlich so aussieht, als können sie eine Blechdose zu einer dicken Scheibe zusammenquetschen. Doch interessant ist nicht das Gerät – ganz offensichtlich ist es neben einem Niedergang montiert, der Treppe die in ein Segelboot hineinführt. Fünfzehn Minuten später kommt eine weitere Mail, welches ein Problem an dem Dosenquetscher schildert: Er hänge an einem Schiff – einer Najad 343, welches in Hindeloopen am Ijsselmeer liegt, welches nun mit Dosenquetscher Ramsi gehört, und ob wir ihm helfen könnten, das Segelschiff im nächsten Jahr nach Berlin zu überführen.
Und so kommt es, dass ich mich zu Ostern 2017 in die Niederlande begebe, um bei einer Schiffsüberführung mitzuhelfen. Ich arbeite zu der Zeit hauptsächlich in Hamburg, so setze ich mich Karfreitag in den Zug und fahre nach Enschede, wo ich in einen Mietwagen mit gelben Kennzeichen (aber ohne Wohnwagen) umsteige. Ich hatte von den Niederlanden bislang nur einmal Amsterdam gesehen, jetzt will ich Windmühlen und Tulpenblüte nachholen. Am Sonntag dann die ausgeklügelte Logistik: Auto in Leeuwarden abgeben, mit Zug nach Hindeloopen, Schlüssel vom Auto meiner Freunde im Bootsladen abholen (die sind in der Woche vor Ostern über die Stehende-Mast-Route durch West-Friesland gefahren), mit Auto nach Emden zum Bahnhof, dort Frank und Christian abholen, und dann weiter nach Delfzijl. In Deflzijl (oder Deliziös, wie es die Autokorrektur gerne nennt) treffen wir Karin, Ramsi und Familie, Crewwechsel ist angesagt. Nach dem familienfreundlichen Herumtuckern auf Kanälen kommt jetzt der Männertörn – von der Emsmündung zum Nordostseekanal. Die Familie muss derweil mit dem von mir gebrachten Auto zurück nach Berlin. Ein gemeinsames Abendessen in Delfzijl – wo ziemlich der Hund begraben ist – und ab in die Koje, denn wir müssen uns hier bei der Abfahrt nach den Gezeiten richten.
Der Wecker klingelt um 4:30 – das soll Urlaub sein?!? Es ist noch arschkalt, wir mümmeln uns in das Ölzeug, und legen in der Dunkelheit ab. Die Yachtliegeplätze in Delfzijl liegen am Ende des langgezogenen Industriehafens, so fahren wir erstmal eine halbe Stunde zwischen sehr großen Schiffen auf einer Seite und einem Deich voller Windräder auf der anderen Seite um überhaupt auf die Emsmündung zu kommen. Der Industriehafen bedient hauptsächlich Chemiewerke, und so riecht es auch.
Es ist mein erstes Mal an der Nordsee, und das Revier ist naturgemäß anders als die, wo ich meine Erfahrungen sammelte. So ist auf der Seekarte neben dem Fahrwasser in Richtung Ostfriesland eine riesige Wiese eingezeichnet. Wenn ich neben dem Schiff gucke, ist dort aber nur meilenweit Meer. Ich hab‘ auch selber nicht lange gebraucht, es zu kapieren – die Wiese ist eine große grüne Fläche auf der Seekarte, und bedeutet damit Stellen, die bei Niedrigwasser trockenfallen können. Nennt sich halt Wattenmeer, und jetzt, wo wir das gerade ablaufende Hochwasser nutzen, um uns nach Borkum zu spülen, ist eben alles mit Wasser bedeckt. Aber in den Karten der Adria gibt es fast keine grünen Stellen, deshalb ist meine erste Reaktion eben … falsch. Das wird mir im Laufe des Törns noch öfters passieren, dass ich mir erst bewusstmachen muss, wie hier die Karte zu lesen ist. Um die Mittagszeit erreichen wir Borkum, der erste Tag ist vollbracht.
Im Hafen von Borkum liegt ein paar Stege weiter der Seenotrettungskreuzer „Alfried Krupp“ und seine gelangweilte Besatzung. Jedenfalls ist die Besatzung einem gemütlichen Schnack (man bemerke die regional angepasste Formulierung) nicht abgeneigt, und wir greifen ein paar Tipps ab. So sieht es aus, als könne man bei Hochwasser nordwestlich von Borkum über den Borkumer Riff eine Abkürzung fahren (2-3 Meter Wassertiefe bei Niedrigwasser plus ca 2 Meter wegen der Flut – da passen wir doch mit unserem Tiefgang drüber). Die Mannschaft der DGzR ermuntert uns nicht zu diesem Plan, aber meint auch eher pragmatisch: „Wenn Ihr morgen dort die kabbeligen Wellen seht, wollt Ihr da sowieso nicht mehr durchfahren“. Sie werden recht haben.

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Chris – zurück aus dem Iran

Für Eilige: Endstation Verwirrung ist neu

WR147050Das schlechte Gewissen ist ein kleines Monster, welches in verschiedenen Formen vorkommt. Das schlechte Gewissen meines Blogs offenbart sich in zwei Formen: ein dem Blog-Eintrag über die Tomanfalle (der unter ‚letzte Beiträge‘ immer noch zu sehen war), und in einer Datei auf meinem Desktop: „Reste Blog aus Iran“. Die Datei enthält (enthielt) ca. 2 Seiten fertigen Blog-Text aus dem Iran, vor Ort geschrieben, aber ohne genügend Zusammenhang um einfach einen Artikel darzustellen. Außerdem Stichworte wie ‚Treppe neben Hostel‘, ‚IR drauf, Leute drin‘ oder ‚Märtyrer‘. Bei 90% der Stichworte weiß ich noch, warum ich darüber schreiben wollte, aber nach meiner Rückkehr von der Reise hatte ich andere Themen als die literarische Aufarbeitung meiner Reise.

Das schlechte Gewissen ging aber nicht weg, und deshalb habe ich jetzt beschlossen, die Stichworte mit Leben zu erfüllen, die Fragmente einzubinden und das Ganze zu veröffentlichen. Vielleicht gibt es auch mal ein paar Fotos. Dabei habe ich mich entschlossen, die Beiträge unter dem Datum zu veröffentlichen, an dem sie ’spielen‘, und an dieser Stelle nur darauf zu verweisen.

Ach ja – und ich bin jetzt blogtechnisch aus dem Iran zurück…

Schaut einfach hier

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Mal was neues – etwas ganz altes.

