Noch 30cm nach Santorini

[Das ist der zweite Teil einer eher zusammenhängenden Woche. Lies hier den ersten Teil.]

Das Restaurant Syrtaki besticht durch seine Lage direkt am Hafen von Firá auf der Insel Thera, allgemein als Santorini bekannt. Am Donnerstagabend sitzen dort einige Passagiere der P&O Cruises und warten auf ihre Rückfahrt auf die Azura, die in der Kaldera des erloschenen Vulkans vor Anker liegt. Gelangweilt sehen sie dort immer wieder die Wassertaxis anlegen und Touristen, wie sie es auch sind, ein- und aussteigen. Doch heute ist etwas anders. Plötzlich taucht eine bildschöne Ketch auf, fährt schneidig auf die Hafenmauer zu, dreht kurz davor ab und stoppt auf. Ein drahtiger, braungebrannter kleiner Mann springt an Land und es wird ihm eine rosa Reisetasche gereicht. Er winkt noch einmal schnell, doch die Ketch mit dem Schriftzug „SEESTERN – Übersee“ am Heckspiegel hat schon abgedreht und fährt auf die untergehende Sonne zu. Neidisch folgen die Blicke der Touristen dem Mann und dem Boot. Gegen Ihr Massen-Touristen-Haltungs Kreuzfahrtschiff genießt der Mann offensichtlich einen echten Individualservice. Soweit die Outside-In Perspektive, aber die Erlebnisse und Gefühle der Touristen im Restaurant Syrtaki sollen auch nicht weiter mein Thema sein.

Santorini, das ist aus meiner Sicht das klassische Griechenland: Weiß getünchte Häuser mit blauen Dächern, ein Traumziel. Klar, dass wir da mal hinfahren müssen wenn unser Schiff schon in der Gegend liegt. Besonders für Frank, der in seiner Jugend schon einmal schnöde an Land gecampt hat, ist die Fahrt durch die Kaldera wohl eine Herzensangelegenheit. Denn tatsächlich ist die Insel für einen Besuch mit dem Segelboot eher unpraktisch. Es gibt keine vernünftige Marina, ein sicherer Hafen im Süden ist zu flach für unsere 2,10m Tiefgang. Ankerplätze sind selten und bei kräftigerem Wind ungemütlich; da hätten wohl Frank und ich nicht die Ruhe gehabt entspannt im Ort zu sitzen, während die Elemente versuchen, uns die Seestern abspenstig zu machen. Und der Wind ist kräftig – warum sind wir trotzdem hier? Die einfache Antwort: Um Udo zum Flughafen zu bringen. Die ganze Geschichte sieht so aus, und beginnt in diesem Post auf der Fahrt nach Milos:

Die Standard Zeiteinheit für einen Segelurlaub ist „die Woche“. In meinen 18 Jahren Charter-Segel-Erfahrung hatte ich nur zweimal eine Doppelwoche. „Die Woche“ beginnt am Samstagmittag mit Überprüfung und Proviantierung des Charter-Schiffes. Abgelegt wird selten am Samstagnachmittag, meist am Sonntagmorgen. „Die Woche“ endet am Freitagabend mit Volltanken, meist darf man bis Samstagmorgen auf dem Schiff übernachten. „Die Woche“ wird meist weit im Voraus gebucht, Frühbucherrabatt. Deshalb nehmen sich alle Mitfahrer auch die ganze Woche Zeit. Ach ja, und „die Woche“ kostet ca. € 2.000 an Chartergebühr. Seitdem wir die Seestern haben, hat sich das geändert. Wir zahlen keine Chartergebühr mehr, sondern – ach lassen wir das. Aber alles ist viel flexibler, deshalb sind wir erst am Sonntagabend angereist, und Udo muss am Samstagmittag wieder zuhause sein, damit er mit seiner Frau keinen Ärger bekommt. Also planten wir grob unsere Reise so, dass Udo von Santorini aus am Freitagabend zurückfliegt, und wir am Sonntag von Kreta aus. Frank und ich haben den Rückflug aber noch nicht gebucht. Auf Milos wollen wir das nun endlich tun.