Umlängst sprach ich mit Freunden über meinen Blog. Wolfgang meinte dabei, dass er ab und zu guckt, und wenn das Bild (das Zuglaufschild von Sofia nach Bukarest) unverändert ist, kam wohl nichts neues. Deshalb mal ein anderes Foto. _MG_3886Allerdings führt das Foto in die Irre – der Beitrag hat nichts mit Uluru zu tun; ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass ich ein paar meiner ältesten Geschichten aus den Tiefen meines Rechners gezogen habe, und sie veröffentlicht habe. Interessierte mögen hier lesen.

 

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Dumme Entscheidungen und kaputte Vorurteile

 Der „Lonely Planet“ schreibt  über die Stadt Русе/Ruse: „as if a little chunk of Vienna had broken off and floated down the Danube“. Das weckt Assoziationen, dass die Stadt wie ein Kleinod der KuK Monarchie ist. Es könnte aber auch anders interpretiert werden. Ich stelle mir folgendes Gespräch zwischen dem Burgermeister von Wien und einem Mitarbeiter vor:
Mitarbeiter : Herr Bürgermeister, Herr Bürgermeister, da ist ein Bröckerl vom 24. Bezirk abgebrochen und schwimmt jetzt die Donau runter! Was sollen wir nun tun?

Bürgermeister: Samma doch froh! So leicht kriegen wir die grattlige Ecke mit den ganzen Sandlern nie wieder los! Aber san’s bloß staad, sonst bekommen wir noch ne Anzeige wegen unerlaubten Müllentsorgung.

Nach einem kurzen Rundgang durch die Stadt tendiere ich zu zweiter Version. Wieso bin ich in Rousse (eine etwas edlere Schreibweise, die gerne genommen wird, um noch etwas Charme anzudichten)? In gewisser Weise ist es eine Trotzreaktion auf meinen ersten ablehnenden Eindruck von Bulgarien. Da hatte ich gedacht ich verlasse dieses Land so schnell wie möglich. Nachdem Sofia gar nicht so schlimm war, wollte ich Buße tun, und noch ein weiteres Ziel in Bulgarien ansteuern. Noch zur Debatte hätte Veliko Târnovo gestanden, aber da waren die Verkehrsverbindungen etwas schwieriger, besonders da ich eigentlich Zug fahren wollte. Und so entschied ich mich für eine von Bulgariens elegantesten Städte (noch so eine unqualifizierte Beschreibung) anstatt der mittelalterlichen Festung Tsarevets. Außerdem, Urlaub an der Donau hört sich doch Klasse an.

Von der Busstation nehme ich ein Taxi zu dem vom Reiseführer empfohlenen Hotel. Der Fahrer versucht mir einen Pauschalpreis aufzuschwatzen, aber ich kann Ihn zur Nutzung des Taxameters bewegen. So kostet mich die Fahrt nur acht anstatt zehn Lev. Auf dem auf dem Rückweg kostet mich die gleiche Strecke nur drei Lev, es würde mich interessieren was der Fahrer für Tarifmerkmale in sein Gerät eingegeben hat. Wahrscheinlich 17 Leute mit Übergepäck.

Ich hab nix gebucht – ist ja Nebensaison. So gehe ich zuversichtlich an die Rezeption, und frage der Form halber, ob sie denn möglicherweise ein kleines Zimmerchen für mich hätten. Nein. Immerhin darf ich deren WLAN benutzen um im Internet ein anderes Hotel zu suchen. Ich finde das Grandhotel Riga, mit vier Sternen und exzellente Bewertung. Also klicke ich auf Buchen und mache mich auf den Weg. Das Hotel ist ein 15 stöckiger Klotz. Das Dekor lässt vermuten dass er noch zu kommunistischer Zeit gebaut wurde. Allerdings sieht es in der Lobby gar nicht schlecht aus, und das Personal hinter der Theke ist sehr hilfsbereit und nett. Ich bekomme sogar ein Upgrade in die Junior Suite. In dem Zimmer kann man tanzen, und so wie der Teppich aussieht haben das dort auch schon einige Leute gemacht. Auch das Bad und die Badewanne sind riesig, aber das luxuriöse Platzangebot wird getrübt durch himmelschreiende Verarbeitungsmängel.

Der einzige der drei Zügen die täglich nach Bukarest fahren, fährt um 14:35 Uhr. Im Reiseführer steht man soll früh da sein, wegen Karte kaufen und Passkontrolle. Als ich ankomme, finde ich nur einen Schalter offen. Dort gibt es aber keine internationalen Karten. Der richtige Schalter macht aber bald auf. Eine kundenorientierte Fahrkartenverkäuferin schlürft ans Fenster und hört sich meinen Wunsch an. Sie schaut konzentriert in in Ihren Computer; das Buchungssystem sieht verblüffend wie Facebook aus. Die scrollt ein wenig auf dem Bildschirm hin und her aber findet dort auch keine Karte für mich. Deshalb wechselt sie in ein anderes System und beginnt zu tippen. Den Fahrpreis rundet sie großzügig auf, aber da auch sie kein Englisch versteht, diskutiere ich nicht weiter. Zehn Euro nach Bukarest sind auch o. k.

Rumänien sieht auf den ersten Blick auch nicht anders aus. Auch hier möchte ich nicht tot über den Zaun hängen. Nach einiger Zeit kommt am Zugfenster eine skurrile Landschaft vorbei. Gleichmäßig über das ganze Land verteilt sind Ölförderanlagen, vom Typ nickende Heuschrecke. Um die Pumpen mit Strom zu versorgen, stehen Masten von Überlandleitungen wie ein karger Wald dazwischen. Nach 3 Stunden Fahrt bin ich in Bukarest.

Mein Hotel, preiswert und in Bahnhofsnähe, erweist sich als wesentlich besser als ich erwartet hätte. Ich mache mich mit der Metro auf den Weg in die Stadt.

Von Sigi habe ich ein Restaurant Tipp bekommen. Das Caru’cu bere ist schnell gefunden, erweist sich aber nicht als Geheimtipp. Fairerweise muss man sagen, dass das Sigi auch nie behauptet hat. Während ich 20 Minuten auf mein Tisch warte, treffe ich zwei amerikanische Soldaten, Fallschirmspringer aus den Südstaaten, die beide Joe heißen. Beide sind in Stuttgart stationiert. Während ich White Joe mit seinem Akzent kaum verstehe, ist Black Joe extrem vielseitig interessiert. (Ob die Unterscheidung politisch korrekt ist , möchte ich nicht beurteilen, aber so haben sie sich selbst vorgestellt). Ich rede mit Black Joe über den interessantesten Artikel den ich seit einiger Zeit gelesen habe, eine Empfehlung von Frank. Es geht dabei um künstliche Intelligenz, und ich kann ihn nur empfehlen: So gehen sie dahin, meine Vorteile.