Mit der aufkommenden Morgendämmerung steuere ich auf die Insel zu. Mit Beginn meiner Wache haben wir das Vorsegel gesetzt, doch damit gewinnen wir nicht genug Höhe in Richtung auf die Nordseite der Insel. Der Wind frischt auf, und wir setzen das Großsegel im zweiten Reff. Dazu muss das Vorsegel kurz weggerollt werden, es wehrt sich aber, und am Ende flattert ein Teil des UV-Schutzes am Achterliek. Da wird sich der Segelmacher in Kalamata freuen. Insgesamt ist an dem Morgen segeltechnisch irgendwie der Wurm drin, wir segeln also an die Westküste, rollen dann die Segel weg und stampfen dann noch zwei Stunden unter Motor gegen Wind und Welle bis wir mittags in Milos Bay im Hafen von Adamantas anlegen. Heute ist Mittwoch, und wir wollten am Donnerstag in einer Bucht auf Ios übernachten, dann am Freitag entspannt nach Santorini und weiter nach Kreta. Doch Sorgen macht uns die Windprognose. In der Ägäis weht im Sommer der Meltemi, und der kann auch mal heftiger werden. Für den Freitag ist auf der Windfinder-App die Gegend um Santorini dunkelrot eingefärbt: 35-40 Knoten. Auch Donnerstag sieht es nicht mehr entspannt aus. Einige der Segler im Hafen buchen gleich bis Montag – und wir diskutieren Alternativen. Die sicherste Alternative wäre es wohl, nach Kalamata zurück zu huschen. Der Peleponnes hält den Meltemi ab, spätestens ab Kap Maleas wäre es wohl ruhig. Udo müsste dazu von Milos eine Fähre nach Santorini nehmen, und wir hätten gekniffen. Wir überlegen eine Alternative, am Donnerstagmorgen früh nach Santorini segeln, und dann gleich weiter nach Kreta, geplante Ankunft Freitagmorgen in Agios Nikolaos. Damit wären wir erst einmal vor dem heftigsten Wetter unterwegs. Gebongt. Wir trinken an der Hafenpromenade ein Ouzo, Frank bucht für uns ab Heraklion einen Flug.

Aufbruch Donnerstagmorgen kurz nach Sonnenaufgang. Mit extrem viel Respekt verlassen wir den Hafen. Schon am Abend und in der Nacht hat es ordentlich gepfiffen – im wahrsten Sinne des Wortes, alle Drahtseile am Steg haben gesungen. Es konnte sich also eine schöne Welle ungehindert aufbauen, und wenn wir jetzt aus der Bucht von Milos fahren, bekommen wir die erst auf die Nase und dann von der Seite. Den ersten Teil der Strecke, bis zu der Passage zwischen Milos und Kimolos, fahren wir unter Motor – das ist zwar schummeln, aber heute wollen wir keinen Blumentopf für Stil gewinnen, sondern unser Schiff sicher in den Hafen bringen. Nördlich von Milos sind die Wellen da. Dadurch dass der Auspuff (am Heck in der Nähe der Wasserlinie) manchmal frei von der Kuppe einer Welle tönen kann, im nächsten Moment aber wieder unter Wasser ist, ändert sich das Motorgeräusch ständig, aber die Seestern pflügt. Nach der Meeresenge setzen wir das Vorsegel – dürfte bei dem Wind locker reichen, und bei dem Geschaukel ist unsere Begeisterung, zum Großsegel setzen an den Mast zu gehen etwas eingeschränkt. Frank und ich, die ja auch die folgende Nacht durchfahren müssen, versuchen abwechselnd etwas zu schlafen, und Udo übernimmt häufig das Steuer. Ich tue mich schwer, Wellenhöhen abzuschätzen, aber ca. 1,5m-2m werden sie schon immer wieder haben. Der Wind weht mit ca. 25 Knoten (Windstärke 6, „starker Wind“), die stärkste Böe war bei über 35 Knoten, das ist dann schon stürmischer Wind. Eigentlich gar nicht mehr meine Komfortzone, aber die Seestern fährt klaglos; außer man möchte das Scheppern der Gläser und Teller im Küchenschrank als Klage verstehen. Teilweise sieht man die Welle von der Seite kommen, dann kann man noch versuchen mit ihr zu lenken, aber meist schaut man ja nach vorne um den Kurs zu halten – das ist anspruchsvoll genug, während die See am Ruder zerrt. Dann hebt einen die Welle an, das Schiff sackt in das Tal hinter der Krone, und beim darauf folgenden Anstieg legt sich die Seestern richtig auf die Seite. Auch im Cockpit tragen wir alle die Rettungsweste, und sind mit einer Lifeline gesichert, das vermittelt sicher ein Gefühl der Sicherheit, aber nach einiger Zeit gewöhnt man sich an die Bewegung des Schiffes; es macht Spaß. Whoo-hoo, Rodeo!