So ist das Bier süffig, die Unterhaltung interessant und das Essen reichlich. Ich fahre mit der Metro zurück, müsste beim Umsteigen aber 20 Minuten warten, und das für nur eine Station. Das geht auch zu Fuß. An der Oberfläche orientiere ich mich, und frage eine Frau nach dem Weg. Sie hätte mich offensichtlich nicht für einen verrückten, und da sie den gleichen Weg hat, nimmt sie mich mit. Sie kann passabel englisch und wir unterhalten uns etwas. Was ich denn in Bukarest mache, fragt sie. Als ich „Urlaub“ antworte, guckt sie etwas komisch, im Oktober? Jetzt hält sie mich doch für verrückt, aber wohl immer noch nicht für gefährlich.

Am nächsten Tag wandere ich ein wenig durch die Stadt. Ich sehe die ehemalige kommunistische Parteizentrale, von deren Balkon Ceaucescu am 22. Dezember 1989 seine letzte Rede hielt. Auf YouTube finde ich Videos, wo er offensichtlich erzürnt ist, dass seine ihn liebenden Untertanen ihn ausbuhen. Drei Tage später wurde er in einem kurzen Prozess diverser Verbrechen für schuldig gesprochen und gleich danach mit seiner Frau auf dem Hof erschossen. Ich habe im Internet kein Indiz dafür gefunden, dass ihm jemand eine Träne nachweint. Zuletzt sehe ich noch den Palast des Parlaments, nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt.

Doch jetzt zu meinen Eindrücken: ich hatte Bilder im Kopf , dass Rumänien ein bitterarmes Land ist. Ich erwartete obdachlose Straßenkinder, die in den Kanälen der Fernwärme leben und Klebstoff schnüffeln um ihren Hunger zu vergessen. Ich war auf unzählige, magere, streunende Hunde gefasst. Ich hatte meine Wertsachen strategisch am Körper verteilt, um Taschendieben keine leichte Beute zu sein. Auch mit einer Vielzahl von bettelnden (Sinti und) Roma hatte ich gerechnet. Auch Kommentare von Freunden und anderen Reisenden (watch out for the Gypsy pickpockets / Bukarest ist hässlich / dead dogs verywhere), schienen dies zu bestätigen.

Nichts davon kann ich aus eigener Erfahrung wiederholen (auch wenn ich nicht in den Kanälen der Fernwärme war). Bukarest ist sauber und modern, nicht überall hübsch, aber in den Gegenden wo ich war auch nicht furchtbar. Ich habe nur einen einzigen Hund gesehen, der nicht an einer Leine war, und der hatte eine Marke am Ohr. Die meisten Menschen waren gepflegt und attraktiv, zumindestens die Frauen, denn auf die Männer achte ich nicht so. Nach einiger Zeit habe ich auch aufgehört mein iPhone ständig zu verstecken, denn ein möglicher Taschendieb hätte auch bei allen anderen Passanten eine gute Chance gehabt. Ich habe mich jedenfalls in Bukarest erheblich wohler gefühlt als in Bulgarien. Auf Wikipedia habe ich mich dann auch noch etwas informiert. Ich hatte irgendwie gedacht das Rumänien, das ja auch mal im Warschauer Pakt war, dem restlichen Ostblock kulturell sehr ähnlich wäre. Weit getäuscht: slawische Völker gibt es nördlich und südlich von Rumänien, aber im Land kaum. Auch die Ähnlichkeit zwischen dem Begriff ‚Sinti und Roma‘ und dem Eigenbegriff ‚Romania‘ ist rein zufällig.

So gehen sie dahin, meine Vorteile. Reisen bildet, again what learned.

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Mein Geburtstag mit Sofia

Auf die Doppeldeutigkeit des Titels fällt dieses Mal wohl niemand rein? Egal, es ist mein Geburtstag und ich verbringe ihn in Sofia und damit natürlich mit Sofia. Angemessen spät stehe ich auf, gehe frühstücken und lese ein paar Glückwunsch-Posts. 
Sofia ist eine interessante Mischung aus alt und neu, monumentale Protzbauten aus der kommunistischen Ära gemischt mit neuen Protzbauten. Viele Steinfassaden, Säulen, regelmäßige bis langweilige Fensteranordnungen. Im Zentrum eine Mischung aus historischen Kirchen und Moscheen und Regierungsgebäuden. Ich schaue in eine der Kirchen, die Sveta Nedelya rein. Gold, Ikonen, aber die Touristen sind komisch – sie sitzen, haben Blumen dabei. Mir fällt auf, dass im Eingangsbereich ein Pfaffe mit einigen Leuten redet – ob hier was interessantes passiert? Ich komme zu dem Ergebnis, dass es sich hier um eine Hochzeit handelt. Mann und Frau tragen jeweils eine Kerze; die beiden Kerzen sind durch ein weißes Band verbunden. Irgendwann bekommen beide eine goldene Krone aufgesetzt und der Pfarrer redet intensiv auf sie ein. (Faire Annahme, oder?) Was aber überhaupt nicht in mein Bild einer Hochzeit passt, ist die Art wie die beiden angezogen sind. Er trägt eine einfache schwarze Hose und ein Hemd darüber, keine Krawatte, kein Sakko, nichts. Ihr Brautkleid wäre auch hinter der Theke in einem Reisebüro angemessen. Auch die Gäste sind nicht festlich angezogen; ich sehe ein Holzfällerhemd und Jeans. Dennoch, die Patriarchen murmeln: „ich schlag dich beim Domino“ und der Chor antwortet mit kirchliche Musik, es wirkt schon … würdig. Irgendwann wird das Brautpaar von dem Patriarchen mehrmals um den Altar geführt; wahrscheinlich sind sie jetzt verheiratet. Nach der Hochzeit beobachte ich noch andere Besucher. Offensichtlich besteht die private Andacht aus der Verehrung einiger Ikonen. Davor stehen, bisserl verneigen, bisserl Murmeln und danach wird die Ikone geküsst. Bäh. Da waren schon andere. Viele. Und ich hab niemanden mit einem Sagtotantüchlein feudeln sehen. Wieder ’ne Religion, die nix für mich ist. 

Ich schlendere noch ein wenig durch die Stadt und suche dann den Restaurant-Tipp des Lonely Planet auf. Das Манастирска Магерница/Manastirska Magernitsa ist wirklich ein Besuch wert. Mit Käse, Walnüssen, Honig und Knoblauch gefüllte Paprika als Vorspeise und ein Lammbraten als Hauptgericht, dazu bulgarischer Rotwein; Happy Birthday, Chris.

Eine seltsame Freude bereitet mir das Entziffern von allen möglichen Schildern, die Spielerei mit dem bulgarischem/kyrillischem. Beschäftigungstherapie beim Erkunden einer Stadt. So komme ich an einem Schild vorbei auf dem das Wort steht ‚Тротоар‘. Hirn setzt Zeichen um, ‚Trotoar‘. Hirn spricht es sich laut vor (innerlich). Hört sich an, als würde ein Franzose ‚Trottoir‘ sagen. Hm, nannte nicht die Berliner Oma den Fußweg ‚Trottoir‘? Das passt. Also: auf diesem Schild steht etwas über einen Fußweg. Das passt auch, denn das Schild blockiert einen Fußweg im Bau. Rätsel gelöst, nächstes Schild. 

Ich streife weiter durch die Stadt: altkommunistische Monumente, ein Kulturpalast, ein Denkmal für die rote Armee; alles wird fotografiert. Leider regnet es mittlerweile, ich muss mir etwas trockenes suchen, wie wäre es mit einer Kirche? Die Aleksandr Nevski Kathedrale bietet den Gläubigen Andacht und mir ein trockenes Plätzchen. Danach weiter in die Hagia Sofia (ja, auch hier gibt es eine, aber doch erheblich kleiner), wo ich wieder einen besonderen Gottesdienst sehe. Ich frage einen Teilnehmer, worum es ging (zwei Männer und eine Frau vor dem Patriarchen, also wohl keine Hochzeit). Der stottert: „in 40 days, someone dies“. Die Chronik eines angekündigten Todes?!? Vielleicht doch eine verspätete Trauerfeier. Ich frage: „Memorial Service?“ und alle nicken erfreut. Ich bin beruhigt, doch keine Planwirtschaft.

Auf dem Rückweg zum Hotel sehe ich noch zwei Gardesoldaten. Offensichtlich haben Sie den offiziellen Wachwechsel bereits hinter sich, jetzt tragen Sie das Gewehr sehr entspannt. Unter einem Baum zünden sich beide eine Fluppe an und schauen auf ihre Smartphones. Ich bitte um ein Foto, und sie stimmen zu, leider nehmen Sie dazu Haltung an.

Kurz vor dem Hotel fällt mir noch ein Laden auf. Er macht sein Geschäftsmodell sehr deutlich. Auf Leuchtreklame steht ‚Alkohol‘ und ‚Zigaretten‘. Ein alternatives Konzept für heute Abend? Oder doch lieber essen gehen? Ich gehe in mein Hotel und lege mich kurz ab.

kurz vor acht mache ich mich auf die Socken. Vorher will ich zum Bahnhof um mich über Züge nach Ruse und Veliko Târnovo zu informieren. Der Bahnhof wird gerade neu renoviert. Damit alles möglichst sauber aussieht, hat man allen unnötigen Tand entfernt, als aller erstes offensichtlich den Fahrplan. Wie Buchbinder Wanninger klappere ich verschiedene Schalter ab. Schließlich erhalte ich an einem Informationsschalter die Auskunft, dass der erste Zug morgen um 7:55 Uhr fährt. Das ist mir zwar etwas früh, aber ich beschließe dennoch eine Karte zu kaufen, denn mit dem anderen Zug käme ich erst gegen 22:00 an. Wieder das Schalterspiel. Ob sie Englisch spräche, frage ich die Dame hinter der Glaswand. Sie meint Nyet, bemerkenswerterweise ohne ein verlegenes Lächeln. Ich mache ihr dennoch mein Anliegen klar. aber irgend ein Problem bleibt; sie winkt ab. Ich krame meine letzten Reste Russisch aus, denn ich habe einen Verdacht. Im Reiseführer wird häufig über unterschiedliche Prozeduren für den Folgetag hingewiesen. „Tolko zawtra?“ frage ich, was zu 80% auf Russisch ’nur morgen‘ bedeutet, und dem ich so auf Bulgarisch eine kummulierte 50% Richtigkeit zurechne. Erfreut nickt die Dame hinter dem Schalter. Ich kann also erst morgen die Karte kaufen. Selbst wenn es nicht stimmt, hat die Dame das Problem damit vom Hof, denn morgen früh hat eine Kollegin Schicht.

Vielleicht prüfe ich doch die Alternative Bus? Die Station ist gleich nebenan, und über jedem Verkaufsschalter hängt ein klarer Fahrplan. 9:00, 10:00, 10:30, 11:30, also ausschlafen können! Auch wenn die Verkäuferin kein Englisch spricht habe ich nach 30 Sekunden eine Karte. Dabei wäre ich echt gerne Zug gefahren. 

Es regnet immer noch und ich habe auch keinen besonders großen Hunger, deshalb beschließe ich den Billa aufzusuchen. Eine Dose Pringles und etwas Wein sind doch auch ein tolles Abendessen. Außerdem komme ich so zum schreiben. Auf dem Rückweg zum Hotel überrascht mich Sofia noch einmal. Normalerweise ignoriere ich die Fußgängerampeln wie alle hier; gucke einfach ob Autos kommen. Aber hier stehen mir zwei Spuren Rechtsabbieger gegenüber, also warte ich brav auf das grüne Männchen. Als es dann endlich kommt, gehe ich über die Straße. Offensichtlich haben die beiden Spuren Rechtsabbieger aber ebenfalls grün bekommen, jedenfalls fahren alle los, als ich mitten auf der Straße bin. So wird man der Überbevölkerung auch Herr.