Langsam kommt Santorini in Sicht. Von weitem sehen die Inseln schneebedeckt aus, kommt man näher wirken die über der kargen Steilküste gelegenen Orte wie große Stücke Würfelzucker auf einem Kuchen. Am Nachmittag fahren wir in die Kaldera von Santorini ein. Wir wollen Udo in Firá absetzen, von der Hafenmauer dort geht eine Seilbahn in den Hauptort. Im Revierführer heißt es zwar „Yachts are not welcome here“, aber wir wollen ja nicht bleiben. Besonders im Kontrast zum offenen Meer hat es hier kaum Wellen, und auch der Wind scheint nachgelassen zu haben. In einem Gewusel von Wassertaxis und Ausflugsbooten fahren wir an den Kai, um es spannender zu machen frischt der Wind hier wieder auf. Auch die plätschernden 30cm Wellen nerven, da kann das Schiff ganz schön an der Hafenmauer rubbeln. Ca. dreißig Zentimeter vor Santorini drehe ich die Seestern ab und stoppe auf. Binnen Sekunden ist Udo an Land, Frank setzt einen Fuß an Land um uns etwas abzustoßen, und wir tuckern weiter. Das war also mein Erlebnis mit der Trauminsel: Sightseeing from the boat. Wir suchen uns noch an der Südseite eine windgeschützte Bucht, kleben unsere Backbord Positionsleuchte mit Panzerband wieder zusammen, und kochen uns einen Topf Nudeln – Stärkung für die Nacht.

  Wir haben uns mittlerweile für die Marina in Rethymno (um)entschieden, Kompasskurs 220°. Unser Vorsatz, dass einer steuert und der andere an Deck döst, lässt sich nicht umsetzen. Zu unruhig ist der Schlafplatz auf der Cockpitbank, und mindestens alle 20 Minuten kommt eine Welle über die Bordwand und duscht den Steuermann und den Rest des Cockpits. Auf dem Sofa im Bauch des Schiffes schläft es sich ruhiger und trockener. Zum Wecken erhält der Schläfer einen Bindfaden ums Handgelenk, das andere Ende hängt an der Steuersäule. So kann ich Frank wachzupfen, als ich später um 2:00 morgens erst einmal genug habe. Als Alternative gäbe es noch das Nebelhorn – eine Druckluftdose mit Hupe drauf, aus Fußballstadien bekannt. Das Gegenteil davon, sanft geweckt zu werden.

Auf diesem Teil der südlichen Ägäis ist nicht viel los. So beobachte ich erst auf dem AIS, dann mit Fernglas, dann mit bloßem Auge die E.R. Yokohama, die von Süden aus dem Suezkanal nach Piräus fährt. Das Containerschiff könnte wohl schneller fahren, aber offensichtlich möchte es erst nach Tagesanbruch ankommen. Kann ich verstehen – auch wir möchten nicht in einem unbekannten Hafen nachts anlegen. Am Ende fährt die E.R. Yokohama ca. 3Seemeilen vor unserem Bug vorbei. Ich überlege mir, wie es auf der Brücke des 300m langen Schiffs zugeht. Wie ‚wichtig‘ muss der Wachhabende sein? Hält er wirklich konzentriert Ausguck, oder hat er mal kurz realisiert, dass da ein langsames Segelschiff unterwegs ist, welches ihm nie gefährlich werden könnte? Lacht er sich einen Ast über den Amateur am Steuer, dessen Kurs durch Wellen und Unachtsamkeit zwischen 270° und 180° pendelt – ich gebe zu, dass nicht nur meine Gedanken schweifen, sondern auch die Richtung der Seestern. Auch ein paar Passagierschiffe sind unterwegs, auch diese scheinen langsamer zu fahren als notwendig, wahrscheinlich wollen sie ihren Gästen nicht zumuten, vor dem Aufwachen das Schiff verlassen zu müssen.