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Frühere Türkei-Besucher

(von meiner Timeline VOR dem letzten Beitrag zu lesen)

Als Thomas Lambert das erste Mal die Türkei besuchte, musste er wahrscheinlich nicht lauter geschäftstüchtigen Taxifahrer abwehren, Teppichverkäufer besänftigten, oder Restaurantbesitzer mit „maybe tomorrow“ vertrösten. Tatsächlich begrüßten ihn die Türken eher mit Artilleriebeschuss und Gewehrsalven. Thomas Charles Lambert vom Stamm der Tuhoi, Lance Corporal mit der Dienstnummer 16/16 des ‚Native Contingent‘ des Australia New Zealand Army Corps ging am zweiten Tag der Gallipoli-Kampagne, am 26. April 1915, in der ANZAC Cove an Land. Gute hundert Jahre später besuche ich mit seinem Enkel Kingston und dessen Frau Marion diverse Kriegsschauplätze auf der Gallipoli Halbinsel. Genaue Hintergründe könnt Ihr auf Wikipedia nachlesen, aber es ging darum, die Dardanellen Meeresenge zu kontrollieren, um den Russischen Tsaren mit Kriegsmaterial zu versorgen, oder ihm dieses eben zu verwehren. Der Ausgang ist bekannt: Die Türken, damals noch als Otomanisches Reich, gewannen die Schlacht(en), verloren aber den Krieg zusammen mit dem Deutschen Reich.Aber langsam – Ausgangspunkt der verschiedenen Touren ist die Stadt Çanakkale (Hat nichts mit Kanacken zu tun, spricht sich eher wie Schnakseln aus). Ich komme mit dem Bus an, vertraue auf Nebensaison, und bekomme ein Zimmer im Kervansaray Hotel. Ich erkunde die Stadt – was mache ich hier, und wie komme ich wieder weg? Ich entscheide mich für zwei Tage mit Touren und ein Busticket nach Edirne. Die Blitztourismus-Tour ist Troja und das ANZAC Schlachtfeld an einem Tag, Interessiertere buchen für den zweiten Tag weitere Schlachten hinzu. Ich mache den Vertiefungstag als erstes, weil sich da gerade eine Gruppe gebildet hat (eben Kingston und Marion).

Die Gallipoli Kampagne ist für drei Länder sinnstiftend. Die Türken, weil sie gewonnen haben (was keiner erwartet hatte), und für Australien und Neuseeland, weil sie dort als ANZAC Corps erstmals als von England unterscheidbare Einheit aufgetreten sind, und sich in Einzelunternehmungen nicht blamiert haben. Die Engländer hatten den Oberbefehl (und würden die Kampagne am liebsten vergessen) und die Franzosen haben auch mitgespielt.  

Es beginnt mit einem Besuch des Forts/Museums in Çanakkale, wo auch der Minenleger Nusret liegt. Die Meeresenge ist hier 1300m breit, alle paar Minuten fährt ein großer Frachter vorbei. Am 18. März 2015 griffen englische und französische Schiffe die Küstenbefestigungen an; leider wurden dabei einige Minen nicht von den Minensuchbooten gefunden, sondern von den größeren Schiffen. Zwischen den Auffinden einer Mine und dem Untergang verging zB für die französische Bouvet nur drei Minuten. Insgesamt verloren die Alliierten an dem Tag sechs größere Schiffe, und man überlegte sich einen anderen Plan. Die Türken erklären dieses mit einer Multimedia-Show, der Schiffsbewegungen auf ein Modell der Halbinsel projiziert. Am Ende wird die gesamte Wasserstraße mit einer wehenden türkischen Fahne beleuchtet. Es ist keine Überraschung, dass der 18.3. von den Türken ausgiebig gefeiert wird.  

Dann geht’s per Fähre auf die andere Seite, auf die europäische Halbinsel Gallipoli, wo der Krieg an Land an drei Schauplätzen stattfand, die ich hier stichpunktartig schildern will:

Schauplätze:

  • Cape Helles: Südspitze der Halbinsel, Friedhöfe und Hauptdenkmäler für Türken, Franzosen und Engländer, Schlüsselbegriffe: SS River Clyde, Sudd-el-Bar Festung
  • ANZAC Bucht (heißt mittlerweile offiziell so, auch auf Türkisch): Westseite der Insel, Landungsort der Australier und Neuseeländer, Friedhöfe und Hauptdenkmäler für Türken, Australier und Neuseeländer: Schlüsselbegriffe: Lone Pine Hill, the Nek, Chanuk Bair
  • Suvla Bay: Nördlich von ANZAC, Landung am 6. August durch weitere Engländer, um die verfahrene Situation der anderen Schauplätze mit einem Überraschungsangriff in Bewegung zu bringen. Das wollen die Engländer noch viel mehr vergessen, denn der General Stopford verordnete seinen Truppen nach erfolgreicher Landung ohne erhebliche Gegenwehr erst einmal eine Teepause, damit die Türken mit Verstärkungen ihre Verteidigung organisieren konnten. 

Weitere Fakten:

  • Fast alle Landgewinne erzielten die Alliierten in den ersten Tagen, danach gab’s einen zähen Stellungskrieg.
  • Die Alliierten zogen sich im Dez 1915-Jan 1916 zurück; viele Soldaten konnten nicht begraben werden, und blieben auf den Schlachtfeldern zurück (bis zum Ende des Krieges, als die Engländern als Sieger kamen, und die Knochen beerdigten)
  • Einer der Befehlshaber auf türkischer Seite war Mustafa Kemal, später Atatürk, der hier um Held wurde und 8 Jahre später die moderne Türkische Republik gründete.
  • Insgesamt starben über 100.000 Soldaten auf beiden Seiten durch direkte Kampfhandlungen, unzählige (wie Kingstons Großvater) wurden verletzt oder krank.

Eindrücke:

  • Kingston war selber in den Neuseeländischen Streitkräften. Das ergibt interessante Gesprächsthemen, und auch besondere Momente, zB als er sich den Respekt der türkischen Matrosen durch die korrekte Ehrerbietung zur türkischen Flagge auf der Nusret verdient.
  • Viele der Friedhöfe sind direkt auf den Schlachtfeldern. Man bekommt einen Eindruck der Enge, wenn der Führer erklärt, dass die türkischen Stellungen dort hinter der Friedhofsmauer waren, die Englischen hier an den Grabsteinen.
  • Es fehlen hier die endlosen Gräberreihen. Meist gibt es ein paar Gedenksteine, bei vielen steht „believed to be buried in this cemetary“, aber für die meisten war’s ein Massengrab und ein Namen auf der Marmortafel. Am konsequentesten bei den Franzosen umgesetzt: Vier gemauerte Gräber, jedes beschriftet mit den Worten ‚hier liegen die Überreste von 3000 unbekannten französischen Soldaten‘
  • Oft zitiert wird ein Teil einer versöhnlichen Rede von Atatürk aus dem Jahre 1934:  „Those heroes that shed their blood and lost their lives … You are now lying in the soil of a friendly country. Therefore rest in peace. There is no difference between the Johnnies and the Mehmets to us where they lie side by side here in this country of ours … You, the mothers who sent their sons from faraway countries, wipe away your tears; your sons are now lying in our bosom and are in peace. After having lost their lives on this land they have become our sons as well.“

Insgesamt eine beeindruckende Tour, eine Pilgertour für Kiwis und Ozzies. Das merkt man auch an den Namen der Hotels und Kneipen. Alleine in Çanakkale sind mir auf 100 Metern 3 Hotels aufgefallen, die ANZAC im Namen tragen.
Übrigens wurde auch diese Tourismus-Entscheidung meinerseits durch ein paar Lieder beeinflusst. „And the Band played Walzing Mathilda“, mir hauptsächlich von den Pogues bekannt, bezieht sich auf das Schicksals eines Australiers in Suvla Bay (und ist damit historisch ungenau, denn da waren die ANZACs nicht), und das irisch-traditionelle „The Foggy Dew“ (zB von Sinead O’Connor und den Chieftains) singt: “ ‚twas better to die ’neath an Irish Sky, than at Suvla or Sudd-el-Bar“ (Die Iren, damals noch unter englischer Flagge, fühlten sich dort verheizt, das Dublin Regiment und das Munster Regiment wurden nach riesigen Verlusten zu den ‚Dubsters‘ zusammengelegt). 

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Willkommen in Europa

Wir ignorieren jetzt mal ganz geschmeidig dass ich auf den Ausflügen der letzten beiden Tagen auch jeweils in Europa war, denn so klingt der Titel besser. 
Um 6:30 verlasse ich mein Hotel, und mache mich auf dem Weg zum Bus, „at the ferry“. Es stellt sich heraus, dass der Bus bereits auf der Fähre steht. Ungehindert laufe ich auf die Fähre, der Schaffner verstaut mein Gepäck. Der Bus ist voller schlafender Türken. Irgendwer erklärt mir, dass der Bus aus Antalya kommt. Mein Ziel ist Edirne, die Grenzstadt sowohl nach Bulgarien als auch Griechenland. Naiv, wie ich nun mal bin, nehme ich an, dass vom Busbahnhof aus auch ein Bus nach Sofia geht. Nein. Ein Minibus ins Zentrum (der Busbahnhof liegt ähnlich günstig gelegen wie der Münchner Flughafen), dann ein weiterer Bus nach Krglvmfst oder so ähnlich. Im Zentrum bugsieren mich freundliche Passanten auf meine Anfrage nach Bulgaristan hin in einen weiteren Minibus. Ich mache meinem Nachbarn mein Anliegen klar, und er bedeutet mir nach 20 Minuten Fahrt: hier raus!

Ah so. Offensichtlich überquert man die Grenze zu Fuß, das spart der Busgesellschaft die Fahrzeugkontrolle. Logisch. Ich laufe los. Die Grenze ist nicht für Fußgänger gebaut. Hm. Soll ich mich jetzt hinter dem letzten Auto in der Schlange anstellen, oder einfach dran vorbei? Als der Passkontrolletti meinen deutschen Pass sieht, muss er lachen, und zeigt mir seinen Mr. Wichtig Fahndungscomputer. Da läuft gerade das Video „Der Untergang“ und Hitler putzt sein Generäle runter. Ich wusste gar nicht, dass Adolf Türkisch konnte. Auf bulgarischer Seite ist eine der Schranken kaputt, ein kaputter Bürostuhl blockiert statt dessen die Durchfahrt. Nach insgesamt sieben mal Pass vorzeigen bin ich in Bulgarien. Hier ist: Nichts. Kein Busterminal, kein Bus, keine Haltestelle. Nur eine Autobahn, die ungehindert zum Horizont führt. Und ein alter Passat, aus dem ein Bulgare „Taxi“ ruft. Nein,nein, Autobus, rufe ich zurück. Er zuckt mit den Schultern – ich werde schon wieder kommen. Ich erwäge kurz zu trampen, aber einige mich dann doch auf knapp 20€ für die Fahrt nach Svilengrad – von da aus soll’s einen Bus in die nächste größere Stadt Haskovo geben, von dort aus stündlich einen Bus nach Sofia. 

Schon an der Grenze beschlichen mich Zweifel, ob die Landroute auf eigene Faust so ’ne tolle Idee war. In Свиленград denke ich mir: Nein, bisserl doof. Gegen dieses Nest war Smolensk eine moderne, mondäne Stadt voller beautiful people. Leicht paranoid fühle ich mich von ca. 50% der Bevölkerung auf mein Ausraub-Potential hin gemustert. Nach ca 30 Minuten kommt ein klappriger Bus an, der für die 40km nach Haskovo geschlagene 90 Minuten braucht. Und das soll EU sein, frage ich mich. Es ist. In regelmäßigen Abständen steht ein topmodernes Schild neben der holprigen Landstraße, dass die EU hier 12 Mio Euro in ein Straßenbauprojekt investiert. Wahrscheinlich werden neue Blumenkübel angeschafft. 
In Haskovo angekommen, halte ich Ausschau nach einem Bus. Der nächste der stündlichen Busse fährt in guten drei Stunden. Immerhin sieht’s hier schon besser aus, ähnlich wie Smolensk immerhin. (Dass mir so eine Formulierung mal aus den Tasten kommt, hätte ich nie gedacht). Schmutzige Jogginghosen sind hier durch saubere Trainingsanzüge und billige Jeans verdrängt worden. Ich finde einen Bankomaten und ein Café. Meine Zeit in Russland hat hier übrigens einen Nutzen: ich kann das kyrillische noch einwandfrei lesen, und ein paar der Vokabel verstehe ich beim Lesen auch. Langsam lässt das Gefühl nach, dass ich so schnell wie möglich aus diesem Land flüchten will. Bin gespannt auf Sofia. 
Der Bus ist ganz normal, es riecht besser als im Letzten. Wir fahren längere Zeit über eine einfache Landstraße, aber mit Einbruch der Dunkelheit kommen wir auf eine Autobahn, und es geht zügig nach Sofia. Noch in Haskovo habe ich mir ein Hotel organisiert, ein Ramada welches ich zwischen Busbahnhof und Stadtzentrum vermute, für nur 48€ die Nacht. Sofia bei Nacht erscheint tatsächlich ganz modern, und das Hotel sehe ich in dem Moment, als ich aus dem Busbahnhof trete. Der Check-In ganz professionell (ich merke, die letzte Geschäftsreise ist länger her), das Zimmer der Standard-Kategorie bedeutet offensichtlich ‚Werden wir demnächst mal renovieren müssen‘, aber Längen besser als ich es gewohnt bin. Da es mittlerweile nach zehn ist, beschließe ich, das Hotelrestaurant zu bemühen. Der Rat meines Vaters, nicht in Hotels zu essen, bewahrheitet sich: Ich hab noch nie so gänzlich geschmacklose Pasta Carbonara gesehen. Als ich mich beschwere, dass der Speck fehlt, entschuldigt sich der Kellner, nimmt meinen Teller, und bringt ihn nach ein paar Minuten wieder – mit vier Scheiben Frühstücksspeck obendrauf. 