Um 6:00 zupft es auch an meinem Handgelenk – der Bindfaden war eine praktische Idee. Offensichtlich haben wir beide beschlossen, den ‚Envelope‘ bei der Wachlänge etwas zu ‚pushen‘; auf dem Atlantik möchte man ja auch nicht alle zwei Stunden einen Wachwechsel machen. Frank weist mich kurz ein: An Steuerbord eine Fähre, die wohl auch erst mit Tagesanbruch in Souda sein möchte. Direkt voraus die Lichter der Stadt, also von Rethymno. Von der vorhergesagten Abschwächung des Windes ist nichts zu spüren; die Wellen haben auch nicht abgenommen. Ab und zu wird die Seestern von einer besonders großen Welle erfasst. Ich schätze drei Meter in den extremsten Fällen, aber mei: wer will’s beweisen, wer will’s widerlegen – und je höher die Welle, umso größer der Held? Interessanterweise wird es in der aufkommenden Morgendämmerung schwieriger die Stadt zu erkennen. Die orangen Straßenleuchten heben sich nicht mehr so deutlich ab, alles wird etwas fahl. Dennoch, irgendwas erkennt man das „Venetian Fort, conspicuous“ aus dem Revierführer, man beginnt zu ahnen wo der Wellenbrecher des Hafen ist, und auch der Kartenplotter zählt langsam die Zeit runter. 15 Minuten vor Ankunft zupfe ich Frank wach, wir holen das Vorsegel ein, welches wir fast die ganze Nacht in voller Größe gefahren haben, und surfen auf einer Welle der Hafeneinfahrt entgegen. Selten erschien mir der Name Wellenbrecher so ausdruckstark, als wir in die Einfahrt einbiegen ist das Wasser plötzlich glatt. Wir wollen das ruhige Vorbecken des Hafens nutzen, um uns zu sammeln, und die Anlegevorbereitungen zu treffen. Ein Mitarbeiter des Hafens bedeutet uns, erst einmal an der großen, unbesetzten Hafenmauer anzulegen. Als wir festgemacht haben, fällt mir schon ein Stein vom Herzen, und wir gönnen uns um 9:30 das Bier auf welches wir zum Abendessen zuvor verzichtet haben. Hallo, Kreta.

Der Marinero – als er erfährt dass das Schiff hier für vier Wochen liegen soll – möchte uns baldmöglichst einen Platz in der Marina selber zuweisen. Wir parken also noch einmal um, und beschließen die Segelwoche. Ein paar Formalitäten, noch ein Bier für mich, und etwas Schlaf nachholen. Viel mehr werden wir auch im Laufe des Nachmittags nicht machen. Kaffee und Cocktails in der Stadt, das organisieren der Fahrt zum Flughafen am nächsten Morgen, die Seestern für einen Monat sichern, dann einen Spaziergang in der Altstadt und Abendessen. Uns fällt auf, dass die Stadt recht wackelig gebaut ist – alles schwankt.

Fazit: Das war keine Woche, um jemanden für’s Segeln zu begeistern, der nicht schon vorher ein Fan war. Drei Etappen, 337 Seemeilen von Montagmittag bis Freitagmorgen (Das ist mehr als doppelt so viel wie das übliche Pensum in einer „die Woche“), drei durchsegelte Nächte, und mehr Wind als ich sonst freiwillig gesucht hätte. Das alles nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig. Aber eine Super-Erfahrung. Nach den meisten Schilderungen haben wir auf der Überquerung des Atlantiks in westliche Richtung nicht mehr zu erwarten an Wind und Welle. Natürlich sind zwei Wochen durchgehender Schichtbetrieb eine andere Nummer, aber mit anderen Reisen (Griechenland – Sizilien) werden wir unsere Grenzen noch weiter testen. Sabbatical, here we come!

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