Nachtrag: Der Carbonara-Verhunzer macht auch morgens das Rührei. 

Übrigens: ich möchte mich bei den Menschen entschuldigen, die ich hier irgendwie bloßgestellt habe. Ich bin mir sicher, dass ungepflegte Haare und dreckige Klamotten keine Fashion Choice sind, sondern mich daran erinnnern sollten, wie gut es mir (uns) eigentlich geht.

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Das kanadische Bademoden-Model

Die weißen Travertin-Terassen von Pamukkale sind ein toller Hintergrund für Fotos, sowohl für Selfies als auch Someoneelsies. Ein Chinese sucht sich den perfekten Platz aus, am Beckenrand, mit der Ortschaft rechts im Hintergrund, den höheren Terrassen links im Hintergrund, und die weiteren Wasserbecken hinter ihm, scheinbar in die Unendlichkeit abschweifend. Und er, Fu Zhang, hier in der Mitte, toll! 
Neben Fu Zhangs erwähltem Platz sitzt eine attraktive Europäerin im Bikini, die für die perfekte Bildkomposition offensichtlich nicht das richtige Auge hat. Sie wundert sich ein wenig als sich der Chinese neben sie setzt (quetscht würde auch passen), und bietet Zhang an, ihm das Feld zu überlassen, aber Zhang – immer der Gentleman – beruhigt sie, sie dürfe bleiben. Dennoch sucht sie kurz darauf das Weite, das Becken ist groß und das Wasser überall gleich.

Entsetzt angesichts seines Faux Pas springt Fu auf; versucht die Vertriebene zu besänftigen, und ich fange an, mich innerlich zu kringeln. Es geht hier um ein Gruppenbild mit Dame, aber die Dame will nicht. Mein innerliches Kringeln hat offensichtlich meine Gesichtsmuskeln erreicht, und die junge Frau lächelt belustigt zurück. Irgendwie fangen wir an zu reden, sie hinterfragt, weshalb sie als Fotomotiv dienen soll, und ich mutmaße: „Because you’re exotic“. Um meine These der europäischen Herkunft zu überprüfen, tauschen wir Nationalitäten aus (ich irrte mich: Kanada), und dann fragt der Chinese geradeaus, ob er sich mit ihr fotografieren lassen kann. Ich lasse die beiden diskutieren, denn ich bin eh schon zu spät für das leckere Mittagessen mit meiner Gruppe.

„Meine Gruppe“, das ist der zusammengewürfelte Haufen, dem ich mich am Vortrag angeschlossen habe, indem ich für 100 Teelöffel sowohl Pamukkale-Tour als auch anschließende Busfahrt nach Selçuk gebucht habe („Aus Deutschland? Ich habe Bruder in Köln, ich mach Dir guten Preis“). Die Tour enthält Transfer zum oberen Tor von Hierapolis, Eintritt, English speaking Guide und das Mittagessen. Rechnet man die Komponenten zusammen, kein schlechter Deal; analysiert man später, was man gebraucht hätte, eher übertrieben.

Hierapolis ist die Ruinenstadt, die um die heilenden Quellen von Pamukkale herum gebaut wurde. Weitaus besser erhalten als Kaunos, fotografiere ich artig Sarcophagi, umgestürzte Säulen, das Theater und die Überreste der Badehäuser. Aber die wirkliche Attraktion sind natürlich die runden, kaskadierenden Becken aus weißem Travertin, in denen türkisblaues, warmes, heilendes Wasser zum Baden einlädt. So kennt man Bilder aus Pamukkale, und in den Becken sitzen attraktive Leute mit lustigen Frisuren und Bademoden. Das hat Gründe: Der anhaltende Massentourismus hat die Becken arg mitgenommen, seit einiger Zeit ist das wilde Baden sinnvollerweise verboten, und der Wasserfluss wird kanalisiert, um möglichst viel der Becken wieder ’natürlich‘ entstehen zu lassen. Die Fotos stammen also aus vergangenen Jahrzehnten, heute gibt es in der Anlage ‚Cleopatra’s Pool‘ (angeblich die Ruinen eines weiteren Gebäudes) in dem man Baden kann, begafft von den anderen Touristen, die sich die zusätzlichen zehn Euro sparen und lieber neben dem Pool überteuerte Cola trinken. Ich spare mir die Erlebniswelt mit echt antiken Säulen aus hochmodernem Beton auch, gaffe aber natürlich nicht, sondern beobachte lediglich interessiert bemerkenswerte Exemplare der Gattung Homo Sapiens. Von dem Terassenerlebnis ist lediglich ein abgegrenzter Bereich übrig, wo man barfuss durch einige Becken den Weg zum unteren Ausgang beschreiten kann. Und dort treffe ich eben Kim, die Kanadierin die für Chinesen als Bademoden-Model fungiert.

Dass sie Kim heißt erfahre ich erst später, denn sie sitzt im gleichen Bus für die dreistündige Fahrt gen Westen („Hello, Canada!“ – „Oh, hi Germany“). Wir quatschen die ganze Fahrt durch, verstehen uns super, und ich ändere kurzfristig mein Ziel auf Kuşabasi – mal sehen ob Kims Ho(s)tel auch für mich Platz hat – und habe ein Date zum Dinner.

Die Änderung meines Zielortes ist übrigens nicht besonders dramatisch. Das touristische Ziel, die Ruinen von Ephesos, liegen zwischen Selçuk und Kuşabası; ersteres wäre ruhiger, letzteres ist Ziel von Kreuzfahrtschiffen und deshalb touristisch besser erschlossen.

Leider hat Kim Ephesos schon gesehen, aber da wir uns auch beim etwas zu edel geratenem Fisch-Abendessen noch gut verstehen, planen wir beide um: Sie fährt erst am übernächsten Tag, dafür direkt von Kuşabasi zum Flughafen von Izmir, und ich fahre einen Tag später um Ephesos zu besichtigen. So verbringen wir einen faulen Tag im Milli Nationalpark bei Güzelcamli, komplett mit Fahrt im lokalen Dolmuş, Baden am Strand, Picknick, Kraxelwanderung durch den Busch und einem Besuch der gänzlich unspektakulären Grotte des Zeus. Schade, dass Kim heim muss, aber dafür habe ich jetzt einen Kontakt auf Vancouver Island.

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Radl-(Tor)tour

Ich kann nicht mehr. Zehn Minuten Radltour, und ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht so langsam Rad fahren wie unser Tour-Guide. In regelmäßigen Abständen trete ich einen Halbkreis in die Pedale, und lasse dann das Rad wieder ein wenig rollen. Trotzdem laufe ich häufig Gefahr, Manuel hinten drauf zu fahren. Offensichtlich hat sein Rad einige innere Widerstände, als es einen sanften Hügel hinabgeht ändert sich an der Situation nichts, ich muss häufig bremsen. Auf Deutsch stelle ich mit Frank fest, dass es vielleicht keine so kluge Idee war, eine Radtour bei einem Fremdenführer zu buchen, der uns eigentlich einen Ausritt verkaufen wollte. Offensichtlich sind Drahtesel und Pferde doch nicht allzu nah verwandt. Wenn ich nicht ständig aufpassen müsste, mit Manuel einen Unfall zu vermeiden, würde ich die Gegend hier noch mehr genießen, aber auch so ist klar: das Valle de Viñales wird seinem Ruf als schönste Landschaft Cubas gerecht.

Hier sind wir gestern angekommen, nach einer vierstündigen Busfahrt mit Viazul. Spannend war die Überlandfahrt – die meiste Zeit auf einer anständig ausgebauten vierspurigen Autobahn. Wobei man sich jetzt nicht an dem Bild ‚vierspurige Autobahn in Deutschland‘ orientieren sollte. Hier überholt der Bus öfters Pferdefuhrwerke und Fahrräder; im Schatten unter Brücken sammeln sich Kubaner, die ebenfalls auf den Bus warten. Natürlich keinen so luxuriösen wie den unseren, der gemeine Kubaner fährt auf einem umgebauten LKW, dessen Pritsche von einem Art Viehtransporter-Aufbau gekrönt ist. Kostet wahrscheinlich dafür weniger als unser Bus, und muss nicht in Pesos Convertibles gezahlt werden. Dafür hält der Bus wohl auch an jeder Brücke. Immer wieder sehen wir Trupps, die mit einer Machete das Gras am Seitenstreifen in Zaum halten, und Spuren auf Mittelstreifen zeugen von improvisierten Linksabbiegelösungen.

In Vinales hat uns unsere Herbergmutter am Bus abgeholt, wir kommen im sehr kommoden Gästezimmer (mit eigenem Bad) des Familienbungalows unter. Auf der Veranda sitzen wir im Schatten und bekommen erst einmal eine Cerveza Cristal, während die Herbergsmutter unseren Ausflug organisiert. Auch ein leckeres Abendessen lässt sie uns genießen, ein Service den die meisten Casa Particulares anbieten. Das Essen ist zwar einwandfrei, aber ein wenig fehlt natürlich die soziale Komponente eines öffentlichen Lokals. Das versuchen wir bei einem Mojito in der Stadt nachzuholen, aber natürlich müssen wir uns für unsere anstrengende Radtour schonen.

 

Mittlerweile haben wir die Hauptstraße verlassen und fahren auf einem staubigen Feldweg zwischen Tabakfeldern. Ein gemächlich reitender Bauer mit sonnengegerbten Gesicht überholt uns, hält auf ein Schwätzchen mit Manuel an; wir sehen uns derweil um. Fruchtbar sieht die rotbraune Erde aus, und nach den saftig-grünen Pflanzen zu urteilen ist sie es auch. Manuel erklärt uns, dass die großen, unteren Blätter der Tabakpflanze eher für die Deckblätter geeignet sind, während die oberen Blätter mehr Nikotin enthalten und in die Füllung kommen.

Wir fahren weiter, und kommen zu einer einfachen Hütte auf einem Hügel. Hier treffen wir den Bauern von eben wieder. Überraschung – er baut nicht nur Tabak an, sondern macht auch in kleinen Chargen Zigarren. Er demonstriert, indem er auf der Armlehne seines Stuhls eine Zigarre rollt. Am Ende holt er aus seiner Brusttasche ein makelloses Deckblatt und vollendet das Werk, welches er mir anbietet. Frank bekommt auch eine, die hatte er wohl vorbereitet. So freuen wir uns über das authentische Erlebnis auf dem Land, auch wenn ich bislang um 10:00 morgens keine Zigarren zu rauchen pflegte. Ein Touristenpaar zu Pferd gesellt sich zu uns, lehnt aber vehement eine Zigarre ab.

Danach geht es zu Fuß weiter zu einem kleinen Tümpel in einer Höhle, dort könnten wir auch baden. Wir sind nicht die ersten, es entsteht ein veritabler Stau vor der Höhle. Drinnen ist es dunkel, und diverse Taschenlampen und Handys werfen irrlichternde Lichtkegel umher – nicht ganz optimal für die Touristinnen, die wohl etwas früher da waren, schon gebadet haben, und sich nun – umringt von lauter Menschen mit Taschenlampen – unter einem etwas knappen Badetuch versuchen umzuziehen. Dezent wegschauen wäre auch eine Option, macht aber weniger Spaß.

Danach kehren wir zu dem Bauern zurück, in einem Nebenzimmer hat er mittlerweile seine Zuckerrohrpresse klar gemacht und zeigt uns nun, wie viel Saft in so einer Staude steckt. Die erste Stufe der Rumherstellung. Auch hier hat der Bauern schon etwas vorbereitet, und so bekommt jeder einen Becher Rum aus nicht gekennzeichneter Flasche, gemischt mit etwas frischem Zuckerrohrsaft und etwas Ananassaft. Es wirkt nicht mehr ganz so spontan wie das Zigarrenrollen, und so überrascht es nicht mehr, dass wir neben der Pina Colada auch ein paar der an der staatlichen Aufsicht vorbeigedrehten Zigarren käuflich erwerben können. Grinsend mutmaße ich mit Frank, dass der Bauer nach getanem Tageswerk mit seinem Pferd zu einer ärmlichen Scheune an der Straße reitet, und es dort gegen einen importierten SUV tauscht.

Im weiteren Verlauf des Tages kommen wir noch an einer Aussichtshütte vorbei (die haben zufällig frische Minze, Rum und Eis), und dürften noch das Mural de la Prehistoria mitsamt Visitor Center besuchen, wo ein mexikanischer Künstler die Seite eine Karstfelsens mit Mammut- und Neanderthal-Motiven verziert hat. Wir verzichten dankend, und lassen Manuel heimradeln. Wir sind wieder im Bereich asphaltierter Straßen und trauen uns den Rückweg auch so zu. Frank radelt noch einen Umweg, mir reicht’s und ich nehme die Direttissima zu unserer Casa Particular und dem dort vorhandenen Bierkühlschrank.

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